Kriegschronik V Teil (1918/1919)

Die Friedensverhandlungen mit Russland kamen bald in Fluß und zu einem vorläufigen Abschluß, als man jenen Herrschaften zeigte, daß man nicht gewillt sei, sich von ihnen am Narrenseil herumziehen zu lassen. Ein kräftiger Vorstoß unserer Truppen wirkte Wunder. Gleichzeitig mit Beginn des Frühlings kam aber auch in die im Stellungskrieg erstarrte Westfront Leben. Aus der Hindenburglinie wurde der Angriff über das Gelände der alten Sommeschlachten bis weit in die feindlichen Stellungen vorgetragen, viel Kriegsgerät und viele Lebensmittel erbeutet. Ein Aufatmen ging durch das Land, glaubte doch jedermann das Ende des Krieges näher gerückt. Diese Hoffnung schien um so berechtigter, als Paris aus einer Entfernung von 120 km beschossen und tüchtig von Fliegern bombardiert wurde. Als dann gar noch bei Noyon, der Geburtsstadt Calvins, und an der Marne schöne Erfolge erzielt waren, belebte sich die Hoffnung auf das Kriegsende immer mehr. Aber es waren noch nicht genug der Prüfungen für unser Volk. An der Marne sowohl als auch an der Somme erfolgten Rückschläge, welche die Heeresleitung offen zugestand und in Voraussicht der schweren Kämpfe, welche die Gegner unternahmen, um eine Entscheidung zu erzwingen, wurde die Wüste an der Somme diesen überlassen und unser Heer in die alte Stellung zurückgenommen. Welche Absicht dabei verfolgt wurde, wird die nächste Zukunft lehren.
In der Heimat hatte das keine guten Folgen. Es stellte sich Kleinmut, Verzagtheit ein, die noch durch Flugschriften der Feinde vermehrt wurde. Da galt es alle Seelenkraft zusammenzunehmen, um nicht der Zermürbung zu verfallen. Die unaufhörlichen schweren Verluste an Menschenleben und die fortwährenden Erfolge der Unterseeboote wollte man gar nicht mehr in Anschlag bringen. Ein Glück war es dabei, daß die Ernährungsschwierigkeiten, namentlich beim Übergang von einem Ernteziel zum anderen, keine so großen waren als 1917 und das die Ernte gut ausfiel. Dabei machte sich auch, wenn auch nur in geringem Maße, schon die Zufuhr aus der Ukraine und Rumänien, mit welchen Ländern wir ebenfalls im Laufe des Jahres zum Frieden gekommen waren, geltend. In unserer Gegend fiel die Ernte, abgesehen von den Frühkartoffeln, gut aus, nur das Obst versagte diesmal fast gänzlich. Nur wenige Äpfel und etwas mehr Zwetschgen gab es. Über beides machte sich alsbald der immer mehr ausgewachsene Schleichhandel her und zahlte wahnsinnige Preise, 60 – 80 Mark für den Zentner, wie denn überhaupt die Preise für alle Lebensbedürfnisse ständig stiegen. Die Kriegsgewinnler wollten sich keinen Abbruch tun und der Wuchergeist zog seine Kreise stolz weiter. Für Zwetschgen wurden 40 Mark gezahlt. Wie weiter vorn erwähnt, blieben die beiden Oberndorfer Glocken im Jahr 1917 von der Beschlagnahme und Enteignung ihres hohen Alters wegen befreit, aber nur für wenig mehr als ein Jahr. Am 12. August 1918 wurde die größere im Gewicht von ca. 400 kg für enteignet erklärt und am 9. September herabgenommen. Ihre Beschreibung findet sich in der Pfarrbeschreibung. Fast 300 Jahre hat sie der Gemeinde in Freud und Leid gedient. Werden den Gemeinden wenigstens ihre letzten Glocken verbleiben und bald den Frieden einläuten dürfen?
Bei dem Gottesdienst am 16. September nahm die Gemeinde von ihr Abschied, in der Predigt wurde ihr gedacht, namentlich dessen, was sie alles an Freud und Leid mit den Ortsbewohnern durchgemacht. Eine Anordnung zur Ablieferung der Glocke erfolgte nicht. Sie blieb somit vorläufig in der Kirche stehen. Als dann die Waffenstillstandsverhandlungen bekannt wurden und die Besetzung der Pfalz durch die Franzosen erfolgte, geschah sofort alles mögliche, um die Glocke der Gemeinde zu erhalten und wieder an ihren Platz zu bringen. Verhandlungen mit Zimmermann Gabelmann von Rockenhausen, der die Abnahme besorgt hatte, zerschlugen sich aus nichtigen Vorwänden desselben. Offenbar hatte derselbe kein gutes Gewissen. Es fehlten nämlich die Eisenteile sowie der Glöppelriemen. Die Bemühungen des protestantischen Pfarrers, die Glocke wieder aufhängen zu lassen, durchkreuzte plötzlich und ganz unbefugt der Ortsadjunkt, in dem er einigen Männern den Auftrag gab, die Glocke aufzuhängen. Das geschah dann auch und zwar auf Kosten der politischen Gemeinde. Die Kirchengemeinde erhielt ihre Auslagen für den Ausbau vom Bezirksamt zurück. So ist dann diese alte, treue Dienerin der Gemeinde im letzten Augenblick vor dem Untergang bewahrt worden. Vom 9. September bis 4. Januar 1919 schwieg ihre Stimme und wurde von den Gemeindegliedern, auch solchen, die sonst wenig auf sie achteten, schmerzlich vermißt.
Mehr als in den früheren Jahren bekam das Alsenztal 1918 vom Krieg zu spüren. Gleich am Anfang desselben wurde bei Kirn die Eisenbahn durch Hochwasser unterspült. Ein Zug mit heimkehrenden Urlaubern entgleiste. Wie fast gleichzeitig bei Landstuhl, wo ein Zug entgleiste, kamen viele Soldaten um. Der Verkehr über die Rhein-Nahebahn war imfolge des Kirner Unglücks eine Zeit lang gesperrt und wurde über die Alsenzbahn geleitet. Tag und Nacht brausten die Züge vorbei, oft 20 – 30 in 24 Stunden. Zum Verwundern war, daß bei solch außergewöhnlicher Belastung der Bahn kein Unglück geschah.
Der Kanonendonner von der Westfront war in den Wintermonaten wieder sehr gut hörbar. Dazu kam das Dröhnen der Fliegerbomben, die über Kaiserslautern und Saarbrücken abgeworfen wurden.
Von dem, was seit August 1918 sich an der deutschen Front abspielte, hatte man zuhause keine Ahnung. Manches ließ ja allerdings vermuten, das etwas Besonderes vor sich ging, aber welcher Art das sei, wußte man nicht. Das die Generalsynode der protestantischen Kirche der Pfalz plötzlich verschoben wurde, ließ nichts Gutes ahnen. Auch die Stimmung, welche beurlaubte Soldaten verbreiteten, war keine günstige. Der September brachte Klarheit darüber, wie es um uns stand. Das Friedensangebot an Amerika ließ gar die Hoffnung auf einen baldigen Waffenstillstand und Frieden lebendig werden, rief aber auch bald die ernstesten Befürchtungen hervor. Inzwischen ließ der Kanonendonner aber nicht nach und die Fliegerangriffe auf offene Städte wie Mannheim, Ludwigshafen, Frankfurt wurden fortgesetzt.
21. Oktober: Das Gerede über einen Waffenstillstand und die Befürchtungen wegen der Zukunft Deutschlands wurden immer lauter. Am 10. November erst wurden wir gewahr, wie es um uns stand. Die veröffentlichten Waffenstillstandsbedingungen, die Nachricht von der Flucht des Kaisers nach Holland und des bayerischen Königs wirkten niederschmetternd. Die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten ließ vermuten, wohin wir trieben, die Revolution war da! Dumpf klang dieses Wort ans Ohr, lähmte alle Tatkraft. Zu unvermutet, zu überwältigend stürmten die Ereignisse auf unser Volk ein. Willenlos ließ es alles über sich ergehen. Das linke Rheinufer war preisgegeben. In kürzester Frist mußte unser Heer, das bis zum letzten Augenblick sich noch gewehrt hatte, sich über den Rhein zurückziehen.
Jetzt bekam unser Alsenztal mehr vom Kriege zu spüren, als all die Jahre vorher. In ungeheueren Massen wälzte sich unser Heer rückwärts, auf allen Straßen zogen endlose Reihen in immer noch guter Haltung vorüber. Den älteren Leuten sah man den Ingrimm an, mit dem sie sich zurückzogen. Mit Fähnchen und Blumen geschmückt und Vaterlands- und Volkslieder singend, strömten sie den heimatlichen Gauen zu, nicht als Besiegte, sondern mit dem Bewußtsein, ihre Pflicht bis zum Äußersten erfüllt zu haben. Dienstag, den 26. November, vormittags 9 Uhr kamen die ersten deutschen Truppen in Oberndorf an, um hier Quartier zu nehmen. Es waren Telegrafen-, Munitions- und Fuhrkolonnen, dazu die 20. Minenwerferkompanie aus Brandenburg. Im Pfarrhaus waren untergebracht: 2 Offiziere, einer aus Berlin, einer aus Westfalen, dazu in der Scheune 8 Pferde und Mannschaften. Am darauffolgenden Tag traf das 19. bayerische Reserve – Pionierbatallion mit einer Telegrafenabteilung ein. Im Pfarrhaus waren untergebracht ein Oberleutnant der bei Coblenz zu Hause war, ein Arzt und ein Offiziersstellvertreter. Letzterer war mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet und deswegen befördert worden. In der Scheune waren wieder 8 Pferde mit den dazugehörigen Mannschaften. Diese, meistens aus Niederbayern stammend, hatten dem neuen Weine etwas allzureichlich zugesprochen, so daß es in der Wirtschaft zu einer Rauferei kam, wodurch ein Mann sein Leben einbüßte.
Kaum hatten diese unseren Ort verlassen, da wurde die Ankunft von 500 Artilleristen mit Pferden angemeldet. Es war die 600. preussische Artilleriekompanie, die aus Ostpreussen stammte, fast lauter ältere Leute. Da diese Rasttag hatten, blieben sie von Donnerstag, dem 27. November bis Samstag dem 30. November hier. Auch unter ihnen gab es eine Schlägerei. Das Pfarrhaus beherbergte 4 Offiziere: 1 Hauptmann mit seinem Adjutanten, 1 Leutnant und 1 Zahlmeister, in der Scheune 8 Pferde mit den Mannschaften. Die Bürgerquartiere reichten bei weitem nicht aus, so daß die Schulsäle benutzt werden mußten.
Bei diesem Rückzug drängte sich einem unwillkürlich die Frage auf, ob man heuer auch noch werde die „Wacht am Rhein“ singen dürfen? Die vor 4 Jahren Ausgezogenen waren mit dem Gelöbnis „wir alle wollen Hüter sein, solange ein Tropfen Blut noch glüht und noch die Faust den Degen zieht“, sie ließen uns ausnahmslos zurück und strömten heimwärts. Wir waren den Franzosen ausgeliefert, die 8 Tage später ankamen und des Rheines Strand zustrebten, um ihn zu besetzen.
In der Zwischenzeit wurde die Glocke wieder an ihren Platz gebracht. Kaum war dies geschehen, als wiederum, am Sonntag, dem 9. Dezember, der Ruf erscholl: „Die Franzosen kommen“! Diesmal in ganz anderer Weise als 4 Jahre zuvor. Um halb 4 Uhr rückten 800 Mann mit 150 Pferden hier ein, während in Alsenz 1200 Mann mit einem General und einem Divisionsstab untergebracht waren. Die 800 Mann waren auf Oberndorf, Mannweiler und Cölln verteilt. Das Pfarrhaus hatte an Einquartierung: 4 Offiziere (1 Leutnant und 3 Unterleutnants); sie hießen Cage‘, Miges, Signeur, Duquet, Mezier. Dazu in der Scheune 3 Pferde mit 2 Wärtern. Da auch die Küche zur Verfügung gestellt werden mußte, kam noch ein Koch, Henri Lefevre, 287. Infanterieregiment, 14. Kompagnie, aus Paris und ein Diener, Pierre Guain, aus Cherbourg, hinzu. Der Verkehr mit den Leuten, die sich durchaus nicht feindselig benahmen, wurde dadurch erleichtert, daß ein Offizier, der mit im Pfarrhaus aß, fließend deutsch sprach. Er hatte drei Jahre in Leipzig zugebracht. Im Übrigen verständigte man sich so gut es ging. Von da an wälzten sich dann unaufhörlich französische Truppenmassen durchs Alsenztal dem Rhein zu, ebenso große Fuhrkolonnen, an einem Tag 150 – 200 Autos und schwere Schiffsgeschütze. Beim Durchmarsch durch die Ortschaften spielten jedesmal die Militärkapellen. Am 9. Dezember wurde die Uhr nach Pariser Zeit gerichtet, d.h. eine Stunde später.
In der Kirche zu Menzweiler lagen 40 Mann. Die Schulsäle mußten hier und in Mannweiler mitbenutzt werden, da die Zahl der Unterzubringenden zu groß war. Da man nun wußte, ob und wann neue Einquartierungen folgen würden, blieben die Schulen geschlossen. Doch bekam Oberndorf erst am 29. Dezember nochmals 200 Mann und 180 Pferde. Im Pfarrhaus war 1 Offizier und 1 Diener. Auch über die Weihnachtsfeiertage hörten die Durchmärsche nicht auf. Alsenz hatte von Anfang beständig eine Besatzung. Für diese mußte am Neujahrstage aus den umliegenden Ortschaften Betten geliefert werden,aus Oberndorf allein 80. Die Besetzung des Landes brachte den Bewohnern viele Unannehmlichkeiten. Alle Personen über 12 Jahre mußten mit einem Ausweis versehen sein und ihn beständig bei sich führen.

passierschein

französischer Ausweis des Pfarrers Philipp Stock

Wer ohne denselben angetroffen wurde, hatte 80 bis 100 Mark zu zahlen. Da dieses Geld unter die Soldaten verteilt wurde, gaben diese sich alle Mühe, möglichst viel zur Anzeige zu bringen. Anfänglich wurden die Ausweise nur für 8 Tage ausgestellt, was unendliche Laufereinen mit sich brachte. Der Verkehr wurde zuerst auf die Zeit von morgens 8 bis abends 8 Uhr beschränkt. Im Übertretungsfalle 80 Mark Strafe. Erst nach Unterzeichnung des Friedens durften sich die Einwohner wieder von morgens 4 bis 12 Uhr außerhalb ihrer Häuser sehen lassen. Die Zudringlichkeit der nach Lebensmitteln suchenden französischen Soldaten war oft sehr groß und rücksichtslos. Hühner, Enten und dergleichen waren auf den Straßen nicht mehr sicher, das Obst wurde ohne weiteres geholt. Klagen halfen nichts. Jeden Sonntag mußten die entlassenen deutschen Soldaten sich bei den Adjunkten oder den Bürgermeisterämtern in eine Liste eintragen, die scharf geprüft wurde. Wer den Eintrag versäumte wurde mit 100 Mark gestraft. Der Verkehr mit dem übrigen Deutschland war anfänglich ganz gesperrt und später sehr eingeschränkt. Nur mittelst Postkarte konnten Angehörige einander Nachricht zukommen lassen. Die Ausreise aus dem besetzten Gebiet und die Einreise in dasselbe war gänzlich verboten und später sehr erschwert. Nur die entlassenen Soldaten durften in ihre Heimat auf dem linken Rheinufer zurückkehren. Im Laufe des Jahres 1919 wurden allmählich die französischen Truppen aus den Nachbarorten entfernt und außer der Rheinlinie nur noch die wichtigsten Städte der Pfalz besetzt gehalten. Bis dahin hatten die Einwohner durch das Auftreten mancher französischer Soldaten noch viel zu leiden. Letztere wußten oft nicht, wie sie ihrem Übermut Ausdruck verschaffen sollten, namentlich wenn sie betrunken waren. So kam es in Mannweiler zu einer Schlägerei zwischen solchen und einheimischen Burschen. Die Franzosen ließen sich in der Wirtschaft von Müller am Bahnhof zu Gewalttätigkeiten hinreißen, suchten in Häuser mit Mädchen einzudringen u.s.w. Ihnen traten junge Leute entgegen und suchten sie aus dem Dorf zu entfernen. Eine Anzahl von ihnen wurde sofort festgenommen, bald aber wieder freigelassen. Dann aufs Neue verhaftet und vor dem französische Kriegsgericht in Kirchheimbolanden  abgeurteilt. Da den Franzosen das Benehmen ihrer Soldaten wohlbekannt war, hatten doch zwei von ihnen bald darauf in Alsenz selber wieder sich ungebührlich benommen, so stand die Sache der Angeklagten gar nicht ungünstig. Durch das anmaßende, unverantwortliche Auftreten einer Frau aus Mannweiler aber, deren Söhne ebenfalls beteiligt waren, wurde alles verdorben. Die Strafen, die verhängt wurden, waren furchtbar hart. Es erhielten Hoffmann Jacob, Oster, Karch, Dillenkofer, Held Karl und Krapp Otto je 5 Jahre Gefängnis und 2000 Mark Geldstrafe, Krapp Wilhelm und Walter Albert je 2 Jahre und 1000 Mark. Letzterer war nur als Zuschauer beteiligt, konnte aber trotz seiner Unschuld nicht freikommen. Alle Ansuche um Nachlass oder Milderung der Strafen, die von verschiedenen Seiten gemacht wurden, hatten keinen Erfolg. Sie mußten alle ihre Strafen im Gefängnis zu Zweibrücken antreten. Ihre Angehörigen durften sie wohl dann und wann besuchen, aber ihnen keine Lebensmittel bringen, trotz des Hungers, über den die Verurteilten klagten. Gegen Ende des Jahres 1920 wurden sie alle bis auf Dillenkofer, der geflüchtet war, begnadigt und ihnen auch die Geldstrafe erlassen.
Im Juli 1919 wurden nochmals französische Truppen, die sich auf dem Heimweg befanden, hier und in der Umgegend einquartiert. Im Pfarrhaus waren ein Kapitein und 6 Mann nebst 8 Pferden untergebracht. Außerdem verkehrte ein Leutnant in demselben namens de Vaillemont, ein sehr reifer und lebenslustiger Herr. Sein Vater war zeitweilig bei der französischen Botschaft in Berlin und seine Großmutter ist in der Kirche zu Metz begraben. Er sprach ziemlich gut Deutsch. Beim Abmarsch fehlte ihm ein Zügel, den der Besitzer des Anwesens mit 200 Mark bezahlen mußte. Alle Fürsprache half nichts.

Kriegschronik IV. Teil (1917)

Die ersten Monate des Jahres 1917 verliefen fast ganz in gespannter Erwartung der bevorstehenden großen Ereignisse. Überhitzte Einbildung ließ solche gleich zu Beginn des Jahres erfolgen. So wurde am Neujahrstag das Gerücht von einer gewaltigen Seeschlacht verbreitet. Kaiserslautern sollte von feindlichen Fliegern heimgesucht und Elsass geräumt sein. Alles erwies sich als unnütziges, haltloses Gerede.
Während der außerordentlich großen Kälte, die sich in der 2. Hälfte des Januar und in der ersten des Februar einstellte, wurde trotz des Ost- und Nordwindes wieder Kanonendonner gehört. Die Kälte stieg in der Nacht vom 3. auf 4. Februar auf -21°C, trotzdem wurden die Bewohner des unteren Alsenztales durch ein Zeppelinluftschiff aus dem Schlafe geweckt. Da dasselbe sehr nieder flog, war der Lärm in der stillen Nacht ein unheimlicher. Von da an wurde der Besuch von Zeppelinen immer häufiger. Was nämlich längst von Mund zu Mund ging, verwirklichte sich allmählich: Das große Hauptquartier wurde aus Nordfrankreich nach Kreuznach verlegt, mit Hindenburg und Ludendorf an der Spitze. Infolge dessen gab es öfter in Kreuznach höchsten Besuch: Der Kaiser, andere deutsche Fürsten, ein türkischer Prinz, der dem deutschen Kaiser einen Ehrensäbel überbrachte, und andere mehr.
Für die Umgegend von Kreuznach brachte das Hauptquartier mancherlei Unannehmlichkeiten mit. So wurden alle Bahnstationen der Umgebung, in der Pfalz bis nach Rockenhausen, mit je zwei Gendarmen besetzt, die alle Ein- und Aussteigenden überwachen mußten. Ohne Ausweis durfte niemand verkehren, zum Aufenthalt in Münster am Stein und Kreuznach mußte demselben auch das Bild des Reisenden beigefügt sein. Um der Gefahr feindlicher Flieger möglichst Abbruch zu tun, mußten bei eintretender Dunkelheit alle Lichter der Häuser usw. abgedunkelt werden und die Straßenlaternen verlöschten. Wer noch mit einem späten Zug ankam, mußte im Dunkeln den Heimweg antreten. Kaum war am 10. Februar nach großen Vorbereitungen und Umbauten das Hauptquartier in Kreuznach untergebracht, da hieß es auch schon wieder, es würde nur bis zum 1. Mai daselbst bleiben, was sich aber als unrichtig herausstellte. Es blieb bis zum 1. März 1918.
Unangenehm machten sich anfangs einige militärische Autos aus dem Hauptquartier in der Umgebung bemerkbar. Diesselben kauften zu unerhörten Preisen allerlei Lebensmittel zusammen. Um die Leute zur Abgabe zu bewegen, gaben die Insassen, unter denen sich manchmal Offiziere befanden, vor, die Lebensmittel seien für Hindenburg, während sie in Wirklichkeit für die Angehörigen der Betreffenden bestimmt waren. Dieser traurigen Hamsterei wurde dadurch ein Ende gemacht, daß die Gendarmerie darauf hingewiesen wurde. Das brachte dem Berichterstatter mancherlei Drohungen von wucherischen Ortseinwohnern ein, die aber nicht zur Ausführung kamen, obwohl eine Anzahl von Leuten wegen Überschreitung der Höchstgröße und unerlaubter Ausfuhr von Lebensmitteln bestraft wurden. Der Wuchergeist zeigte sich bei manchem in schmutzigster Gestalt. Der ununterbrochen hörbare Kanonendonner, der sich am 28. März, als sich am Toten Mann bei Verdun heftige Kämpfe abspielten, zum Trommelfeuer steigerte, ließ diese Leute mit ihrer ausgeprägten Habgier unberührt. Nur Geld, lautete die Losung, während sich unsere Streiter da draußen verbluteten.
Die Witterung war den Feldarbeiten in den 4 ersten Monaten sehr ungünstig und mancher fing schon an zu verzagen. Den ganzen März hindurch und selbst noch in der ersten Hälfte des April gab es Schneefälle und am 30. März trat die Alsenz über ihre Ufer – alles Vorgänge, die ungewöhnlich genannt werden mußten. Eigentlich erst in der 2. Hälfte des April konnte die Feldbestellung gefördert werden, was nur unter Anstrengung aller Kräfte möglich war. Aber wie sollte aller Kleinmut beschämt werden! Diesmal brachten die Schwalben, die Ende April wiederkehrten, gleich den Sommer mit. Vom 1. Mai an setzte eine solche Wärme ein, daß nicht nur alle rückständige Feldarbeit erledigt werden konnte, sondern manche schon wieder für die Ernte zu fürchten begannen. Aber wie die Sonne noch niemals einen Bauern zum Land hinaus gescheint hat, so auch diesmal nicht. Sechs Wochen nach Frühlingsanfang war noch alles Leben in der Natur tot, doch wenige warme Tage des Mai genügten, um saftiges, üppiges Grün hervorzuzaubern. Niemand glaubte, daß man in diesem Jahr an Pfingsten frisches Viehfutter holen könne, und doch war es der Fall. Sechs Wochen lang hielt die Wärme, ja man kann schon sagen die Hitze an, ohne daß ein nennenswerter Niederschlag erfolgt wäre. Ein kräftiger Gewitterregen brachte dann auch unserer Gegend das erwünschte Nass, das in der Umgegend ziemlich reichlich niedergegangen war. Ohne Folgen blieb die anhaltende Trockenung nicht. In sandigen Äckern blieb das Getreide klein, um so schöner entwickelte es sich in den schwereren Böden. Eine überreiche, rasch verlaufene Baumblüte stellte reichen Obstsegen in Aussicht, der dann auch eintraf, mit Ausnahme der Zwetschgen. Ganz besonders kam die anhaltende warme Witterung der Kartoffel, diesem ausgesprochenen Sommervogel, zu gute. An ihr bewährte sich die Regel: „Pflanzt du sie im April, so kommt sie wann sie will; pflanzt du sie im Mai, kommt sie glei(ch)“. Vor Mai konnten fast gar keine gelegt werden, dann aber entwickelten sie sich so schnell und so schön, daß man selten üppigere Äcker gesehen hat. Sie standen im schärfsten Gegensatz zu dem vorangegangenen Jahr. Sah man damals kaum einen schönen, geschlossenen Acker, so diesmal kaum einen schlechten.
Wie sehr im Jahr 1916 die Kartoffelernte versagt hatte, das wurde man erst im Frühjahr 1917 voll und ganz gewahr. Um der dringensten Not in den Städten abzuhelfen, wurde stillschweigend von den Behörden geduldet, daß Stadtbewohner sich auf dem Land mit Kartoffeln versahen. In ganzen Scharen brachten von Ende April ab die Eisenbahnzüge aus den Städten Leute, die auf der Suche nach diesem oft schon wochenlang entbehrten Nahrungsmittel gingen. Das Vertrauen auf das Mitgefühl der Landleute wurde nicht getäuscht. So lange es möglich war, wurde von diesen gerne gegeben. Bald aber wuchs sich die Sache zu einem Unfug aus. Nicht nur Kartoffeln wurden begehrt, sondern alles was genießbar war. Und nicht blos Leute die Mangel litten, beteiligten sich an diesen „Hamsterfahrten“, sondern auch solche, die das Eingeheimste zu hohen Preisen in den Städten verkauften. Erst mit der nochmaligen Kartoffelaufrufung im Juni, wobei jedem sein Maß zugewiesen wurde, mit dem er bis zur neuen Ernte auskommen mußte (250 Gramm auf den Kopf im Tag) hörten jene Sammlungen auf, nachdem sie 8 Wochen gedauert hatten. Es war eine schlimme Zeit auch für die Landbewohner. Und doch hatte niemand ein Recht zu klagen, konnte man doch ungehindert seiner Arbeit nachgehen und auf eine neue Ernte hoffen. Unsere Streiter schützten die heimatliche Erde vor Vernichtung in den schweren Schlachten die vom 8. und 16. April an bei Arras und in der Champagne tobten. Dem Aufruf, Stadtkinder bei sich aufzunehmen, bei denen eine Unterernährung zu erwarten stand, kamen die Gemeindemitglieder ebenfalls nach. Auf dem Schmalfelderhof wurden 4 Buben und 2 Mädchen und in Mannweiler 1 Mädchen untergebracht. Es waren nicht lauter erfreuliche Erfahrungen, welche mit diesen Kindern gemacht wurden.
ZU der 6. Kriegsanleihe brachten die Kinder von Mannweiler wieder 2000 Mark und die von Oberndorf 1195 Mark aus ihren Sparkassen auf.
Am 10. Mai fuhr ein Sonderzug mit S.M. dem Kaiser von Kreuznach mit Dampf durchs Alsenztal. Derselbe besuchte in Ludwigshafen S.M. den König von Bayern, außerdem die Stadt Speyer. Am Abend kehrte der Zug nach Kreuznach zurück.
Während der anhaltenden schweren Kämpfe im Westen herrschte im Tal ein lebhafter Zugverkehr. Die Stimmung der Bevölkerung war sehr still, ja gedrückt, standen doch viele Söhne der Nordpfalz im Kampfe und es waren wieder manche Verluste zu beklagen. Mehrere gerieten in englische Gefangenschaft.
Am 2. Juni überflogen drei Flugzeuge das Tal und am 14. und 15. Zeppeline. Ein neues Aufgebot der deutschen Heeresleitung erstreckte sich auf die Orgelpfeifen und die Glocken. Erstere wurden aus beiden Kirchen am 9. Juli abgeliefert und zwar aus Oberndorf 42 kg und aus Menzweiler 17 kg. Die beiden Glocken von Oberndorf und die größere von Menzweiler wurden von der Ablieferung ihres hohen Alters wegen befreit. Nur die kleine Glocke von Menzweiler wurde herunter genommen und abgeliefert. Dieselbe war im Jahr 1871 von Hamen in Kaiserslautern gegossen, hatte also der Gemeinde 46 Jahre gedient. Am 18. Juli war beim Gottesdienst nun also Abschied genommen worden. Da sie sich nicht ohne größere Mühe abnehmen ließ, wurde sie auf einen Haufen Reisig geworfen, wobei sie in viele Stücke zersprang. Dies geschah am 30. Juli, 5 Tage später trat sie den Weg in den Schmelzofen an, um in neuer Gestalt dem Vaterlande in seinem schweren Kampfe zu dienen. Ihr Gewicht betrug ohne die Eisenteile, also in reiner Bronze 100,5 kg, wofür 450 Mark vergütet wurden, die als Glockenrücklage bei der Bezirkskasse Rockenhausen angelegt wurden. 1920 wurde die Wiederanschaffung der Glocke beschlossen.
Es ist eine eigenartige Sache um die Glocken der Kirchengemeinde. Wird ihr Ruf in friedlichen Zeiten auch vielfach überhört, so ändert sich das sofort, wenn ihr Mund schweigt, verwundert schaut alles zum Turme. So ging es auch der Menzweilerer Glocke. Ihren Abgang empfand man viel schmerzlicher als den der Orgelpfeifen. Daß hier eine Stimme fehlte merkte man nicht, hätte vielleicht ihre Entfernung überhaupt nicht gleich wahrgenommen, wenn nicht ausdrücklich darauf hingewiesen worden wäre. Wie aber mitgeteilt wurde, daß auch eine Glocke herabgenommen werden mußte, da wurde manches Auge tränenfeucht und als dann zum ersten Male mit nur einer Glocke geläutet wurde, da kam es manchem gar arm und dünn vor. Doch auch diese traurige Zeit wird vorübergehen und dann hoffentlich bald wieder eine zweite Glocke sich zu der alten gesellen. Möge sie dann keine so schrecklichen Kriege mehr sehen wie den von 1914 – 1918.
Etwas später als sonst, erst anfangs August, konnte in diesem Jahr mit der Ernte begonnen werden, obwohl gerade diesmal es von großem Wert gewesen wäre, etwas früher die Feldfrüchte zur Verfügung zu haben. Vorräte an Lebensmitteln waren fast in keiner Haushaltung mehr vorhanden. Menschen und Tiere bekamen gerade nur soviel, um bestehen zu können und nicht dem Hunger zu erliegen. Mit dem zugewiesenen Brot konnte man auch  bei sparsamstem Genuß nicht auskommen; gerade jetzt, wo es für die schwer arbeitende Bevölkerung notwendiger gewesen wäre als im Winter, wurde die Menge verringert. Die Kartoffeln konnten keinen Ersatz bieten, da sie meistens vor der neuen Ernte schon aufgebraucht waren. Von den Neuen durften nur soviel ausgemacht werden, das auf den Kopf 250 Gramm am Tag kam und doch hätte man sich gerade an ihnen gerne einmal recht satt gegessen.
Das Wintergemüse und der Wintersalat waren in Folge der strengen Kälte im Februar und der großen Hitze im Mai und Juni unbrauchbar geworden und das neue Gemüse kam infolge von Erdfloh und Blattlaus in den Gärten zu keiner rechten Entwicklung. Da war in vielen Familien nicht blos Schmalhans Küchenmeister, sondern es grinste der Hunger zum Fenster herein, war vielfach Not. Ganz besonders schlimm gestalteten sich die Ernährungsverhältnisse in der 2. Hälfte des Juli und in der ersten des August. Das Brot war knapp, Kartoffeln meist gar nicht mehr vorhanden und das Fleisch wieder auf 250 Gramm für Kopf und Woche festgesetzt, während es vorher ein Pfund gegeben hatte. Da mußte dann der Leibriemen nochmals enger gestellt werden.
Sehnsüchtig harrte man der neuen Ernte entgegen, die aber durch zahlreiche Gewitter mit ausgiebigem Regen hinausgezögert wurde. Letzterer war für manche Früchte, namentlich die Kartoffeln, von großem Nutzen, für das Getreide jedoch, das abgemäht am Boden lag, nicht.
Ein treffendes Bild der Kriegswochen gibt nachstehendes Gedicht:
„Droben ein Zug auf ehernem Strang, frische Krieger und Waffen,
Drunten im Felde der Sense Klang, emsiges Garbenraffen.
Grüßend erhebt sich die Schwielenhand, Schwerthiebe winken hernieder,
Über das nährende Heimatland brausen Soldatenlieder.
Stolz in den Stürmen der heiligen Not darf unser Banner fliegen:
Deutschland hat Männer und Stahl und Brot, Deutschland, mein Deutschland wird siegen!“
Der Sieg blieb in diesem Jahr wieder auf unserer Seite, sowohl auf dem Schlachtfeld als auch auf dem Erntefeld. Die Getreideernte versprach uns Brot für ein weiteres Jahr, Kartoffeln gab es reichlich und das Obst gedieh in einer solchen Menge, daß man den Segen kaum zu verwenden wußte. Wenn gleichwohl in den Städten viele keine Äpfel zu sehen bekamen, so war daran nichts anderes Schuld, als die Bewirtschaftung. Den sogenannten Marmeladefabriken mußten große Mengen geliefert werden, die dann ungeheuren Vorteil daraus zogen, zumal die Preise für diese geringer waren als für andere Aufkäufer. Letztere mußten Frühobst und bessere späte Sorten mit 40 Mark für den Zentner erstehen, die anderen Sorten kosteten 20 Mark, ganz geringe Weinbirnen 5 Mark, während man sie früher um höchstens 1 Mark 50 kaufte. Der Wein, der vorzüglich und in großer Menge zu kaufen war, erreichte den unerhörten Preis von 20 Mark für 8 Liter Maische. Das Viertel wurde dementsprechend zu 1 Mark und 1 Mark 25 ausgeschenkt. Manche Wirte verkauften ihre Ernte gleich im Herbst und schlossen ihre Wirtschaft, zumal auch das Bier außerordentlich dünn und teuer war, die Flasche gewöhnliches kostete 30 Pfennig, das sogenannte bessere 60 Pfennig. Bei solchen Verhältnissen kam der Apfel- und Birnenwein hoch zu Ehren. Davon war viel eingelegt worden. Auch hierfür wurden hohe Preise erzielt: 1200 Liter = 1000 Mark.
Um auch das zu erwähnen: den Rauchern wurde es fast ganz unmöglich, Tabak oder Zigarren zu erhalten, letztere stiegen bis auf 35 und 40 Pfennig für die gewöhnlichen Sorten und Tabak war auch zu den höchsten Preisen nicht mehr zu bekommen. Da mußten Ersatzmittel herhalten, die man sonst mit Abscheu zurückgewiesen hätte. Ganz außerordentliche Schwierigkeiten bereitete die Beschaffung von Kleidern und Schuhen, bis zu 100 Mark wurden für ein Paar bezahlt. Das geklapper der Holzschuhe oder wenigstens von Schuhen mit Holzsohlen hörte man allenthalben. Am leichtesten hat sich die Schuljugend damit abgefunden, sie sprang und tollte in den Holzschuhen ebenso munter wie in anderen.
Wollte man schildern, was alles ersonnen wurde, um sich auf heimlichen Wegen Lebensmittel zu beschaffen und diese aller Beaufsichtigung zum trotz heimzubefördern, so gäbe das ein eigenes Buch. Es rief die Not eine Eigenschaft hervor, die erstaunlich war. Mögen spätere Geschlechter nie in die Lage kommen, ihre Geistesanlagen in gleicher Weise verwenden zu müssen. Wenn auch mancher nur aus Sucht nach Wohlleben allerlei Schleichwege einschlug, so war es dabei wieder bitterste Not, was sie zu ihrem Vorgehen veranlasste. Mit den von den Kommunalverbänden zugewiesenen Mengen an Lebensmitteln konnte niemand bestehen, das wurde offen zugestanden. Aber während man die kleinen Diebe hängte, wußten die großen sich der Schlinge zu entziehen. Das war es auch hauptsächlich, was eine erbitterte Stimmung hervorrief: Die Ungleichheit in der Lebensweise, auf der einen Seite bitterste Not, auf der anderen: volles Genügen.
Von besonderen Ereignissen aus dem Jahr 1917 wären noch zu erwähnen: Zu der 7. Kriegsanleihe im Oktober wurden von den Kindern in Oberndorf ungefähr 1400 Mark aus Sparkassenbüchern  gezeichnet.
Der gänzliche Zusammenbruch des neuen russischen Angriffs in Galizien ließ die Hoffnung auf Beendigung des Krieges aufleben, aber erst gegen Jahresschluß verstand man sich seitens Rußlands zu einem Waffenstillstand und der Aufnahme von Friedensverhandlungen. Die Sehnsucht der Gefangenen bald heimzukommen, wurde auf eine harte Probe gestellt; doch wußten sich diesselben in das Unabänderliche zu schicken und manche sehnten sich gar nicht danach in den Strudel der russischen Revolution hineingezogen zu werden.
In der Nacht vom 2. auf 3. Oktober, abends 11 Uhr, schreckte eine heftige Fliegerbeschießung in Kreuznach die Alsenztäler aus dem ersten Schlaf auf. Desgleichen wurde am 20. Oktober, morgens 5 Uhr, der Schlaf derselben gestört. Nachdem den Sommer über der Kanonendonner aus Südwesten gar nicht mehr gehört worden war, vernahm man ihn von Oktober ab wieder häufiger, so besonders am 4. 9. 16. 27. X, 22. XI, 9. 21. 25. 26 XII. Die Windrichtung spielte dabei keine Rolle, sowohl bei Südwest- als auch bei Nordwind war er vernehmbar.
Über die schlimme Einwirkung des Krieges auf die Schulverhältnisse in der Pfarrei ist in der Pfarrbeschreibung bzw. im Jahresbericht das Nötige aufgezeichnet.
Mit der Hoffnung, wenigstens mit Russland bald zum Frieden zu kommen nahm man vom Jahr 1917 Abschied.
Die Verhandlungen in Brest-Litowsk hatten ihren Anfanggenommen, wurden aber russischerseits so hintertrieben, daß sie noch nicht zu Weihnachten, sondern erst im folgenden Jahr zum Abschluß kamen. Auch das 4. Mal mußten unsere Krieger im Feld Weihnachten feiern. Die Heimat hatte wieder alles aufgeboten, um ihnen eine Freude zu bereiten, wofür von denselben herzlich gedankt wurde.
Mit aufrichtiger Genugtuung begrüßte man im Oktober die wohlverdiente Züchtigung der treulosen Italiener. An den Kämpfen gegen dieselben am Isonzo bis zur Piave haben auch Soldaten aus dem Alsenztal teilgenommen, die zu einer fliegenden Division gehörten.
Neue Zuversicht auf einen glücklichen Ausgang des so furchtbaren Völkerringens belebte uns beim Eintritt in das Jahr 1918.

Der Männergesangverein Oberndorf – ein Nachruf

Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte in der Pfalz  fast flächendeckend die Gründung von Männergesangvereinen. Ursache war vor dem Hintergrund langsam steigenden Wohlstandes und der immer mehr in die Lehrpläne der Volksschulen übernommenen Schulmusik  der Drang nach unterhaltsamer Geselligkeit und zum Teil wohl auch politische Motivation. Musik war jedenfalls unverzichtbare Beigabe zu Fest- und Tanzvergnügen aller Schichten und da es damals weder Radio noch elektrischen Strom gab, blieb nur der Weg entweder über einen Musikverein oder über einen Gesangverein für die nötige Festbegleitung zu sorgen. Das Vereinsrecht bot dafür den entsprechenden Rahmen. In Oberndorf gab es schon vor den  Vereinsgründungen  zwei mutmaßlich konfessionell orientierte lose organisierte Gesangsgruppen.

Nur von einem dieser beiden Gesangvereine kennen wir den Namen, “ Eintracht“. Die Gründungsurkunde (in Sütterlinhandschrift) ist erhalten und wird nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben.

Gründung des Vereins

In den ersten Tagen des Monats April 1859 traten einige Freunde des Gesanges zusammen um sich über die Mittel und Wege zu berathen, durch welche die Gründung eines Gesangvereins in dem Orte Oberndorf zu ermöglichen sei. Nach reiflicher Erwägung einigten sie sich dahin, daß sie eine größere Anzahl junger Männer um sich versammeln wollten, denen ihr beabsichtigtes Vorhaben mitzuteilen, und hierüber sodann mit denselben eine gründliche Vorberathung zu pflegen sei.
Auf Grund dieser Einigung ließ Herr Franz Botens dahier ein Rundschreiben ergehen, nach welchem er die unten genannten Personen einlade, sich auf Samstag, den 2. April, Abends 8 Uhr in seiner Wohnung zu dem angegebenen Zwecke einzufinden.
An dem Tage und zur bestimmten Stunde haben sich die Eingeladenen in der Wohnung des obengenannten Franz Botens versammelt:
1. Georg Graff, Müller
2. Franz Botens, Bäcker
3. Johannes Grimm, Hufschmied
4. Carl König, Taglöhner
5. Heinz Scheidel, Dienstknecht
6. Peter Müller, Taglöhner
7. Carl Hübsch, Handelsmann
8. Philipp Neubrecht, Ökonom
9.Friedrich Fröhlich, Ökonom
10.Christian König, Ökonom
11. Heinz König, Ackersmann
12. Lothar Junk, Wirth
13. Johannes Junk, Ackersmann
14. Jacob Bauer, Ackersmann
15. Nickolaus Hall, Lehrer
16. Jacob Bohsong, Ackersmann
17. Christian Wolf, Steinhauer
18. Heinrich Stock, Blechschmied
19. Heinrich Weinheimer, Steinhauer
20. Martin Betz, Steinhauer
21. Valentin Walter, Ackersmann
Nachdem Herr Georg Graff den also versammelten den Zweck ihrer Berufung mitgetheilt hatte, traten dieselben miteinander in Berathung und gaben sodann auf Grund derselben die einstimmige Erklärung ab, daß die Gründung eines Gesangvereines in hiesigem Orte wünschenswerth und daß demnach zum Behufe der devinitiven Constituierung derselben eine Generalversammlung unter dem 9ten April anzuberaumen sei. Bei dieser Gelegenheit, durch das Mitglied Carl Hübsch der Entwurf der Vereinssatzung in Vorlage zu bringen sei.

Von dem anderen ehemals existierenden Gesangverein fehlt jegliche Überlieferung. Tatsache ist allerdings, dass sich am 7. Januar 1910 des Abends die aktiven Mitglieder der beiden zu Oberndorf bestehenden Gesangvereine in der Wirtschaft von Jean Schückler trafen und beschlossen von nun an gemeinschaftlich unter dem Namen „Männergesangverein Oberndorf“ den Gesang zu fördern und zu pflegen. “ Sämtliche Festlichkeiten und Unterhaltungen sollen von nun an gemeinschaftlich geführt werden, vorstehende Statuten sollen für die Zukunft maßgebend sein“.
Das Verdienst der Zusammenführung der beiden Vereine kommt  dem im ersten Weltkrieg gefallenen Lehrer Ebersold zu, welcher die Fusion auf den Weg brachte. 64 Mitglieder hatte der Verein 1910. Die Dirigenten des Vereins rekrutierten sich in aller Regel aus den örtlichen Schullehrern, die auf Grund ihrer Ausbildung über Kenntnisse im Musikunterricht verfügten.

Zweck des Vereins war es den Gesang in vielfältiger Weise  zu fördern. Dazu gehörten neben den obligatorischen Sängerfesten und Konzerten auch Auftritte während Gottesdiensten. Zugleich wirkte sich die Gesangsausbildung der Männer auch auf die Qualität des gemeinsamen Singens von Kirchenliedern aus, jedenfalls war in der Zeit des bestehens einer aktiven Sängergruppe jeder Gottesdienst – so er von den Sängern besucht wurde – im Hinblick auf den Sangesvortrag der Kirchenlieder ein beeindruckendes Erlebnis.

Unabhängig davon engagierte sich der Männergesangverein auch bei den örtlichen Beerdigungen. Da fast jede Familie in Oberndorf ein aktives oder passives Mitglied des Gesangvereins stellte, sah es der Verein als seine Pflicht an, bei der Gestaltung der Beerdigungen mitzuwirken. In der Regel lief dies folgendermaßen ab: Auf Grund des Fehlens einer Aussegnungshalle (diese wurde erst 1974 erbaut) wurden die Verstorbenen in ihrer Wohnung aufgebahrt. Am Tage der Beerdigung erschienen die aktiven Sänger des Vereins an der Wohnung des Toten. Man war dem Anlass entsprechend angezogen und sang vor dem Haus ein für diesen Anlass ausgesuchtes Trauerlied. Anschließend begaben sich die sechs Sargträger (in der Regel aktive Sänger), alle mit Gehrock und Zylinder ausgestattet, in das Trauerhaus und trugen den Sarg zum Fiedhof. War dies ein längerer Weg, so wurde unterwegs gewechselt. Zudem hatten auf Anweisung des Schullehrers die Schulkinder beim Trauerhaus zum angesetzten Zeitpunkt zu erscheinen. Ihnen wurde die Aufgabe übertragen, die von befreundeten oder sonstwie verbundenen Familien gespendeten Trauerkränze vom Trauerhaus zum Friedhof zu tragen. In aller Regel setzte sich so ein stattlicher Trauerzug in Richtung Friedhof in Bewegung. Vorweg ging der Pfarrer, gefolgt von den Sargträgern mit Sarg, diesen folgte die Familie des Toten. Im Anschuss daran folgten die aktiven Sänger und denen widerrum die Schulkinder mit den Kränzen. Den Schluß bildete die Trauergemeinde, so dass meist ein imposanter Trauerzug zustande kam. Ab und an kam es auch zu Gesprächsstoff liefernden Zwischenfällen, so, als ein mit dem Verstorbenen zu Lebzeiten  in Streit lebender Anwohner beim Passieren des Sarges sein Fenster öffnete und den Sargträgern nachrief „in die Gruft mit dem Schuft“.

Auf dem Friedhof hielt dann der Pfarrer seine Predigt und sowohl der Gesangverein  als auch die Schulkinder (meist „So nimm denn meine Hände“) brachten ein Lied zum Vortrag bis dann schlussendlich der Sarg ins Grab gelegt wurde. Insgesamt war dies eine feierliche Veranstaltung, welche die Anwesenden in einer Weise emotional berührte die heutzutage nicht mehr denkbar ist.

Überhaupt verstand sich der MGV als weitgehend zuständig für das kulturelle Leben des Dorfes. Typischer Weise veranstaltete man jährlich ein Konzert mit Ball. Nach dem Bau der Gemeindehalle trat der Verein auch lange Jahre als Veranstalter der Dorfkerwe auf. Dabei war er wirtschaftlich sehr erfolgreich, jedenfalls konnten aus den Erträgen der vom Verein durchgeführten Veranstaltungen im Laufe der Zeit ca. 25 000.- DM für die Vervollständigung der Einrichtung der Gemeindehalle an die Gemeinde gespendet werden.

Seit den 20iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts  versuchte sich der MGV  auch in Bühnenstücken und Schauspiel.So wurde beispielsweise „Die Bürgermeisterwahl“ und   „Das große Los“ von Richard Müller, Obermoschel, mit großem Erfolg aufgeführt.

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auf großer Bühne, die Schauspieler des Gesangvereins

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Auch gehörte ein Vereinsausflug zum jährlichen Programm des MGV.

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Der MGV beim Besuch der Heidelberger Schlossruine 1958

Auch bei der Dorfverschönerung war der Verein tätig, so pflanzte man ende der 1950er Jahre eine Dorflinde.

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Beim Pflanzen des Lindenbaums am Kirchberg

Das größte Ereignis der Vereinsgeschichte war wohl das 100jährige Vereinsjubiläum.

Festtage waren der 12. und 13 Juni 1960. Das dazu errichtete Festzelt stand auf der Wiese rechts der Felsenmühle. Es gab kein Haus in der Gemeinde, welches aus diesem Anlass nicht mit Grün- und Fähnchenschmuck ausgestattet war.
In das vollbesetzte Festzelt zogen die Ehrendamen mit der neuen Vereinsfahne ein. Nach den üblichen Glückwunschreden der geladenen Gäste sowie der Sängerehrung gaben die anwesenden Brudervereine Proben ihres Könnens. Im Anschluss spielte die Musikabteilung des Gesangvereins Münsterappel zur Unterhaltung.

Am 2. Festtag marschierte der Gesangverein und die gesamte Bevölkerung zum Ehrenmal bei der Kirche um allen toten Sangesbrüdern und Gefallenen zu gedenken.

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Auf dem Weg zum Ehrenmal

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Am Nachmittag erfolgte ein Freundschaftssingen der Brudervereine, verbunden mit Musikvorträgen. Abends endete das Vereinsjubiläum mit einer Tanzveranstaltung im Festzelt an der Felsenmühle.

Gesangsverein 2 Oberndorf (497 x 494)

Die aktiven Sänger im Jubiläumsjahr 1960

Im Laufe der Zeit ließ jedoch das Interesse am Gesang nach. Im Jahr 1986 gelang es schon nicht mehr einen neuen Vorstand zu wählen. 1989 versuchte man dem Verein neues Leben einzuhauchen, in dem man eine Abteilung „gemischter Chor“ hinzufügte. Dies alles konnte jedoch den Niedergang des Vereins nicht aufhalten. Im Berichtsbuch des Schriftführers des MGV ist als Datum der letzten Generalversammlung der 2.03.1995 verzeichnet.

Ende 2018 wurde der MGV Oberndorf aus dem Vereinsregister abgemeldet. Die Lücke, die er im kulturellen Dorfleben hinterließ, wird heutzutage im Wesentlichen vom Feuerwehrförderverein und dem Oberndorfer Carneval Club OCC gefüllt.

 

Kriegschronik III. Teil (1916)

Das Kriegsjahr 1916

Beim Eintritt in das dritte Kriegsjahr war allgemein  das Gefühl vorherrschend, daß ein Ende des Krieges in nächster Zeit noch nicht abzusehen sei. Es brachte zwar gleich der Januar bedeutende Erfolge, die auf baldigen Frieden hoffen zu lassen schienen, aber immer wieder loderte die Kriegsfackel bald da, bald dort gewaltig auf. Die russischen Angriffe in Bessarabien waren nach 24tägigem Angriff gescheitert, die Dardanellen von den Engländern und Franzosen fluchtartig verlassen worden, die Sache der Türken stand in Mesopotamien gut. Die Hauptstadt von Montenegro war, wie das ganze Land bald darauf, genommen, ja es waren sogar Friedensverhandlungen angebahnt seitens des Königs. Aber Friede, Friede wollte es nicht werden. Im Gegenteil! Die unaufhörlichen Munitionszüge, die im Februar ihren Weg durch das Alsenztal nahmen, wiesen darauf hin, daß noch schwere Kämpfe an der Westfront bevorstanden.
Am 12. Februar wurde dann auch schon wieder Kanonendonner hörbar und ließ die Vermutung aufkommen, daß ein neuer Kampf begonnen habe. Aber der furchtbare Sturm mit Regen und Schnee untermischt, der in der Woche vom 12 – 14 Februar anhielt, machte jede Gefechtstätigkeit, wozu schon große Vorbereitungen getroffen waren, unmöglich.
In diese Woche fiel ein Angriff mit Luftschiffen auf England und Paris und die Beschießung von Belfort aus sehr weittragenden Geschützen (35 – 40 km).
Am 20. Februar trat endlich Kälte ein und bald konnte man wahrnehmen, worauf die deutsche Heeresleitung hinaus wollte. In der Nacht vom 21. zum 22. und namentlich am Vormittag des 22. hörte man trotz Nordwind und Schnee gewaltigen Kanonendonner, der während des Tages zu Trommelfeuer anschwoll, untermischt mit ganz besonders schweren Schlägen. Dadurch gerieten Kranke und Leute mit schwachen Nerven hier in große Erregung. Der Angriff auf Verdun hatte begonnen, der gleich in den ersten Tagen schöne Erfolge zeitigte. 10 000 Franzosen wurden gefangen, während das Kriegsgerät, das erbeutet wurde, noch nicht gezählt werden konnte.
Nach der großen Spannung, die sich in den vorangegangenen Tagen der Gemüter bemächtigt hatte, atmete man erleichtert auf, namentlich als das Fort Douaumont genommen war. An dem Kanonendonner konnte man von da an das Wüten der Schlacht auch in unserer Gegend verfolgen. Derselbe war bis an das Ende des Februar und Anfangs März sehr gut hörbar. Vom 5. März an konnte man ihn weniger hören, aber am 8. März, Vormittags halb 11 und Abends 9 Uhr ganz besonders stark. An diesem Tag wurde das Fort Vaux gestürmt. Nun hörte man das Dröhnen der Geschütze Tag für Tag und am 16. März ereignete sich etwas, das man nicht für möglich gehalten hätte: Abends halb 9 und viertel 10 Uhr gab es so furchtbare Schläge, das bei uns Häuser bebten und die Fenster klirrten. Angsterfüllt liefen die Leute auf die Straße. Was eigentlich die Ursache war erfuhr man nicht, es hieß bei Saarbrücken hätten die Deutschen Sprengungen vorgenommen.
Vom 22. März ab bis zum Ende des Monats  war das Schießen weniger zu vernehmen, am 31. März und 1. April wieder sehr gut, ebenso vom 7 – 10 April trotz Nordwind sehr gut. Meist war es ganz außerordentlich starke Kanonade. Zu besonderer Stärke schwoll dieselbe an Karfreitag und über Ostern an. Von da ab war sie, zumal wärmeres Wetter eingetreten war, bei uns nicht mehr zu vernehmen, obwohl der Wind meist aus  der Richtung der Schlachtfelder kam. Es war dieselbe Wahrnehmung wie im Jahr vorher, wo auch beim Eintritt der wärmeren Jahreszeit das Getöse nicht mehr zu uns drang. Spätere Geschlechter werden es vielleicht kaum für möglich halten, daß der Schall einen so weiten Weg zurücklegen konnte. Auch von den jetzt Lebenden wollten es viele nicht für möglich halten.
Außer den schon erwähnten Munitionszügen, die Anfang Februar unser Tal durcheilten, kam am 20. März auch ein Zug mit 48 Geschützen und Soldaten durch. Andere Züge waren so maskiert, daß man nicht zu erkennen vermochte, was sie beförderten. Von den gewöhnlichen Güterzügen führten viele Munitionswagen mit. Anfangs April, am 5. sah man in südlicher Richtung ein Zeppelin-Luftschiff auf der Fahrt nach Mainz vorüberziehen. Am 7. flogen zwei Flieger über unseren Ort hinweg und am 17. hatten wir nochmals „hohen Besuch“, indem ein Luftschiff nördlich von Oberndorf in stolzer Fahrt vorüberzog: So nah und so niedrig flog es vorbei, daß man das surren der Propeller hörte und die Gondeln erkannte. Es bewegte sich nach Westen und war von hellgrauer Farbe, während das erste hellgelb war. Es waren dies die ersten Luftschiffe, die der Berichterstatter gesehen. Sie machten einen überwältigenden Eindruck auf die Bevölkerung, hatte man doch einmal eines der Kampfmittel vor Augen, die unseren Hauptfeinden, den Engländern, schon viel Schaden zugefügt hatten.
Der 1. Mai brachte eine in das wirtschaftliche Leben tief einschneidende Neuerung: Die Sommerzeit. In der vorangegangenen Nacht wurden die Uhren eine Stunde vorgerückt. Dadurch sollte eine bessere Ausnutzung des Tageslichtes  und Ersparung von Beleuchtungsmitteln erzielt werden. Manche glaubten sich mit der Neuerung nicht befreunden zu können, mußten sich aber wohl oder übel doch damit abfinden.Mit dem 1. Oktober verschwindet die Einrichtung ohnedies wieder, dann weis man schon, ob sie sich bewährt hat.
Der Mai brachte außerdem noch manches Neue: Die Fleisch-, Zucker- und Seifenkarte zu der schon ein Jahr lang vorhandenen Brotkarte. Die Vorräte an diesen Dingen gingen immer mehr zurück, namentlich auch in Folge des „hamsterns“. Manche, die in der Lage waren hohe Einnahmen zu machen in Folge des Krieges, kauften zusammen was sie bekommen konnten und Andere hatten dann das Nachsehen. Dem sollte die Kartenzuweisung vorbeugen. Danach sollte jeder von den genannten Dingen nur gegen Abgabe der betreffenden Marken oder Karten eine gewisse Menge bekommen für einen bestimmten Zeitraum.Es kam aber nicht selten so, daß man die Karten in Händen hatte, aber keine Waren  bekommen konnte, weil solche in den Geschäften nicht vorhanden waren.

Kriegstagebuch Marken 1 (103 x 600)

Bezugskarten für Fleisch, Brot, Zucker und Seife

An den Tagen, an denen von den Metzgern Fleisch abgegeben wurde, stauten sich die Käufer oft auf den Straßen und mancher, der vielleicht eine Stunde oder auch länger gewartet hatte, bekam nichts mehr. Doch auf dem Lande konnte man im Allgemeinen nicht klagen, weit schlimmer stand es in den Städten, wo es nicht selten wegen der Lebensmittel zu Schlägereien unter den Käufern kam. Am schlimmsten war die Fleischnot unmittelbarvor der Ernte. Um den Milch- und Buttermangel nicht noch zu vergrößern und um die Aufzucht der Rinder nicht  zu gefährden, mußte mit den Vorräten hausgehalten werden. Der Preis des Schweinefleisches war auf 1 M 66, der des Rindfleisches auf 1 M 80 festgesetzt. Infolge des Fleischmangels gingen die Preise für die Eier ganz gewaltig wieder in die Höhe. Hatte man vorher für ein Ei 15 Pfennig bezahlt, so wurden jetzt 20 und 22 verlangt und das war manchen Habgierigen noch nicht genug. Die Ausfuhr von Lebensmitteln in das benachbarte Preußen war verboten, aber das wurde auf alle Arten zu umgehen gesucht. Aus Münster und Kreuznach kamen Damen und Herren mit der Bahn und mittels Rädern, einen Einkauf zu machen. Aber in Ebernburg hatten die Wächter ein scharfes Auge. Gar manches Pfund Butter und manches Dutzend Eier wurde beschlagnahmt, als man schon fast der Gefahr entronnen zu sein meinte. Dabei kamen ergötzliche Sachen vor. Einer Dame, die, um ganz sicher zu sein, zweiter Klasse reiste, wurden einige Pfund Butter, die sie an der Brust geborgen hatte, weggenommen und ein pfiffiges Bäuerlein, das mit Dung über die Ebernburger Brücke fuhr, musste diesen abladen, um die darunter verborgene Butter ans Tageslicht zu fördern. Überall fanden sich Aufpasser, denen es ein Vergnügen machte, die zum Marktdienst Berufenen zu verständigen, wenn Lebensmittel über die Grenze gebracht werden sollten. Die Hausschlachtungen waren verboten und durften nur dann vorgenommen werden, wenn ein Tier einzugehen drohte. Doch in den meisten Bauernhäusern waren nun vom Winter her Vorräte genug vorhanden. Da konnte man auch diese schlimme Zeit gut überstehen. Am schlimmsten waren die daran, die von ihrem Lohn oder Gehalt leben mußten. Sie bekamen die Teuerung empfindlich zu fühlen. Am besten kam man mit dem Brot aus und sein Preis blieb tief und gleich – 48 Pfennig für 6 Pfund – was erträglich war. Butter, das einzige Fett, das man noch bekommen konnte, kostete 1 M 60 – 1 M 80, womit sich viele nicht zufrieden geben wollten. Sie suchten aber die Not ihrer Mitmenschen rücksichtslos auszubeuten und die getroffenen Bestimmungen auf jede Weise zu umgehen. Die Kartoffeln, deren Preis im Herbst auf 9 M 05 für den Zentner festgesetzt war, kosteten 4 M 80 im Frühling, Saatkartoffeln 6 – 8 M. Es wurde darum jedes Fleckchen Erde und vermutlich auch viele Weinberge mit Kartoffeln bestellt, um für die Folge gedeckt zu sein. Zum Glück herrschte sehr günstiges Frühlingswetter, so daß alle Feldfrüchte eine schöne Ernte versprachen. Die in der ersten Hälfte des Juni eingetretene nasse und ungewöhnlich rauhe Witterung ließ allerdings schlimme Befürchtungen wach werden. Doch dürften sie sich als übertrieben erweisen. So kalt war es, daß man an Pfingsten, das sehr spät fiel, 11. und 12. Juni, noch Feuer in den Zimmern haben mußte.
In der Gemarkung von Cölln, Morsbacher, Stolzenberger, Bremricher und Schmalfelderhof richtete ein Hagelschlag, verbunden mit wolkenbruchartigem Regen am 26. Mai an Feldfrüchten und Weinbergen großen Schaden an, abends um 6 Uhr.
Ganze Saatfelder wurden vernichtet. Zwei Tage danach, am Sonntag Rogate, fand ein Bittgottesdienst um Bewahrung der Ernte statt. Mit demselben war in Oberndorf eine feierliche Visitation der Kirchengemeinde durch Herrn K.N. Dracker von Speyer verbunden.
Um den Biergenuß einzuschränken, durfte an den Markttagen erst um halb 7 abends und Sonntags von 4 Uhr ab Bier verkauft werden. An Erntearbeiter wurde auch in der Zwischenzeit abgegeben, der Liter kostete 24 Pfennig, die Flasche 0,7 Liter 30 Pfennig; der Wein 90 Pfennig für 0,8 Liter. Doch all diese Einschränkungen und Entbehrungen wurden ertragen in der Hoffnung, daß unserem Volk dadurch das Durchhalten in dem schweren Kampfe ermöglicht werde.
Auch die Liebestätigkeit erlahmte dabei nicht. Immer wieder konnten aus der Gemeinde Lebensmittel an die Lazarette abgegeben werden. So bekam das zu Obermoschel am 11. März aus Oberndorf und Mannweiler zwei Wagen Kartoffeln, Gemüse und dergleichen.

Kriegstagebuch Marken 2 (379 x 600)

Käsekarte, einzulösen im Kolonialwarengeschäft „Grimm“, Oberndorf; Bezugskarte für 1/4 Liter Milch, einzulösen bei Landwirt Friedrich Bauer, Oberndorf (heute Hauptstraße 29); Bezugskarte für 1,25 Gramm Süßstoff, Bezugsberechtigter: Peter Weber, Münchweiler an der Alsenz; Bezugskarte für zwei Eier, einzulösen Ei 1 in der Zeit vom 19 – 26 August 1917, Ei 2 einzulösen vom 26 August bis 2. September 1917; Marke für den Erwerb von 15 Pfund Kartoffeln im Januar 1917.

Der wiedererwachte Frühling hatte in einigen Gefangenen die Sehnsucht nach der Heimat rege werden lassen. Sowohl in Oberndorf als auch in der Umgegend entflohen einige von ihren Arbeitsstätten, kamen aber in der Regel nicht weit. Hier wurde im März ein gefangener Russe eingestellt, der Mohammedaner war, so daß wir auch von diesem Bekenntnis einen Vertreter hatten.
Das erste halbe Jahr 1916 sollte nicht ohne große Besorgnis zu Ende gehen. Seit Pfingsten hatten sich die russischen Heeresmassen zu einem gewaltigen Angriff aufgerafft und drangen weiter westwärts vor. Damit wäre die Hauptsache für diesen Zeitraum berichtet. Hoffentlich bringt uns das zweite halbe Jahr nicht nur baldige günstige Nachrichten von den Kriegsschauplätzen, sondern noch etwas viel wertvolleres: Den Frieden!
Geredet wird ja vom Durchhalten schon seit einiger Zeit, aber das Gerede will sich nicht zu greifbaren Ergebnissen gestalten. Statt Friedensangeboten brachte das 2. Halbjahr 1916 zunächst einen furchtbaren Angriff der Engländer und Franzosen, der sich zu der ungeheueren, monatelang dauernden Schlacht an der Somme auswuchs. Als von dem sechstägigen Trommelfeuer auf unsere Stellungen berichtet wurde, bekam es doch mancher mit der Angst zu tun, es könnten die Gegner doch noch durchbrechen und unsere Heimat überfluten.
Dabei stand die Ernte besser, auf deren Bergung es in diesem Jahr umso mehr ankam, als im Jahr zuvor in anderen Gegenden teilweise Mißernte geherrscht hatte. Durch die größtenteils schlechte Witterung wurde die Ernte nicht nur sehr erschwert, sondern auch weit hinaus geschoben. Hatte man 1914 in der ersten Kriegswoche schon mit der Ernte begonnen, so wurde es diesmal fast Ende des Monats, bis ein Anfang gemacht werden konnte. Dieser mißliche Umstand machte sich dann für die ganze Folgezeit geltend. Alle Früchte wurden später geerntet, die Kartoffeln teilweise erst im November. Widerrum mussten Greise, Frauen und Kinder ungewöhnliche Anstrengungen auf sich nehmen. Ohne die Hilfe der Kriegsgefangenen wäre die Arbeit nicht zu bewältigen gewesen. Zu beklagen war, daß in Oberndorf Leute, die mit dem Krieg garnichts zu tun hatten, ihren in großer Bedrängnis befindlichen Mitbürgern bzw. deren Familien, fast gar keine Hilfe leisteten, während man sich anderweitig gegenseitig beistand, so namentlich auf dem Schmalfelderhof.
In welchem Maße die Lebensmittel im Preis stiegen, das ist aus dem nachstehenden Verzeichnis zu erfahren. Für die Frühkartoffeln mußten gezahlt werden bis zum 10. August 9 Mark, vom 11. bis 20. August 8 Mark für den Zentner. 21. bis 31. August 7 Mark, 1. bis 10. September 6 Mark, 10. bis 20. September 5 Mark, 30.09. 4 Mark 50.
Für die Spätkartoffeln war die Zeit vom 1. Oktober 1916 bis 15. Februar 1917 der Betrag von 4 Mark für den Zentner festgesetzt. Nach dem 16. Februar 5 Mark.
Eine Folge dieser Verordnung war, daß eine Menge vorzeitig ausgemacht wurden, die dann in die großen Städte verkauft wurden, vielfach aber verdarben. Einsichtige Landleute hatten davor gewarnt. Nachdem sich gezeigt hatte, daß die Kartoffelernte im Herbst sich nicht so günstig gestaltete wie im Jahr zuvor, wurden pro Kopf und Woche anfänglich 750 Gramm festgesetzt, die aber bald auf 1 Pfund vermindert wurden. An Großvieh durften überhaupt keine mehr verfüttert werden, an Schweine und Hühner nur kleine und schadhafte. Diese Bestimmungen waren nicht zwingend, um die Schweinezucht zu fördern. Bei Enteignungen sollten statt 4 Mark nur 2 Mark 50 bezahlt werden. Bohnen waren mit 30 Mark der Zentner zu bezahlen, vom 1. August an 20 Mark. Davon gab es eine große Menge, ebenso alle Arten von Gemüse. Weißkraut kostete 8 Mark, vom 1. September an 9 Mark, Gelbrüben 9 Mark der Zentner, Gurken 100 Stück 1 Mark 50. Das alles waren Preise für den Erzeuger. Die Verkäufer erhielten für Bohnen 38 und 28 Mark, Weißkraut 12, 6 und 5 Mark, Zwiebeln 12 Mark, Gurken 100 Stück 2 Mark. Pferdefleisch, das in den Städten viel zum Verkauf kam, kostete mit Knochen 1 Mark 20 das Pfund, ohne Knochen 1 Mark 40, nur Knochen 20 Pfennig.
Daß infolge des Krieges viel Geld unter die Leute kam, bewiesen die fortwährend steigenden Einlagen bei den Sparkassen, die Höhe der Güterpreise und die Zeichnungen der Kriegsanleihen.
Die an der Somme entbrannten Kämpfe brachten auch in das Alsenztal etwas mehr kriegerischen Verkehr. Montag, den 2. Juli, nachmittags 1 Uhr zog südlich von Oberndorf ein Luftballon, mit eisernen Kreuzen versehen, vorüber. In der Nacht vom ersten auf zweiten August fuhren 12 Züge mit jungen Leuten, die einrücken mussten, an dem Ort vorbei. Dem Ernst der Zeit entsprechend war von dem Jubel bei Beginn des Krieges nichts mehr zu merken. An diesen Tagen war Kanonendonner aus Südwesten hörbar. Mittwoch den 2. August, kam ein Zug mit französischer Bevölkerung hier durch, welche aus ihrer Heimat hinter der deutschen Linie im nördlichen Frankreich nach anderen Gegenden hinter der deutschen Linie gebracht wurden, um dort ihren Landsleuten beim Einbringen der Ernte behilflich zu sein. Während der folgenden Augusttage war es sehr ruhig, Truppen kamen nicht mehr vorbei, Kanonendonner war bis zum 29. August nicht mehr hörbar.
Etwas mehr Leben brachte der September. Der Jahrgang 1897 rückte ein am 15. September. Am 30. abends 5 Uhr brachte ein großer Zug die in Kaiserslautern für das 23. bayerische Infanterieregiment ausgebildeten Soldaten nach der Westfront. Dabei befanden sich viele aus unserer Gegend. Man glaubte sich wieder in die ersten Tage des Krieges versetzt. Heller Jubel schallte aus den Zügen heraus, auf den Wagendächern standen und saßen die Vaterlandsverteidiger, schwenkten Fähnchen, winkten den Ortsbewohnern zu. Am nächsten Tag folgte ein Zug mit Nachschub für das 18. bayerische Infanterieregiment.
Ferner ging am Namenstag des Königs Otto von Bayern, der am 11. Oktober starb, ein Zug mit Soldaten durchs Tal und am 17. Oktober ein großer Transport Artillerie. Sonntag, dem 22. Oktober fuhr wieder ein Zeppelin südlich von Oberndorf gegen Westen und am 10. November ein Flieger in gleicher Richtung, letzterer in sehr rascher Fahrt.
Hatte man von August ab von Kanonendommer hier fast gar nichts mehr gehört, so setzte dasselbe im Herbst wieder sehr heftig ein. Namentlich war das in der Zeit um den 22. Oktober der Fall, obwohl Nordwind herrschte, war der von den Kämpfen in Verdun herrührende Schall (Douaumont – Vaux) sehr deutlich hörbar.
Die Verkehrsverhältnisse gestalteten sich 1916 noch ungünstiger als in der vorangegangenen Kriegszeit. Zwar der Bahnverkehr konnte noch befriedigen, wenn auch die Zahl der Züge sehr eingeschränkt war. Aufwärts gingen vormittags zwei, um 6 und um halb 12 Uhr, nachmittags ebensoviel um 4 und 8 Uhr: Abwärts vormittags einer um 7 Uhr 15 und nachmittags drei, um 1, 5 und 8 Uhr 30. Die beiden Schnellzüge vormittags 9 Uhr abwärts und mittags 1 Uhr aufwärts konnten von Talbewohnern nicht benutzt werden. Schlimmer stand es mit dem Frachtverkehr. Bis zum 1. Oktober gab es zwar täglich zweimal Post, mittags um 2 Uhr und abends um 8 Uhr, letztere mußten sich aber die Leute selber abholen. Was aber abends noch nach Alsenz kam, blieb bis um 2 Uhr des nächsten Tages dort liegen. Vom 1. Oktober 1916 an wurde die Abendpost nach Kriegsfeld auf 40jährigen Kutschen mitgefahren und nur um 2 Uhr mittags konnte man erfahren, was in der Welt vorgeht.
Nach auswärts gab es nur noch eine Verbindung abends um halb 7 Uhr. Alle Verbesserungsvorschläge wurden von der Postbehörde abgelehnt. Es hatte das bei Trauerfällen, so wie auch in geschäftlichen Angelegenheiten große Unannehmlichkeiten zur Folge. Auch das mußte getragen werden.

Kriegschronik 1914 – 1918 II. Teil (1914-1915)

Der Kampf

Die Nachricht von der Erstürmung der Festung Lüttich verbreitete sich am frühen Morgen des 8. August. Es war dies ein sehr heißer Tag, 40° Celsius in der Sonne!
Der folgende Sonntag, für den ein außerordentlicher Buß- und Bettag angeordnet war, führte in beiden Gemeinden viele Teilnehmer ins Gotteshaus. Die Not der Zeit aber erforderte es, daß unmittelbar nach dem Gottesdienst die Erntearbeit wieder aufgenommen wurde. In unserem Tal merkte man wenig mehr von den Vorgängen draußen. Man hörte nur, daß von Münster am Stein aus sowohl auf der Rhein-Bahn als auf der strategischen Bahn, und über Kaiserslautern Truppenzüge in endloser Folge befördert würden. Hier bekommen wir nicht einen einzigen Zug mit Soldaten zu sehen. In dumpfen Bangen und quälender Ungewissheit ging der 10. August vorbei. Allgemein glaubte man, es liege etwas in der Luft, aber niemand wusste, was es sei. Alle Nachrichten blieben aus. Nur einige Erfolge gegen die Russen wurden gemeldet. Mit tiefer Befriedigung wurde das Vorgehen eines deutschen Minenlegers gegen die Themsemündung aufgenommen.
Der 11. August brachte die Nachricht, daß eine französische Abteilung, die von Belfort nach Mühlhausen vorgebrochen war, zurückgedrängt wurde. Das gab freudigen Mut, zumal in Mühlhausen sich ein Oberndorfer befand als Bahnbediensteter, um den sich seine alte Mutter Sorgen machte. An diesem Tag und am 19. August stand der Berichterstatter an der Bahn Posten, um es Ortseinwohnern, die diesen Dienst zu versehen hatten, aber mit dringender Erntearbeit beschäftigt waren, diese zu ermöglichen. Es herrschte in der ganzen Pfalz eine glühende Hitze, die die Erntearbeiten sehr förderte, aber unseren Soldaten draußen viel zu schaffen machte. Große Freude löste das siegreiche Gefecht bei Lagarde, bei dem sich die Bayern hervortaten, in der Heimat aus. Die Ungeduld, mit der man neueste Nachrichten vom Kriegsschauplatz erwartete, wurde immer größer. Indessen schwärmten die unsinnigsten, wildesten Gerüchte durch die Luft. So wurde verbreitet: Das 5. bayerische Feldartillerieregiment und das erste schwere Reiterregiment seien völlig aufgerieben und 5000 Mann durch vergiftetes Brunnenwasser umgekommen; der Kronprinz von Preußen sei gefangen; Metz werde geräumt; Kaiserslautern sei bedroht u.s.w. Es machten sich einige frevelhafte Schwätzer ein Vergnügen daraus, möglichst große Aufregung zu verursachen. Der Eisenbahnverkehr war um diese Zeit, Mitte August, fast ganz eingestellt. Nur zwei Züge verkehrten täglich in jeder Richtung, dagegen zeigten sich immer mehr Kraftwagen auf den Straßen mit Kriegsbedarf. Von Seiten der Behörden wurden, um eine Verteuerung der Lebensmittel hintanzuhalten, Höchstpreise festgesetzt für Roggen auf 22, für Weizen auf 25, für Hafer auf 25,50, für Weismehl auf 45 Mark. Diese Preise wurden aber trotzdem in der Folgezeit bedeutend überschritten. Allmählich beruhigten sich die Gemüter etwas und gewannen Vertrauen zu der Deutschen Heeresführung und den von ihr herausgegebenen Berichten. Am 16. und 17. August setzte Regenwetter ein. Die Post hatte ihren Fahrplan geändert. Sie kam morgens um 8 Uhr, mittags um 3 und abends um 8 Uhr von Alsenz und ging mittags um 1 Uhr und abends 1/2 7 nach dorten. Ungeduldig erwartete man jedesmal deren Ankunft und die Postsachen wurden sofort von den Einwohnern selber abgeholt. Die Zeitungen wurden schon auf dem Heimweg gelesen. Briefsachen von Soldaten brauchten 6 – 8 Tage, bis sie an Ort und Stelle kamen, was vielen als eine sehr lange Zeit erschien.

Da am 18. August wieder bessere Witterung eintrat, wurde die Erntearbeit wieder aufgenommen. Nach drei Tagen größter Spannung wurden wieder Erfolge der Deutschen in Belgien und in B. gemeldet. Immer mehr Kraftwagen rasten in scharfer Fahrt durch das Tal, während die Eisenbahn vom Militär fast garnicht mehr benutzt wurde.
Der Vormittag des 21. August brachte die Nachricht „Brüssel ist besetzt“. Nachmittags 1 Uhr fand eine Sonnenfinsternis statt, was ängstlichen Gemütern als ein schlimmes Zeichen erscheinen wollte. Und doch traf am Abend die Nachricht von einem großen Sieg der Deutschen bei Dieuze unter Führung des bayerischen Kronprinzen ein. Da an demselben die bayerischen Truppen stark beteiligt waren, herrschte große Sorge, weil viele ihre Angehörigen tot oder verwundet glaubten. Der Sieg selber verursachte großen Jubel.
29. August, die Gottesdienste sind fortwährend gut besucht. Die Frauen, deren Männer im Felde stehen, kommen in schwarzen Kleidern ohne Hüte zur Kirche. Aber leider gibt es auch in dieser schweren Zeit ganze Familien, die es nicht über sich bringen können, das Gotteshaus zu besuchen. Andere dagegen entschuldigen sich, wenn sie aus einem Grunde nicht erscheinen können. Die zwei aktiven Oberndorfer Soldaten sind verwundet, Lehrer Gunter Wenz, der in Zweibrücken und Joh. Schückler, der in Straßburg im Lazarett liegt.
Der katholische Pfarrer hat es für nötig gehalten auf der Kanzel dagegen Verwahrung einzulegen, dass in Lothringen katholische Pfarrer erschossen worden seien und doch wiesen die Zeitungen immer wieder neue Beweise auf, an der gehässigen Haltung der katholischen Pfarrer aus Elsass-Lothringen gegen die Deutschen.
Auch bestätigten im Laufe der Zeit eine ganze Anzahl an Soldaten dem Berichterstatter, wie die deutschen Soldaten sich gegen die Umtriebe der katholischen Pfarrer wehren mussten. Sie wirkten teils erschrocken, teils gefangen gesetzt und ihm Geiste zerstört. Zu selbem in Oberndorf konnte man von Katholiken die Äußerung hören, „es mache gar nichts aus, wenn die Franzosen kämen: dann würde alles katholisch“. Wie kommt das Volk zu solchen Äußerungen?
Die letzten Augusttage brachten fortwährend neue Nachrichten von neuesten Fortschritten unserer Truppen in Belgien und Nordfrankreich, was große Freude hervorrief  und gute Hoffnungen erweckte. Bis längstens Weihnachten, glaubte man, werde der Krieg zu Ende sein!

Die Ernte

Bei der sehr günstigen Witterung war die Ernte Ende August eingebracht und oft über alles Erwarten gut ausgefallen.

Weitere Kämpfe

Der Sedanstag ging still vorüber in der Hoffnung auf baldige Siegesnachrichten. Die Spannung darauf war sehr groß. Allgemein herrschte das Gefühl, daß etwas besonderes zu erwarten sei. Die Soldaten bemerkten in ihren Briefen „Eine Entscheidungsschlacht steht bevor“! Am 9. September trafen die Nachrichten von Siegen der Österreicher über die Russen und dem Zurückdrängen von 10 französischen Armeekorps bei Reims ein. Die Deutschen näher an Paris! Die französische Regierung in Bordeaux. Getreidepreise: Hafer 21,50, Roggen 20, Weizen 24 Mark.
Sonntag, den 6. September. Musste auch die Kirchweihe ausfallen, so herrschte an diesen Tagen doch Freude, weil der Brand der Festung Maubeuge gemeldet wurde. In aller Frühe des 9. September musste der Familie Schlarb die Mitteilung gemacht werden, daß ihr Sohn Friedrich am 2. September gefallen sei. Es war dies keine leichte Aufgabe für den Pfarrer! Wenn es nur Gottes Wille wäre und es kämen keine Trauernachrichten hier an! Das Jahr 1914 ging auch ohne weitere Verluste für Oberndorf und Mannweiler vorüber. Aber die Familie Wenger in Cölln verlor am 28. September einen Sohn und am 23. Dezember eine kriegsmäßig getraute junge Frau – Wilhelmine Linn von Oberndorf – ihren Mann. Die Kunde von dem Fall der Festung Maubeuge, die am 8. September eintraf, sowie die in den nachfolgenden Tagen eintreffenden über Gefechte bei Paris, vor Verdun und in Ostpreußen ließen die Hoffnung groß werden, der Krieg könnte bald zu Ende gehen. Die immer zahlreicher zurückkommenden Verwundeten und die größer werdende Zahl von Vermißten ließen immer deutlicher werden, wie furchtbar schwer der uns aufgezwungene Kampf ist. In die stetig zunehmende Erwartung neuer Siegesnachrichten mischen sich die unsinnigsten Gerüchte. So wurde am 17. September verbreitet, die Franzosen seien im Anmarsch auf Kaiserslautern. Dabei stand es um unsere Sache sehr gut und es wurde mit Glockenläuten begrüßt, als am 18. September siegreiche Gefechte unserer Truppen vor Paris gemeldet wurden. Mit ganz besonderer Freude wurde die Vernichtung von drei englischen Kriegsschiffen durch ein deutsches Unterseeboot am 29. September aufgenommen.
Wie schnell sich aber doch der Mensch an alles gewöhnt! Hier geht alles seinen Gang, als ob gar kein Krieg wäre. Man spricht nur noch des Gespräches halber vom Krieg. Wer selbst nicht unmittelbar von der Kriegsnot betroffen ist, hat vielfach gar kein Verständnis für das, was Anderer Herz bewegt, wie diese in Angst und Sorge sind. Diese beteiligen sich auch in geringstem Maße an der Liebesarbeit. Ja, ein Einwohner von Oberndorf hatte sich einen feinen und klugen Plan ersonnen, wie er den Schrecken des Krieges, falls sie in unsere Gegend getragen werden sollten, zu entgehen gedachte. Er malte sich die Sache so aus: „Wenn die Franzosen kommen, schlachte ich ein fettes Schwein, lade sie zum Essen ein, bewirte sie gut und dann werden sie meine Familie und mein Anwesen in Ruhe lassen“. Für die Feinde hätte dieser Mann einige Hundert Mark übrig gehabt, für die Soldaten des eigenen Landes blieb seine Hand ziemlich verschlossen. Nur wenige Mark, die in keinem Verhältnis zu seinem Vermögen und zu dem Gewinn, den ihm der Krieg gebracht hat, standen, wurden von ihm gespendet. Er selber hatte aber niemand im Felde stehen und spürte darum nichts von der schweren Zeit am eigenen Fleische. Solche Erfahrungen wurden übrigens auch anderwärts mehrfach gemacht, wie aus der Zeitschrift „Die Dorfkirche“ hervorgeht.
Vermehrte Arbeit brachte dem Pfarrer der Wiederbeginn der Schule anfangs Oktober. Da nämlich die Mitführung der protestantischen Schule in Oberndorf dem katholischen Lehrer daselbst umfänglich übertragen war, hatte der Pfarrer den ganzen Religionsunterricht zu übernehmen. Diese Anordnung blieb fortbestehen, als die Oberndorfer Schule dem protestantischen Hilfslehrer von Mannweiler übertragen wurde. Es war dies umso notwendiger, als es sehr schwer gefallen wäre, für den Fortbildungsunterricht eine geeignete Zeit heraus zu finden.
Der Fall von Antwerpen wurde am 9. Oktober mit Glockengeläut gefeiert. Die Fruchtpreise waren anfangs November sehr hoch gestiegen. Weizen wurde mit 28 M, Roggen mit 26, Gerste mit 23 Mark bezahlt. In Erwartung noch höherer Preise verkauften die Landwirte keine Kartoffeln zu 3,50 – 4 M.
Es war für arme Familien, deren Ernährer im Feld standen, sehr hart, zumal das Brot und das Fleisch sehr in die Höhe gingen, nämlich auf 90 Pf.
Je näher das Weihnachtsfest heranrückte, umso größer wurde die Hoffnung, um so lauter der Wunsch, es möchte den Frieden bringen. Aber Weihnachten und Neujahr gingen vorüber, ohne daß sich auch nur die leiseste Spur davon zeigte, daß es bald Friede werde. So einfach ist wohl auch selten Weihnachten gefeiert worden und so still Neujahr noch selten vorüber gegangen als diesmal. Die Gottesdienste waren sehr gut besucht und die Abendmahlfeiern an Weihnachten wiesen mehr Teilnehmer auf als sonst, obwohl doch viele Männer nicht zuhause waren. An Weihnachten wurde den Angehörigen der drei bis dahin Gefallenen vom Pfarrer Gedenkblätter vom Kunstverlag Henkel in Stuttgart übergeben, die mit herzlichem Dank entgegen genommen wurden. Dieselben haben oben die Inschrift „Sei getreu bis in den Tod“! Die Heilandsgestalt schwebt über Kriegergestalten, die tot oder sterbend am Boden liegen, während ihre Fahnen siegreich weiter getragen werden. Am Fuße des Blattes findet sich der Aufdruck „Im Feldzug 1914 fand den ehrenvollen Tod fürs Vaterland“. Darunter wurde der Name des Gefallenen, sein Geburtstag, der Tag und der Ort, an dem er gefallen ist, eingetragen. Solche Blätter erhielten die Familien Schlarb – Oberndorf, Wasem – Morsbacherhof und Wenger – Cölln. Seit August waren Eugen Zepp – Oberndorf und Jacob Wenz vom Bremrich vermißt.

Das Kriegsjahr 1915

Die Lebensmittel

In der bestimmten Erwartung, daß das neue Jahr wenigstens den Frieden bringen werde, trat man in das selbe ein. Aber die Vorbereitungen, die zu Beginn des Jahres getroffen wurden, ließen erkennen, daß noch kein Ende des furchtbaren Ringens abzusehen sei. Alle Vorräte an Brotgetreide und Mehl wurden beschlagnahmt. Die wichtigste Neuerung aber war die Einführung der Brotkarte, die im Februar erfolgte. Spätere Geschlechter werden sich darunter kaum etwas vorstellen können, weil sie ja bis dahin etwas Unbekanntes war. Zum besseren Verständnis sei dazu mitgeteilt, daß jedem Einwohner, ob klein oder groß, reich oder arm, für den Tag 200 später 250 gr. Brot zugeteilt wurden. Das wurde auf je 10 Tage umgerechnet und demnach jeder Familie eine Anzahl Karten zu je drei Pfund Brot zugewiesen. Innerhalb der aufgedruckten 10 Tage mußten die Karten verbraucht werden, sonst verloren sie ihre Gültigkeit. Anstatt des Brotes konnte auch eine entsprechende Menge Mehl bezogen werden, z.B. statt 3 Pfund Brot 2 Pfund Roggenmehl. Nur Roggenbrot gab es und Kriegsbrötchen aus Weizenmehl zu 80 gr. Wer letztere beziehen wollte, musste eine Brotkarte umtauschen auf 12 Brötchen. Bei Reisen gab es Sonderbrotmarken; sonst galten sie nur innerhalb des sogenannten Kommunalverbandes, der gewöhnlich ein Bezirksamt umfasste.
Das Roggenmehl wurde auf 95 und das Weizenmehl auf 82 % ausgemahlen, so daß beides Mehl dunkel war. Bei der Herstellung des Brotes mussten geriebene Kartoffeln oder Kartoffelmehl zugesetzt werden. So war dann auch bei uns eingetreten, was bei Hesekiel 4.16 geschrieben steht: „Sie mussten das Brot nach dem Gewicht essen und mit Kummer“.
Anfänglich nahm man diese Neuerung mit gemischten, ja mit bangen Gefühlen hin, glaubte man doch, mit der zugewiesenen Menge Brot nicht auskommen zu können. Bei kinderreichen Familien, die nicht haushalten und nicht kochen konnten, kam es anfänglich wirklich vor, daß das Brot längst alle war, bevor es neue Brotkarten gab. Bald aber wusste man sich einzurichten und es zeigte sich, daß die zugewiesene Menge ausreichte. Diese Einrichtung wurde nicht etwa deshalb getroffen, weil nicht genügend Brotfrucht vorhanden war, sondern weil man jede Vergeudung verhindern und sicher erreichen wollte, daß die Vorräte bis zur neuen Ernte ausreichen.
Für die Zeit der Feldarbeit wurde die Brotmenge vergrößert und auch allen schwer Arbeitenden zugestanden. So wie sich die neue Ernte übersehen ließ, wurde die tägliche Menge allgemein auf 250 gr. festgesetzt. Besser waren natürlich die daran, die auf Brotkarten verzichteten und sich mit ihren Vorräten selbst versorgten. Ihnen wurde eine entsprechende Menge Frucht oder Mehl gelassen, das Übrige aber beschlagnahmt. Wäre das letztere gründlich geschehen, dann wären auch die Selbstversorger, wie man sie nannte, nicht besser gestellt gewesen, als die Anderen. Aber man verstand es, gewisse Mengen Frucht und Mehl über das vorgeschriebene Maß zurückzuhalten und brauchte sich danach nicht einzuschränken.
Nach dem Einbringen der neuen Ernte verstand man diese Selbstversorgung auch besser. Diese Ungleichheit erzeugte manchen Unwillen, was sehr begreiflich ist. Der Preis des Brotes wurde ebenfalls vom Kommunalverband festgesetzt und zwar zunächst auf
1 Mark 50 für 6 Pfund in unserem Bezirk. Da dieser Preis aber in keinem Verhältnis zu dem Getreidepreis stand, wurde er bald auf 98 Pfennig ermäßigt, der dann das ganze Jahr hindurch galt. Ein Kriegsbrötchen (Marke) zu 80 gr. kostete 69 Pfennig. Schlimmer stand es um die Versorgung mit Kartoffeln. Da man zu der Zeit, als sie gelegt wurden, noch an keinen Krieg dachte, pflanzte man auch nicht mehr als sonst. Zum Glück war die Ernte derselben 1914 sehr gut ausgefallen, so daß große Vorräte vorhanden waren. Aber leider meinten manche mit dem Preis von 4 Mark, gegen 2 – 2,50 Mark in früheren Jahren nicht zufrieden sein zu können, verlangten vielmehr 5 – 6 Mark. Dadurch kam es, daß viele zurückgehalten wurden, die dann verfaulten. Im Jahr 1915 sah man sich besser vor. Jedes Fleckchen Erde wurde mitgenutzt und mit Kartoffeln bepflanzt, selbst alte Weinberge wurden ausgehauen und dazu verwendet. Und wiederum war die Ernte eine sehr ergiebige, manche wussten sie nicht alle in den Kellern unterzubringen. Der Preis war auf 3 Mark 50 festgesetzt. Aber auch dieser wurde durch allerlei Vorwände zu überschreiten gesucht und als nicht genügende Mengen zum Verkauf angeboten wurden, musste der Preis gegen Ende des Jahres auf 3,70 Mark erhöht werden. Das war für arme Leute, die kein eigenes Feld besaßen, sehr hart.
Ganz ungewöhnlich schnellte der Preis für Fleisch im Laufe des Jahres in die Höhe. Es war dies eine Folge davon, daß im vorangegangenen Winter aus Furcht vor Futtermangel 7 Millionen Schweine abgeschlachtet und zu Dauerware verarbeitet wurden. Viel von dieser Dauerware (Gefrierfleisch) ist zu Grunde gegangen. Von 90 Pfennig stieg das Schweinefleisch bis auf das Doppelte, ging dann wieder auf 1 Mark 20 zurück. Das Rindfleisch hielt sich ziemlich auf gleicher Höhe 1,20 – 1,30 Mark, ebenso das Kalbfleisch 1 M – 1 M 20. Außerordentlich teuer wurde allmählich das Fett aller Art und Öl. Außer Butter war fast kein Fett mehr zu bekommen. Der Höchstpreis für Butter wurde auf 1 Mark 50 festgesetzt, welche aber auch nur selten zu haben war. An manchen Orten wurde bis zu 2 M 50 dafür bezahlt. Die Ausfuhr aus den Bezirken war verboten, wurde aber doch des hohen Preises wegen auf alle Arten versucht, bis einige erwischt und ordentlich bestraft wurden. Das Speiseöl kam auf über 2 Mark das Liter  zu stehen, Schweineschmalz 1,8 Mark, Schweinefett gleich dem Rindfleisch, Maismehl 26 Pfennig, der Liter Bier 34 Pfennig. Für Heu wurde bei der Ernte ein Preis von 4 Mark bewilligt und später bis auf 6 M für den Zentner erhöht. Am meisten stiegen die Gerstenpreise, nämlich auf 370 und sogar 400 M die Tonne. Im Juli kostete Roggen 230, Weizen 270, Hafer 200 M die Tonne.
Mehr noch als im ersten Kriegswinter machte sich im zweiten ein empfindlicher Mangel an Petroleum geltend. Orte, die elektrische oder Gasbeleuchtung hatten, erhielten von der Zentralverkaufsstelle viel weniger zugewiesen als andere. Wer es irgend machen konnte, ließ sich hier darum elektrisches Licht einrichten. Von Ort zu Ort zog man, um ein paar Schoppen Petroleum zu bekommen. Spiritus- und Acetylenbeleuchtung wurde eingerichtet. Namentlich die Höfe waren recht schlimm dran. Aber auch diese Mißstände wurden ertragen und überwunden, aber freudig wurde das zunehmen der Tage begrüßt.

Die eigentlichen Kriegsereignisse, die ja 1915 oft außerordentlich bedeutend waren, wurden sehr lebhaft verfolgt. Mit freudiger Genugtuung wurde die Ankündigung der Reichsregierung begrüßt, daß vom 18. Februar an auf das schärfste mittels Unterseebooten gegen England vorgegangen werden solle, um dessen Aushungerungspläne zu vernichten. Wollte uns auch Amerika späterhin diese Waffe aus der Hand schlagen, sie wurde doch das ganze Jahr hindurch mit bestem Erfolg angewandt und jede Vernichtung eines englischen Schiffes bejubelt, jede Vernichtung eines Unterseebootes aufrichtig bedauert. Nicht geringe Freude verursachte das Vorgehen unserer Luftschiffe gegen England. Ganz besonderen Abscheu erregte die Ermordung von Unterseebootleuten durch den Dampfer Banlong und das Versagen von Hilfe für die Insassen eines Luftschiffes, die sich in Seenot befanden. An beidem konnte man so recht die Niedertracht und Unmenschlichkeit der Engländer kennen lernen. Sie mußten es büßen. Unsere Luftschiffe, die quer über England und auch Paris flogen, rächten unsere Helden. Schon im Februar 1915 lag bange Sorge wegen der Haltung Italiens auf den Gemütern, da die Telegrafenlinien dorthin, angeblich durch Schnee, unterbrochen war, machte man sich auf Schlimmes gefasst. Der Umstand aber, daß ungeheuere Mengen Kohle durchs Alsenztal nach Süden geschafft wurden, offenbar nach Italien, ließ immer wieder die Hoffnung aufleben, es werde nicht zum Bruch des seit 33 Jahren bestehenden Bündnisses kommen. Erst das Pfingstfest sollte die traurige Gewissheit bringen, Italien sei nun doch zum Verräter geworden. Eine besondere Erregung der Gemüter zeigte sich deshalb nicht mehr. Man hatte sich nach und nach an den Gedanken gewöhnt, aber ein tiefer Abscheu über diese Ehrlosigkeit griff um sich. Von Furcht war keine Rede, man bedauerte nur lebhaft, daß das Blutvergießen und Menschenschlachten vermehrt und verlängert wurde. Ein trauriges Stück Weltgeschichte! Daß bei diesem Verhalten der Italiener unsere Erfolge im Osten nur umso lauter und freudiger begrüßt wurden, war ganz selbstverständlich. Den Anfang machte Hindenburg in Ostpreussen, der 100 000 Russen gefangen nahm und 300 Kanonen erbeutete. Das waren gewaltige Zahlen. Dazu kamen als Fortsetzung die Siege in Galizien unter Mackensen, die jedes Herz höher schlagen ließen. Als dann  in rascher Folge die Festungen Przemysl und Lemberg zurückgewonnen und die sämtlichen in Polen erobert wurden, da atmete man erleichtert auf und glaubte das Ende des Krieges nahe. Leider war es eine Täuschung.
Allmählich hatte man sich an die Siege unseres Heeres so gewöhnt, daß man die Zurückweisung des gewaltigen Herbstangriffs der Franzosen und Engländer auf der Westfront, sowie das ungestüme siegreiche Vordringen auf dem Balkan als etwas ganz natürliches hinnahm. Auffallender Weise hatte die Pfarrgemeinde bei all diesen furchtbaren Kämpfen keine Verluste zu beklagen, obwohl auf fast allen Kriegsschauplätzen Angehörige mitzukämpfen hatten.
Doch ganz ohne Trauerbotschaft gimg das Jahr 1915 auch nicht vorüber. Die eine traf im April ein, wo Adolf Schlarpp vom Schmalfeld in den Vogesen fiel, und die andere in der Weihnachtswoche, die den Tod des Lehrers Ebersold in Nordfrankreich meldete.

Besondere Ereignisse

Einige Erlebnisse verdienen erwähnt zu werden.
Zunächst die Überführung französischer Landbevölkerung aus dem Kampfgebiet nach dem südlichen Frankreich. Mehrere Züge mit solchen fuhren durch das Alsenztal und wurden natürlich von der Bevölkerung, namentlich den Kindern, betrachtet. Sie machten einen sehr kläglichen Eindruck. Aber noch kläglicher war ihr Benehmen, streckten sie doch gegen die an der Bahnlinie Stehenden die Zungen heraus und dergleichen. Gewiß kein Zeichen besonderer Kultur!
Über die Pfingsttage, am 23. und 24. Mai, herrschte sehr schönes Frühlingswetter. Das brachte an den benachbarten Ausflugsorten Ebernburg, Münster, Kreuznach einen sehr lebhaften Verkehr. Man glaubte im Frieden zu leben. In den Lazaretten wurden die Verwundeten von ihren Angehörigen und Bekannten besucht und machten mit diesen, soweit sie nicht in die Heimat gereist waren, Ausflüge in die Alsenzgegend. Überall traf man Feldgraue. Am Pfimgstsonntag bekam man auch in unserer Gegend einen Begriff davon, was Artillerie – Trommelfeuer ist. Von 11 Uhr ab war ein solches so deutlich zu hören, als ob der Kampf sich bei Kaiserslautern abspielte, während er doch in der Champagne stattfand. Das Getöse war furchtbar und manches Auge wurde feucht beim Gedanken an die Opfer, die dieses wahnsinnige Feuer wieder kostete.
Merkwürdigerweise war von da ab den ganzen Sommer hindurch in unserer Gegend kein Kanonendonner mehr wahrnehmbar. Man schrieb das der zunehmenden Belaubung der Wälder und der wärmeren Luft zu. Erst am 4. Oktober war solcher wieder aus Südwesten zu vernehmen, obwohl der Wind aus Nordwesten kam: ferner am 21. Oktober und Mitte und Ende Dezember. Einzelne Schüsse hörte man immer, aber in der angegebenen Zeit war die Kanonade besonders lebhaft.
Eine nicht geringe Aufregung verursachte am 2. Juni die Ankunft eines Kraftwagens mit Militärpersonen, derselbe fuhr den Kirchberg herauf bis zur Kirche, zwei der Insassen zeichneten die Lage der Kirche und der anliegenden Häuser in ihre Karten ein. Sofort verbreitete sich das Gerücht: „Es sind russische Spione!“ Wie dieselben bei dem vorzüglichen Grenz- und Landesschutz noch so weit hätten ins Land hereinkommen sollen, danach fragte man nicht. Das Schwerlichste und Unwahrscheinlichste wurde immer am liebsten geglaubt.
Ein weiteres wichtiges Ereignis für unsere Gegend war die Landung eines deutschen Flugzeugs, die am 18. September bei St. Alban erfolgte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde davon in der Umgebung und viele nutzten den darauffolgenden Sonntag, um dieses neue Kampfmittel in der Nähe zu betrachten. Nachdem Soldaten aus Metz herbeigerufen waren, wurde dasselbe auf Wagen verladen und auf den Bahnhof Mannweiler verbracht. Da konnte man es aus der Nähe besehen. Die Landung erfolgte aus Not, der eine Propeller war abgebrochen. Am 31. Dezember bewegte sich nachmittags wieder ein Flugzeug über unsere Gegend, über den Stahlberg hin auf Suche. Ein anderes war auf dem Stahlberg gelandet.
Das einzige, was unser Tal vom Militär in der Nähe zu sehen bekam, waren zwei Batterien preußischer Artillerie, die am 2. Oktober auf dem Marsch nach Kreuznach, ihrem Standort, hier durchkamen. Die Geschütze, zum Teil den Russen abgenommen, waren noch mit russischen Beutepferden bespannt. Die Leute hatten meistens ein sehr jugendliches Aussehen, waren aber wohlgemut und munter und griffen gerne nach dem Obst, das ihnen gereicht wurde.

Die Ernte

„Die Russen kommen!“ Dieser Ruf verbreitete sich in Windeseile am 12. Juli im Ort. Es war aber kein Schreckensruf. Nicht die von unseren Feinden so viel gepriesene „russische Dampfwalze“ rollte heran, sondern es waren nur einige Zähne, die von den Deutschen ihren Kameraden ausgebrochen waren – russische Gefangenen, die zur Verrichtung der Feldarbeit den Landwirten zugewiesen waren.
Fast gleichzeitig hieß es: „Die Franzosen sind da!“ Auch da handelte es sich nicht um gewaltsam eingedrungene Glieder der französischen Armee, sondern ebenfalls um Gefangene, die gleich den Russen den verhassten „Boches“ helfen mussten, die Felder abzuernten, das Brot einzubringen. Mit welchen Gefühlen das die Vertreter beider Völker taten, geht daraus hervor, daß die Russen sich einbildeten, das Feld für die Franzosen zu bestellen, und die Franzosen wähnten für sich selbst zu sorgen, da ja ihre Heere doch bald am Rhein stehen würden. Bald sahen sie ein, daß es Wahnvorstellungen waren. Abgerissene, verwahrloste, schmutzige, ausgehungerte, aber meist gut gebaute Gestalten waren die Russen. An ihnen konnte man sehen, wie trefflich Väterchen Zar für sie gesorgt hatte. Von ihren Uniformen hatten sie außer den dicken braunen Mänteln fast garnichts mehr. Der Verlausung wegen waren in den Gefangenenlagern alle ihre Kleider verbrannt worden. Mit allerlei zusammengestoppelten Kleidungsstücken notdürftig angetan, machten sie einen kläglichen, durchaus unmilitärischen Eindruck. Auch an ihrer Haltung merkte man wenig von militärischer Zucht. Es waren meist ältere, zur Zeit verheiratete Leute, die hier untergebracht waren. Aber zu ihrer Ehre muß gesagt werden, daß sie sich in das Unvermeidliche schickten. So wie sie merkten, daß man sie als Menschen behandelte und ihnen anmerklich die unersättlichen Mägen füllte, verrichteten sie ganz willig ihre Arbeit und suchten sich auf jede Weise nützlich zu machen. Ihre freien Stunden bei schlechter Witterung und an Sonntagen, benutzten sie zum Flechten von Körben. Mancher Russenkorb wird noch lange als Andenken fortbestehen. Allmählich, als sie herausgefüttert waren, von ihren Dienstherren alte Kleider bekommen oder sich selbst welche von ihrem Verdienst angeschafft hatten, machten sie auch äußerlich einen besseren Eindruck. Auch benehmen sie sich gegen die Einheimischen anständig. Zweierlei konnten sie nicht entbehren: Tabak und Schnaps. Im Vertilgen des letzteren waren sie Meister, wenn auch nüchterne darunter waren. Verbreiteten sich Nachrichten von Siegen über ihr Heer, so freuten sich manche, andere ärgerten sich, von der Unbesiegbarkeit Rußlands waren sie alle überzeugt. An dem Zar hingen sie alle mit Verehrung, dagegen waren sie auf den Großfürsten Nikolaijewitsch nicht gut zu sprechen. Er war ihnen der Urheber des Krieges.
Aus ganz anderem, viel geringerem Holze, waren die französischen Gefangenen. Nicht nur, daß man ihnen den Alkohol- und Zigarettengenuß so wie das Lasterleben anmerkte, sie trugen auch ein sehr freches, anmaßendes Wesen zur Schau. Felsenfest waren sie von dem Endsieg ihres Landes überzeugt und wenn sie Kanonendonner hörten, bildeten sie sich ein, ihre Landsleute würden bald kommen und sie befreien. Sämtliche hatten ihre Uniformen, zum Teil schon neue, feldblau, zum Teil noch die roten Hosen und lange blaue Waffenröcke, die ihnen um die Beine schlotterten. Das unvermeidliche Käppi und ein feldblauer Mantel vervollständigten die Kleidung. Zur Arbeit waren sie wenig geeignet und fast alle zeigten Trotz und Widerwillen. Es half sie aber alles nichts, sie mußten angreifen bei der Ernte. Nach derselben wurden sie alle bis auf einen wieder in die Gefangenenlager abgeschoben. Mit ihnen war ein Auskommen nicht gut möglich, obwohl sie ebenso behandelt wurden, wie die Russen. Die Vertreter der „Grande Nation“ haben einen schlechten Eindruck hinterlassen. Sie glaubten hoch über den Deutschen zu stehen, die Russen dagegen sahen sich alle Fortschritte der deutschen Landwirtschaft an und nahmen sich vor, bei ihrer Rückkehr in die Heimat das Gelernte zu verwenden. Auffallend war das Verhalten der „Verbündeten“ zueinander. Von einer Zuneigung derer, die doch gemeinsam die Deutschen bekämpften, war keine Spur zu finden. Nicht nur gleichgültig sondern geradezu feindselig standen sie einander gegenüber. Offenbar gaben sie sich einander Schuld an ihrem Mißgeschick, aber die Franzosen fühlten sich zu erhaben, sich mit dem russischen Gesindel abzugeben. Bei den Märschen von und zu der Unterkunft, die sich in Alsenz befand, gingen sie immer getrennt, ja die Franzosen eilten lieber freiwillig dorthin, als mit den Russen zu gehen. Der gallische Hochmut konnte sich auch den Leidensgenossen gegenüber nicht verleugnen. So hat es in unserer Gegend eine Zeit gegeben, da man drei Sprachen hören konnte: Deutsch, Russisch und Französisch. Möge sie nie wiederkehren.
Diese Hilfe der Gefangenen bei den landwirtschaftlichen Arbeiten war nicht nur sehr willkommen, sondern dringend erforderlich. Arbeitskräfte waren ja im Kriegsjahr 1915 fast nicht mehr vorhanden. Leute beiderlei Geschlechts, die sich schon zur Ruhe gesetzt hatten, mussten noch einmal zugreifen, als stünden sie noch in den besten Jahren. Die Hauptarbeit lag allerdings auf den Frauen und Kindern. Denn wenn auch die Männer zeitweilig für ihre Arbeiten Urlaub bekamen, so war derselbe doch immer so kurz, daß kaum die nötigsten Änderungen getroffen, geschweige denn dringende Arbeiten vollständig erledigt werden konnten. Mit bewundernswertem Eifer wurde auch alles geschafft. Frauen und Kinder sah man Fuhrwerke benutzen – ein sonst ungewohnter Anblick. Auch halfen sich manche Familien einander wacker aus, wenn es auch einige gegeben hat, die nur an sich dachten und, da sie nicht in Mitleidenschaft gezogen waren, sich um die häusliche Not der Kriegerfrauen nicht kümmerten.
Mit Gottes Hilfe konnte auch diese zweite Kriegsernte glücklich eingebracht werden. Das Wetter war günstig, so daß alles rasch von statten ging. Auch der Ertrag war zufriedenstellend. Das Getreide fiel gut aus und war die Kartoffelernte zum Teil überreichlich. Sorgfältig gepflegte Weinberge ergaben einen vollen Ertrag. Bei dem Mangel an Arbeitskräften konnte aber nicht allen Weinbergen die nötige Pflege zuteil werden, sie hatten darum unter Krankheiten zu leiden und brachten gar keinen Ertrag. Obst gab es, abgesehen von Zwetschgen, die Menge, was von großer Wichtigkeit war, konnte es doch beim Mangel als Zusatz verwendet werden. Viel wurde auch an die Lazarette abgegeben. Auch Gemüse aller Art gab es genug.
Hatte man mit zagem Herzen am Sonntag Rogate einen Bittgottesdienst für die Ernte gehalten, so konnte das Erntedankfest mit frohem Gefühle gefeiert werden.

Das tägliche Leben
blieb auch im Jahr 1915 auf der gleichen Höhe wie 1914. Die Gottsdienste waren selbst zur Zeit dringenster Arbeit gut besucht, die in die Heimat Beurlaubten nahmen fast regelmäßig daran teil und die Zahl der Abendmahlgäste war, trotzdem etliche 70 Männer abwesend waren, größer als die letzten 9 Jahre. Fast sämtliche Urlauber besuchten auch den Pfarrer oder suchten sonst mit ihm zusammenzutreffen, wie dann auch der briefliche Verkehr ein sehr enger blieb. Das Aussehen und körperliche Befinden der Krieger war fast durchweg ein sehr gutes. Nicht besonders gut war es dagegen mit den Schulverhältnissen bestellt. Vom 1. Mai 1915 an wurden die beiden Schulen in Oberndorf, die protestantische und die katholische, von dem katholischen Lehrer geführt. Dann war die protestantische für die Zeit vom 20. September bis 1. Oktober dem Lehrer aus Mannweiler übertragen. Da dieser erklärte, den Organistendienst in Oberndorf zu versehen, hielt der katholische Lehrer den Unterricht weiter, während der Lehrer aus Mannweiler die Schule dortselbst wie bisher mitführte. Der dortige Verweser war nämlich am 1. Mai eingerufen worden und zwar zum 1. bayerischen Ulanenregiment in Bamberg. Dazu kam noch, daß die Herbstferien verlängert wurden, die Unterrichtszeit vermindert und der Unterricht öfter ausgesetzt wurde z.B. bei Siegesfeiern. Im Herbst erkrankten zudem fast alle Kinder nach und nach an Masern. Sehr lebhaft wurden diese mißlichen Verhältnisse von den Eltern beklagt. Die Kinder sind nicht viel gefördert worden, was doch ganz besonders notwendig gewesen wäre. Auch nach dem Tode des Oberndorfer Lehrers führte der katholische die Schule mit bis zur Wiederbesetzung der protestantischen Stelle. Ähnlich lagen die Verhältnisse auf dem Schmalfelderhof. Auch dort nur halber Unterricht, der vom Gaugrehweiler Lehrer versehen wurde.
Das 2. Weihnachtsfest im Felde löste wieder eine rege Liebestätigkeit aus. Nicht nur daß für die öffentliche Sammlung 97 Mark gespendet wurden, es wetteiferten auch die Ortsangehörigen im Erweisen des Dankes. Diesmal raffte sich auch der Gemeinderat zu einer Tat auf und sandte jedem Kriegsteilnehmer ein Geschenk. Dasselbe geschah auch in Mannweiler und Cölln. Das Ende des Jahres brachte noch einen schmerzlichen Trauerfall. Die Frau des in Marokko gefangenen Philipp Fiscus in Cölln erlitt am 31. Dezember einen Schlaganfall, dem sie nach wenigen Minuten erlag. Die Beerdigung derselben fand am Sonntag, dem 2. Januar 1916, statt und es beteiligte sich an derselben eine solche Menschenmenge aus der ganzen Umgegend, daß Cölln ähnliches noch nicht gesehen hat.
Während die Zahl der Taufen sich im Jahr 1914 nur auf 11 belief, waren es im Jahr 1915 davon 15. Bei 7 musste die Bemerkung hinzugefügt werden: Getauft während der Vater im Felde stand. Die Zahl der im Jahr 1915 Verstorbenen betrug 13 und übertraf die von 1914 um 2. Dazu kommen 1914 drei Gefallene und 1915 einer.
Kirchliche Trauungen fanden in den Jahren 1914 und 1915 in der Pfarrei keine statt. Drei Paare wurden außerhalb kriegsmäßig, ohne kirchliche Einsegnung getraut. In zwei Fällen ist der Mann nicht mehr aus dem Feld heimgekehrt, so daß die Ehen nur kurze Zeit bestanden. Die kirchliche Trauung des anderen Paares wird wohl nach Friedensschluß nachgeholt werden.

Kriegschronik 1914 – 1918 I. Teil

Der zur Zeit des ersten Weltkrieges für die Pfarrei Oberndorf mit ihren Kirchen in Oberndorf und Menzweiler (heute die evangelische Kirche im Mannweilerer Ortsteil Cölln) zuständige Pfarrer Philipp Stock schrieb während der Kriegszeit in einer Chronik  die Ereignisse in seiner Pfarrei nieder. Die Chronik belegt dementsprechend auch Ereignisse, die  unseren Nachbarort Mannweiler betreffen, und ist ein lesenswertes Zeitdokument, da die Ereignisse aus Sicht eines Zeitgenossen und ohne Kenntnis des späteren Ergebnisses geschildert werden.
Möglich wurde die Veröffentlichung auf dieser Webseite nur auf Grund der wohlwollenden und unbürokratischen Unterstützung durch die  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere von Frau Dr. Stüber, im Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer, in dem die Kriegschronik in Abteilung 44, Oberndorf Nr. 76 archiviert ist. Ein herzlicher Dank nach Speyer.
Die Onlinestellung erfolgt in loser, jedoch chronologischer Folge des Inhalts im Originalwortlaut, welcher aus der Sütterlinhandschrift in die nachfolgende Abschrift übertragen wurde.

 

Deckblatt Kriegschronik (461 x 716)

 

Ortskirchliche Kriegschronik der Pfarrei Oberndorf, gefertigt von Pfarrer Philipp Stock

Vorbericht

Die Mobilmachung

„Daß es losgeht ist ausgeschlossen !“ So schrieb der Gefreite Peter Wenz, der beim 18. bayerischen Infanterieregiment in Landau stand, zwei Tage bevor der Telegraf die ersten schlimmen Nachrichten brachte, an seine Eltern.
Man sieht damit, wie wenig man in Deutschland an Krieg dachte. Die Heuernte war glücklich eingebracht und hatte einen außergewöhnlich guten Ertrag geliefert. Einzelne Getreidefelder waren schon geschnitten, andere reif zur Ernte. Wem wäre da der Krieg gelegen gekommen? Aber die Ereignisse ließen sich nicht mehr aufhalten. Das Ränkespiel unserer Feinde war durchschaut. Anstatt, wie diese wollten, zu warten, bis die Zeit der Kaisermanöver gekommen war, drängte unser Kaiser den heimtückischen Nachbarn im Osten Farbe zu bekennen, zu gestehen, was er mit seinen gewaltigen Rüstungen an der Grenze Deutschlands und Österreich-Ungarns vorhatte. Manche meinten schon, der Kaiser habe zu lange gewartet, er hätte sollen früher losschlagen und der Ungewissheit, die seit der Ermordung des österreichischen Kronprinzenpaares auf Europa lastete, ein Ende machen.
Als dann am Donnerstag, dem 30 Juli 1914 nachmittags 4 Uhr die zunächst noch unbeglaubigte Nachricht anlangte: „Deutschland macht mobil!“, da bemächtigte sich der Bevölkerung lähmendes Entsetzen, große Beunruhigung. Überall standen Gruppen auf den Straßen, die Arbeit blieb liegen, ängstlich sprach man von dem, was bevorstand. Auch die Wolken wurden immer finsterer. Die Soldaten, welche sich im Ernteurlaub zu Hause befanden, wurden sofort zu ihren Truppenteilen zurückberufen. Obwohl bis zum Abend noch keine amtliche Bestätigung der erfolgten Kriegserklärung vorlag, kauften die Einwohner allerlei Vorräte für die Küche ein. Unter Bangen verging die Nacht. Der frühe Morgen des 31. Juli brachte den Gemütern einige Erleichterung, die Nachrichten lauteten etwas günstiger. Die Alarmmeldungen des vorhergehenden Tagers glaubte man als übertrieben ansehen zu dürfen. Alles atmete etwas auf, wenn auch die Sorgen noch nicht ganz beseitigt waren. Deutschland, hieß es, will bewaffnet dem Kampfe zwischen Österreich und Serbien zusehen: Unterhandlungen würden gepflogen um den Krieg hintanzuhalten. Aber der Tag sollte nicht zu Ende gehen, ohne uns die schreckliche Gewissheit zu bringen, daß wir vor gewaltigen Ereignissen stehen. Um 6 Uhr abends wurde der Kriegszustand öffentlich bekannt gemacht und sofort eine Anzahl Ortsbewohner nach Alsenz bestellt, um bei der Besetzung der Eisenbahn mitzuwirken, die unter der Leitung einer Abteilung aktiver Soldaten vorgenommen wurde. Große Niedergeschlagenheit bei der Bevölkerung, wie ein Alp lag es auf den Herzen. Schwüle Gewitterstimmung lag am Dienstag, dem 1. August über der Erde und den Menschen. Die Nachricht: Preußen habe schon mobil gemacht, Bayern stehe noch aus, erwies sich als unrichtig, aber allgemein wurde der Befehl zur Mobilmachung erwartet. Gegen 6 Uhr abends herrschte noch Ungewissheit, wenn auch mit den Bahnen ungeheure Vorbereitungen getroffen würden. Die ganze Bahnlinie stehe unter militärischer Bewachung, die Bahnhöfe waren besetzt. um 3/4 9 Uhr schreckte die Ortsschelle die Bewohner auf: „Die Mobilmachung war befohlen!“
Als erster Tag derselben war der 2. August, ein Sonntag, bestimmt. Gar mancher hat in der Nacht vom ersten zum zweiten August kein Auge zugetan. Die Gottesdienste am 2. August waren in Oberndorf und Menzweiler von einer großen Zahl tiefbesorgter Teilnehmer besucht. Reichlich flossen die Tränen, auch bei Männern, als das Lied angestimmt wurde: “ O mein Herz gib dich zufrieden und verzage nicht so bald (Nr. 289, ebenso bei der Predigt über Psalm 18.90 mit dem Grundgedanken: „Ein starker Trost in schwerer Zeit!“) An diesem Tage mussten schon einige Ortsangehörige zu den Fahnen. Andere trafen ihre Vorbereitungen, um in den nächsten Tagen abzurücken. Allenthalben sah man die Eingerufenen von ihren Freunden und Bekannten Abschied nehmen. Die Stimmung wurde noch ernster, als bekannt wurde, daß auch der Landsturm von 17 – 45 Jahren aufgerufen werden solle, wozu es aber in der Folge noch nicht dem ganzen Umfange nach kam.
Der dritte August brachte die Nachricht von der Kriegserklärung an Rußland. Jetzt gab es alle Hände voll zu tun, um das Getreide heimzubringen. Die Arbeitskräfte verringerten sich zusehends, die Pferde wurden gemustert und angekauft. Wie ein Trauma lag es auf den Gemütern.
In der Nacht vom 3. auf 4. August hallten im Alsenztal Gewehrschüsse der Bahnwachen durch die Luft. In der Richtung nach Mainz nahm man einen starken Lichtschein wahr und glaubte es mit einem feindlichen Flieger zu tun zu haben, während ein Scheinwerfer aus der Festung Mainz den Luftraum nach Flugzeugen absuchte. Nichts wsesentlich Neues brachte der 4. August, aber umso mehr Aufregung gab es in den Familien, da nach und nach alle gedienten Soldaten fortmussten.
Die Abschiedsszenen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern waren herzzerreißend. Aber welch eine zuversichtliche Stimmung herrschte unter denen, die mit der Bahn durch das Alsenztal zu den Fahnen eilten! Wohl hat ja die Bahn von Münster am Stein bis Langmeil, wie sich im weiteren Verlauf des Krieges zeigte, keine besondere Bedeutung für den Aufmarsch des Heeres gehabt, sie wurde vielmehr nur als Nebenlinie benutzt. Aber die meisten Tage fuhren viel Züge, gefüllt mit Reservisten aus dem Rheinland, durch unser Tal. Diese waren oft reich behängt und mit Inschriften versehen und heller Jubel schallte aus ihnen heraus, ein Zeichen, mit welcher Begeisterung Deutschlands Söhne in den Kampf zogen.
Unbeschwerten Herzens winkten ihnen die Bewohner des Alsenztales Lebewohl zu. Auf den Dächern der Wagen saßen oft die Durchreisenden und der Übermut ging soweit, daß er einen Unglücksfall zur Folge hatte. Bei Imsweiler stürzte ein Mann ab und fiel sich tot.
Mit Begeisterung wurde die Tronrede des Kaisers und die Rede des Kanzlers vom 4. August aufgenommen, welche von den Zeitungen am 5. August gebracht wurden.

Es zitterte zwar immer noch der Abschiedsschmerz nach, wurde aber standhaft verborgen. Große Besorgnis verursacht allerdings die am Vormittag eingetroffene Nachricht, daß nun außer Rußland und Frankreich uns auch noch England den Krieg erklärt habe. Man hatte ja von diesem Lande nichts Gutes erwartet, aber ihm eine solche Heimtücke doch nicht zugetraut. Die Erbitterung darüber kannte keine Grenzen und schwoll immer mehr an, als man die teuflischen Pläne dieses unseligen Krämervolkes von Tag zu Tag besser kennen lernte.
In dieser Zeit gab es für den Pfarrer sehr viele Arbeit, galt es doch den Ausziehenden Mut und Gottvertrauen einzuflößen und die Zurückbleibenden zu trösten. Alle Familien, die ein Glied in den Kampf ziehen lassen mussten, wurden nach und nach besucht, das Verzeichnis der Kämpfer angefertigt und ihre Adressen aufgezeichnet.
Nähere Nachrichten vom Kriegsschauplatz brachte der 6. August noch nicht. In den Gemeinden setzte eine lebhafte Tätigkeit ein, um Fürsorge zu treffen für die Verwundeten. Was geleistet wurde, ist weiter hinten in dieser Schrift zusammengestellt.
Besonders verdient hervorgehoben zu werden, daß auch die Schulkinder ihre Sparbüchsen öffneten und in Oberndorf 40 Mark zur Verfügung stellten. Das von den Einwohnern geschenkte Leinen wurde in den Gemeinden Oberndorf und Mannweiler für die Verwundeten hergerichtet und mit gesammeltem Geld neuer Stoff gekauft und zu Leibwäsche u.s.w. verarbeitet. Die Tage über gingen die Landleute ihrer Arbeit nach, wobei viele einander tatkräftige Hilfe leisteten. Manche allerdings dachten nur an sich und kümmerten sich nicht darum, wie die Familien, deren Oberhäupter im Feld standen, ihre Ernte hereinbrachten.

Vom Weinbau in Oberndorf

Hätt‘ Adam Wein vom Beutelstein besessen, hätt‘ er den Apfel nicht gegessen! (Wandbeschriftung in einer ehemals auf dem Schmalfelderhof betriebenen Gastwirtschaft)

Glass Etikett

Etikett des Land- und Gastwirts Glass, Schmalfelderhof

In römischer Zeit befand sich nordwestlich des Oberndorfer Gemarkungsteils „Holzrott“, heute in Alsenzer Gemarkung (unterhalb der Muhl), eine Villa Rustica. Es ist anzunehmen, dass spätestens Ende des zweiten Jahrhunderts – unter der sicheren und ruhigen Regierung der römischen Kaiser Trajan, Hadrian und Marc Aurel – von dieser Villa Rustica aus mit der den Römern eigenen peinlichen Gewissenhaftigkeit Weinbau betrieben wurde.

In den Wirren der Völkerwanderung wurde die Nordpfalz menschenleer. Der Weinbau wurde erst wieder in fränkischer Zeit unter karolingischer Herrschaft aufgenommen. Jedenfalls ist seit dem Jahr 775 der Weinbau im Nachbarort  Alsenz belegt. Von größter Bedeutung für die Wiedereinführung des Weinbaus war dabei die Errichtung zahlreicher Klöster und Pfarreien. Man brauchte Wein zum Gottesdienst und erhöhte die kirchlichen Einkünfte durch Ausschank und Verkauf des Weines.

Erneut urkundlich erwähnt wurde der Alsenztaler Weinbau in einer Urkunde des Raugrafen Conrad von 1268, in der Dielkirchen als weinbautreibend genannt ist. Das in jener Zeit im Alsenztal auch noch bedeutende Neuanlagen erfolgten, ersieht man aus einer Urkunde von 1292, in der Georg von Stolzenberg dem Kloster Otterberg einen Berg bei Dielkirchen zur Anpflanzung von Reben schenkte. Am 25. Mai 1332 verpfändete Gottfried von Randecken dem Kloster Otterberg 2 Fuder Wein wegen einer von seinem Vater kontrahierten Schuld von 400 Pfund Heller und hat „alle Jahr zu geben zwei Fuder Weingeltes, ein Fuder frentsches Weines und ein Fuder huntsches Weines in dem Gerichte zu Mannwilre“, wobei huntsch für die Rebsorte Heunisch, ein seit ca. 560 als „Hunnenwein“ bekannten Massenträger steht und frentsch für die Rotweinsorte „Gänsefüßler“.

Aus einem Bericht der Kellerei der Moschellandsburg erfahren wir, dass auch 1494 schon verschiedene Weinqualitäten unterschieden und gehandelt wurden. Man kannte sogenannten Hinzwein, ein heuriger Wein, im Gegensatz zum Firnwein, ein vorjähriger Wein. Das Maß Firnwein wurde damals zu 8 Pfennig verkauft. Als weitere Unterscheidung kannte man Bauwein und Wildwein, wobei der Bauwein 1 Pfennig das Maß höher bezahlt wurde als Wildwein. Die Untertanen der Landsburg ließen nämlich die Reben ohne Pflege und Stütze wild wachsen, die Trauben lagen also direkt mit den Reben am Boden, deshalb sei der Wildwein „greulig und herb“. Aufgebundene Reben brachten 1494 dem Landsberger Keller von 20 Morgen Fläche  17 Fuder (16 420 l) Wein.

Da das  Bebauen der Landsberger Weinberge erfahrene Winzer erforderte, wurden Leute aus den weinbautreibenden Ortschaften der näheren Umgebung, darunter auch Oberndorfer, zum Fronen im Weinberg berufen. Zwar durften die Oberndorfer mit drei Weispfennigen je Haus und Jahr die Fron ablösen. Offensichtlich war ihnen dieser Preis zu hoch, denn aus Oberndorf kamen sogenannte „Wingertachter“ (Weinbergfröner) zur Bewirtschaftung der Landsberger Weinberge.

Jedenfalls berief der Verwalter der Landsburg 32  Wingertsachter, alle ausgerüstet mit einer „Schnitzheppen“ (sichelförmig gekrümmtes Rebenmesser) aus den Gemeinden Mannweiler, Niedermoschel und Oberndorf zur Arbeit in die Weinberge, „denn das Rebenschneiden erfordert einen erfahrenen Winzer“. Auf den einzelnen Rebstock wurde eine Bogenrebe und 3 bis 4 Stifte geschnitten, wie z.T. heute noch üblich. Die Fröner erhielten zum Morgenimbs 2 Fronbrote, Milch, dann Suppe, Kappesgemüse, einen Hering oder Eier, alternativ wurde gereicht: Linsenmus, geräucherte Wurst und 1/4 Pfund Fleisch. In der 1/2 stündigen Mittagspause gab es pro Kopf 2 l Wein (!) und den Rest des Morgenimbses. Gegen 4 Uhr war Arbeitsende und es gab nochmals Suppe und Mus. Die Oberndorfer erhielten für den Nachhauseweg jeder 3 Fronbrote.

Wegen der erforderlichen Sorgfalt wurden jedoch die meisten Arbeiten im Weinberg nicht im Fron, sondern im Tagelohn erledigt. Als Tagelöhner erhielt man 10 Heller/Tag.

Auch im Jahr 1578 stand jedenfalls in Oberndorf der Weinbau in voller Blüte. Dies ergibt sich daraus, dass von den damals in Oberndorf ansässigen „36 Herdstätten“ (wohl Familien) sowohl für den Pfarrer als auch für die Herrschaft Randeck der Weinzehnt zu entrichten war und zudem auch noch der zu der Zeit in Oberndorf tätige Glöckner im Jahr 1 Fuder (ca. 960 l) Wein erhielt.

Der dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) beendete diese ruhigen Zeiten und führte – insbesondere ab 1635 – weitgehend zur Entvölkerung des Dorfes. Dementsprechend lagen die Weinberge brach und wuchsen mit Hecken und Dornen zu.

Das damals kurpfälzische Oberndorf gehörte ursprünglich dem Unteramt Rockenhausen an, wurde jedoch 1660 dem Oberamt Alzey, Unteramt Erbes-Büdesheim zugeteilt. Dieses kurpfälzische Oberamt regulierte schon damals den Weinhandel über bestimmte Vorschriften. So mussten weinbautreibende Gemeinden „Weinstecher“ verpflichten. Diese Weinstecher hatten Fässer zu eichen und Weinhändler zu den verkaufswilligen Bauern zu führen. Sie kontrollierten damit den Weinmarkt innerhalb ihrer Gemeinden, indem sie sowohl die richtige Menge den Kaufleuten gegenüber garantierten, als auch den Konkurrenzkampf unter den Weinbauern bezüglich des Absatzes ihrer Weine verhinderten. Sie sorgten somit dafür, dass jeder in einer gerechten Reihenfolge seinen Wein verkaufen konnte und dürften dabei auch auf einen guten Preis für die Weine geachtet haben. In Oberndorf war es allen Gemeindemitgliedern erlaubt, ihren eigenen Wein auszuschenken. Für den Ausschank eigenen Weins brauchte man auch kein „Ungeld“, eine indirekte Verbrauchssteuer in Höhe von 4 Pfund Heller bis zu 6 Gulden pro Fuder ausgeschenkten Weines, zu zahlen. Bevor nicht aller Wein der Gemeindemitglieder verkauft war, durfte kein Wirt solchen von außerhalb des Dorfes anbieten, es sei denn, er hatte  eigene Wingerte in fremden Gemarkungen. Wer  fremden Wein ausschenkte, musste dazu ein „Reis“ an seine Wirtschaftstür stecken und war ungeldpflichtig.

Der Wiederaufbau nach dem dreißigjährigen Krieg setzte erst in den sechziger und siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts langsam wieder ein. Das Amt Landsberg meldete jedenfalls für Oberndorf im Jahr 1674 nur sechs ansässige Familien. Der im Jahr 1689 einsetzende pfälzische Erbfolgekrieg brachte allerdings noch schlimmere Verwüstungen und Zerstörungen. Französische Truppen zerstörten bzw. brannten in dessen Ablauf  in unserer näheren Umgebung die Stadt Rockenhausen, die Altenbaumburg, die Moschellandsburg, Schloss Löwenstein sowie die Burg Randeck nieder.

Randeck (498 x 388)

Ruine Randeck um 1900, gut zu erkennen sind die gepflegten Wingerte unterhalb der Ruine.

Anders als in den großen Städten wie z.B. Heidelberg und Mannheim nahmen sich die französischen Truppen in den Dörfern selten die Zeit zur völligen Zerstörung. Vielmehr zündete man an, was gerade erreichbar war, und verschonte, womit sich Mühe verband. Insbesondere blieben häufig die Kirchen verschont. Dies ist auch der Grund, warum man außer der Kirche in Oberndorf  keine Gebäude findet, die vor der Zerstörung der Pfalz durch die Truppen Ludwig des XIV erbaut wurden. In Folge der Zerstörungen und der auferlegten Kontributionen flohen die Bewohner in unbedrängte Teile des Reiches, was – nach heutigem Kenntnisstand – zur völligen Entvölkerung unseres Dorfes führte. Entsprechend und immer wieder beklagt war der unübersehbare Schaden auch an den Weinbergen, jedenfalls lagen die meisten Weinberge verwüstet und verödet. Es dauerte demgemäß auch viel länger, bis nach dem Erbfolgekrieg der Weinbau wieder erstand. Erst um 1720 ist der erneute  Aufbau des Weinbaus wieder belegt. Dieser war offenkundig zwingend erforderlich, „denn der pfälzische Landmann trinkt das ganze Jahr hindurch bei seiner Arbeit, bei Tische und in der Zwischenzeit Wein. Kein Tagelöhner würde in den Tagelohn gehen, wenn er nicht bei jedem Imbiß jedesmal einen Schoppen bekäme“.

Doch um die Qualität dieses Tropfens stand es schlecht. Um des „Zehntens“ willen wurde hauptsächlich auf Quantität geachtet. Die Zeit der Lese wurde nach fiskalischen Rücksichten und nicht nach dem Reifezustand der Trauben bestimmt, einzelne Weinbergslagen wurden nicht nach der Qualität, sondern nach der Bequemlichkeit der Zehntbeamten, die ihre „Zehntbütten“ möglichst wenig herumfahren wollten, geherbstet (geerntet). Zudem wurden Gehälter zum Teil in Deputatwein, dessen Qualität gleichgültig war, bezahlt. Auch in der Kellerwirtschaft breiteten sich Mißstände aus. Die anscheinend oft vorgekommenen Weinpanschereien führten schon im Jahre 1810 dazu, dass die damalige französische Besatzungsmacht sich genötigt sah, ein Weingesetz zu erlassen, das es zum einen den Weinwirten verbot, in ihren Wirtschaften Bier, Apfel- oder Birnwein oder andere Getränke zu verkaufen, die mit dem Wein unvereinbar sind. Zudem untersagte dieses Gesetz, „Gold- oder Silberglätte, Färbeholz, Heidelbeerwein, Fischleim und andere der Gesundheit schädliche Materien und Mischungen“ in den Wein zu tun und zwar bei Strafe von 500 Franken Geldbuße und einer körperlichen Züchtigung. Aber zugleich brachte die Franzosenherrschaft von 1789 bis 1814 durch das Ausfuhrverbot und die Zollgrenze am Rhein einen weiteren Rückschlag für den Weinbau mit sich. Auch um das Jahr 1910 verstand man sich auf die „Verbesserung“ von Wein. Teilweise streckte man den guten Traubenwein mit Birnenmost, teilweise produzierte man (auch in Oberndorf) sogenannten Sartoriuswein, benannt nach dem Neustadter Reichstagsabgeordneten und Weingutsbesitzer Sartorius, welcher seinen Wein mit Bachwasser und Zucker „verbesserte“ und ihn dennoch, insbesondere an das Offizierskorps des Deutschen Heeres, reichsweit verkaufte. Die Reichsgesetzgebung in Verbindung mit einer immer besseren Analytik in der Weinkontrolle setzte diesem Treiben ein Ende. Jedenfalls ist belegt, dass Oberndorfer Winzer, nachdem die Weinkontrolle ihr Kommen angekündigt hatte, ihre Weinvorräte durch die damals gerade aufgekommenen elektrischen Pumpen vom Keller in den Straßengraben entsorgten. Die Gassenbuben ließen sich diese Gelegenheit nicht entgehen und schlürften diesen Wein aus der Straßenrinne mit den typischen Folgen übermäßigen Alkoholgenusses.

Foto Weinbau

Weinlese in Oberndorf im Kriegsjahr 1915

Als Weinsorte angebaut wurde in Oberndorf meist der „Gänsefüßler“. Jedenfalls war dies der (Rot-)Wein, der in vergangenen Jahrhunderten das meiste Renomme´ erwarb. Der heute (2019)  nicht mehr weinbaulich genutzte Gemarkungsteil „Gänseberg“ dürfte dem Gänsefüßler seinen Namen verdanken.

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Blick von den Gänseberger Wingerten Richtung Dorfmitte. Heute (2019) ist diese Weinbergslage brachgefallen.

Zudem wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts Gutedel und Elbling angebaut. Seitdem gewannen Riesling (eine Kreuzung aus Heunisch und Gewürztraminer), Müller-Thurgau und Sylvaner (früher als Frankenwein oder „Österreicher“ bekannt) in den Lagen „Oberndorfer Beutelstein“, „Oberndorfer Aspenberg“, „Gääseritsch“ und „Oberndorfer Feuersteinrossel“  an Bedeutung.

Beutelstein Großmann RieslingxSylvaner1961

Weinflaschenetikett von 1961,

Auch nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Weinbau (an den Berghängen) deutlich zu. In der Spitze dürfte die Weinbaufläche in der Oberndorfer Gemarkung ca. 40 ha betragen haben. Um an den steilen Hängen des Alsenztales mit seinen Seitentälern die Ertragswingerte bewirtschaften zu können, benötigte man pro ha im Jahr 1900 ca. 2200 Arbeitsstunden. Winzerbetriebe waren in Oberndorf fast immer landwirtschaftliche Mischbetriebe.

Kornbrand

Neben dem Weinbau wurde in Oberndorf auch Hochprozentigeres erzeugt

Die Trauben kamen meist von der Reebe weg nach Neustadt an der Weinstraße, in der Regel zur Weinkellerei Hoch, um dort gekeltert und verschnitten zu werden. Die Vorderpfälzer schätzten nämlich das Lesegut aus dem Alsenztal u.a. wegen des höheren Säuregehaltes. Aber auch schon kurz nach dem 1. Weltkrieg suchte man nach anderen Vermarktungswegen. So sollten die bisher unbekannten Nordpfälzer Weine durch Weinproben den Interessenten und insbesondere dem Weinhandel gegenüber bekannter gemacht werden. Die Initiatoren Linxweiler (Mannweiler) und Otto König (Oberndorf), unter tätiger Mithilfe des Weinbauvereins Mannweiler, veranstalteten am 05.03.1922 im Saale Fuchs in Mannweiler eine große Weinprobe.

Weinprobe

Weinprobenvorbereitung im Saale Fuchs, Mannweiler. Wie zu sehen, stand eine imponierende Auswahl an Weinen zur Probe an. Bei den gezeigten Personen handelt es sich von links um die Herren Neubrech, Wenz Otto, Becker Karl Morsbacherhof, Walter Ernst, Steller und Hermann Spies.

Beteiligt waren fast alle Nordpfälzer weinbautreibenden Orte. Je Probe des vorzustellenden Weines waren zwei Flaschen, gut und reinlichst verkorkt und versehen mit einem Zettel, auf dem Aussteller, Jahrgang und Lage sowie die zu verkaufende Menge vermerkt waren, beim Gastwirt Fuchs abzuliefern. Zu der allgemeinen Probe kamen damals sogar der Regierungspräsident, Herr von Chlingenberg, und der Landwirtschaftsreferent der Pfalz, Oberregierungsrat Stähler (unbestätigten Gerüchten zufolge soll der damals auf der Alsenztalstrecke verkehrende Fernzug Frankfurt – Saarbrücken zwecks Mitnahme der beiden Herren einen außerplanmäßigen Halt im Bahnhof Mannweiler eingelegt haben). „Held des Tages war einer vom Beutelstein“, wie sich aus dem Bericht des Pfarrers Stock Ein Turnier in der Nordpfalz ergibt (vgl. auch ders. Wie es auf dem Maifeld zuging).

Anfangs der 1960er Jahre wurden die Oberndorfer Weinberge durch starke Fröste sowie den weitverbreiteten Reblausbefall schwer geschädigt. In der Folge und wegen der beginnenden Industriealisierung mit ihren Erwerbsmöglichkeiten gaben viele Nebenerwerbswinzer ihre Rebflächen auf und ließen sie brachfallen.

Dies eröffnete Gründern in diesem Bereich neue Chancen. Anfang der 1960er Jahre entwickelte sich jedenfalls ein reiner Weinbaubetrieb, das Weingut Großmann, welches sich mit neu angelegten Wingerten auf die Produktion von Flaschenweinen verlegte. Die von ihm produzierten Oberndorfer Weine, insbesondere die Eisweine, waren bei Weinprämierungen regelmäßig auf den vorderen Plätzen zu finden.

Beutelstein Großmann RieslingxSylvaner1960

Großmann Etikett

Etiketten des Weingut Großmann

Die Oberndorfer Flächen des Weingut Großmann werden heute (2019) vom Weingut Hahnmühle, Mannweiler-Cölln, mitbewirtschaftet und dienen der Erzeugung von Flaschenweinen in gewohnt hoher Qualität.

Hahnmühle Etikett

Etikett der Hahnmühle

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Weltkriegsende 1918 in Oberndorf

Dieser Tage jährt sich zum einhundertsten Mal des Ende des 1. Weltkriegs. Das Ende dieses Krieges blieb auch nicht ohne Auswirkungen auf die kleine Gemeinde Oberndorf. Da der Friedensvertrag von Versailles vorsah, dass die linksrheinischen Gebiete Deutschlands, also auch die Pfalz, durch alliierte Truppen kontrolliert werden sollten, wurde die Pfalz von der französischen 8. Armee besetzt.

Dieses Schicksal teilte auch Oberndorf. Am 7. Dezember 1918 kamen die ersten französischen Truppen. Von Samstag Nachmittag bis folgenden Montag waren in Oberndorf ca. 700 französische Soldaten unter dem Kommando eines Hauptmanns einquartiert. Es handelte sich um die 14. Kompanie des 287ten französischen Infanterieregiments. Nach Abzug dieser Einheit zogen noch acht Tage lang weitere französische Truppen auf dem Weg nach Mainz durch Oberndorf. Bis auf die wohl unvermeidlichen Requierierungen von Nahrungsmitteln und Wein, welche den durch die vorhergehende Rationierung von Lebensmitteln bestehenden Nahrungsmittelmangel verschärfte, soll es wenig Anlass zu Klagen hinsichtlich des Benehmens der Besatzungstruppen gegeben haben.

Schon vor dem Einmarsch der französischen Truppen kamen in der Zeit vom 26. bis zum 30. November 1918 zurückkehrende deutsche Truppen auf dem Weg zu ihrer Garnisonsstadt Worms durch Oberndorf und wurden hier einquartiert. Genaueres dazu ist nicht bekannt.

Die französische Besatzung blieb bis 1930 bestehen und sorgte durch die Einführung von Pressezensur sowie umfangreichen Beschlagnahmungen von privaten Wirtschaftsgütern und vielfachen Deportationen von mißliebigen Personen ins unbesetzte Reichsgebiet für wachsenden Unmut gegen die Besatzungsmacht. Darüber in einem späteren Beitrag mehr.

Infrastruktur erneuert

In der 16. Kalenderwoche 2018 wurde ein Teil des Feldwegenetzes  der Ortsgemeinde Oberndorf, Gemarkungsteil Winddelle, auf einer Länge von ca. 800 m erneuert.

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Kurz vor dem Abzweig zum Grafenfelder Weg beginnt die Neubaustrecke

 

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Abzweig zum Grafenfelder Weg

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Erneuerte Strecke Fahrtrichtung Schmalfelderhof

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Erneuerte Fahrbahn von der Gemarkungsgrenze Bayerfeld in Fahrtrichtung Oberndorf

An Baukosten dürften etwa 80.000,00 € angefallen sein. Die Erneuerung wurde von der Firma Faber ausgeführt, Bauherr war die „Neue Energie Oberndorf GmbH“, welche die im Rahmen der Errichtung der Windkraftanlagen entstandenen Schäden am Wegenetz instand setzen musste. Dementsprechend entstanden für den Gemeindehaushalt keine Kosten. Für den qualitativ hochwertigen Ausbau der Strecke ein Dankeschön an Bauherr und bauausführende Firma.

Von der Schule in Oberndorf I

Schon aus dem 13. Jahrhundert liegen urkundliche Belege vor für die Existenz von Pfarrschulen auf dem Land, selbst in unbedeutenden Dörfern. In Oberndorf mag zu dieser Zeit einer der Altaristen, die sich hier neben einem Pastor und einem Pleban (von der Ortsgemeinde unterhaltener Priester) befanden, den Schulunterricht besorgt haben. Gesicherte Erkenntnisse über diese Zeit liegen bislang nicht vor, jedoch darf als sicher angenommen werden, dass dort, wo – wie in Oberndorf – sich ein zweiter Pfarrer oder Glöckner nachweisen lässt, Unterricht erteilt wurde.
Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden jedenfalls viele neue Schulen auf dem Land. Das Schulwesen war noch kein Gegenstand staatlicher Fürsorge, vielmehr oblag es den Kirchen. Diese Schulen wurden nicht eigentlich gegründet, sondern sie erwuchsen als lokale Dienstleistung nach örtlichem bzw. regionalem Bedarf.
Schon „vorhandene“ Küster bzw. Glöckner erlebten einen „Funktionswandel“, der sie zu Schulmeistern werden ließ. In den Dorfschulen wurde neben der Erklärung des Katechismus vor allem das Lesen betrieben.
Schulen waren grundsätzlich von den örtlichen Möglichkeiten abhängig. Entscheidend dafür, das sich am Ort eine Dorfschule bilden und halten konnte, war der jeweilige Bedarf an Bildung, insbesondere an elementaren Techniken schriftlicher Kommunikation, zum Teil unter Einschluss des Lateinischen, seltener des Rechnens.

Auch in Oberndorf scheint es zu dieser Zeit  Bedarf an Schule und Bildung gegeben zu haben:

Man weiß, dass nach Einführung der Reformation die Erträge der eingezogenen katholischen Kirchengüter in aller Regel wenigstens zum Teil für die Besoldung protestantischer Schuldiener bestimmt wurden.
Für das Jahr 1578 ist bekannt, dass der Oberndorfer Glöckner für die Kirchturmuhr zu stellen und Mittags die Glocke zu läuten im Jahr von der Gemeinde 1 Gulden 1 Albus erhielt und zu dem für das Amt des Glöckners aus dem Zehnt der Kirche 14 Albus, 1 Fuder Wein, 1,5 Malter Korn, 3 Malter Spelz und Hafer sowie Brot (ein Malter = ca. 110 Liter): „Eines Glockners zu Oberndorff jerliche nutzung an gelt Item 1 gulden 1 albus ime jars die gemeind von der auhrn zu stellen und mittags glocken zu leutten; Item 14 albus geben ime jars die juraten aus der Kirchen an zehenden:Item das glockampt hat ein besondern zehenden derselbe mag zu gemeinen gulten jaren ungeverlich ertragen 1 Fuder wein, 1,5 malter Korn, 3 malter speltz und habern. Item glockner hat auch ein gang brodes mag ungeverlich uff 5 Schilling Korn wert sein“. Leider ist nicht ersichtlich, ob dieser Glöckner zugleich Schuldiener war oder ob damals keine Schule (mehr) bestand. Jedenfalls wissen wir daraus, dass damals die Kirche mit einer Uhr ausgestattet war und in Oberndorf Weinbau betrieben wurde. Auch ist erstaunlich, welche Menge Wein der Glöckner erhielt; 1 Fuder entspricht 6 Ohm, dies sind 960 Liter, im Ergebnis dürfte in der Familie des Glöckners täglich 2 bis 3 Liter Wein getrunken worden sein. Rechts vom Eingang der Kirche stand ehemals das Glöcknerhaus in dem auch der Schulunterricht stattfand. Dazu gehörte ein Pflanzgarten und ein oberhalb des Kirchhofes gelegenes Wiesenstückchen. Das Glöcknerhaus  wurde, nachdem das heute noch stehende Schulhaus erbaut war, 1856 abgerissen.

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Wohl Standort des ehemaligen Glöcknerhauses mit Schulfunktion

Der erste -indirekte – Nachweis einer evangelischen Schule in Oberndorf ergibt sich aus einer Beschwerde vom 3. Juli 1700 über eine neuerliche Reduktion unter den „Bedienten“. Unter Bezugnahme auf eine nicht näher bezeichnete Specification, die verschiedenen Schuldienern aufs Neue alle Besoldungen abspricht, welche eo ipso reduzieret sei, war für Schuldiener in der Kurpfalz keine Besoldung angewiesen worden. Unterzeichnet war die Beschwerde unter anderem von dem Schulmeister zu Oberndorf im Amt Alzey, einem Herrn Jacob Sunerns. Mutmaßlich handelt es sich bei diesem Herrn Sunerns um den Lehrer der evangelischen Schule.

Für eine katholische Schule findet sich erstmals  in einem kurpfälzischen Immissionsschein vom 29. März 1707 ein Hinweis. Dieser Immissionsschein – ein Dokument der gerade stattfindenden kurpälzischen Kirchenteilung – ließ die Kirche in Oberndorf samt Pfarr- und Schulhaus, auch Pfarrgüter, Renten, große und kleine Zehnten, soviel vorhanden und anno 1685 vom Pfarrer und Schulmeister salarii  loco genossen worden, den Reformierten zufallen. Demnach muss  im Jahr 1685 auch schon eine katholische Schule in Oberndorf bestanden haben. Da das Schulgebäude (das Glöcknerhaus) an die Reformierten fiel, errichtete die katholische Kirchengemeinde ein neues Schulgebäude und zwar links am Ende der vom Kirchberg abzweigenden „Schulgasse“.

 

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Einmündung der Schulgasse in den Kirchberg

Das den Evangelischen durch die Kirchenteilung zugefallene Schulhaus – das Glöcknerhaus –  scheint sich jedoch in einem derart schlechten Zustand befunden zu haben, das man sich alsbald nach Ersatz umsah. Man wurde fündig und nutzte das im Gemeindeeigentum stehende Hirtenhaus, mutmaßlich im Hirtengässchen (Heerdegässje) befindlich. Jedenfalls wandte sich der damalige katholische Pfarrer Johann Hiel 1739 mit einer Beschwerde an den Kurfürsten, in der er bemängelte, dass die reformierte Gemeinde zu Oberndorf ein gemeines (gemeindeeigenes) Hirtenhaus für sich privativ unter dem Namen Schulhaus zueigne, obwohl dieses nicht zur Kirchenteilung gehörte und ohne dass die Katholiken und Lutheraner ein Äquivalent von der Gemeinde erhielten. (Anmerkung: erst 1818 schlossen sich Reformierte und Lutheraner zusammen und bilden seitdem die vereinigte protestantisch evangelische christliche Kirche der Pfalz). Dieses Hirtenhaus diente allerdings nur phasenweise, nämlich während der Renovierung(en) des Glöcknerhauses als Schulhaus.

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Ortsplan von 1843 mit Hirtengasse und Schulhaus (gelb markiert)

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letztes Überbleibsel des ehemaligen Hirtenhauses und Schulgebäudes im „Heerdegässje“, die Türpfosten.

Ende des ersten Teils.