Oberndorfer Persönlichkeiten II

Professor Dr. phil. habil. Karl Barwick

Prof. Dr. phil. habil. Karl Barwick

Karl Barwick wurde am 14. Mai 1883 als 2. Sohn des Landwirts Barwick in Oberndorf geboren. Der damalige Pfarrer Kreiselmaier wurde auf den hochbegabten Jungen aufmerksam und veranlasste dessen Vater, ihn auf das Gymnasium in Neustadt an der Weinstraße zu schicken.
Nach erfolgreichem Abschluss seiner Gymnasialausbildung schrieb sich Karl Barwick zunächst zum Studium der Rechtswissenschaften an der damals im Deutschen Reich gelegenen Universität Straßburg ein. Dieses Fach lag ihm jedoch nicht, so dass er schon nach einem Jahr nach München übersiedelte und dort klassische Philologie, Archäologie und Geschichte studierte. Nach zweijährigem Studium in München wechselte er nach Jena und setzte dort seine Ausbildung fort.
1908 pomovierte Karl Barwick und legte 1909 die Staatsprüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab. Im Anschluss daran wechselte er in den Schuldienst an das Gymnasium Hildburghausen in Thüringen. 1912 habilitierte er sich in Jena. Nach Teilnahme am ersten Weltkrieg kehrte er wieder nach Jena zurück und hielt dieser Stadt bis zu seinem Tod die Treue.
Von der Universität Jena wurde er 1919 zum außerordentlichen Professor berufen, 1925 zum ordentlichen Professor auf dem Lehrstuhl für Latinistik.

Als Hochschullehrer hat Barwick zahlreichen Generationen von Lateinlehrern eine grundsolide Ausbildung zukommen lassen.
Die wissenschaftlichen Arbeiten Barwicks zeichnen sich durch eine souveräne Beherrschung der Materie aus, wie der interessierte Leser leicht durch das Studium seiner Publikationen wie z.B. „Das rednerische Bildungsideal Ciceros“ oder auch „Caesars Bellum Civile“ feststellen kann. Barwicks Werke sind zum Teil immer noch im antiquarischen Buchhandel erhältlich.

Trotz seiner Emeritierung 1954 hat er noch zwei weitere Jahre seine Lehrtätigkeit in vollem Umfange weitergeführt. Im Jahr 1951 wurde er ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.
Seinem Geburtsort Oberndorf blieb Barwick zeitlebens verbunden. So behielt er sich trotz Verkauf seines elterlichen Betriebs ein Wohnrecht in seinem Elternhaus vor und nutzte dies regelmäßig zu Aufenthalten in der Nordpfalz.
Karl Barwick verstarb am 23.03.1965 in Jena, wo auch seine letzte Ruhestätte gelegen ist.

ehemaliges Weinbergshäusschen der Familie Barwick in der Oberndorfer Gemarkung

letztes existierendes Zeugnis über die einst in Oberndorf ansässigen Familie Barwick

SIC TRANSIT GLORIA MUNDI

Oberndorf zur Zeit der französischen Besatzung 1792 bis zum Ende der Aera Napoleons

Die Besetzung der Pfalz 1792 durch die Franzosen war eine Folge der französischen Revolution von 1789.
Ursache dieser war die Mißwirtschaft der französischen Regierung, die zu einer völligen Verarmung der unteren Schichten führte, sowie der gleichzeitige Reichtum gepaart mit Leichtsinn und Leichtfertigkeit des Adels und des Klerus.

Wie aber sah die Sache in der Pfalz aus?
Auch in der Nordpfalz hatte sich ein großes Maß an Unzufriedenheit angesammelt. Bedingt durch die herrschende Kleinstaaterei – Alsenz gehörte zu Nassau-Weilburg, Oberndorf war kurpfälzisch, Kalkofen gehörte zu Habsburg, Gaugrehweiler den Wild- und Rauhgrafen, Obermoschel zu Pfalz-Zweibrücken – verbunden mit dem absolutistischen Steuer- und Fronsystem, konnte sich die Wirtschaft nicht entwickeln. Jede Gemarkungsgrenze war faktisch  Staatsgrenze, jenseits derer andere Gesetze, Maße und Gewichte, Währungen etc. galten. Die Folge davon war Mangel und Armut für die breite Masse des Volkes. Im Gegensatz dazu befand sich ausschließlich der Adel im Besitz der Ämter, welche Geld, Macht und Ansehen garantierten. Damit finanzierte man – wie in Frankreich – Luxus aller Art. Die fortgesetzte Verschwendung führte auch in den kleinen Herrschaften zu einer Bedrückung der Untertanen, die unerträglich wurde.
Als Beispiel sei Rheingraf Karl Magnus mit seiner Residenz in Gaugrehweiler genannt. Aus seinem „Land“ zog er eine Einnahme von 60.000 Gulden jährlich. Dabei baute er ein Schloss für 200.000 Gulden und einen Marstall für 100 Pferde. Dazu gehörten eine prachtvolle Orangerie, Hofmusiker, Husaren, Heiducken und „Mohren“. Glänzende Gesellschaften belebten im Sommer die Lustgärten, und der Winter war ausgefüllt mit kostspieligen Festen. Er forderte von seinen Untertanen die nötigen Gelder, zum Teil auch durch betrügerische Machenschaften. Allen Mahnungen und Warnungen der höheren Beamten zum Trotz ging die Verschwendung weiter bis zum Zusammenbruch. Auf Beschwerde von Untertanen und Gläubigern setzte das Reichskammergericht den Graf ab, worauf der Kaiser die Strafe in 10 Jahre „peinlicher Haft“ auf einer Festung umwandelte. Die Verwaltung des Landes wurde einer Regierungskommission aus Kirchheimbolanden übertragen, welche aber genauso weiter wirtschaftete, so dass die Untertanen sich sogar ihren Landesherrn wieder zurückwünschten.
Auch der Herzog von Zweibrücken trieb es ähnlich. Er war für seine Verschwendungssucht bekannt, insbesondere seine Jagd- und Hundeliebhaberei. Dies wurde zu einer Plage für seine Untertanen, da er neben den gewöhnlichen Jagdvergnügen auch jährlich mehrere Wochen dauernde Treibjagden veranstaltete, welche „als Feste verwerflicher Sittenlosigkeit mit Ausschweifungen anfingen und endigten“. Zudem ließ er bei Homburg ein Schloss für 14 Millionen Gulden errichten. Die Besteuerung war eine höchst ungerechte, insbesondere war dafür ein Heer von Beamten nötig, und die Verworrenheit des Rechnungswesens begünstigte Bestechung, Betrug und Unterschlagung. Die Erhebung der Steuern selbst verschlang mehr als ein Viertel der Einnahmen.
Diese Zustände in der Nordpfalz führten dazu, dass die Ideen der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zuerst auch hierzulande großen Anklang fanden.

Unabhängig davon führten jedoch Preußen und Österreich 1792 gegen die französische Republik Krieg. Mit 80 000 Mann zog man von Koblenz aus gen Frankreich, brach aber nach der vergeblichen Beschießung von Valmy den Kampf ab und trat den Rückzug an. Im Gegenzug drangen die französischen Revolutionstruppen unter Custine vom Elsass her über Landau in die Pfalz ein und eroberten in rascher Folge Speyer, Worms und am 21.10.1792 Mainz. Französiche Emigranten (meist Adlige), heimischer Adel und die hohe Geistlichkeit brachten sich und ihre Schätze jenseits des Rheins in Sicherheit. Aus Oberndorf floh z.B. der katholische Geistliche Pfarrer Jacobi über den Rhein und nahm dabei die Hypotheken der  in Oberndorf gelegenen Reigersberger Güter mit. Im Juli 1795 kehrte er zwar wieder zurück, mußte aber jedes Jahr wenigstens 3 Monate über den Rhein „betteln“ gehen, um die übrigen 9 Monate leben zu können.
Die Franzosen jedenfalls übernahmen die Macht in den linksrheinischen Gebieten und errichteten am 19.11.1792 eine Zentralverwaltung für die eroberten linksrheinischen Gebiete. Deren hauptsächlicher Zweck war die Erzielung von Einkünften zur Versorgung der Truppen.
Schon am 27. November wurde dem Amt Alsenz die erste Brandschatzung (Zwangserhebung von Geld im feindlichen Land unter Androhung des Niederbrennens) auferlegt.

Zwar sollten schon im Februar und März 1793  Wahlen stattfinden und die Einwohner  auf die französische Nation vereidigt werden. Dieses Ansinnen der Franzosen stieß jedoch auf wenig Gegenliebe. Die Bürger von Alsenz unter der Führung ihres standhaften Bürgermeisters Friedrich Linn  z.B. erklärten, dass sie unter der bisherigen Verfassung sich wohl befunden hätten und eine Neuerung nicht wünschten, während die Bewohner von Obermoschel drohten, sie würden jedem Arme und Beine zerbrechen, der es wagen sollte, die Franzosen zu unterstützen. Anders entschieden sich aus unserem Raum z.B. Finkenbach, Kalkofen, Schönborn und Rudolfskirchen. In Oberndorf als  – noch – kurpfälzischem Ort sollten keine Wahlen stattfinden, da die französische Verwaltung die (rechtsrheinisch sitzende) Regierung der Kurpfalz positiv für die Sache der Franzosen stimmen wollte. Auf Grund von Gerüchten über den Anmarsch von preussischen und hessischen Truppen aus dem Hunsrück wurde unser Gebiet von den Franzosen Ende März 1793 jedoch wieder geräumt. Da am 22.07. 1793 Mainz den Franzosen wieder verloren ging, zogen sich die bisher dort stationierten Truppen in Richtung Frankreich zurück und kamen dabei auch wieder in die Nordpfalz. Am 25. Juli erschienen jedenfalls 4000 Mann französische Truppen in Alsenz/Oberndorf und beanspruchten Quartier und Verpflegung, selbstverständlich ohne dafür zu bezahlen. Es begann eine kurze Zeit der Ruhe, doch schon im Dezember 1793 drangen die französischen Truppen erneut bis zum Rhein vor. Zugleich mit den vordringenden Truppen erschien diesmal eine „Kommission für Ausleerung“, die dafür zuständig war, möglichst viel zu requirieren und fortzuschaffen. Der sogenannte „Plünderwinter“ begann. Diese Plünderungen erfolgten unter dem Motto „Alles ist unser! Ihr sollt nichts behalten, als die Augen zum Weinen“! Hintergrund war der Notstand der französischen Staatskasse auf Grund der ständigen Kriegsführung. Wer in den „Genuß“ des neuen Systems kam, sollte auch an dessen Kosten tragen, dies galt  insbesondere für die Pfalz, die man in Frankreich als feindliches Ausland ansah. Am 6. Januar 1794 ging der Raubzug der „Ausleerungskommission“ durchs Alsenztal von Dielkirchen bis Hochstätten los. Erst plünderten die Franzosen die Scheunen, die Speicher, die Früchte und Vorräte, dann drangen sie in die Ställe, schleppten das Vieh auf die Straße und schlachteten es vor den Augen der Eigentümer. Gerätschaften luden sie auf mitgebrachte Wagen. Was zum Fortschaffen zu zerbrechlich war, wurde zerschlagen. Die Esswaren, welche sie nicht wegbringen konnten, wurden mutwillig vernichtet. Wein, den sie nicht tranken, ließen sie auslaufen und zerschmetterten die Fässer. Bares Geld wurde mit gezücktem Messer oder Pistole gefordert. Auch die Kirchen wurden nicht verschont. Die goldenen und silbernen Gefäße, die Glocken, die Uhren, die Orgeln, selbst das Blei aus den Fenstern nahm man mit und transportierte die Beute nach Frankreich. Allein in Bitsch sollen ca. 500 geraubte Glocken gelagert worden sein. Oberndorf selbst hatte insofern noch Glück, denn die Glocken aus der Zeit des 30jährigen Krieges blieben in der hiesigen Kirche hängen.

Da die Nordpfalz leergeplündert war, verlor man das Interesse an ihr. Erst am 6. Juni 1794 kam wieder Truppenbesuch. Ein General Marceau zog mit 8000 Mann in Alsenz, Oberndorf und Kalkofen ein. Noch am gleichen Tag wurde Alsenz eine Brandschatzung in Höhe von 24 000 Mark, 200 Paaren Schuhe, 200 Hemden und 100 Hosen auferlegt, zu liefern innerhalb 24 Stunden. Zudem wurden zur Versorgung der Truppe 100 Ohm Wein und 1600 Pfund Brot verlangt. Zur Erzwingung der Lieferung wurde unter anderen der Alsenzer Gerichtsbürgermeister Friedrich Linn in Geiselhaft genommen. Am 9. Juni zog diese Truppe wieder ab. Die betroffenen Dörfer mußten für die drei Tage schwer bluten, an Gesamtkosten wurden mehr als 22 500 Mark ermittelt, eine unerhörte Summe, wenn man bedenkt das z.B. ein Ochse zu dieser Zeit ca. 55 Mark kostete.

Im Dezember 1794 wurde die Nordpfalz nochmals Schauplatz eines Treffens französischer mit österreichischen Truppen.
Anfang Dezember rückten aus dem Hunsrück über Kirn, Meisenheim und Obermoschel ca. 3000 Mann Franzosen nach Alsenz. Die hier bislang stehenden Österreicher sahen sich genötigt auf Kriegsfeld zurückzugehen. Da aber die Alsenz zu dieser Zeit starkes Hochwasser führte, wagten die Franzosen nicht überzusetzen. Bei dem Rückzug der Österreicher wurden von diesen aus Oberndorfer Ställen 2 Pferde und 3 Ochsen mitgenommen. Am 3. Dezember eilten die Österreicher jedoch von Kriegsfeld aus kommend wieder herbei, besetzten wieder Alsenz und warfen die Franzosen bis zur Moschellandsburg zurück. In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember brachten die Franzosen 3 zwölfpfünder Kanonen und eine 17 cm Haubitze auf den Niedermoscheler Berg und fingen an Alsenz zu beschießen.

Die Österreicher mußten den linken Teil von Alsenz verlassen, rissen dabei die Brücke ein, um den Übergang der Franzosen über die Hochwasser führende Alsenz zu verhindern. Auch von österreichischer Seite wurden nun einige Kanonen in Stellung gebracht, worauf nachmittags von 2 Uhr ab von beiden Seiten eine Kanonade auf Alsenz niederging, welche bis Abends 7 Uhr dauerte.

Gedenktafel an einem an der K 25 gelegenen Hauses in Alsenz

Während und nach der Kanonade unternahmen beide durch den Bach getrennte Einheiten mehrere Stürme gegeneinander, die aber ohne Ergebnis blieben, so dass bis zum 8. Dezember die kaiserlich-österreichischen Truppen sich auf dem rechten Ufer der Alsenz, die Franzosen sich auf dem linken Ufer behaupteten. Am 8. Dezember drangen die kaiserlich-österreichischen Truppen über Oberndorf, Mannweiler und die Randeck vor und versuchten die Franzosen zu umzingeln. Diese verließen daraufhin Alsenz sehr rasch, gerieten aber samt ihren Kanonen, Haubitzen und Munitionswagen zum größten Teil diesseits und jenseits Obermoschel in Gefangenschaft.

Für die Bewohner von Alsenz hatten diese Kämpfe schwerwiegende Auswirkungen. Fast alle verließen ihre Wohnungen und brachten sich in Waldungen oder benachbarten Ortschaften in vermeintliche Sicherheit. Niemand wagte sich auf die Straße, 17 Personen der Bürgerschaft wurden durch Schüsse oder Hiebe verwundet, der reformierte Pfarrer wurde an den Haaren im Kot herumgeschleppt. Besonders schändlich verfuhren die Franzosen mit dem weiblichen Geschlecht. Mehrere wurden auf offener Straße mißbraucht. Gelderpressungen und Plünderungen waren Reiche wie Arme ausgesetzt, und was die Soldaten nicht fortschleppten wurde mutwillig zerstört. Eine beträchtliche Anzahl an Nutzvieh wurde geschlachtet und verzehrt, Wein, Bier und Schnaps ausgetrunken, und was beim Abzug noch übrig war, wurde auslaufen gelassen. 17 Gebäude brannten durch die Kanonade nieder.
Ob vorübergehend die Deutschen oder die Franzosen siegreich waren, spielte für die einheimische Bevölkerung jedoch keine Rolle, diese hatte unter allen Umständen die Kosten und Belastungen der Besatzung durch die jeweiligen Heere zu tragen.

Schließlich war das Haus Habsburg als offizieller Herrscher des Deutschen Reiches gezwungen mit der französischen Republik Frieden zu schließen. Am 17. Oktober 1797 wurde mit dem Friedensschluß von Campo Formio das linke Rheinufer an Frankreich abgetreten

Von da an bis 1814 gehörte Oberndorf zusammen mit den deutschen Gebieten links des Rheins zu Frankreich. Die Oberndorfer, deren Leben als Kurpfälzer gerade noch in den seit Jahrhunderten gewohnten Strukturen verlief, wurden zu Franzosen. Ihr Kaiser hieß jetzt Napoleon, nicht der Pfälzer Kurfürst war ihr Landesherr, sondern ein französischer Präfekt. Man erwartete von ihnen, dass sie französisch sprechen, sich auf eine neue Zeitrechnung umzustellen, in einer anderen Währung zu zahlen, mit neuen Maßen und Gewichten umzugehen und das französische Rechtssystem einschließlich der Wehrpflicht anzunehmen. Adel und Kirchen wurden enteignet, die enteigneten Grundstücke versteigert oder verkauft.

Als erstes wurde die Verwaltung neu organisiert. Oberndorf gehörte zum Departement „Mont Tonnerre“, Unterpräfektur Kaiserslautern, Kanton Obermoschel. In der Gemeinde (Alsenz, Oberndorf, Mannweiler und Cölln  bildeten zusammen eine „municipalite“ oder Samtgemeinde ) hatte nun der Maire die Leitung der Verwaltung inne. Da das Land nunmehr französische Provinz war, wurde es mit weit größerer Schonung behandelt als vorher, Feudalrechte, Jagdrechte, Zehnt und Fronden wurden aufgehoben, Zollschranken fielen. Großen Nachteil brachte allerdings die Einführung der französischen Sprache als Amtssprache und des Kalenders neuer Zeitrechnung (man zählte die Jahre ab 22. September 1792, dem Tag der Abschaffung des Königtums, statt der  7tägigen Woche galt nun eine 10tägige Dekade). Insgesamt ging es jedoch wirtschaftlich bergauf. Dies hatte auch Folgen auf die Bevölkerungszahl, der Ort Oberndorf wuchs von 227 Einwohnern im Jahre 1801 auf 290 im Jahre 1814.

Im Hinblick auf Enteignungen war auch Oberndorf betroffen.
Im Jahre 1742 vermachte Leopold Joseph Wilhelm Freiherr von Reigersberg  zur „Erhaltung eines Kaplans“ zu Oberndorf 3000 Gulden und zur „Erhaltung eines ewigen Lichts“ in der hießigen Kirche weitere 300 Gulden an die katholische Kirchengemeinde.
Ein Vetter des Freiherrn, Johann Baptist Freiherr von Reigersberg hat dieses Geld als Kredit aufgenommen und für diese Gelder sein freiadliges Gut zu Oberndorf verhypotekisiert. Der Zins darauf wurde durch Pachtzahlungen der Felsenmühle, Äcker und Wiesen in Höhe von 150 Gulden jährlich garantiert. Die gesamten Güter, die Felsenmühle, 25 Morgen 35 Ruthen Acker, Wiesen und Weinberge, wurden von den Franzosen eingezogen und kamen durch Verkauf in die Hand des Friedensrichters Schmitt zu Obermoschel. Dieser ließ die Güter stückweise versteigern und setzte zugleich auf jedes Teilstück proportional eine Grundsteuer, die insgesamt die 150 Gulden erreichte, die vorher als Pachtzahlung an die katholische Kirchengemeinde gingen. Auch diese Grundsteuer wurde vom französischen Staat eingezogen.
Bekannt wurde dieser Vorgang als Versteigerung des wolftarischen Gutes, benannt nach Wolf von Turn, der im 16. Jahrhundert hier Besitz hatte. Ersteigert wurde das Gut von verschiedenen Einwohnern von Oberndorf und Mannweiler zu einem Gesamtpreis von 7470,81 Franken. Zu welchem Preis Friedensrichter Schmitt das Gut erwarb ist nicht bekannt.

Auch  das Simultaneum, also das zwei verschiedenen Konfessionen zugesprochene Recht, sich der gleichen Kirche für ihren Gottesdienst zu bedienen, gab Anlass zu Zwistigkeiten. Die französischen Behörden hielten jedoch an dem Grundsatz, dass der Zustand, wie er vor der Eroberung bestanden hat, aufrecht zu erhalten sei, fest. Dies zeigte sich auch in Oberndorf. Hier versuchten die Protestanten den Katholiken die Mitbenutzung der neu aufgestellten Orgel zu verweigern, worauf diese sich nach Mainz an den Präfekten des Departements Donnersberg – Jeanbon – wendeten. Dieser warf den Oberndorfer Protestanten „Unduldsamkeit“ vor und regelte die Angelegenheit im Sinne der Katholiken (offensichtlich wurde auch damals schon „im Kessel gereehrt“).

Nach der mit Dekret vom 30.6.1802 erfolgten völligen rechtlichen Gleichschaltung des Departements Donnersberg mit den übrigen französischen Departements mußte auch die Nordpfalz Soldaten für die französische Armee stellen.
Jeder männliche Franzose – die Pfälzer waren nun Franzosen -, der das 20. Lebensjahr vollendet hatte, war militärpflichtig. Ausgehoben wurden von 1802 bis 1814 im Departement Donnersberg ca. 18 000 Mann, darunter auch einige Oberndorfer.
Bekannt ist, das der am 16.01.1782 in Alsenz geborene und am 11.04.1852 in Oberndorf verstorbene Peter Linn (Peter Linn heiratete eine Maria Barbara Münch aus Oberndorf, was ihn wohl veranlasste, nach Oberndorf zu ziehen) in der französischen Armee diente.
Peter Linn war Angehöriger des 4. Batallion Sappeur welches an den Schlachten bei Lützen, Bautzen, Dresden, Leipzig und Hanau teilnahm. Ob diese Einheit auch an Napoleons Feldzug gegen Russland teilnahm, ist nicht gesichert, jedoch wahrscheinlich. Jedenfalls nahm das 1. Batallion Sappeur am Russlandfeldzug teil und tat sich beim Rückzug über die Beresina beim Bau einer Behelfsbrücke über die eisführende Beresina hervor. Mutmaßlich war auch das 4. Batallion als Schwestereinheit bei diesem Einsatz beteiligt.

Als Überlebender des Feldzuges engagierte sich Peter Linn im Kaiserslauterer Veteranenverein, welcher 1836 ein Denkmal errichtete. Dieses trägt die Inschrift
„Die unter Napoleons Fahnen gedienten und wieder in ihre Heimat zurückgekehrten Kaiserslauterer weihen ihren auf dem Feld der Ehre gefallenen Kriegskameraden dieses Denkmal“.

Die unter Napoleons Fahnen gedienten und wieder in ihre Heimat zurückgekehrten Kaiserslauterer weihen ihren auf dem Feld der Ehre gefallenen Kriegskameraden dieses Denkmal 1836

Während auf der Süd-, West- und Nordseite des Obelisken die Gefallenen aufgeführt sind, verzeichnet die Ostseite die für die Errichtung verantwortlichen Veteranen, darunter Peter Linn.

Von unten gezählt als siebter: Linn Peter Sappeur Ouvrier im 4. Batallion

Soviel zur Oberndorfer Geschichte zur Zeit Napoleons.

Hoch droben auf dem Galgenberg

Vom Strafvollzug vergangener Zeiten

Westlich von Oberndorf befindet sich der Galgenberg. Sein Name rührt von einem ehemals dort installierten Galgen her. Dieser stand jedoch nicht auf Oberndorfer Gemarkung, sondern westlich des Galgenberger Weges, welcher die Gemarkungsgrenze Alsenz/Oberndorf bildet.

Dieser Galgenberger Weg war in früheren Zeiten eine Heerstraße und verhältnismäßig verkehrsreich, führte doch der Weg nach Kaiserslautern nicht wie heute durch das Alsenztal, sondern auf Grund der Unwegbarkeit der Talaue wegen Hochwässern, Versumpfungen etc. über die Bergrücken. Jedenfalls ist auf der Französischen Karte von 1807 der Galgenberger Weg noch als „Grand Chemin de la Kaiserslautern a‘ Alsenz“ bezeichnet.

Da ein Galgen unter anderem auch eine abschreckende Wirkung erzielen sollte, in dem der/die Hingerichtete dem Vorbeikommenden vor Augen geführt wurde, war der Standort in der zwar einsamen und öden Berghöhe, jedoch an der zugleich verkehrsreichen Straße gut gewählt.

Mit etwas Ortskenntnis findet man noch ausgemauerte Fundamente für die Ständer des Galgens. Allerdings ist nicht ganz klar, welche Art Galgen (Hochgericht) hier errichtet war. Nach einer Beschreibung bestand der Galgen aus zwei Eichenpfosten von 4,50 m Länge, welche ca. 4 m auseinander standen. Dann hätte der Galgen etwa dieses Aussehen gehabt.

Nach einer anderen Beschreibung soll das Halsgericht aus einer Rahmenform von ca. 4 m im Quadrat bestanden haben, wie ihn das gezeigte Abbild darstellt.

Bei einer im Jahr 1909 vorgenommenen Untersuchung der Richtstätte, verbunden mit oberflächlichen Ausgrabungen, wurden neben gut erhaltenen Arm- und Beinknochen auch eine Kinnlade mit Zähnen gefunden. An der Existenz dieser Richtstätte kann also ernstlich nicht gezweifelt werden.

Das Recht über Hals und Bein stand dabei nicht der Gemeinde Alsenz zu, sondern den Territorialherren in Zweibrücken bzw. den Rheingrafen in Grumbach. Das Gericht tagte jedoch in Alsenz, wahrscheinlich in oder am Rathaus. In welchem Jahr die letzte Vollstreckung der Todesstrafe stattfand , ist nicht bekannt. Dokumentiert ist jedoch die Verurteilung eines Dienstknechts namens Joachim Maurer aus Bretzenheim im Jahre 1600. Dieser wurde wegen des Diebstahls von 10 Gulden zum Tode durch den Strang verurteilt.

Das Urteil wurde im Anschluss an den Schuldspruch vollstreckt. Man geleitete den Verurteilten unter Läuten der Armsünderglocke im Beisein des Gerichts und der Bevölkerung zur Richtstätte und vollzog dort den Urteilsspruch. Dieses makabre Schauspiel hatte auf Grund der großen Anzahl Schaulustiger und des ansonsten auch wenig abwechslungsreichen Daseins der Bevölkerung mutmaßlich den Charakter eines Volksfestes.

Abgeschafft wurde der Galgen unter der Herrschaft der Franzosen. Auf Grund des Artikel 18 des Gesetzes vom 20. April 1791 mussten die Gemeinden „auf der Stelle alle Galgen und Hochgerichte, die von der ehemaligen Herrschaft noch vorfindlich seyn können“ (etwa um das Jahr 1800) abreißen lassen, widrigenfalls die Munizipalverwaltung dies auf Kosten der Gemeinde erledigen würde.


Am stärksten ausgelastet war der Galgen wohl in der Zeit der Hexenprozesse. Deren Höhepunkt fiel etwa in die Zeit zwischen den Jahren 1550 und 1650. Der damalige Zeitgeist machte „Hexen“ für Hagel, Donner, Dürre, Eis, Krankheit, Viehseuchen, Brände etc. verantwortlich. Diese Hexen sollten auf Gabeln, Stecken und Besen durch die Luft fahren und sich mit dem Teufel paaren. (Noch heute wird in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, in der sogenannten Hexennacht, an das vermeintliche Treiben der Hexen erinnert). Entsprechend waren die für Hexerei vorgesehenen Strafen. Wer der Hexerei verdächtig wurde, ist von den Häschern gefaßt und der „peinlichen Befragung“ unterzogen worden. Vermittels „spanischem Reiter“, mit welchem die Unterschenkel zerquetscht wurden, Daumenschrauben und glühenden Eisen und Zangen wurden Geständnisse erpresst und dabei meist zugleich noch weitere Personen denunziert.

Das Ergebnis lautete in der Regel auf Todesstrafe durch den Strang, wobei die Hinrichtung immer ein großes Ereignis für die Bevölkerung bedeutete.
Entsprechend dürfte der Zulauf bei den Hinrichtungen auf dem Galgenberg gewesen sein. Überlieferungen in dieser Hinsicht fanden sich bis dato jedoch nicht.

Offensichtlich hat man damals bei der Hexenbekämpfung jedoch nicht ordentlich gearbeitet. Jedenfalls häufen sich Gerüchte, nach denen NachkommInnen der damals offenbar unentdeckt gebliebenen Hexen heutzutage erneut wieder ihren Schabernack z.B. in Brüssel, Berlin und Mainz mit uns treiben würden.

Neues von Strom und Stromern

Anfangs des Jahres 2013 veröffentlichte die Pfalzwerke AG ihre Pläne, vom Umspannwerk Oberndorf aus eine neue 110 kV Überlandleitung nach Bischheim zu bauen. Begründet wurde dies damit, dass an die bestehende 20 kV Leitung maximal zwei bis drei Windmühlen angebunden werden könnten, dann sei Schluss. Da in der damaligen Verbandsgemeinde Alsenz-Obermoschel bereits 13 Windkraftanlagen vorhanden seien und weitere 32 in der Planung wären, drohe für die bestehende 110 kV-Leitung, die von Otterbach Richtung Alsenz verläuft, die Überlastung. Ein Neubau einer 110 kV-Trasse sei unausweichlich.
Offensichtlich bestand jedoch keine Unausweichlichkeit. Diese Trasse wurde nicht gebaut.

Stattdessen wurden und werden die bestehenden 20 kV-Leitungen vom Umspannwerk Oberndorf nach Kirchheimbolanden bzw. Ruppertsecken erneuert. Die Arbeiten sind seit Sommer 2019 im Gange. Als Grund der Erneuerung wird das Alter der die Leitungen tragenden Masten genannt, der Stahl der Masten sei mittlerweile spröde und die Standsicherheit könne nicht mehr garantiert werden.

Doch offensichtlich gestalten sich die Arbeiten schwieriger als angenommen. Insbesondere stößt die konkrete Einmessung des Standortes der neuen Masten auf ungeahnte Schwierigkeiten.

Konkret wurden zwei Masten der neuen Leitung in der Gemarkung Oberndorf mitten in einen der Erschließung der Anliegergrundstücke dienenden Feldweg gesetzt.

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Die eingeschlagenen Pfähle markieren den linken Grenzverlauf des Feldwegs, notgedrungen müssen die Nutzer des Feldwegs auf die Anliegergrundstücke ausweichen.

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Der rechts vor dem Masten erkennbare Markierungspfahl steht auf der rechten Grenze des Feldwegs.

Möglicherweise erfolgte die Einmessung der Maststandorte mittels eines als „Groma“ bezeichneten, von den alten Römern entwickelten Instruments.
Die „Groma“ wurde insbesondere bei der „Limitation“ benutzt, dem Anlegen eines Legionslagers. Der Standort der erstmaligen Vermessung war der „locus Gromae“ und wurde festgelegt durch die „Auguren“.
Der Augur teilt sein Gesichtsfeld in vier Regionen, links und rechts, vorn und hinten, indem er markante Punkte am Horizont als Grenzmarken anvisierte und mit seinem Krummstab nach den entsprechenden Seiten hin Linien in die Luft zog.
Limitation bezeichnet das römische Vermessungswesen, eine kultische Handlung, bei der die Hauptachsen einer zu gründenden Siedlung festgelegt wurden. Diese kultische Handlung geht auf die Etrusker zurück, weshalb die Limitation ursprünglich Aufgabe eines Priesters war.

Eventuell hätte die bauausführende Firma bei der Festlegung der Maststandorte auch einen Priester zu Rate ziehen, oder – auf die heutige Technik vertrauend – vermittels GPS
die Standorte ermitteln sollen.

Welche Konsequenzen sich aus der Fehlallokation der Masten ergeben, stand bei Veröffentlichung dieses Beitrags noch nicht fest. Sollte sich in dieser Angelegenheit Neues ergeben, werden wir unsere Leser zeitnah informieren.

 

Kriegschronik von Oberndorf Teil XVII. und Schluß

Schluß

Von der Beendigung des Krieges hatte man, wenn auch keine Rückkehr zu den früheren guten Zeiten, so doch eine Besserung der Verhältnisse erwartet. Das Gegenteil trat ein. Mit dem für uns so schimpflichen Friedensschluß und dem Umsturz in unserem Vaterland trat eine unerhörte Teuerung ein. Die Preise für einzelne Lebensmittel und sonstige Bedürfnisse stellten sich 1920, wo die Chronik zum Abschluß gebracht wurde, wie folgt dar:
Es mußte bezahlt werden für Butter 8, dann 14 Mark, im Schleichhandel wurden 20 Mark verlangt, für amerikanischen Schinken und Speck 14 Mark das Pfund, Schmalz bis zu 30 Mark, Margarine 15 Mark, Kartoffeln 1919 5 Mark, für 1920 wurden 25 Mark für den Zentner angesetzt, Halbmilch 80 Pfennig, Vollmilch 1,50 Mark. Das Brot stieg von 67 Pfennig das Pfund auf 1,10 Mark, natürlich nur Kornbrot. Weißbrot kostete das Pfund 2 Mark. Für Heu wurde im Frühjahr 100 Mark bezahlt, das aber bald wieder auf 35 Mark fiel. Fleisch, das es oft wochenlang nicht gab, kostete 7 Mark, der Liter Wein 20 Mark, ein halber Liter Bier 1 Mark bis 1,20 Mark. Kleiderstoffe für Männer waren unter 200 Mark für das Meter nicht zu haben, so daß ein gewöhnlicher Anzug auf 800 bis 1000 Mark kam, Männerstiefel kamen auf 300 bis 400 Mark, Frauenstiefel, die nach neuester Mode gemacht wurden, erreichten eine Höhe von 800 bis 900 und 1000 Mark, Strümpfe 50 Mark, eine Krawatte 25 bis 30 Mark, ein Hut 100 Mark, Garn 15 bis 20 Mark die Rolle. Für 10 Schachteln Streichhölzer, die früher 8 bis 10 Pfennige kosteten, mußten 3,50 Mark gezahlt werden. Zigarren waren unter 1 Mark kaum noch zu haben, wenigstens keine genießbaren, ganz geringwertiger Tabak stellte sich auf 30 bis 40 Mark das Pfund. Dinge die dem Luxus dienten, erreichten noch höhere Preise, ein Stallhasenpelz wurde mit 8 bis 10 Mark, ein Maulwurfspelz mit 10 Mark, ein Fuchspelz mit 300 Mark und ein Marderpelz mit 600 Mark bezahlt.
Dementsprechend stiegen auch die Löhne. 18- bis 20jährige bekamen oft 25 Mark am Tag.
Spätere Geschlechter werden kaum mehr glauben wie groß die Not war.
Dennoch begannen schon in den Jahren 1918 bis 1922 Sammlungen für eine Gedenktafel für die im Krieg gefallenen aus der Gemeinde Oberndorf die 2164 Mark erbrachten. Diese Initiative führte schließlich zur Errichtung des Kriegerdenkmals bei der Kirche in Oberndorf, welches am 8. Juni 1924 eingeweiht wurde. In den Grundstein dieses Denkmals wurde eine Urkunde eingelegt, deren Text nachfolgend wiedergegeben wird.

Urkunde über die Errichtung des Kriegerdenkmals in der Gemeinde Oberndorf.

Zu Anfang des Jahres 1924 regte sich in der Gemeinde Oberndorf das Bestreben, den im Weltkrieg 1914/1918 gefallenen Ortsangehörigen ein Denkmal zu errichten. Schon gleich nach Kriegsende waren hierfür Mittel gesammelt worden, die aber in Folge der Geldentwertung im Jahr 1923 vollständig in Nichts zerrannen. Nun galt es neue zu beschaffen und es wurde zu diesem Zweck eine Sammlung von Haus zu Haus vorgenommen. Diese ertrug 370 Goldmark und 1285 Franken. Als Platz wurde der zur Kirche gehörige alte Friedhof ins Auge gefasst, der auf Ansuchen hin von den beiden Kirchenverwaltungen unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde. Herr Karl Fuchs von Mannweiler, ein Oberndorfer Kind, fertigte ohne jede Entschädigung die Pläne, während die nötigen Steine mit Erlaubnis des Besitzers, aus dem Steinbruch von Hermann Neubrech gewonnen wurden. Eine ganze Anzahl Ortsbewohner stellte sich bereitwillig in den Dienst der Sache, half die Steine brechen, verbrachte diese auf den Friedhof. Die Stein- und Bildhauerarbeiten wurden von einheimischen Kräften rasch nacheinander ausgeführt, so daß die Aufstellung des Denkmals am 24. Mai 1924 erfolgen und die Einweihung für Pfingsten in Aussicht genommen werden konnte.
Trägt das Denkmal auch nur die Namen der sechs Gefallenen, so soll es doch zugleich ein Ehrenmal für alle sein, die während des Krieges ihre Kräfte dem Vaterland zur Verfügung gestellt haben. Es waren dies folgende 53 Mann:

1). Barwick Ernst
2). Bauer Friedrich
3). Benz August
4). Blum Jean
5). Blum Willibald
6). Bollenbach Gustav
7). Dautermann Wilhelm
8). Dautz Paul
9). Doll Friedrich
10). Doll Otto
11). Ebersold Friedrich
12). Finkenauer Friedrich
13). Frölich Friedrich
14). Grimm Ludwig
15). Grimm Otto
16). König Albert
17). König Otto
18). Korz Franz
19). Linn Karl
20). Michels Friedrich
21). Müller Heinrich
22). Müller Jacob
23). Müller Otto
24). Müller Wilhelm
25). Müller Philipp
26). Müller Georg
27). Müller Willi
28). Neubrech Hermann
29). Nickel Valentin
30). Prezius Heinrich
31). Prezius Johann
32). Schlarb Friedrich
33). Schückler August
34). Schückler Heinrich
35). Schückler Karl
36). Schückler Ludwig
37). Schuhmacher Jakob
38). Schworm Friedrich
39). Simon Wilhelm
40). Spuhler Theodor
41). Thamerus Philipp
42). Walter Friedrich
43). Walter Peter
44). Weinheimer Philipp
45). Weinheimer Robert
46). Weinheimer Wilhelm
47). Wenz Peter
48). Wolfänger August
49). Wolfänger Heinrich
50). Zepp August
51). Zepp Eugen
52). Zepp Karl
53). Zepp Wilhelm

Von diesen sind auf dem Feld der Ehre geblieben:
1). Ebersold Friedrich
2). Nickel Valentin
3). Schlarb Friedrich
4). Spuhler Theodor
5). Zepp August
6). Zepp Eugen

In Gefangenschaft gerieten: König Albert, Weinheimer Robert, Blum Jean, Wenz Peter.
Verwundet wurden: Barwick Ernst, Bauer Friedrich, Blum Willibald, Grimm Ludwig, Grimm Otto, Müller Wilhelm, Müller Jakob, Schückler Heinrich, Wenz Peter, Wolfänger August.

Außer diesen Opfern an Menschenleben brachten die Gemeindeglieder auch solche von ihrer Habe, in dem sie sich lebhaft an den Sammlungen für die Kämpfenden und die Verwundeten beteiligten.
Im Jahre 1924 zählte Oberndorf 312 Einwohner, 208 Protestanten und 104 Katholiken. Ortsvorstand während des Krieges war Heinrich Schneider, Inhaber der protestantischen Pfarrstelle Pfarrer Philipp Stock, der katholischen die Pfarrer Nachtigall und Poth, protestantischer Lehrer Friedrich Ebersold, katholischer Lehrer Johannes Kohlmeier.
Die Schule war besucht von 25 protestantischen und 18 katholischen Schülern. Außer dem Aufmarsch des Heeres am Anfang des Krieges und zahlreichen Transporten von Kriegsmaterial während desselben, hat die Gemeinde vom Krieg nichts zu verspüren bekommen.

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Die Metalltafel auf dem Mahnmal wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg angebracht und verdeckt die darunter verzeichneten Namen der im ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten.

Kriegschronik von Oberndorf Teil XVI.

Berichte aus Briefen der Kämpfer VII.

Mohr Hermann von Mannweiler teilte am 19. September 1914 auf dem Bahntransport nach Belgien mit, daß er am 15. September für sein tapferes Verhalten in dem Kampfe bei Baronweiler (Schlacht bei Metz – Mörchingen) das Eiserne Kreuz erhalten habe und hofft auch die Engländer verhauen zu dürfen, was in der Folge auch geschehen ist.
Montauban, 6. Oktober.
Seit drei Tagen habe ich es etwas gemütlicher; ich bin seit dieser Zeit Waldarbeiter bei der Brigade und habe so Gelegenheit ein regelmäßiges und besseres Quartier zu bekommen. Wir sind nicht mehr in Belgien, sondern längst wieder in dem berühmten Welschland, ungefähr 120 km nordwestlich Paris. Von Sablon bei Metz aus nahmen wir unseren Weg durch Luxemburg nach Belgien und überschritten nach 8tägigem Marsch die französische Grenze und am 7. September hatten wir schon große Gefechte, zum Teil mit schweren Verlusten.
Ypern, 6. November.
Allgemein haben wir hier wieder schwer zu kämpfen.
Hollebeke, 30. November.
Jetzt sind wir auf drei Tage abgelöst und befinden uns auf einer Farm zur Erholung. Ja, das wäre eine Freude, Weihnachten zu Hause. Leider müssen wir das schöne Fest im Felde feiern. 7. Dezember, soeben bin ich mit meiner Geschützbedienung in einem nahen, verlassenen und zerschossenen katholischen Pfarrhause und wir singen eben „im schönsten Wiesengrunde“! Hier übernachten wir, denn in den Unterständen haben wir sehr viel Wasser, da es seit 6 Tagen ununterbrochen regnet.
25. Dezember. Wie Weihnachten bei uns war, möchten Sie wohl gerne wissen? Hören Sie: „Stille Nacht, heilige Nacht?“ Heilig war uns die Nacht, aber nicht still. Um 8 Uhr Abends erschreckten uns die Rothosen durch ein mörderisches Artilleriefeuer, gerade als ob sie gemerkt hätten, daß wir im selben Augenblicke unser Christbäumchen aus dem Unterstand über die Straße hinüber nach dem Festsaal – einem Keller – tragen wollten. Neben uns, 15 m weg, wurden 7 Pioniere verwundet, davon einer tödlich. Vielleicht 10 min später wollten sie „fröhliche“ Weihnachten feiern – Kriegerschicksal! Daheim unterm Christbaum halten vielleicht ihre Angehörigen einen Brief in der Hand, der ihnen das Wohlbefinden ihres Kriegers meldet und in Wirklichkeit liegt mancher zur selben Zeit in den letzten Atemzügen. Das wirklich schöne Christbäumchen mit seinem einfachen aber feierlich wirkenden Schmuck wurde hinübergebracht. Erstaunt und überrascht betrachteten es die anderen Kameraden. Ich selber zündete die 19 Kerzen an. Für einige brachte die Post noch ein Weihnachtspaket oder einen Brief aus der Heimat – für mich nicht. Die Weihnachtsstimmung aber blieb aus, trotzdem sie das von mir angestimmte „Stille Nacht“ mitsangen. Die Gedanken aller waren wohl in der Heimat. Zu schießen brauchten wir während der Nacht nicht. Heute früh läuteten daheim die Glocken zum Gottesdienst, unser Glockenklang ist der Donner unserer Haubitzen. Im Stillen aber beten auch wir auf hartgefrorener belgischer Erde: „Der Vater aller Menschenkinder erhöre unser Flehen. Gib, daß wir alle, alle wieder, siegreich unsere Heimat sehen“.
Osttaverne, 5. Februar.
Das Eiserne Kreuz erhielt ich am 19. August 1914
Schwon Veld Ferme bei Houthem, 10. Februar.
Das Quartier auf dieser Ferme (die Bewohner sind auch anwesend) ist sehr gut. Wir kamen heute früh aus der Feuerstellung zu dreitägiger Ruhe auf die Ferme. Es soll die letzte Ruhepause sein. Dann geht es wieder Tag für Tag in einem fort: Schießen und im Felde kampieren.
Vor Ypern, 24. März.
Am 21.3. wurde ich für bewiesene Tapferkeit vor dem Feinde zum Sergeanten befördert.
Bald darauf wurden ihm durch eine in den Händen losgegangene Granate beide Beine fast gänzlich abgeschlagen. Am 21. Mai schrieb er:
Bin transportfähig und komme morgen nach Deutschland, wohin unbekannt. Er kam in ein Lazarett in Cölln. 25. Juni 1915, mein Befinden ist ausgezeichnet und ich erwarte täglich meinen Transport in die Heimat. Um meine Zukunft bangt mir nicht. Ich habe von meinem früheren Amt in Kaiserslautern schon die Mitteilung, daß ich höchstwahrscheinlich wieder nach meiner Heilung den früheren Dienst wieder aufnehmen kann.
Oberrealschule Kaiserslautern, 20. Juli. Seit gestern bin ich hier im Lazarett, woselbst es mir bis jetzt recht gut gefällt. Mein Befinden ist befriedigend.

Heinrich Müller von Oberndorf rückte als Fahrer einer Munitionskolonne des 6. bayerischen Artillerieregiments ins Feld. Von Fuchsstadt bei Hammelberge, wo seine Abteilung aufgestellt wurde, schrieb er am 19. Oktober 1914:
Da wir morgen von hier ins Feld abrücken, drängt es mich, Herr Pfarrer, Ihnen und Ihrer Familie die besten Grüße von heimatlichem Boden zu senden. Er kam zunächst nach Comines, von wo er am 5. November schrieb: Mut und Vaterlandsliebe teilen Millionen meiner Kameraden mit mir und es wäre eines Deutschen unwürdig, sein Vaterland nicht mit dem letzten Blutstropfen zu verteidigen. Unsere Aufgabe ist hier gelöst, jetzt sprechen die schweren Geschütze. Das Zischen und Brüllen der uns überfliegenden und vor uns einschlagenden Geschoße regt uns nicht auf, wir schlafen den tiefsten Schlaf.
Warenton, 30. November.
Der Krieg läutert und bessert manches Gemüt, welches bisher an unseren staatlichen und religiösen Einrichtungen und Gebräuchen ein Nörgler war (Müller hielt vor dem Kriege sich zur sozialdemokratischen Partei, besuchte aber fleißig den Gottesdienst). Wir stehen vielleicht auf längere Zeit hier, im Zentrum unserer Schlachtfront. Unsere Gegner versuchten nun schon mehrmals unsere Reihen zu durchbrechen, wurden aber mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Sie sollen nur kommen. Sie spüren schon den eisernen (Flügel) Druck unseres vorziehenden Flügel. Es hilft ihnen alles nichts.
Warenton, 3. Dezember.
Eben sind lebhafte Bewegungen unsererseits im Gange. Es ist mir alles Geheimnis und es ist nicht gut so: Wie manche Operation ist schon mißglückt infolge frühzeitiger Bekanntgabe der militärischen Unternehmungen. Wir haben ja, was ein großer Vorteil ist, eine gute Führung und wo eine solche vorhanden ist, kämpfen auch die Truppen mit Siegesgewissheit. Hoffentlich fällt auch hier bald die Entscheidung und das stolze Albion wird eines anderen belehrt, als unser Vaterland kleinzukriegen. Das deutsche Volk wird nicht als eine untergehende, sondern als eine maßgebende Macht dastehen. Was in diesem Kriege schon geleistet worden ist von unserem herrlichen Heere im Osten und Westen und draußen zur See und in den Kolonien, wird unauslöschlich in der Geschichte fortleben. Wir haben uns hier schon wohnlich eingerichtet. Für unsere Pferde haben wir mit Brettern und Stroh einen Stall errichtet vor Warenton in einem Wiesenthale. Wir schlafen in einem leeren Warenspeicher. Man hat doch etwas Schutz. Es sind ja viele Löcher von Schrapnell- und Gewehrkugeln vorhanden, wo der Regen Einlass findet, aber wir schlafen ganz herrlich und es kommt einem vor, als wenn kein Krieg wäre, da wir eben wenig zu tun haben, in dem unsere Batterien untätig in der Schlachtfront stehen und nur die Schweren ihre surrende, pfeifende und brummende Musik erhören lassen. Gestern und Heute ritten wir spazieren über die Grenze nach Frankreich.
Warenton, 22. Dezember.
Die Gegner suchen mit aller Gewalt durchzubrechen. Da können sie sich aber ihre Schädel einrennen. Wir halten sie schon in Schach. Wenn wir nur einmal Calais haben. Heute schlugen mehrere schwere Granaten hier ein, in unmittelbarer Nähe von uns. Teile davon flogen kaum 30 m von uns in den Boden. Resultat: 1 Mann tot, 7 verwundet. Exzellens Hindenburg hat dem Vaterland ein schönes Weihnachtsgeschenk bereitet. Wie ich hier, sollen seine Truppen herüberkommen und das hier rasch dem Ende entgegenbringen. Ich hatte das Glück, schon dreimal den Feldgottesdienst besuchen zu können und am heiligen Abendmal teilzunehmen.
Wambrectis, 21. Januar 1915.
Ich habe schon oft darüber gestaunt, daß man seit 22. Oktober nicht mehr die Uniform vom Leibe bekommen hat und der Gesundheitszustand doch ein so befriedigender ist. Hoffentlich hält der an und wir kehren gesund heim. Weihnachten haben wir würdig gefeiert in der Kirche zu Warenton am strahlenden Weihnachtsbaum. Auch wurde jeder reichlich beschenkt. Das deutsche Volk hat seinen Kriegern überwältigend schöne Weihnachten bereitet. Es hat Großes geleistet. Wir wollen auch ihm den Dank nicht schuldig bleiben und treu und mutig unsere Pflicht erfüllen, bis unsere Feinde darniederliegen. Wir haben immer nasses, rauhes Wetter, kollosal dichten Nebel, die Tage sind grau und trübselig. Unsere Kameraden in den Schützengräben müssen viel aushalten, beständig müssen sie die Gräben auspumpen. Da ist es mit dem Vorgehen nichts. Am 5. und 6. Januar wurde Warenton, vor welchem wir wochenlang lagen, vom Gegner mit schweren Geschützen beschossen. Selbst das Spital bekam seinen Teil. Zwei Volltreffer in den Mittelbau. Unsere Artillerie blieb die Antwort nicht schuldig und eröffnete ein raßendes Schnellfeuer auf die Ortschaften hinter der gegnerischen Front. Drei Dörfer wurden in Grund und Boden geschossen. Am 7. rückten wir von Warenton nach hier ab, um unsere Pferde mal wieder in Ordnung zu bringen. Wir haben viele kranke Pferde. Sogar die Brustseuche (Pferdegrippe) war ausgebrochen. Hier sind wir außer Schußbereich und leben in Frieden.
21. Februar.
Zu Karls Konfirmation werde ich nicht daheim sein. Die Pflicht dem Vaterland gegenüber geht vor. Ein schwerer Tag der Väter im Felde. Noch schwerer für die Lieben daheim. Auch für Sie, Herr Pfarrer, ist es ein schweres Amt, unseren Lieben in diesen schweren Stunden Kraft zu spenden.
Furnes, 15. März.
Am 7. März sollte die Division zur Erholung zurückgezogen werden. Wir rückten nachts 2 Uhr von La Vigne ab nach Lonnoy, wo wir morgens um 2 Uhr 30 ankamen. Am 10.03. nachmittags 3 Uhr wurde unser Regiment alarmiert, um 7 Uhr zogen wir schon durch die Festung Lille. Eine schöne Stadt. Viele herrliche Häuser in Schutt und Trümmern. Dort hielten wir eine kurze Zeit und erhielten weitere Befehle. Dort wurden wir den Zweck unseres Alarmes gewahr. Die Engländer wollten mit großer Übermacht durchbrechen, die Schlacht war in vollem Gange. Unser Regiment griff gleich ein. Bei Furnes begrüßten uns die ersten Granaten. Das war einmal wieder ein Leben, da schlug einem das Herz freudig in Erwartung der kommenden Dinge. Wir hielten auf der Hauptheerstraße. Am 18.03. verfeuerte unsere 5. und 6. Batterie 2000 Schuß. Die Engländer und Indier lagen meterhoch aufeinander tot. Massenhaft hingen sie in den mit Elektrizität geladenen Drahtverhauen. Auf dem Rückweg nahmen wir Verwundete mit aus der Feuerlinie. Auf meinem Wagen hatten wir einen Kameraden aus Leipzig. Ein Schrapnell hatte ihm den linken Arm abgerissen, linkes Bein und rechte Schulter aufgerissen, bei allem plauderte er immer noch lebhaft in der sächsischen Manier. Wir hatten auch schwere Verluste. Tag und Nacht sausten unsere Sanitätsautos, vollgefropft mit Schwerverwundeten. Die englische Offensive ist an unseren ehernen Reihen zerschellt. La Chapelle haben wir genommen und sitzen wieder ruhig und warten bis sie wieder Lust haben zu einem Besuch. Ich fühle mich Gesund und freue mich, wenn wir zu solchen Dingen engagiert werden. Die Bayern haben sich wieder hervorragend geschlagen. Das macht uns keiner nach. Möge dem deutschen Volke seine Einigkeit bleiben, dann greift uns keiner mehr an.
Ferme Longne (Warvin) 2. Mai 1915.
Bei uns ist wieder pulsierendes Leben und Treiben. Die Herren wollten wieder heraus, in einer halben Stunde war die Sache erledigt, sie hatten genug, fielen wie die Flocken. Jetzt wäre ich gerne in unserer alten Stellung in Ypern. Der berühmte Kemmelberg liegt ungefähr so vor uns als wie von daheim wir von der Langgewann aus den Donnersberg sehen. Dort soll sich in den nächsten Tagen wieder wichtiges ereignen. Die Engländer sind so gut wie eingeschlossen dort. Wenn man nur wüßte, was für Truppen wir zur Verfügung hätten. Man tappt da wie im Dunkeln. Wir können ja stolz und zuversichtlich unserer Armeeleitung vertrauen. Ich denke, wenn hier durchgedrückt werden soll, müssen Massen im Rücken stehen. Wir sind alle froh, wenn der Tag mal losgeht. Ich glaube annehmen zu dürfen, uns gehts wie den Kreuzfahrern, die angesichts Jerusalems niederfielen und Gott dankten. So wird es auch uns gehen oder wenigstens denen, welche es erreichen den Ozean, Calais zu sehen. Unser ganzes Sinnen und Streben ist es, den Engländern ordentlich zu Leibe zu gehen. Es wird jetzt schon jenseits des Kanals wackelige Hosen geben. Unsere Sache steht ja sehr gut und die beste Aussicht auf gänzliche Niederwerfung unserer Feinde ist vorhanden. Die Opfer sind sehr groß, aber unsere Nachkommen werden nicht so bald mehr angegriffen werden.
Nordfrankreich, 6. Juni.
Durch das Eingreifen unseres treulosen und verräterischen Bundesgenossen Italien gegen uns können wir unsere gehegten Friedensgedanken und Rückkehr zum heimatlichen Land noch in weite Ferne zurückstellen. Etwas traurigeres hat die Welt noch nicht erlebt. Viele Opfer kostet uns dieser Verrat mehr, aber eine Verbitterung ist vorhanden, welche Italien teuer zu stehen kommt. Kollosale Anstrengungen machen hier unsere Gegner, um ihren schon lange in Aussicht gestellten Durchbruch durchzuführen. Da würden aber ihre ganzen Armeen aufgerieben. Ungeheuere Verluste erleiden sie und wie sind ihre Berichte so schön frisiert. Armes, belogenes Volk! Wie wird es mit ihm werden, wenn es die wahren, nackten Tatsachen erfährt? Jetzt muß alles fort, jetzt gilt es unseren Gegnern zu zeigen, was wir sind. Wie wird es den alten, ungedienten Jahrgängen des Landsturms so schwer fallen, das Waffenhandwerk zu lernen und Strapazen mitzumachen. Wir, die wir gedient haben, empfinde das weniger. Wenn ich an so einzelne Persönlichkeiten denke, dauern sie mich. Es hilft aber nichts. Wie wird Oberndorf so leer. Wir sollen auch hier fortkommen, es geht so ein Gemunkel. Obs nach Italien, Russland oder sonst wohin geht, weiß keiner. Auf einmal wird alarmiert und es geht ab. Wo uns das Vaterland hinstellt,werden wir immer unsere Pflicht erfüllen bis zum letzten Atemzug.
14. Dezember.
War in letzter Zeit schon dabeigewesen, wo ein Wiedersehen ausgeschlossen schien. Es sind dies denkwürdige Erinnerungen, welche man später, wenn man wieder glücklich zurückkommt, in heimatlichen Kreisen erzählen kann, da es nicht gestattet ist, es schriftlich zu tun. Es wird auch Grund genug vorhanden sein, solch scharfe Einschränkungen zu erlassen, da doch ein Zeug hingeschrieben wird, das aller Beschreibung spottet. Wir Landstürmer sollen ja zurückkommen, wie man hört; es sind dies nur Vermutungen, bis Mitte Januar. Mir persönlich wäre es lieber in der Front, aber man muß auf seine Familie Rücksicht nehmen. Zum zweiten Mal feiern wir jetzt das Weihnachtsfest im Felde. Hoffentlich feiern wir es das nächste Jahr in der lieben Heimat. Am Freitag Nachmittag 4 Uhr haben wir Weihnachtsgottesdienst. Wer frei hat, freut sich, doch der Dienst kommt zuerst, die Kriegsmaschine steht nicht still. Haben wir nicht das Glück, dabei zu sein, macht dies nichts. Unsere Gedanken sind doch bei euch in der lieben Heimat, im trauten Heim und Dörfchen. Herrliches wird daheim geleistet, den Kämpfenden draußen ihre schwere Pflicht zu erleichtern. Heißer Dank strömt zurück für all die Liebe und Hingabe.

Der Schwager des Vorigen, Wilhelm Müller von Oberndorf, der ebenfalls zur sozialdemokratischen Partei gehörte, sich aber wenig in der Kirche hatte sehen lassen, war im Herbst 1915 als ungedienter Landsturmmann ins Feld gekommen. Derselbe schrieb am 2. Januar 1916 aus Nordfrankreich folgendes:
Die zweiten Kriegsweihnachten sind gefeiert, bei mir die ersten im Felde. Traurige, quälende Stunden sind es, die Erinnerung an die Jugendzeit, fern von der lieben Heimat in Feindesland unter solchen Zwängen, vor dem Feinde Weihnachten zu feiern. Unser Kompanieführer hat es verstanden unterm Kerzenschein auch mit uns Weihnachten zu feiern. Jeder wurde mit einer kleinen Gabe bedacht. Das freut einen, daß die in der lieben Heimat an die Krieger denken. Mit Freuden zieht man in die Stellung und schützt unser liebes Vaterland, unsere treue Heimat vor dem Eindringen der Feinde. Da können sie die Köpfe anrennen, wir können den kommenden Dingen ruhig entgegensehen. Heil und Sieg wird nicht mehr allzu fern sein. Unsere Stellung ist eine ganz windige. Am 30. Dezember haben die Herren Engländer einen Denkzettel von uns bekommen, durch eine Sprengung, in welcher 370 Zentner Sprengstoff waren, haben wir einen Graben zerstört. Punkt 5 Uhr abends gings los mit Einsatz von 8 Artilleriebatterien. Ein Feuerberg ging in die Höhe, ein Surren in der Luft und ein Donnern, das nicht zu beschreiben ist. Das war ein Neujahrsgruß! Alle 4 Tage gehen wir in Stellung. Harte Tage sind es, man gewöhnt sich aber an alles, da heißt es Kopf hoch und laß den Mut nicht sinken. Opfer müssen gebracht werden, das Vaterland verlangt es. Das Jahr 1916 wird ja ein Friedensjahr werden und das Blutvergießen wird aufhören, daß wieder jeder deutsche Mann seinem Beruf nachgehen kann.

Von dem Vizewachtmeister im 1. bayerischen Landwehr-Feldartillerieregiment Fritz Walter von Oberndorf rühren folgende Mitteilungen her:

KK S 147

Fritz Walter

Geiskirchen, 21. September 1914.
Wir waren in Luneville 4 Tage fest im Gefecht, wo uns eine 3 – 4 fache Übermacht gegenüberstand. Sind jetzt wieder etwas zurückgegangen. Sehr schlechtes Wetter. Habe schon 14 Tage keine Uniform mehr vom Leibe gebracht. Jede Nacht im Freien. Unsere Parole ist: Sieg oder Tod!
Fresnes en San Louis, 4. Oktober.
Schlarb Fritz tut mir sehr leid, denn er hat mich nicht im Stich gelassen, besonders dieses Jahr beim Neubau meiner Scheuer. Hätte ich es gewußt, hätte ich sein Grab besucht, denn ich war vom 6. – 12. September in Luneville. Wenn ich nochmals in die Nähe komme, werde ich ihm einen Kranz widmen. Wer weiß, wie es uns geht?
14. Oktober.
Wir hatten heute zum ersten Mal wieder Gelegenheit, seit dem 5tägigen Gefecht bei Luneville, dem Feind zu zeigen, daß die Landsturmbatterie noch da ist und sich verteidigt wie eine aktive. Denn es sind lauter Leute von 39 – 45 Jahren, blos 5 Unteroffiziere in meinem Jahrgang, die noch zur Ausbildung nötig waren. Auch unsere Offiziere sind Landsturmmänner. Heute morgen um 3 Uhr 30 hatten wir Alarm, rückten ab nach Bey, gingen auf den Kirchturm, um zu beobachten. Bürger schlossen die Türen und schossen auf unsere Infanterie. Einige Infanteristen wurden gefangen. Dann wurde der Turm und ein großer Teil von Bey von uns zusammengeschossen. Auch die Schützengräben haben wir stark mit blauen Bohnen besät. Der Kampf währte bis Mittag 2 Uhr, als wir ein feindliches Artilleriefeuer bekamen und gedeckt in einen Wald verduften konnten ohne Verluste. Große Kämpfe hatten wir auf der ganzen Linie keine mehr seit 10. September. Es steht auch nur Landwehr und Landsturm da. Aber Tote und Verwundete gibts jeden Tag, wenn auch nur wenige, denn der Feind versucht immer kleine Ausfälle. Gestern morgen hatten wir Feldgottesdienst von einem Feldprediger. Derselbe hielt eine sehr schöne Predigt und jeder, wenn er vielleicht auch früher nicht so der Kirche geneigt war, wohnte bei. Ich kann Ihnen bestätigen, es war kein Zwang bei uns mitzugehen, aber wer keinen Dienst hatte, war da und hörte aufmerksam zu. Bekannte sind bei mir gar keine als ein Mann von Alsenz. Es sind lauter Leute von anderen Armeekorps, meistens Preußen. Ich habe, seit wir hier sind, ein Bett und fühle mich wohl. Vorher waren wir immer im Feuer, waren höchstens von Abends spät bis Morgens früh massenhaft in einer Scheune. Wenn man wochenlang nicht die Kleider vom Leibe bekommt, ist es nichts schönes. Aber trotzdem verlieren wir den Mut nicht, denn unsere Aufgabe ist es, das Vaterland zu verteidigen und wenn wir noch so ungern unsereFamilie im Stich ließen, ist die heutige Aufgabe noch größer als wie die, als Ernäherer zu Hause zu sein. Der liebe Gott hat uns bisher geholfen und wird auch weiter helfen.
3. November.
Wir hatten ein mehrtägiges erfolgreiches Gefecht. Hier ist auch der Typhus ausgebrochen. Wenns um Gottes Willen ist und nimmt bald ein Ende.
10. November.
Heute sind wieder ein Feldwebel, 1 Unteroffizier, 1 Gefreiter und 1 Mann gefallen. Jeden Tag fallen einzelne. Ungefähr 20 Mann sind an Typhus erkrankt. Alle Vorsichtsmaßnahmen sind getroffen. Ihre Zeitungen kommen jetzt regelmäßig.
23. November.
Ich wäre am 21. November fast verunglückt. In aller Frühe um 5 Uhr bin ich mit dem Pferd gestürzt, geht aber wieder.
3. Dezember.
Mein Wunsch wäre, wenn Sie einmal unser Treiben sehen würden. Das ganze Feld ist mit Schützengräben, Geschützstände, Unterständen und Drahtverhauen durchzogen, die Täler mit Wasser gefüllt, wo es nur möglich ist. Mein Stand hier, den ich mit meinen Kanonieren selber gebaut habe, ist 2,60 m breit, 3 m lang und 1,80 m hoch, mit dicken Eichenstämmen, die wir selber im Wald gehauen, gedeckt, dann Bretter drüber und zuletzt, je nachdem noch 1 m hoch mit Grund bedeckt und zuletzt wird alles dem Gelände angepasst, wie es gerade ist, z.B. wenn es Klee oder Wiese ist, kommt Rasen drauf, ist es Stoppelfeld, dann kommen Stoppeln drauf, so daß es immer aussieht wie das Feld. Von meinem Sturz mit dem Pferd bin ich geheilt, das rechte Bein tut noch ein wenig weh. Ich hatte 6 Tage Schonung. Was den Kampf anbelangt, so ist es ziemlich ruhig. Gefechte sind öfters, aber unsere Stellung ist so fest, daß es dem Feinde durchzudringen unmöglich ist, obwohl er es öfter wagt. Vorige Woche sind auch Bomben in unserer Nähe niedergegangen, aber ohne Schaden. Flieger sehen wir jeden Tag, von uns und vom Feind. Hier in Fresnes liegen schon viele beerdigt. Ich war auch schon zweimal mit beim Begräbnis, denn wenn es möglich ist, werden die Toten vom Feld ins Dorf auf den Friedhof gebracht. Was unser Essen anbelangt? Morgens Kaffee und Kommisbrot, mittags Fleisch und Suppe (Gerste, Reis, Gries, Konserven und dergleichen), abends: Tee oder Kaffee und Königskuchen (Kommisbrot). Zu kaufen ist wenig. Wenn einmal etwas kommt aus Dieuze, Saarbrücken oder Metz, ist es sehr teuer und nicht gut. 1 Pfund Wurst 2 Mark, 1 Pfund Butter 1,80 Mark, 4 Pfund Brot 1 Mark. Wein oder Bier gibt es nicht, Schnaps wenig, sehr teuer und sehr schlecht. Uns fehlen am meisten die Kartoffeln, die sehr rar sind, bekommen oft 14 Tage keine. Die ersten Truppen haben sie auf dem Felde schon ausgemacht. Unser Dorf ist stark besetzt, alle Häuser, Scheunen, Ställe liegen voll Soldaten, blos die Offiziere und einge Unteroffiziere haben Betten.
16. Dezember.
Dieses Jahr gibt es in vielen Familien statt fröhliche traurige Weihnachten. Aber der Gott, der bis dahin geholfen, wird auch weiter helfen und in Zukunft die Welt führen. Wir hatten diese Woche wieder Feldgottesdienst und Abendmahl, gewöhnlich vor einer Schlacht. Wir haben jetzt viel Dienst und meistens schlechtes Wetter. Von morgens früh bis abends spät, sogar viele Nächte müssen wir draußen im Feld zubringen. Ich war in den letzten 6 Tagen schon 3 Nächte draußen. Sehr wahrscheinlich kommen wir morgen fort von hier in ein anderes Dorf, denn wir wurden schon mehrere Mal von feindlicher schwerer Artillerie beschossen. Viele Häuser, alle mit Leuten und Pferden belegt, wurden getroffen, ungefähr 12 Zivilisten tot und verwundet und auch mehrere Soldaten schwer verletzt, sowie Pferde und Kühe tot und verwundet. Während des Mittagessens sind 4 Personen getötet worden von einem Geschoß. Wenn man abends schlafen geht, ist man so wenig sicher wie draußen. Die Gewalt von einem schweren Geschoß sollten Sie einmal sehen. Wir bekommen oft Liebesgaben, allerhand Sachen, Wäsche, Esswaren, Rauchsachen, das geht doch ins Unendliche. Wir können Gott darum danken, daß der Feind nicht in unserer Heimat ist, denn wie es an der Grenze aussieht und zugeht und alles aufgebraucht ist, ist kaum zu sagen. Ein Elend! Jeden Tag sieht man Familien mit dem Bündel wandern, kein Haus mehr, alles in Brand geschossen.
30. Dezember.
Wir haben besonders über Weihnachten viel feindliches Feuer bekommen, aber auch entsprechend erwiedert. Am Bescherungsabend bekamen wir 8 schwere Schuß ins Dorf. Am nächsten Tag schoß unsere Fußartillerie 2 französische Dörfer zusammen. Unsere Stellung ist seit 10 Wochen noch nicht geändert, aber doch haben wir oft schwere Gefechte. Leute kostet es jeden Tag. Unsere Weihnachten waren deshalb keine besonders freundlichen, aber trotzdem hat unser Pfarrer beim Weihnachtsfeldgottesdienst gesagt, daß sie besonders freudig wären, weil unsere Lieben in der Heimat durch unsere große Tapferkeit und Ausdauer von den Feinden befreit wäre und das der Sieg in unsere Hände fallen müsse.
8. Januar 1915.
So stark das Schießen von Weihnachten bis Neujahr war, so ruhig ist es jetzt. Was uns am meisten zu schaffen macht, ist das anhaltende Regenwetter. Von morgens früh bis abends spät müssen wir draußen sein, oft auch nachts. Wer da nicht verwundet wird, muß mit der Zeit krank werden.
31. Januar.
Wir haben hier 12 – 15 cm hohen Schnee und 14 Grad Kälte, muß jede dritte Nacht draußen sein. Vor einigen Tagen sind drei feindliche Schrapnells auf 10 – 12 m vor mir in die Erde.
4. Februar.
Haben heute 200 Schuß gemacht. Bei uns keine Verluste, nur in Gremecy vom Feind 4 Zivilpersonen, 6 Kühe, 5 Pferde getötet. Für die Ortsbewohner ein Elend!
5. Februar.
Jetzt bauen wir einen Stall in einem großen Wald zwischen Fresnes und Gremecy für unsere sämtlichen Pferde, denn in Gremecy, wo unsere Vorpostenstellung ist, wird jeden Tag von den Rothosen geschossen. 6 – 8 Häuser sind schon abgebrannt. Wir sind keine Minute sicher, denn auch nach Fresnes, wo unsere Hauptstellung ist, kommen schwere Geschoße.
11. Februar.
Wir schießen jetzt fast jeden Tag und zwar fest, auch sind wir in letzter Zeit einigemal fest beschossen worden, mußten sogar in eine andere Stellung, weil der Feind unsere entdeckte. Dann haben wir eine markierte Batterie hingestellt; zwei Räder mit Achsenstock und einen Baumstamm drauf, Gesträuch herum und die Rothosen schießen auf sie, während wir 1000 m davon stehen. Gerade an dem Tage, wo wir so stark beschossen wurden, war unser Beobachtungsstand 500 m vor der Batterie auf einem hohen Punkt. Plötzlich ging das Telefon nicht mehr. Ich war vorn und ging auf Befehl meines Zugführers zurück in feindlichem Granatfeuer ohne jegliche Deckung und brachte das Telefon wieder in Ordnung, daß wir wieder schießen konnten. Unter anderem gingen 3 Geschoße auf 7 Schritt vor mir nieder. Die Anderen sahen vom Walde zu und da ich mich niederlegte und sprungweise weiter ging, meinten sie, ich sei tot, wenigstens verwundet. Es ging aber Gott sei Dank ohne Verletzung ab. Auch 2 Schritt neben unserem Geschütz gingen Geschoße nieder. Unsere neue Stellung haben die Flieger noch nicht entdeckt. Auch ohne ist wieder kräftiges Artilleriefeuer. Wenn es nur einmal ein gutes Ende hätte.
21. Februar.
Habe gestern 4 feindliche Geschütze entdeckt von einem Hochstand aus, den ich mit 6 Mann baute, eine sehr hohe Eiche, 20 m hoch. Wir sind gestern wieder beschossen worden, die Schrapnellkugeln flogen uns nur so um die Ohren.
19. März.
Wir sind jeden Tag draußen und kaum Unterstände, wir sind die meisten Waldbewohner. Haben schönes Wetter, wenn es nur standhält.
Salonnes, 2. Mai.
Wir liegen jetzt in Salonnes. War in den letzten Tagen, 27 – 29 April und 1. Mai, schwer im Feuer. Wie durch Gottes Fügung kam ich hier davon.
30. Juni.
Der Monat Juni ist jetzt auch vorbei, mithinschon der 11. Kriegsmonat, aber immer noch kein Ende zu sehen, obwohl man doch habe darauf hoffen können. Will Ihnen auch die freudige Mitteilung machen, das ich gestern zum Vizewachtmeister befördert worden bin.
3. August.
Heute feiere ich mein Jahresfest, 365 Tage sind verflossen im Feld, wenn es Gottes Wille ist, wird das Glück, das mir bis jetzt hold war, mich auch fernerhin nicht verlassen.
3. September.
Wir liegen 1 km vor Embermenil vor dem Fort Manonviller.
20. September.
Hier auf unserer Front werden große Vorbereitungen getroffen –

Hier brachen die Aufzeichnungen ab, die Berichte aus Briefen der Kämpfer enden hiermit.

 

Kriegschronik von Oberndorf Teil XV.

Berichte aus Briefen der Kämpfer VI.

Von dem Lehrer der hiesigen protestantischen Schule, Ebersold, der beim Beginn des Krieges als Vizefeldwebel zum 8. bayerischen Reserveregiment, 1. Kompanie, einrückte, gelangten Nachrichten hierher, aus denen das Folgende mitgeteilt wird:

8. September 1914. Die besten Grüße aus dem Schützengraben am Waldesrand, wo ich inmitten meines Zuges liege. Sie wissen gar nicht, wie unendlich wohl dem rauhen Krieger bei seiner Blutarbeit heimatliche Klänge tun. Darum besten Dank für Ihre und meiner Schüler Grüße. Es ist dies für uns ein erhebendes Gefühl, uns von denen zu Hause umsorgt zu wissen und der Eifer und die Begeisterung, mit der in der Heimat die Arbeiten für uns besorgt werden, macht uns die Erfüllung unserer harten Pflicht leicht. Eine harte Pflicht ist und bleibt es. Nicht frischfröhliche Feldpflichten sind es, die gewaltige Lücken reißen. Metz – Mörchingen war im Verhältnis zu unseren jetzigen Kämpfen ein fröhlicher Wandertag. Er kostete uns 2 Tote und 5 Verwundete. Der Ansturm westlich Luneville aber vom 26. August nahm uns 39 Verwundete und 2 Tote, die Vermißten gar nicht gerechnet. Tag für Tag sind wir im Granatfeuer der schweren französischen Festungsartillerie, gegen die die unserige bis jetzt verhältnismäßig wenig ausrichten konnte. Nun, wir haben ja den Gegner auch blos in der Front zu beschäftigen, bis er von hinten auch gefasst werden kann. Hoffentlich ist uns dann einmal wieder eine Feldschlacht beschieden! Bei jeder Arbeit für die Verwundeten und Kämpfenden sollen nur meine Schüler mithelfen. Jetzt darf ihnen nichts, aber auch gar nichts zu viel sein.
Nach den Kämpfen bei Mörchingen und westlich Luneville kam das Regiment zunächst bei Metz in Ruhestellung. Von dort schreibt am 18. September Ebersold: Schleunigst soll diese Karte den Dank aus unserem Rastort östlich Metz für die süße Fürsorge (Schokolade) ins stille Alsenztal tragen. Durch den steten Verkehr mit der Heimat bleibt man immer bodenständig und im Gegensatz zu dem Söldner, der irgendwo in der Luft hängt, weiß man: Es geht für König und Vaterland, für die Heimat, die unser Nährboden ist und die uns Kraft und Begeisterung zu neuen Kämpfen, zu neuem Aushalten nach der Ruhe gibt. Morgen wird es wahrscheinlich nach unbekannten Orten weitergehen und 8 Tage wird es mit der Besorgung der Post windig bestellt sein. Vom Festungsbereich im östlichen Frankreich wurden wir am 11. September abgelöst, wie das ganze II. bayerische Armeekorps. Hier haben wir das herrlichste Leben und da eben unsere Post aus der Heimat haufenweise ankommt, fühlen wir uns verhältnismäßig mollig.
Carnoi, 8. Oktober 1914
Gestern abend erhielten wir auf der Höhe etwas rückwärts von hier die Post und wurden dabei durch französische Granaten, die nicht weit davon das Schlachtfeld nach lebenden deutschen Kriegern absuchten, recht unliebsam gestört und konnten deshalb nicht alles erhalten, sondern mußten noch vieles im Postsack beieinander lassen. Immerhin bekam ich soviel, daß mir es immer wärmer wird bei den vielen immer wiederkehrenden Beweisen davon, daß die Unseren zu Hause mit ihren Sorgen, Wünschen und ihrem Hoffen bei mir sind und den Krieg mitfühlen, soviel es möglich ist.
So merkten wir wohl, daß hinter unseren Linien noch eine große Schar guter Geister liebreiche Hilfe leistete. Dank allen, die geben, mithelfen, mitsorgen, mithoffen, mitbeten. Wir sitzen in schlechtangelegten, engen Schützenlöchern, ohne eigentlich die Möglichkeit zu besitzen, auch gleich eine vernünftige Schützenlinie zu bilden. Wir können nicht beobachten, dürfen nicht raus, wissen nicht, ob der Gegner herankommt oder nicht. So sind wir hier die Ungewissheit in Person und liegen zu einem, zu zweien und dreien in einzelnen Löchern und rufen uns leise gegenseitig zu. Das ist alles, was wir voneinander wissen. Heute abend sollen wir abgelöst werden und zurück in Ortsunterkunft kommen. Im Festungskrieg wird nämlich alle drei Tage abgelöst und hier haben wir gegenwärtig soviel als möglich Feldstellungen gebaut.
Ginchy, 11. Oktober 1914
Hier in Nordfrankreich sind wir beim zunächst noch sichernden Gefecht in befestigten Feldstellungen bei Amiens, immer 2 Tage in vorderster Linie im Schützengraben, 2 weitere als Unterstützung etwas weiter dahinter im Durchgangsgraben und endlich 2 Tage etwas weiter rückwärts zur Ruhe, die wir gestern und heute genossen haben und bis zum Eintritt der Dunkelheit heute Abend noch genießen. So erleben wir dann heute den ersten Sonntag während des Feldzuges in richtiger Stille. Man hat wirklich das Bedürfnis nach solchen Punkten innerer Sammlung und Rückschau. Dann geht es wieder mit neuer Kraft und neuem Mute an reiche Arbeit.
Ginchy, 17. Oktober 1914
Nun wird sich der Krieg doch wohl noch etwas mehr in die Länge ziehen, als unser Kaiser meinte (bis Herbst). Die 100 000 Mann, die zu Schiff aus Antwerpen ausflitzten und nun irgendwo auftreten, kosten uns wohl 4 weitere Wochen zum allermindesten. Auch dadurch, daß Verdun immer noch nicht gefallen ist, wird der Kampf etwas langwierig. Erst dachte ich, wir kämen ohne Winterkleidung aus. Diese Hoffnung habe ich jetzt begraben.
22. Oktober
Sehen Sie, so wissen wir uns im Felde zu helfen. Da ich keine Feldpostkarte mehr habe und mein Unwohlsein mir nicht Zeit zu einem längeren Briefe lässt, so müssen die beiden Pappdeckel, die zum Einpacken der zwei Schokoladetafeln verwendet waren, den Dank für die liebevolle Sorge in die Heimat tragen.
Lille – Gestern wollte ich kräftig Briefe schreiben, mindestens 5: Aber ich mußte aus einer Vorstadt von Lille hinein nach Lille, eine Brille kaufen, weil die meine in Kaiserslautern zur Ausbesserung sich befindet und über meinen Zwicker das II. bayerische Armeekorps hinwegmarschiert ist.
Lille – Militärlazarett Saal 4, 6. November 1914.
Westwärts „Comines“ gings wieder ins Gefecht mit Engländern, Indiern und Franzmännern. Die Indier scheinen sich in den letzten Tagen verzogen zu haben. Die Engländer halten aber wider Erwarten noch feste Stand. Es geht eben mit Hochdruck an die Arbeit, stehts Sturm, Gefecht u.s.w. Langsam kommen wir zwar immer vorwärts, wenn auch unter großen, sehr großen Opfern. Dabei wurde ich zur Abwechslung gar, als sich am 3. November nachmittags unser Leutnant krank meldete, Kompanieführer. Wir standen östlich Hollebeke unter der 7. Infanteriebrigade und gehörten zu einem zusammengestoppelten Batallion  von 3 Kompanien, dessen Führer Leutnant Mannweiler aus Kalkofen (später gefallen) war. Bald aber kam der Abmarschbefehl: Das kombinierte Batallion marschiert auf Ostereete zur Verfügung der Gruppe Mark. Als wir gegen Abend diesen Befehl ausführten, traf uns unterwegs ein anderer Befehl der Division, der besagte, daß nur die beiden Kompanien des 5. Regiments gegen Ostereete vorrücken, die 1. Kompanie des 8. Reserveinfanterieregiments aber sich in Hollebeke der Brigade zur Verfügung zu stellen habe. Diese Streiter befanden sich in Schützengräben am Rande des Parkes, der zu dem Schlosse westlich Hollebeke gehört. 2 Züge schanzten sich als Unterstützung ein und den dritten brachte ich in dem Keller eines Gartenhauses in der Nähe des Parkrandes unter. Wieder waren wir wie so oft anderswo nötiger und so telefonierte die Division, daß wir früh 4. November nach Ostaveete zu marschieren und uns unserem Batallion zur Verfügung zu stellen hätten. Vorm Abmarsch zerschlug ein Jäger in dem Gartenhaus einen Kasten, die Franzmänner wurden aufmerksam, salzten mit Schrapnells tüchtig herüber und da gerade ein solches Biest über mir platzte, als ich zum Kellerloch hinein den Abmarschbefehl wiederholt hineinrief, so bekam ich 5 von den vielen in einem solchen nicht süßen Zuckerhut befindlichen Kugeln ab. Doch konnten sie nicht eindringen, da das Geschoß zu hoch geplatzt war und die Kugeln ihre größte Kraft eingebüßt hatten. So habe ich dann nur leichte Prellungen am linken Arm und an der linken hinteren Halsseite davongetragen, die so schnell behoben sein werden, daß ich, wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt, wahrscheinlich schon wieder bei der Truppe bin.
Brombach bei Lörrach – Baden, 15. November 1914.
Erst Feldlazarett Comines, kein Platz, dann Kriegslazarett Lille, ebenfalls kein Platz, jetzt Reservelazarett Brombach. Da rät mir der Arzt noch etwas länger zur Heilung und Erholung zu bleiben und jetzt will ich nicht. Morgen gehts zum Ersatzbatallion in Zweibrücken. Vielleicht bekomme ich dort einige Tage Urlaub in die Heimat, damit ich einmal wieder die Plätze sehe, um die ich mich geschlagen habe und in höchstens 14 Tagen wieder schlagen werde.
Auf der Fahrt nach Flandern teilte Ebersold seine kriegsmäßige Trauung mit einer Tochter der hiesigen Gemeinde mit, diesselbe fand in Zweibrücken statt, unmittelbar vor Abgang der Jäger, der ihn wieder ins Feld und zwar nach Comines in Nordfrankreich brachte.
Comines, 23. Dezember 1914.
Heute Abend, eigentlich also vorhin, hatten wir in der großen Halle der Weberei, wo die Webstühle sich befinden, in dem breiten Gange in der Mitte unsere Weihnachtsfeier für das Batallion. Dabei wurde gar mancher mit dem Eisernen Kreuz bedacht, darunter auch ich. Doch bitte ich, von jeglicher Veröffentlichung dieser Auszeichnung Abstand zu nehmen.
An Weihnachten Frieden? Ich weiß nichts davon, glaube auch nicht daran, so sehr ich es auch hoffe. Die letzten 3 Tage im Schützengraben und dann die 3 darauf gefolgten im Deckungsgraben sahen garnicht danach aus. Und wir rücken morgen Abend, just am heiligen Abend auf 2 Tage in den Schützengraben, um dort Weihnachten zu feiern.
Comines, 8. Januar 1915.
Gestern Morgen, also an Königs Geburtstag, hatten wir auf dem Platze vor dem hiesigen Rathause Parade, die in gruppenweisem Vorbeimarsch an unserem Kronprinzen Rupprecht bestand. Am Nachmittage leerten wir dann bei der Kompanie eine Flasche Münchner und vervollständigten den herrlichen Genuß dadurch, daß wir vom Marketenderwagen Knackwürstchen erstanden, die als warmes Würstchen das Getränk von der Isar in herzinnig willkommenen Festzug in den Magen begleiteten. Dort war eitel Freude über diese recht deutsche Mahlzeit in Feindesland. Am Abend zuvor hatte auf dem selben Platze, wo die Parade gewesen, eine Serenade stattgefunden. Von den Ansprachen hatten wir natürlich herzlich wenig, da wir sie nur bruchstückweise hören konnten. Dafür war das Spiel der vereinigten Regimentsmusiken für uns ein ganz herrlicher wie seltener Genuß. Diese innigen deutschen Weisen in einem Augenblicke der Ruhe und Sammlung in solch hervorragender Wiedergabe sind eine Erquickung der Gemüter, daß man sich nach solch rauhen Tagen wieder einmal als Mensch fühlen kann – Augenblick! Nach Feldhühnchennudelsuppe gehts weiter – Fein war sie und großartig hat sie geschmeckt, die Nudelsuppe nämlich und gleich kommt das von meinen Hausleuten, bei denen ich hier für die Tage der Ruhe in Einzelunterkunft untergebracht bin, zubereitete Mittagsmahl. Also die Semmel. Das markige „die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ und das vertrauensvolle „Wir treten zum Leben vor Gott den Gerechten“, jedes eine erhebende Andacht und selbst der Präsentiermarsch erschien mir als eine Herzenserfrischung. Ich will noch schnell der Strickgesellschaft (Schulkinder) einen Feldgruß schreiben und derweil wirds so allgemach Zeit, sich für den so nassen Schützengraben bereit zu machen.
Liebe Strickgesellschaft! Ich weiß es wohl, ihr seid ihn leidig, den gar so langen Krieg, bei dessen Anfang manche glaubten, das in drei Wochen, höchstens aber 3 Monaten sein Ende unbedingt da sein müßte. Woher sollten sonst für den Krieg der Neuzeit die vielen Menschen und das viele Geld kommen? Und nun sind über 5 volle Monate blutigen Ringens vorüber und noch immer ist kein Ende abzusehen. Immer neue Massen wälzen sich einander entgegen. Selbst Weihnachten mit seiner liebevollen Engelsbotschaft brachte ihn nicht, den allseits erwarteten Fieden, auf den Ihr zuhause innig hofftet und hofft und nach dem ein tiefes Sehnen durch die Reihen der Krieger geht. Und so gehen wir hinein in das neue Jahr mit dem alten Streit, mit der alten Blutarbeit. Möge sie recht bald ein Ende mit schönem Erfolg finden. Weil Ihr aber an Weihnachten mit lieben Gaben unser Gedacht, so will ich Euch von unserer Weihnachtsfeier hier in Comines erzählen. Wie es bei Euch war, Ihr wisst es, nicht wie sonst. Bei uns? Nun hört zu: Da wir gerade am heilgen Abend zur Wache gegen die Franzosen auf 3 Tage in den nassen, schmierigen Schützengraben zu rücken hatten, so wurde unsere Weihnachtsfeier im I. Batallion auf den Abend des 23. Dezember vorverlegt und die vier Kompanien versammelten sich in dem breiten Gange zwischen den Webstühlen der Maschinenhalle der Weberei Derville zu Comines, um einen geschmückten Tannenbaum, der in der Mitte auf einem Tische stand. Der Ständer war recht kriegsmäßig aus Hufeisen zusammengeschmiedet. Eine Sängerschar übte einige Lieder, bis die hohen Vorgesetzten kamen. Als die erschienen wurden sie mit „Stillgestanden“ empfangen. Nach dem „rührt euch“ trugen die Sänger ein Weihnachtslied „Oh du fröhliche“ vor und diesem folgten Ansprachen des protestantischen und katholischen Feldgeistlichen, sowie unseres Batallionskommandeurs. Daraufhin kam das Altniederländische Volkslied „Wir treten zum Beten“ an die Reihe und jetzt verteilte der kommandierende General nach entsprechenden Worten an die vorher an die Front gerufenen für tapferes Verhalten vor dem Feinde Eiserne Kreuze und beglückwünschte sie dazu. Nach dem Lied „Stille Nacht“ und der Wacht am Rhein nahm er Abschied und der Brigadegeneral richtete noch einige Worte an uns, die in der Mahnung gipfelten, auch unter den schwierigen Verhältnissen wie bisher aus- und durchzuhalten. Damit war die eigentliche Feier vorbei und die Kompanien konnten in ihre Unterkunftsräume gehen, vor die Berge von Weihnachtsplätzchen und -päckchen aus der lieben Heimat verteilt wurden. Nun aber schnell Schluß, es geht wieder in den Schützengraben. Herzliche Grüße von Eurem Friedrich Ebersold.
Antring, 21 März 1915.
In der Nacht vom 7. auf 8. März wurden wir aus der Front westwärts Comines herausgezogen und durch die 18er abgelöst. Wir kamen dann noch 2 Tage in Unterkunft nach Frercoung und marschierten dann am 10. des Monats hierher in ein liebliches kleines belgisches Städtchen. Seitdem genießen wir eine wohltuende Waffenruhe. Nicht einmal schießen hören wir es hier. Nur wenn wir auf die Höhen bei den beidenSchlössern gehen, hallt dumpfer Kanonendonner von Ypern und Arras herüber. Da wirds einem schwül und man steigt schnell wieder hinunter in den Bereich friedlicher Töne. Meine Nerven sind auch nicht mehr so wie am Anfang des Feldzuges. Am 27. Februar schlug sogar eine 7,5 cm Granate im Schützengraben vor Wytschaete in meinen Unterstand und platzte, während ich alleine darin lag. Außer einigen Ritzerchen auf der Außenseite der rechten Handfläche blieb ich völlig unverletzt und konnte nach wie vor meinen Dienst versehen. Mit verschiedenen anderen Regimentern bilden wir nun eine neue, die 10. bayerische Infanteriedivision, nachdem wir am 4. März aus unserem alten Verband, dem II. bayerischen Armeekorps ausgeschieden sind. Für immer werden wir ja nicht hierbleiben, wann und wohin es aber losgeht, kann ich freilich nicht sagen.
Lindau, Villa Regina, 19. April 1915.
Eben kam ich von dem zweistündigen Dienst der Schützengrabenaufsicht zurück. Die Ortsangabe bezeichnet den Schützengrabenabschnitt unserer Kompanie. Dieser Name kommt von unseren Vorgängern, den 20ern, die wir in der Nacht vom 31.3. auf 1.4. ablösten und die den Namen ihrer Garnisonsstadt auf ihren Kompaniebereich übertrugen. Der Laufgraben, der in unser Lindau hineinführt, ist der „Lindauer Weg“. Aber auch jeder Unterstand ist eigens benannt. So hause ich in Villa Regina. Die verschiedensten Villen sind hier. Auch eine „U 9“, eine „Emden“, ein „blutiger Knochen“ (mit den Kammstücken) und eine „Zollgrenze“ am linken Ende des Abschnitts. Der „Eiffelturm“ ist der erhöhte Artilleriebeobachterstand auf der großen Straße St. Quentin – Amiens, die schnurgerade beide Städte verbindet. Wir liegen genau in der Mitte zwischen diesen beiden Städten, zwischen unserer Ortsunterkunft Estree und Foucancourt, das schon in französischen Händen ist. So ist unser Lindau eine unterirdische Stadt in Frankreich. Der Schützengraben und die Laufgräben sind die Straßen und die Unterstände die Häuser, die je ein Zimmer aufweisen, das ist aber auch ein wirkliches, richtiges Zimmer. Nach und nach wird es immer wohnlicher hier drin. Schon das ich Sie mit Tinte und Feder aus dem Unterstand grüßen kann, wird Ihnen den gewaltigen Unterschied zwischen Wytschaete und hier etwas vor Augen führen. Hier sind Besuche, wie der am 27. Februar einfach unmöglich. Eine 7,5 cm Granate schlägt solch starke Eindeckungen nicht durch. Da müßten schon 15er kommen oder der schmale Laufgraben müßte so ein gefährliches Osterei aufhalten. Dann könnten aber höchstens nur Splitter hereinkommen. Von der Granate am 27. Februar hätte ich sehr gern vollständig geschwiegen. Aber da in dem Unterstand gegenüber ein mannweilerer Kind lag, als sie den meinigen zusammenhaute, so wußte ich ja schon, daß die Kunde doch nach Hause komme. Wie aber solche Nachrichten zum Schlusse aussehen, das merkt man an den Mordgeschichten, die gestern Abend von unserem Abschnitt erzählt wurden: 14 Tote hat die Kompanie, die mit als erste ablöst. In Wirklichkeit aber hatte sie nur einen einzigen Verwundeten und jener schon gleich an dem Abend, als wir zum letzten Male in Ortsunterkunft zurückgingen. Solche Ungeheuerlichkeiten, die meistens von den Mutigen hinter der Front, bei der Feldküche oder sonst woher kommen, schlägt man am besten mit der Wahrheit tot.
Estrie, 27. Mai.
Etwas Gutes hat das Durcheinander bei Arras doch gehabt: Das verfluchte, blödsinnige Exerzieren hört wenigstens auf und an seine Stelle tritt kräftige kriegsmäßige Arbeit. Wir bauen nämlich unsere Stellungen sehr stark aus. Als wir kamen, hatten wir nur einen einzigen Schützengraben mit den in diesen hineinführenden Laufgräben. Jetzt sind bald 5 Linien vollständig fertig, manche mit sehr starken Drahthindernissen. Tagtäglich wird daran gearbeitet und zwar nicht nur von uns, den „ruhenden“ Truppen, sondern auch von unserer Sanitätskompanie, die in dieser Stellung erfreulicherweise sehr wenig zu tun hat in ihrem Berufe, und eingekleidetem ungedientem Landsturm. Diese Brüder bilden natürlich einen ganz herzzereißenden militärischen Verein und es kann uns kein Mensch verdenken, daß wir den Ortsbewohnern beizubringen versuchen, es seien gefangene Russen. Jetzt darfs auch einmal ein bisschen krumm gehen. Dann wird der Schaden doch nicht gar so schlimm. Wenn die Verhältnisse links oder rechts einmal ein Zurückgehen unvermeidlich machen sollten, dann kann man sich doch gleich wieder festsetzen und Widerstand leisten und ist doch nicht einfach dem gegnerischen Eisenhagel preisgegeben, ohne sich verteidigen zu können. Sie dürfen nun aber  nicht glauben, daß wir an ein Zurückgehen denken, ohne daß es unbedingt nötig wäre. O nein! Im Gegenteil! Vor einigen Tagen bestellte ich bei unserem Versorgungsoffizier dünne Leinwand, um die eine Wand und die Decke meines Unterstandes damit auszuschlagen. Die Tapeten, die ich irgendwo aufgetrieben habe, langten blos für drei Wände. Für die vierte erwischte ich nun einmal nichts mehr. Es will sich rein garnichts finden, höchstens Kalk. Etwas Ölfarbe bin ich auf der Spur. Die wird aber zu gut bewacht. Wenn sie einmal niet- und nagellos sein sollte, dann ist sie mir natürlich lieber als die Leinwand. Einmal an Wand und Decke gestrichen, kann sie mir ruhig beschlagnahmt werden. Auf einen Käufer mehr oder weniger kommt es ja hinten am Ende auch nicht an. Dafür wohnt man auch wieder angenehmer. Wir dürfen uns ja wohl schon recht Dauerhaft einrichten, denn so schnell wird der Rummel noch nicht zu Ende sein, besonders jetzt, wo die Schufte jenseits der Alpen ihr Land unbedingt an Deutschland angliedern wollen. Das geht natürlich nicht so schnell. Erst müssen die Russen aus Galizien hinaus. Dann dürfen sie die Ostseeprovinzen räumen und sich ein paar mal „umgruppieren“, bis ihnen der Schnaufer ausgeht. Nachher gehts nach Calais. Die Kranken und Erholungsbedürftigen kommen jeweils nach dem Süden. Oberitalien ist ja wie geschaffen dafür. Auf jeden Fall hat sich der hinterhältige Vertragsbrecher schwer verrechnet. Es dauert freilich jetzt etwas länger, dieses Ringen um unser Sein. Aber am Ausgange kann auch dieser Zuwachs im Schufteverband unserer Gegner nichts ändern. Das schönste wäre ja, wenn schließlich Italia dem Schachspieler Grey nicht mehr nützte als Portugal.
Als der gute Anfang am Dunajec einsetzte, hofften wir in einem Vierteljahr mit unseren Gegnern fertig und in einem Halben zuhause zu sein. Jetzt geht es natürlich so schnell nicht, wenn nicht unvorhergesehene Ereignisse eintreten. Vielleicht kümmern sich an einem schönen Tage Vesuv und Ätna ob solch herrlicher Bundestreue um die, die in ihrer Umgebung wohnen, die Hauptsache aber werden wir schon selber schaffen. Dem bisherigen innigsten deutschen Wunsche „Gott strafe England“ tritt nun ein weiterer zur Seite: „Der Teufel hole Italien“.
19. September. Inzwischen war Ebersold zuhause.
Mit dem Wiedereingewöhnen ist es diesmal so eine ganz eigene Sache. Wie Blei liegt es mir in den Glieder und der Dienst ruft mich zurück. Dabei ist es mir aber körperlich ganz wohl. Innerlich aber bin ich mit der herben Kunde aus dem Osten (sein Bruder war dort gefallen), die mir bei meiner Rückkehr aus dem Urlaub auf dem Fuße folgte, immer noch nicht fertig geworden.
1. Oktober: Er erhielt zum Eisernen Kreuz das bayerische Verdienstkreuz II. Klasse.
Nürnberg, 14. November (Unterstand).
Eben geniesen wir hier das selbe Wetter wie im vergangenen Winter vor Wytschaete. Freilich kommt es uns in dieser Stellung nur halb soviel zugute, denn voriges Jahr kam zu dem Guten von oben, dem Regenwasser, in dem Grundwasser Flanderns nicht weniger Gutes von unten. Hier aber fehlt es erfreulicherweise an Feuchtigkeit aus der Tiefe, so daß man genügend weit in die Erde dringen kann, um eine vernünftige Deckung zu haben. So gedenken wir hier in Unterkunft und Stellung bedeutend weniger unbehagliche Winterquartiere zu bewohnen als vor Jahresfrist. Vor dem Winterschluß wirds aber wohl noch eine Mordsschießerei im Westen geben, als Kundgebung, die zur Entlastung im Orient führen soll, angreifen werden sie aber keinen.
Misery (Ortsunterkunft) 26. November
Recht erfreuliche und auch ernste Nachrichten zum anderen Teil waren es, die Sie mir in Ihrem letzten Brief zugehen ließen. Krankheit in der Schule und im Dorfe sind in so allgemeinem Auftreten eine harte Nuß für eine Gemeinde. Hoffentlich geht der Lehrmangel schnell vorüber. Besonders wünsche ich das meiner kleinen Schar. Auch bei uns sieht sichs hie und da in der Stellung etwas windig an und doch kommen wir zuallermeist  ohne Verluste wieder heraus. Manchmal meint man schon die Franzmänner suchten die Plätze für ihre Granaten aus an denen keine unserer Leute stehen. So ist es hier, wenn man genau zusieht, nur halb so schlimm.
Recht erfreulich ist die Regelung des Organistengehaltes, besonders erfreulich aber die Einstimmigkeit des Beschlusses. So läßt der Krieg in friedlicher Arbeit manches Ziel auf gute Art erreichen, was der Friede einem kriegerischen hin und her nicht bescherte. Möchte der Krieg, wie hier im Kleinen, so auch im Großen gar manche hohe Friedenserwartung im großen deutschen Vaterlande erfüllen. Die Rückkehr in Heimat und Friede wird so schnell nicht erfolgen. So schnell und leicht ergeben sich unsere Gegner nicht. Und jetzt sind wir bald soweit, daß wir befreundete Völker des Ostens ausrüsten und durch unsere Offiziere den englischen Träumen an die Kehle führen können. Ein baldiger Kaiserbesuch in Konstantinopel wird dafür ein herrlich Signal sein. Ach Gallipoli! Lebt wohl Dardanellen! Jetzt heißt es Ägypten und was drum und dran hängt. Das läßt sich natürlich nicht im Handumdrehen erreichen und so heißt es für uns im Westen wieder still und wachsam aus- und durchzuhalten. Eine kleine Ausspannung und eine ganz winzige durch Urlaub. Der kommt aber bei mir noch nicht so schnell wieder.

Das war der letzte Brief. Noch nicht vier Wochen später, am 20. Dezember 1915 wurde Ebersold, mit dem Urlaub in der Tasche, durch eine feindliche Kugel überrascht und auf dem deutschen Militärfriedhof in Marchelepot beigesetzt.

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Kriegschronik von Oberndorf Teil XIV.

Berichte aus Briefen der Kämpfer V.

Lehrer Stemler – Mannweiler – schrieb am 14. August 1917 aus Russland.

Bild S. 125

Sie werden mich wohl schon in Sibirien vermutet haben, weil ich schon so lange nichts mehr hören ließ. Der Sommer in den Roknito-Sümpfen mag es entschuldigen. Wer diesen einmal erlebte, kann viel erzählen und wer sein Unangenehmes zum zweiten Male durchkosten muß, kennt ihn noch besser. Die beste Bezeichnung für ihn ist „scheußlich“. Das Klima ist ungesund. Drückend heiße Tage wechseln sehr rasch mit rauhen, wie sie Deutschland nur im November kennt. Luft, Erde und Wasser wimmeln von Ungeziefer, Flöhe fallen einem in ganzen Schwärmen an. Wer keine breiten Stiefel anhat, den springen sie beinahe um. Die Schnaken sind so zahlreich, daß man sich Tag und Nacht von einem Bienenschwarm umgeben glaubt. Wer ihnen einige Stunden ausgesetzt ist, sieht kaum noch aus den Augen. Mäuse und Ratten halten sich in den Unterständen in ungeheurer Zahl. Selbst ein Aufhängen des Brotes an einem Bindfaden hilft nichts. Sie kriegen es herunter, den Fliegen muß man das Recht lassen, im Gesicht Platz zu nehmen und bei allem mitzuessen, weil man sich ihrer nicht erwehren kann. Unken, Kröten, Molche und Frösche beleben jedes Wasser in so großer Menge, daß ein Fließen desselben unmöglich ist. Zahl und Arten des Ungeziefers sind so groß, daß man staunen muß. Mit ihm haben wir weit mehr zu kämpfen, als mit dem Russen. Letzterer ist hier ziemlich ruhig. Nur wenn er seine schwachen Stunden bekommt, beschießt er uns mit seiner Artillerie. In Rumänien geht es immer noch frisch vorwärts. Dem Engländer und Franzosen scheint im Westen auch bald der Atem auszugehen. Die gar so gewaltigen Wutschreie verraten nicht mehr allzuviel Kraft. Wir denken bis zur nächsten Kornernte wieder in der Heimat zu sein.

Am 11. April 1917 war folgender Brief angekommen:

Sehr lange dauerte es diesmal wieder, bis ich zum Schreiben kam. Doch nachfolgende Zeilen mögen eine Entschuldigung sein. Wir haben sehr bewegte Tage hinter uns. Schon sehr lange war von unserer Seite geplant, den Brückenkopf Toboly, den die Russen am mittleren Stochod besetzt hielten, zu nehmen. Am 2. April schien die Zeit hierzu günstig zu sein und so wurde unser Angriff auf den 3. April angesetzt. Früh 6 Uhr begann das Trommelfeuer auf die russischen Gräben. Für die ganze Arbeit waren 3 Tage vorgesehen, wurde aber, weil alles großartig glückte, in einem Tag geleistet. Die russischen Batterien wurden durch Gas niedergehalten. Unsere Artillerie arbeitete erstklassig. Nachmittags 2 Uhr begann schon das zurückfluten der Russen. Ganze Regimenter wollten geschlossen über zwei noch für sie in Betracht kommende Brücken. Hier leistete unsere Artillerie großartige Arbeit. Auf einer Wegstrecke von etwa 1 km waren von einem vollen Regiment nur noch einzelne Männlein zu sehen und diese wurden Opfer unserer Gaswolken. So rannte ein Regiment nach dem anderen in diese Feuerzone und wurde total vernichtet. Da alles eilig vorwärts schritt, kam um 6 Uhr abends für uns auch etwas überraschend schnell der Befehl zum Sturm. Um 7 Uhr stiegen wir über unsere Gräben und stürmten vor. Das erste Hindernis war von Wasser bis in Brusthöhe, dann folgten zwei feindliche Drahthindernisse und endlich der russische Graben. Die russischen Batterien, die sich regen wollten, erhielten sofort wieder die Nase voll Gas und alle schwiegen. Nun erwarteten wir jeden Augenblick die Gegenwehr der russischen Grabenbesatzung. Statt sich zu wehren, kam diese auf Knieen gerutscht und hielt an wie der Krüppel am Weg. Alle dachten scheinbar, daß es ihnen jetzt an den Kragen geht, was unser Kriegslärm auch hätte erwarten lassen können. Aber alle freuten sich über den gnädigen Empfang. Unseren Ulanen küßten sie die Hände und sogar die Stiefel, was mehreren Panies eine recht derbe Abfuhr einbrachte. Sehr eifrig marschierten sie auf unsere Gräben zu und waren sichtlich erfreut, endlich aus dieser Feuerhölle zu kommen. Wir machten an dem Tage 1 General, 4 Oberste und 10 000 andere Offiziere und Mannschaften zu Gefangenen und erbeuteten 15 Geschütze, 94 Maschinengewehre, etwa 40 Minenwerfer und ungezählte Gewehre und Material. Die Verluste der Russen an Toten und Verwundeten zählten nach Tausenden. Unsere Verluste waren sehr gering. Der 3. April wird mir in ewiger Erinnerung bleiben. Zum ersten Male wurden wir an diesem Tage zum Stürmen angesetzt wie Infanterie (Stemler war beim ersten bayerischen Ulanenregiment), während wir bisher nur in der Verteidigung blieben. Für unser Regiment war es ein ruheloser Tag. Unangenehm war nur das Freibad im Schneewasser und das Nachtlager auf dem Sand in unserer Kleidung. Mir ist die Sache nicht ganz gut bekommen. Scheinbar hatte ich etwas von unserem Gas geschluckt, denn tagelang besaß ich eine Art Katerstimmung, so daß ich die Ostern größtenteils auf meinem Lager zubrachte. Jetzt bin ich glücklich wieder auf dem Damm und freue mich, alles gut überstanden zu haben. Der Russe hat sich immer noch nicht ganz von seinem Schrecken erholt.

Militärstation: Herakino, den 28. Mai 1918

Ihr Brief vom 26. April erreichte mich erst jetzt. Inzwischen habe ich eine ganz interessante Reise gemacht, längs durch die Ukraine. Am 20. April wurde ich durch das Regiment von Stochod abgerufen. Nach einer vierwöchigen Reise mit der Bahn erreichte ich am 20. Mai das Regiment. Meine Fahrt führte mich über Jekaterinoslaw und Taganrog, letztes am Asow`schen Meer. In beiden Städten lag ich je 8 Tage und wartete auf weiteren Befehl. So hatte ich Gelegenheit in das Leben einer ukrainischen Stadt hineinzuschauen. Jekaterinoslaw ist eine Industriestadt mit einem ziemlich französischen Anstrich. Die Luft über der ganzen Stadt ist geschwängert mit Parfüm und die Gesichter der Damen sind „ganz bunt“ bemalt. In einer ganz zufälligen Kleidung steckt eine leichtlebige Bevölkerung, die sich nach wenigen Tagen nichts mehr von der schweren Zeit der Bolschewikiherrschaft anmerken ließ. Ernsthafte Arbeit kennt man weit weniger als in Deutschland, dagegen für den Straßenbummel zu bestimmten Stunden des Tages haben alle reichlich Zeit. Taganrog ist ein gemütliches Bürgerstädtchen. In seinem Hafen herrscht ziemliche Stille. Nur Fischerboote fahren aus und ein. Der Anblick des Meeres vom Strande aus ist ganz malerisch, aber keineswegs überwältigend, wie ich es mir vorstellte.
Gegenwärtig liegen wir etwa 70 km nördlich Taganrog. Da nun die Operationen fast abgeschlossen sind, beginnt die Hauptarbeit des deutschen Militärs in der Ukraine. Diese besteht im Beitreiben von Vorräten, die nach Deutschland geschafft werden. Wir selbst werden in den nächsten Tagen hier abgelöst und kommen fort. Wohin es geht und welche Verwendung wir bekommen, ist noch unbestimmt. In Mannweiler glaubte man mich schon im Westen. Gottlob ist es bis jetzt noch nicht der Fall, aber ausgeschlossen ist es garnicht, daß es bald kommen kann.

Kloszki, den 7. Oktober 1918

Ihren Brief vom 13. September erhielt ich erst vor zwei Tagen. Inzwischen war ich schon in Urlaub. Auf der Durchfahrt machte ich auch in Mannweiler einen kurzen Besuch. Leider war die Zeit zu kurz, um auch nach Oberndorf zu kommen, wo ich gerne auch Sie besucht hätte. So muß ich dies auf das Kriegsende verschieben, was ja bald zu kommen scheint. Wie im Februar wurde ich auch diesmal wieder einberufen. Die Ursache war eine Verschiebung des Regimentes. Seit einigen Tagen sind wir nun in Tanrien, an der Küste des Schwarzen Meeres. Unsere Fahrt ging über Nikolajew nach Cherson. In letzterem lagen wir 2 Tage. Das Äußere der Stadt macht einen orientalischen Eindruck. Das Leben und Treiben ist russisch, Kaufhäuser, Gasthäuser und Cafes dagegen nach deutschem Muster. Zu kaufen bekommt man alles, was das Herz begehrt, aber alles ist sündhaft teuer. Was bei uns in Deutschland jetzt noch 20 – 30 Pfennig kostet, bezahlt man hier mit 3 Rubel = 4 Mark. Von Cherson aus wurden wir auf Schleppern über den Dniepr gesetzt. Zum ersten Male sah ich dabei Kavallerie auf dem Wasser. Auf zwei großen Kähnen war die ganze Eskadron mit 170 Pferden, 190 Mann und 18 Wagen untergebracht. Die Reise zu Schiff ging 8 – 10 km weit nach dem Städtschen Aloszki gegenüber Cherson, wo wir jetzt liegen. Aloszki ist ein Städtchen mit 20 000 Einwohnern, mitten in einem weiten Wüstenland. Man glaubt hier in der Sahara zu sitzen auf einer Oase. Das Städtchen an sich ist sonderbarer Weise ein großer Obstgarten. Doch es ist so staubig, daß die ganze Natur grau statt grün ist. Wir haben hier 25 Grad Wärme am Tage und die Nacht kann man ruhig auf blankem Sande im Freien verbringen. Unser Dienst ist Verwaltung und Sicherung des Bezirks. Ich selbst habe den Posten eines Bahnkommandanten. Was man im Kriege nicht alles werden kann. Hoffentlich ist das der letzte Posten und wir können bald zur Friedensarbeit zurückkehren.

Die Kriegszeit auf dem Lande im Jahr 1915, von Pfarrer Stock.

In dem gebirgigen Teile unserer schönen Pfalz, wo die Flüsse und Bäche sich in das Erdreich eingewühlt haben, erwachsen dem Landmanne bei der Feldbestellung und Ernte erhöhte Arbeitsleistungen. Die gesteigerten Mühen des Lebens blieben denn auch nicht ohne Einfluss auf sein inneres, geistiges Leben. Er ist bedächtigen Sinnes, leidet nicht an Vielredigkeit und sieht seinen schönen Lebenszweck in der Arbeit in Feld und Haus. Äcker, Stall und Scheune erfordern im Laufe des Jahres seine Gegenwart und so kommt es, daß sein Umgang mit der Außenwelt ein beschränkter ist, was hauptsächlich ihn veranlasst nicht blindlings allen Neuerungen nachzujagen, sondern vorsichtig das Für und Wider reiflich zu erwägen. Gleichwohl zeigt er sich allen fachmännigen Stellen, zu denen er einmal Zutrauen gefasst hat, entgegenkommend, so daß z.B. die theoretischen und praktischen Winke, bei ihm auf fruchtbaren Boden fallen, was allgemein an dem Aufblühen der landwirtschaftlichen Produktivität jeglicher Art dieses Gebietes beobachtet werden kann. Der pfälzische Bauer im Berglande ist stolz auf seinen Besitz und weil er ihn schwer erringt, hält er ihn doppelt fest. Daher lässt es sich auch erklären, daß die kriegswirtschaftlichen Maßnahmen von ihm besonders schwer empfunden werden, namentlich, weil er glaubt, daß die Manipulationen des Großhandels nicht die gleiche Belastung erfahren. Daß auch hier nach und nach durch behördliche Einrichtungen ein Ausgleich herbeigeführt wird, dürfte die Landwirte schließlich zufriedenstellen und beruhigen.
Als im Jahre 1914 der furchtbare Krieg ausbrach und eine Kriegserklärung der anderen folgte, da lag auch über den Dörfern der westlichen Pfalz eine schwüle Atmosphäre. Mit Bangen sahen die älteren Leute der nächsten Zukunft entgegen, während die Jüngeren gleich ihren städtischen Kameraden kampfbegeistert auszogen. Auch hier sah man rührende Szenen des Abschieds, wie sich das alte, von schwerer Arbeit verwitterte Mütterchen an den kraftstrotzenden scheidenden Sohn hing und mit dem Schürzenzipfel die Tränenbäche zu hemmen suchte, oder wie der lastgebeugte alte Bauer seinem Jungen das Geleit zur nächsten Bahnstation gab und hier wehen Herzens dem reich geschmückten Zuge nachsah, der seinen wackeren Arbeitsgenossen ins ungewisse Schicksal entführte. So sah ich ein altes Männlein noch eine halbe Stunde nach Abgang des Zuges, auf dem selben Flecke stehend, mit tränengeröteten Augen nach der Richtung starren, wo sein Lebensblut dahinfuhr. Dort nahm der Bursche von dem ihm „versprochenen“ Mädel tapfer Abschied, es mit seines Kaisers Worten tröstend, wie er den bösen Feind „dreschen“ wolle und wie er gewiß wieder gesund und als ein Held zurückkehren werde. An den Tod dachten die jungen Krieger nicht. Mit ihren Kameraden vereint, zogen sie singend und scherzend aus in den Kampf, daß Trennungsweh den Daheimgebliebenen überlassend.
Still gingen diese der Arbeit nach und als nach und nach auch die älteren Jahrgänge eingezogen wurden, da wurde überall in den Dörfern die bange Frage laut: Wer hilft uns jetzt die Ernte einbringen und das Feld bestellen zum nächstjährigen Ertrage? Doch was man nicht für möglich gehalten hätte, ist eingetreten. Nach der Entziehung so vieler starker Männerkräfte schritt die Feldarbeit fort wie in Friedenszeiten. Frauen und Mädchen im Vereine mit Greisen und Kindern unterwarfen sich mit doppeltem Eifer der Riesenarbeit von Ernte und Feldbestellung, von Haus- und Gartenwirtschaft. Verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit und nachbarliche Zuneigung ergänzten gegenseitig die Lücken. Mit gefüllten Scheunen schloß das Kriegsjahr 1914 ab und mit Zuversicht sah man nach den gelungenen Proben dem weiteren Verlauf des Krieges entgegen und wohl noch günstiger gestaltete sich das Ernteergebnis im Kriegsjahr 1915.
Wenn auch die Bauersfrau, wie geschildert, alle Hände voll zu tun hat, so vergißt sie doch nicht mit besonderer Sorgfalt für ihre tapferen Helden draußen im Schützengraben die wohlgefüllten Liebesgabenpaketchen herzurichten und mit einigen liebevollen Zeilen der Post zur Weiterbeförderung anzuvertrauen. Schinken, Hartwurst, Hausmacherwurst, Eier, Butter und andere gute Dinge sollen dem Braven draußen für alle Strapazen und Gefahreneinigermaßen entschädigen. Wie freut sich das Mutterherz, wenn ein Feldpostbrief die Antwort bringt, daß die guten Gaben mit Vergnügen in Empfang genommen worden seien und ihren Zweck erfüllt hätten und wie freut sie sich erst recht, daß der gute Junge noch heil und gesund ist. An warmen Unterkleidern für den harten Winterdienst darf es ihm nicht fehlen. Die sorgende Mutterhand findet Zeit genug dies alles herzurichten. Mit Stolz erzählen die Angehörigen von den heimberichteten Heldentaten ihrer Braven draußen und wahrlich, es sind ihrer nicht wenige, die mit Verdienstkreuzen und gar dem Eisernen Kreuze für ihr tapferes Verhalten vor dem Feind ausgezeichnet worden sind. Mit doppeltem Eifer wird von Großvater, Mutter und Schwester oder dem jüngeren Bruder die schwere Arbeit geleistet, die sonst dem Feldgrauen oblag, wenn sie von ihm hören, wie er große Strapazen, oft den Tod vor Augen, zu ertragen habe. Dieses Heldentum vor dem Feinde regt in der Heimat zum ausdauernden Ringen in wirtschaftlicher Hinsicht an. Es werden dadurch bei der Landbevölkerung schlummernde Kräfte ausgelöst und weiter gestählt, die erzieherisch wirken zur Heranreifung eines starken Geschlechts.
An vielen Zügen lässt es sich erkennen, daß die Landbevölkerung sich mit starkem Herzen in das schwere Geschick findet, das der Krieg bringt und daß sie mit vaterländischen Gefühlen alles Ungemach erträngt. Ist es nicht vaterländisch gedacht, wenn eine Mutter, deren Herz sich um ihren Sohn draußen an der Front schon weit über Jahresfrist verzehrt, sagt: „Es ist mir ganz gleich, wann er kommt, w e n n er nur wiederkommt!“ Mit welchem heroischen Gleichmut oft Frauen die Verstümmelung ihrer Männer ertragen, ist erstaunlich. Nicht als ob sie sich gleichgültig darüber hinwegsetzen würden; nein, der Gedanke, daß ihr Gatte seine gesunden Glieder für das Vaterland hingegeben hat, löst bei ihnen, neben einem schmerzlichen Gefühl, ein Gefühl des Stolzes aus. „Es wird schon wieder einen Weg zu neuem Unterhalt geben“, sind hier die Worte der Selbsttröstung. Gleich heroisch sind aber die von feindlichen Geschoßen schwer Gezeichneten selbst im Ertragen ihrer Kriegsgebrechen. So hat, um nur ein Beispiel anzuführen, ein blutjunger Landwirt mich eines Tages mit der linken Hand gegrüßt, weil der rechte Arm infolge eines Schrapnellschusses bewegungslos herabhing. Trotzdem eine Heilung ausgeschlossen ist, war er guten Mutes und meinte, stolz auf das Band des Eisernen Kreuzes zeigend: „Dies entschädigt mich reichlich für meinen toten Arm und wenn ich auch meinen Landwirtsberuf an den Nagel hängen muß, so werde ich mir schon weiter helfen“. Diese Beispiele, sie ließen sich noch vermehren, geben beredetes Zeugnis von dem guten, patriotischen Geist, der in unserer Landbevölkerung steckt und es ist  nicht zu verwundern, wenn unsere Heerführer sich wiederholt äußerten, daß mit so gearteten Truppen sich die schwierigsten Unternehmen ausführen lassen.
Wir wollen es mit den düsteren Bildern genug sein lassen und Kriegseinwirkungen auf dem Lande schildern, die eine heitere Note erkennen lassen. Wie freut man sich im Elternhause, wenn der Sohn, auf den man seiner Taten wegen stolz geworden ist, auf Urlaub heimkommt. Erhobenen Hauptes begleitet man ihn durch das Dorf in die Kirche, wo er in seiner feldgrauen Uniform alle Blicke auf sich lenkt. Gespannt lauscht man seinen Schilderungen vom Kampffelde und all den furchtbaren Dingen, die der moderne Krieg mit sich bringt. Doch auch heitere Erlebnisse werden zum Besten gegeben und nicht zum Geringsten spielt dabei die Magenfrage mit allem Drum und Dran eine Hauptrolle. Von Eltern, Geschwistern und Verwandten wohl aufgepäppelt, verläßt der Krieger nach abgelaufener Urlaubszeit wieder sein Heimatdorf und begibt sich neu gestärkt zum frischen Kampfe in den Schützengraben.
Die Kriegsgefangenen, in der Hauptsache sind es Russen, werden von den Landleuten gut gehalten. Sie empfangen ausreichende Kost, schlafen in guten Betten und werden, wenns not tut, gekleidet. Allerdings verlangt der Bauer dafür ausdauernde Betätigung in Feld und Haus. Die Verständigung geschieht durch Zeichen und Vormachen. Im Laufe der Zeit lernen sich auch beide Parteien bis zu einem gewissen Grade durch gegenseitig erlernte Worte verstehen. Das Verhältnis zwischen Familie und Kriegsgefangenen ist meist ein erfreuliches. Doch gibt es unter letzteren hie und da renitente Elemente, die sich gern von der Arbeit drücken möchten. Viele sind des Lesens und Schreibens auch in ihrer Muttersprache unkundig und bringen den bäuerlichen Anleitungen oft wenig Geschick entgegen. Andere zeigen sich, dank ihrer  besseren geistigen Entwicklung wieder anstelliger. Mancher Bauer muß oft allen Scharfsinn und alles anschauliche Geschick aufwenden um diese Leute in subtilere Teile der Arbeit einzuführen. Wieder andere reden auf die Gefangenen unermüdlich ein, um sich ihnen verständlich zu machen. Ja ich hörte sogar ein altes Bäuerchen mit überlauter schriller Stimme einem Mongolen beim Pflügen Anleitungen geben, so daß es sich anhörte als ob er den größten Rechtsdisput mit dem Gefangenen hätte. Wahrscheinlich glaubte der Lehrmeister dem Mangel an Sachverständnis durch die Tonstärke abhelfen zu können. Soviel haben die Landwirte herausgeklügelt, daß die Russen im allgemeinen brauchbarer zur Feldarbeit sind, als die feinnervigen Franzosen. Den russischen Kriegsgefangenen scheint es ganz gut, nach ihren Äußerungen zu schließen, auf dem Lande zu gefallen. Manche von ihnen wollen deutsch werden und geben das kund mit den Worten: „Nix Russi, Warschau deutsch!“ Wieder andere verwundern sich darüber, daß jeder Mann hier sein Häusschen und Gärtchen habe, während bei ihnen dies alles dem Zar gehöre. Sie wollen Frau und Kinder kommen lassen und lieber hier wohnen bleiben, als in ihrer russischen Heimat, wo alles so streng und hart sei.
Die Wahrnehmungen und Erfahrungen, weche die Tausende und Abertausende von Kriegsgefangenen in unseren deutschen Landen machen, dürften wohl nach dem Frieden und der Heimkehr derselben gute Früchte zeitigen. Sie werden gewiß die beste Abwehr aller Lügengewebe bilden, mit welcher das russische Volk von seiner Presse umnebelt wurde und werden eine Brücke zu besserem gegenseitigem Verstehen schaffen zum Nutzen und Frommen großer Völkerschaften.

Kriegschronik von Oberndorf Teil XIII.

Aus den Briefen der Kämpfer IV.

Die Kriegserlebnisse von Heinrich Wagner von Cölln wurden von ihm folgendermaßen geschildert:

Bild S. 107

Wagner mit seiner Einheit in Ruhestellung Falkenberg

Meine liebe Pfalz verließ ich mit meinem letzten Quartier in Niederhochstadt. Von Zeiskam, wo wir früh 8 Uhr eingeladen wurden, gings mit dem Zuge nach Straßburg. Daselbst Aufenthalt. Ich hatte Bahnhofswache. Nach einer Stunde wurde ich abgelöst. Jetzt erfuhr ich, daß unser Bestimmungsort noch unbestimmt sei. Endlich hieß es: „Einsteigen“. Jubel und Freude herrschte überall. Wie beruhigend muß es für die Bewohner gewesen sein, als sie die Begeisterung sahen! Und dann der Humor, den man das „Brot“ im Felde nennen kann und der sich besonders in manch treffender Aufschrift an den Eisenbahnwagen zeigte. Er läßt den deutschen Soldaten leicht die Schmerzen vergessen, die ihnen der Abschied von ihren Lieben gebracht hat. Der „D-Zug nach Paris“ ist schon im Gange und weiter fährt er ins Dunkel. Schirmeck ist erreicht und allmählich wird uns das Ziel gewisser. Langsam schleppt sich unser Dampfross mit seinen 50 Wagen vorwärts. Endlich abends 11 Uhr aussteigen und strenge Ruhe. Bourg – Brucke! Schon hören wir ganz deutlich den Geschützdonner. Jetzt rasche Einteilung und die Quartiere aufgesucht. 15 Minuten Marsch und wir sind an Häusertrümmern angelangt. Französische Artillerie hat hereingeschossen. Da heißt es jetzt sich ein Plätzchen suchen, wo man ein wenig ausruhen kann. Um 3 Uhr gehts schon wieder weiter zur Front. Endlich finden wir – 5 Kameraden und ich – ein Plätzchen im Gemeindehaus, das noch ziemlich erhalten war. Rasch machten wir uns ein Lager auf dem Fußboden zurecht und kochten draußen eine Suppe, denn seit 2 Tagen hatten wir nichts Warmes mehr bekommen. Ach, gar zu bald sind uns die 2 Stunden, die uns noch zum Schlafen übrigblieben, verflossen. Schon wird alarmiert; selbstverständlich geschieht das Antreten in größter Ruhe und ohne Licht, damit nicht etwa ein französischer Flieger von unserem Anmarsch erfährt. Um 9 Uhr stand die Kompanie marschbereit und weiter ging es auf Saales. Auf dem Wege dahin stießen wir zu unseren anderen Kompanien und nun ist auch das 1. Batallion beisammen. „Laden und sichern“! Ein für uns in dieser Lage fremdes Kommando, das wir aber schon lange ersehnten, denn wir brannten vor Begier nach dem Feinde. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man zum ersten Mal die 5 Patronen einschiebt, die dazu bestimmt sind, Menschen zu töten. Nach einer Stunde erreichten wir die noch deutsche Stadt Saales. Aber von ihr sieht man nur noch einen Haufen Trümmer. Außer der Kirche ist kein Haus unbeschädigt. Kaffees, Schulhäuser, alles durch die französische schwere Artillerie zerschossen, als sie sich, von den Deutschen verfolgt, zurückziehen mußte. Keine Fensterscheibe ist mehr zu sehen, durch den ungeheueren Luftdruck der Granaten sind sie eingedrückt worden. Noch rauchen die Trümmer! Wenige Tage zuvor waren noch 2 Feldlazarette da, welch ein Glück, daß sie verlegt worden waren! Wie wäre es unseren armen Verwundeten ergangen, denn der Franzose fragt nicht nach dem Roten Kreuz. Nach langem, anstrengendem Marsch über Berg und Tal, durch Wald und herrliche Wiesen, vorbei an Biwackstellen und Lagerplätzen, an Gräbern unserer Kameraden, erreichen wir ein kleines Gehöft. Beim Anblick des ersten Grabes durchschauerts einen. Hier ruht das junge Blut in fremder Erde, ein einfaches Kreuz aus Ästen rasch von einem Kameraden hergestellt und mit dem Helm geziert, bezeichnet die Ruhestätte. Einfach aber weihevoll! Die letzte Ehre! Die Grabhügel mehren sich, die Gegend wird wüster: Granatlöcher, Infanteriestellungen, gesprengte Überführungen. Hier wütete ein heißer Kampf. Endlich Häuser: La petit Fonc, wir sind bei unserem 4. bayerischen Reserveinfanterieregiment. Es ist früh 7 Uhr. Rasch werden wir eingeteilt. Das Regiment hatte schwere Verluste, da die Stellung der Franzosen in der gebiergigen Gegend äußerst schwer zu nehmen war. Jeder Schritt mußte fast mit dem Bajonett erkämpft werden, außerdem hielten die lieben Nachbarn jedes Jahr hier ihr Manöver ab, ganz nah an unserer „Haustüre“. Die Entfernungen kannten sie deshalb ganz genau, ein ungeheuerer Vorteil für die Artillerie, die sich dadurch das Einschießen ersparte. Unsere Kompanie, die zweite, ist in einer Scheune untergebracht. Es ist 8 Uhr früh und schon erhalten wir unsere Feuertaufe, denn die ersten französischen „Ansichtskarten“ kommen geflogen in Gestalt von Granaten und Schrapnells. Ein fürchterliches Zischen und Sausen. Die alten Kameraden rührten sich schon gar nicht mehr, stehen gar nicht auf bei den Schrapnells und merken erst auf, wenn Granaten kommen. Uns jungen Vaterlandsverteidigern ist das ein wenig komisch und wir laufen in unsere Unterstände, die am Abhange des Berges gebaut sind, der dem feindlichen Feuer entgegen liegt. Die Franzosen haben die Liebenswürdigkeit, ihre Grüße zu bestimmter Stunde des Tages uns zu schicken, das ist morgens von 7 – 8, mittags um 1 Uhr nach ihrer Mahlzeit (da scheinen sie sich am stärksten zu fühlen, denn da feuern sie nur in Salven) und dann abends bei der Dämmerung.
Am 20. August gingen wir auch nicht mehr aus unserer Scheune heraus, sondern waren frohen Mutes beim Spiel der Mundharmoniken. Gar viele in der Heimat können es sich nicht vorstellen, daß man auch lustig sein kann, wenn man dem Tode so nahe ist, aber warum nicht? Mit seinem Gott hat sich jeder auseinandergesetzt und erwartet nun ruhig sein Schicksal, das ihm bestimmt ist. So vergeht ein Tag auf den anderen. Unsere Front ist auf dem Berge, wo wir eine Verteidigungsstellung einnehmen und halten müssen. Sie ist in ungefähr einer halben Stunde erreichbar. La petit Fonc ist ein armes, kleines Dorf mit schöner katholischer Kirche. Es ist schade um das Kirchlein, das ein bisschen hoch liegt. Granaten und Schrapnells haben ihm das Dach eingerissen. Alle Heiligenbilder liegen zerfetzt am Boden und die Kanzel ist mitten in die Kirche geschleudert. Es sieht dort drinnen fürchterlich aus, dem Pfarrhaus erging es ebenso.
Nach einigen Tagen kam der Befehl: „Marschfertig machen“! Nachts um 2 Uhr geht es ab. Wohin? unbestimmt. Über Saales, Bourg – Brucke gehts zurück. Hier morgens 9 Uhr Essen fassen (wie stehts das einzige Essen am Tage), dann hofften wir, weil wir an der Bahn waren, eingeladen zu werden. Aber umsonst. „Tournister auf – Gewehr in die Hand“. Das übliche Kommando und weiter gehts über Steige, St. Martin (von uns vollständig niedergeschossen, als wir die Franzosen zurückschlugen), weiter nach Schorrweiler, wo es endlich, endlich Halt gab. Es regnete auf dem Marsche und müde waren wir schon in Saales, denn 55 Pfund wollen getragen sein. Nun kommen noch die müden Füße hinzu. Viele haben ja schlapp machen müssen, aber im großen Ganzen wurde ausgehalten auf dem Marsche von abends 11 bis am nächsten Tag abends 7 Uhr (20 Stunden). Wir hatten nur einmal Pause in Bourg – Brucke. Hier muß uns unsere Feldpost verloren haben. In Schorrweiler gab es Rasttag bis nachts 2 Uhr, dann Abmarsch auf Schlettstadt, wo wir endlich eingeladen werden. Jetzt im Zuge! Wohin weiß wieder niemand, selbst die Hauptleute nicht.
Wir fahren zurück über Straßburg und Metz, von da nach Mars la Tour. Aussteigen! Es ist Nacht. Wir müssen nach Chambley marschieren, eine halbe Stunde weit, dann Essen fassen und in die Quartiere. Ein Tag Rast. Ruhe tut uns sehr not. Wir lassen uns in einer Scheune häuslich nieder und schlafen sofort. Chambley ist ein kleines Städtchen, ganz nett, aber schmutzig, schmutzig wie das ganze Frankreich. Auf Grund eines Batallionsbefehls müssen wir überall große Reinigung vornehmen und, was sehr notwendig ist, Latrinen bauen (Aborte kennen die Franzosen garnicht, nirgends einer zu sehen). Die Rastzeit ist um, Batallion steht reisefertig. Wir maschieren weiter über Beney, La marche (2 Tage Aufenthalt), Boncourt, Banieres nach Aprimont. Überall Militär und wieder Militär, meistens Preußen. Ab Aprimont beginnt für mich das eigentliche Kriegsleben, oder besser gesagt: Zigeunerleben. Kanonendonner jetzt schon sehr gut vernehmbar. Wir marschieren weiter, endlich im Bereich der Kugeln. Wieder Zischen und Sausen, wir liegen in Reserve. Granaten und Schrapnells besuchen uns auch hier, doch die meisten gelten nicht uns, sondern unserer Artillerie, die hinter uns steht.
Es war Nacht, als wir zum 1. Mal in Reserve lagen, eine Nacht, in der von beiden Seiten ein Sturmangriff geplant war. Unsere Artillerie arbeitete schon fieberhaft; es ist 3 Uhr früh, Ziele hatte sie schon eingeschossen, der französische Angriff erfolgte erst um 6 Uhr, der unsrige war auf viertel nach 6 festgesetzt. Es war ein Glück für uns, daß die Gegner zuerst mit ihrem Sturm begannen, sonst hätte vielleicht uns das Schicksal treffen können, das die Feinde traf. Ihr sehr starker Angriff wurde mit schauerlichen Verlusten für sie zurückgeschlagen. Der Tod hatte furchtbare Ernte gehalten. Unser Angriff wurde erst um 9 Uhr 15 ausgeführt. Davon weiter unten. Wir liegen noch nach dem Abweisen des französischen Angriffs bis 8 Uhr in Reserve, beständig von Granaten und Schrapnells bedroht. Etwas schauerliches, wenn man so untätig daliegen muß, wehrlos jedem Geschoß preisgegeben. Wie froh waren wir, als endlich die Nacht vorüber war. Ein Nachtgefecht ist doppelt schrecklich. Manchmal gleicht der Kampfplatz einem Vergnügungspark, in dem eine bengalische Nacht gefeiert und das Feuerwerk das Auge ergötzt, wenn nicht das furchtbare Getöße und Dröhnen die Wirklichkeit zu grußlich vor Augen stellen würde. Endlich heißt es für die Unseren: „Zurück“! Dieses Mal geht man gerne, denn nützen können wir nichts und werden beständig bombardiert. Es geht 4 – 5 km zurück. Seitwärts in einem Buschwald wird gelagert. Nicht lange, dann gehts wieder vor in Reserve. Nur wenige Stunden, dann „zurück“! So geht es einige Tage hin und her, nur um den Gegner zu täuschen. Während dieser Tage haben wir nachts unter Büschen geschlafen oder in Strauchhütten, Zelte durften wir nicht aufschlagen, da wir jederzeit marschbereit sein mußten und uns vor den französischen Fliegern in Acht zu nehmen hatten. Auch hier, weit hinter der 1. Linie war man nicht sicher vor feindlicher Artillerie. Oft wurden uns Steinmassen zugeschleudert, von den Granaten herrührend, die hinter uns einschlagen. Tote gabs keine, aber Beulen für die Lebenden. Auch ich habe so kleine Andenken behalten, keine von Nachteil, da gibts nichts besseres, als auf den Bauch legen und Tournister auf den Rücken, dann triffts nur weniger empfindliche Teile, bei manchem vielleicht denjenigen, der es von jugend auf schon ziemlich gewohnt war. Trotz des Ungewohnten ruht man auf dem steinigen Boden ganz gut, man lacht und scherzt und vergißt, daß Krieg ist. Abends, wenn Ruhe in den Kolonnen ist, wirds feierlich, dann hält jeder Gottesdienst. Ein Flüstern geht durch die Reihen – Gebet. Es betet jeder, auch der schon über Gott gespottet, ihm gänzlich fremd wurde. Rohe Gesellen, sie kommen zur Einkehr. Es ist ergreifend, wenn man die rauhen Hände gefaltet sieht, die den Tod senden in die Reihen des Gegners, die gierig nach dem Gegner verlangen, um ihn im Kampf zu erwürgen. Dort liegt der Vater einer großen Familie. Sein struppiger Bart macht sein Gesicht hart, aber aus den Augen leuchtet die Liebe zu den Seinen daheim, um die es, gleich wie sie daheim sicher auch an ihn im Gebet gedacht haben. Die Kampfeswut, die Erbitterung ist in dieser Stunde von ihm gewichen. Hier liegt ein junger Kämpfer. Wo ist er anders mit seinen Gedanken als daheim! Bei Vater oder Mutter oder Geschwistern? Alles ist in tiefen Frieden getaucht, weit im Felde des Todes. Das ist auch eine der Freuden im Felde. Möge doch der Krieg auch davon Früchte bringen. Das tiefreligiöse Gefühl bei uns Deutschen muß bei vielen wieder geweckt werden, dann aber flutet ein Meer von Gebeten empor und das wird uns siegen helfen.
Der 10. Oktober bricht an, blutig färbt Mutter Sonne den klaren Himmel und schickt die Nacht ins Tal. Blutig! Ein Vorzeichen für den Tag. Was wird er uns  bringen? „Wir gehen vorwärts. Wir schieben ein“, so heißt es. Schon überschreiten wir unsere Artilleriestellungen. Es ist 4 Uhr früh. Alles noch dunkel. Durch engen Buschwald, Dornen und Draht. Endlich in den Laufgräben, die zu den Schützengräben führen. Jetzt langsam vorwärts und ruhig. Das geringste Geräusch und wir haben Salven von französischer Infanterie und Artillerie. Wir schreiten vorwärts. Greuel des Krieges begegnen uns. Tote Pferde, tote liebe Kameraden, verwundete Brüder – schrecklich der Anblick, schrecklich das Stöhnen, am schrecklichsten der Geruch. Endlich Kommando „Halt“! Alles hinlegen! Kugel pfeifen, Granaten und Schrapnells schlagen bei uns ein. Unsere anderen Reihen heuer lebhafter. Es tagt! Die Sonne drückt den Nebel in die Täler; es regnet, aber nicht lange. Es ist 6 Uhr, der Sturm beginnt. Feindliche Infanterie will schon herannahen, lebhaftes Schützenfeuer. Verwundete kommen schon, teilweise jämmerlich zugerichtet. Ich bin Verbindungsmann zwischen 1. Feuerlinie und Kompanie, direkt am Wagen, den die Sanitäter benutzen. Was tragen die alles zurück. Es schauert mich. Feindliches Feuer wird immer heftiger und jetzt setzen auch Maschinengewehre ein. Aber unsere Leute haben die Stellung erreicht, die die Franzosen geräumt. Jetzt Geknatter unserer Gewehre, Maschinengewehrfeuer, Artillerie spricht mit. Unser Vorstoß ist geglückt. Hurra! Unser Hauptmann kommt zurück, aber leider mit schlimmer Nachricht – Herr Major gefallen! Alles nimmt im liegen Helm ab. Schade! Unser Herr Hauptmann muß das Batallion führen. Die 2. Kompanie ist dadurch ohne Offiziere. Alles muß einschieben. 3. Kompanie weg. Jetzt kommt die Reihe an uns. Aber wir dürfen leider nicht gleich vor. Wir müssen an den rechten Flügel, eine viertel Stunde durch den Wald. Unser Hauptmann geht mit uns. Endlich bei der 7. Brigade. Jetzt wird erst bekannt, was wir zu tun haben. Stürmen, und zwar den Wald bei Aprimont. Höhe 362 von den Franzosen säubern. Gestern sind hier zwei Angriffe, für uns verlustreich, zurückgeschlagen worden und heute sollen wir die Stellung unbedingt nehmen. Um 9 Uhr 15 gehts los. Bajonette aufpflanzen. Vorläufig hinauf in die Ansturmschützengräben. Wir sind da. Unsere 1. Linie kommt zurück. Warum? Unsere Artillerie soll zuerst säubern. Schießt nun zwei Stunden lang nur Salven. Beobachtungsposten telefoniert: “ Schüsse sitzen alle gut“! 3. Kompanie fertig machen. Wieder ist strengste Ruhe. Gebet! Verschiedener Inhalt. Wie wirds gehen, denkt sich wohl mancher. Wie viele bleiben droben im Wald! Mancher von uns hat wohl noch nie in seinem Leben ein innigers Gebet zum Himmel gesandt, wohl auch nie ein inbrünstigeres Vaterunser gebetet, als in dieser Stunde, wo jeder auf sein baldiges Ende gefasst sein mußte und manchen erwischte der Tod in den nächsten Minuten.
9 Uhr 15 Kommando: „Zum Sturm“! Langsam bewegt sich die Kette vorwärts. Schwarz wie der Tod, der uns entgegenblickt, sind auch wir. Graue Mäntel haben wir keine bekommen, nur schwarze. Immer noch gehts vorwärts durch Gestrüpp und niederes Buschwerk. Der Nebel hat sich vom Tälchen heraufgezogen und es nieselt schon. Ahnungslos gehen wir in einer Waldlücke und erreichen jetzt den Kamm des Hügels, um drüben hinabzusteigen, gar nicht daran denkend, daß uns etwas geschehen könnte. Doch jetzt trifft uns gleich das furchtbar Entsetzliche, die Salven unserer Gegner! Und die Wirkung ist noch furchtbarer, als man mit Worten wiedergeben kann. Ich bin in erster Linie. Links und rechts sind sie gefallen, die lieben Kameraden. Tot – tot! Ein Vorwärts jetzt unmöglich. Wir nehmen Stellung. Wer nicht liegen kann, kniet oder steht und schießt, was nur aus den Läufen geht. Wohin? Keiner sieht ein Ziel. Ein furchtbares Geknatter. Alle Gedanken schweigen, nur der eine frist sich fest – den Gegner zu überwinden. Der Mensch ist jetzt Tier. Keiner glaubt, daß er getroffen wird und viele müssen dran glauben. Unsere Reihen lichten sich, die Verwundeten schleppen sich zurück. Doch für das Ganze gibt es kein zurück. Trotz des starken feindlichen Feuers gehts nur vorwärts. Wir sind im 1. französischen Schützengraben, wie schauts da aus. Obwohl wir kein Ziel sahen, war die Wirkung unseres Feuers entsetzlich. Die Toten lagen aufeinander, die Verwundeten stöhnten und schrieen nach Hilfe; vielen wurde sie gebracht, vielen durch das Bajonett. Es ist entsetzlich wie der Mensch im Kampfe ist. Doch es ist notwendig. Den Schuften darf man keine Gnade geben, alle soll man niedermetzeln, denn tut mans nicht, dann raffen sie sich wieder auf und schießen, trotzdem sie als Verwundete galten, von hinten auf uns. Hier wars, wo wir wieder in Stellung lagen, um den ca. 90 m entfernten feindlichen Schützengraben vor dem Stürmen noch einmal unter Feuer zu nehmen. Jetzt hatten wir ein sicheres Ziel. Da plötzlich will mein linker Arm nicht mehr. Ich kann mein Gewehr nicht zum Schießen hoch bringen, glaubte ich hänge mit dem Ärmel an etwas, bis ich Blut an ihm sah. Dann schaute ich erst nach und sah, daß ich getroffen war. Jetzt fühlte ich auch Schmerzen. Ich mußte zurück. Entsetzlich, wenn man vorwärts kommen könnte. Doch es ist nicht zu ändern. Ohne Besinnen muß ich wieder den Weg hinauf, den wir gekommen. Mitten im Kugelregen. Rechts und links pfeifen sie vorbei, meinen Mantel durchlöchernd. Doch ich mußte hinauf, hier konnte ich mir unmöglich einen Notverband anlegen. Endlich ist die Höhe erreicht und ein Schützenloch und darin ein Kamerad. Rasch den Mantel herunter, den Ärmel noch und den Arm verbinden. Blutet schrecklich, Verband fertig, was ein machen! Die Kugeln pfeifen immer noch furchtbar und schlagen in die aufgeworfenen Erdhügel vor uns ein. Vorläufig gibt es nur ein Ausharren. Endlich wird das Feuer schwächer. Ich ergreife noch das Lederzeug mit Seitengamasche und schleppe mich, mein Gewehr im Arm, langsam durch den Wald zurück auf den 100 m entfernten Notverbandsplatz. Jetzt merke ich erst, daß ich droben in dem Schützenloch, wo ich verbunden wurde, meinen Tournister liegen ließ. Doch ich kann nicht mehr zurück, das Feuer wird wieder heftiger. Ich bin unten. Da liegt ein Rothöschen, aber der Hass ist geschwunden, ich könnte ihm nichts mehr antun. 10 Minuten früher wäre es ihm schlecht ergangen. Ich gebe meine Patronen und das Ladezeug ab und behalte nur noch mein Gewehr und zwei Streifen Patronen für den Notfall. Nun geht es zurück zum Feldlazarett. Ein Franzose könnte einem doch in den Weg laufen, denn im Wald ist alles möglich, da muß man den Beruf des Pfadfinders lernen. Auf dem Weg zum Feldlazarett treffe ich bekannte Verwundete. Bald ist das Lazarett erreicht. Die Verbände werden nachgesehen, dann trollen wir weiter auf der belebten Straße, woher wir vor einigen Tagen gekommen waren. Nach 2 Stunden erreichen wir das Lazarett der Division. Dort werden wir verbunden und da es Abend ist, auf dem „Speicher“ untergebracht. Es gibt noch Tee und Kommißbrot. Hier wird alles gesammelt, um an anderen Tagen in Trupps entlassen zu werden. Die Nacht war wenig angenehm. Erstens schmerzte die Wunde sehr und zweitens das Stöhnen der Kameraden. Endlich ist es 10 Uhr früh (11. Oktober 14). Die Marschfähigen gruppieren sich und wieder gehts nach Chambley. Die Straße ist voll marschierender Abteilungen und fahrende Kolonnen bewegen sich gleich einer Schlange durch die öden Felder von dem nicht fruchtbaren Frankreich. Es ist schrecklich, wie man vom Kriege spricht. Frankreich werde nach dem Krieg so verheert sein, daß die traurigsten Verhältnisse eintreten. Aber ganz sachte! Sie sind an ihrem Elend selber schuld. Abends 7 Uhr erreichen wir Chambley. Hier werden wir eingeladen, um irgendwohin gebracht zu werden. In Metz hatten wir Aufenthalt zur Beköstigung, dann gings nach Zabern, das wir morgens 5 Uhr erreichten. Die Leichtverwundeten werden in die verschiedenen Lazarette verteilt, ich komme ins Missionshaus. Hier werden wir liebevoll aufgenommen. Kaffee gabs und, was uns fast fremd war, ein gutes Bett.
Es vergehen 2 Tage, da stellt sich heraus, daß ich operiert werden muß. Eine Kugel hat sich im Unterarm zwischen zwei Knochenfestgesetzt und wird entfernt. Da ich chloroformiert war, hatte ich keine Schmerzen. Ein hübsches Andenken aus Frankreich. Ich hatte einen Querschläger abbekommen. Die Wunde sieht schauerlich aus und ich kann froh sein, daß die Kugel nicht mehr Unheil anrichtete. Es wurde kein Knochen verletzt und ich kann die Finger bewegen, wenn auch der Arm noch schmerzt. Die Heilung geht schön vonstatten. Mit dem Eiter, der ausfließt, sind bis jetzt 6 Tuchfetzen herausgekommen. Ich werde zwar noch recht lange mit der Verwundung zu tun haben, aber gut wird es sicher wieder.

Diese Hoffnung Wagners hat sich erfüllt. Nachdem er in Zabern als geheilt entlassen worden war, kam er anfangs 1915 nach Rheinsheim zur Erholung ins Lazarett. Vom Truppenübungsplatz Munsterlager, wohin er von Niederhochstadt aus zu einem Offizierskurs abgestellt worden war, schrieb er zweimal, nämlich am 2. und 19. Mai 1915. Am 19. Juni teilte er mit, daß er in zwei Stunden wieder nach Frankreich gehe (dazwischen war er zum Vizefeldwebel befördert worden). Dort wurde er zum zweiten Male leicht verwundet und kam ins Garnisonslazarett in Augsburg, Juli 1915 meldete sich aber bald wieder zur Truppe und kam wieder an die frühere Stelle in den Vogesen. Im Dezember 1915 war er auf Urlaub zu Hause. Wie für den ersten Teil des Feldzugs, so hatte Wagner auch für den anderen eine Schilderung seiner Erlebnisse in Aussicht gestellt. Durch seinen Tod wurde diese offenbar verhindert. Aus seinen Briefen sei darum noch Folgendes nachgetragen. Von Zabern aus schrieb er:

Man kann sich eigentlich nicht wundern, daß es mit meiner Mutter so geht, war doch ihr Leiden schon alt und tief (Rückenmarks- und Gehirnleiden. Deswegen mußte sie in die Krankenanstalt Homburg gebracht werden, was dem jungen Mann großen Kummer machte). Trotzdem hatte ich immer noch Hoffnung, ihr später einmal ihren Lebensabend verschönern zu können; jetzt allerdings erlöscht auch das letzte Fünkchen, fühle ich doch, daß ich mich bald von meiner lieben Mutter trennen muß, wenigstens auf dieser Erde (Sie starb am 2. Dezember 1915). Leider habe ich mit meinem Wunsche, in ein pfälzisches Lazarett überwiesen zu werden, nicht durchdringen können. Ich bin vorgestern in ein Reservelazarett in  Bamberg überwiesen worden und werde morgen hier abreisen. Ich werde zuerst in die Pfalz fahren, zunächst nach Homburg, um meine Mutter nochmals aufzusuchen und dann auch ins Alsenztal. Ich werde mir erlauben, auch Sie aufzusuchen. Mein Arm ist wunderbar geheilt. Die 10 cm große Wunde ist in 8 Tagen gänzlich zugeheilt bis auf eine dünne Kruste. Ich werde nun in Bamberg vielleicht nochmals operiert, um die Sehne, die unglücklicherweise mit der Hand verwachsen ist, zu lösen, vielleicht gehts auch ohne dies.

Von Bamberg wurde er sofort zu einer Ersatztruppe nach Niederhochstadt und von da ins Reservelazarett zu Rheinsheim überwiesen. Hier hat er Verwendung gefunden als Schreibkraft des Stabsarztes. Der Posten sei für die Dauer des Krieges ganz angenehm, meinte er, „doch ich werde wahrscheinlich nicht hier bleiben“.

Leider machen mir meine Verwandten Vorwürfe, warum ich mich jetzt wieder freiwillig ins Feld melden würde, da ich als einziges Kind eine unglückliche Mutter so allein lassen müßte. Ich will ihrem Wunsche nachkommen und mich nun gegen meinen früheren Willen nicht freiwillig melden, sondern mich meinem Schicksal überlassen. Muß ich wieder hinaus, dann wird ausgerückt mit der gleichen Begeisterung, mit dem gleichen Mut, wie das erste Mal! Komme was kommen mag, alles Gott befohlen.
14.2.15. Ich bin immer noch in Rheinsheim. Heute kam der Stabsarzt vom Urlaub zurück, hat aber meine Entlassung nicht beantragt, sondern will mich weiterhin (allerdings unbestimmt wie lange) hier behalten. Wie er sagte entließe er mich nur ungern. Unter diesen Umständen ist es möglich, daß ich auf längere Zeit hier bleibe. Arm ziemlich in Ordnung, so ganz richtig ist es immer noch nicht. Narbe noch zu weich und Arm noch zu schwach. Wird tüchtig massiert nach warmem Bad. Ich fühle, daß es besser wird. Von meiner Mutter kann ich erfreulicherweise Gutes berichten. Sie soll gut aussehen, sehr deutlich sprechen, das Stottern soll sie fast ganz verloren haben und auch der Gedankengang ihrer Rede soll sehr logisch sein. Sie hat sich beschwert, daß ich nicht mehr schreibe. Ich habe es bis jetzt nicht getan, da sie das Lesen verlernt hatte. Jetzt schreibe ich wieder eifrig und hoffe auf ein Gesunden. Bisher hatte ich die Hoffnung aufgegeben, doch das Schicksal liegt in Gottes Hand, er wirds wohl machen.
29.2.15. Heute wurde ich als felddienstfähig mit Urlaubsempfehlung entlassen. Ich fahre am 25.02. von hier nach Niederhochstadt zu meinem Ersatzbatallion und hoffe ins Alsenztal zu kommen. In 4 – 5 Wochen glaube ich wieder im Schützengraben zu sein. Von meiner Mutter kann ich Gutes berichten. Ihr Zustand hat sich wesentlich gebessert und ich glaube das Recht zu haben, wieder ein völliges Gesunden zu erhoffen. Nach dem ich weiß, daß meine liebe Mutter in so guten Händen ist, kann ich den Schicksalsschlag leichter ertragen.
11.3. Niederhochstadt. Geht im Ganzen noch gut. Dienst ziemlich stramm, doch an alles gewöhnt man sich, Wetter abscheulich.
27.3. Meiner Mutter geht es weiter besser, war am Donnerstag dort, besuchte sie aber nicht auf Wunsch meiner Tante. Nach meinem letzten Besuch soll sie sich so sehr aufgeregt haben.
31.3. Vorerst bleibe ich hier, um bald zum Offizierskurs auf dem Übungsplatz Lüneburger Heide abgestellt zu werden. (Daselbst hielt er sich im April und Mai auf und wurde zum Vizefeldwebel und Offiziersaspirant befördert). Am Sonntag geht es wieder nach Süddeutschland, ich denke über Pfingsten daheim zu sein.
19.6. In zwei Stunden geht es wieder nach dem „lieben“ Frankreich. Übermorgen werden wir schon im Schützengraben sein, komme zum alten Regiment.
22.6. Aus Frankreich (Beney). Hier ist es ganz gemütlich beim Artilleriefeuer, wohnlich eingerichtet, Baracken mit Strohsäcken, mit Anlagen, Gartenhäusschen aus Ästen, Bänken u.s.w. Vom Kriege kann man hier auch schönes sehen. Wie Villen sind die Baracken an den Berg gebaut und fast könnte man meinen, man sei zur Erholung hier.
15.9. Im Schützengraben. Die Rothosen sind hier nicht ganz anständig. Wir haben sehr lebhaftes Artillerie- und Minenfeuer und es geht manchmal recht heiß zu, doch mit Gottes Hilfe werde ich aus dem Hexentanz wieder heraus kommen. Eben liege ich in der bombensicheren Höhle und lasse die „Lieblinge“ feste schießen, die werden schon wieder aufhören. Wir bleiben wahrscheinlich noch 3 Tage und noch länger diesmal in den Vogesen.
12.10. Morgen früh geht es wieder auf 9 Tage in den Schützengraben. Hoffentlich geht es auch diesmal wieder gut. Ich bin jetzt in einer Umgebung, die einem wieder Mensch sein lässt. Möbliertes Zimmer mit 9 Betten, Tisch, Waschtisch, Schrank, Sessel, Ofen, Spiegel usw. Alle Möbel selbst angefertigt, aber von Kaufmöbeln fast nicht zu unterscheiden. Tapeten und Bilder tragen zur Wohnlichkeit bei.  Für die schönen Herbsttage haben wir ein hübsches Gartenhäusschen auf luftiger Höhe und des Abends in tiefer Waldeinsamkeit. Im Frieden könnte man sich einen schöneren Aufenthalt nicht wünschen.
30.10. Im Allgemeinen ist es ruhig bei uns, doch manchmal gehts schon heiß zu und oft kann man es als ein Wunder betrachten, daß man lebend aus dem Hexenkessel heraus kommt. Aufpassen muß man zwar immer, aber das genügt nicht um mit heiler Haut heraus zu kommen, Gottes Schutz darf einen nie verlassen. Ich lege mein Schicksal ganz in seine Hände, er wirds wohl machen.
Der Wald, sonst findet man ja hier nichts, färbt und lichtet sich; letzteres ist ein großer Nachteil. Es fällt dadurch viel Deckung weg. Für feindliche Flieger gute Beobachtung. Da denke ich gerade an mein letztes Zusammentreffen mit Unteroffizier Limbacher (dessen Mutter eine geborene Linxweiler aus Mannweiler ist); er ist ganz in meiner Nähe (fiel später einen halben Tag nach Wagner). Einliegendes Bildchen zeigt einen Teil unseres Soldatenfriedhofs, wo so viele Kameraden unseres Regiments bestattet sind. Es ist sehenswert, wie würdevoll man sie hier zur Ruhe gebracht hat. Eine schönere Stätte hätte man ihnen auch auf dem heimatlichen Gottesacker nicht machen können. Von meiner Mutter habe ich in letzter Zeit keine Nachrichten. Die letzte Mitteilung war nicht so günstig. Doch auch in dieser Beziehung ist alles Gott befohlen.
Falkenberg bei Metz, 6.1.1916. Inzwischen hatte Wagner zur Beerdigung seiner am 2.12.15 verstorbenen Mutter Urlaub gehabt, kam aber zur Beerdigung zu spät. Unsere Division hat wieder einmal einen Umzug erleben dürfen. Als ich in Urlaub war, wußte ich nichts davon und fuhr wieder nach Frankreich hinein und marschierte dann von der letzten Bahnstation aus noch drei Stunden zu unserem früheren Waldlager. Erst dort habe ich erfahren, daß mein Regiment zurückgezogen worden sei. Wohin konnte mir niemand sagen. So füßelte ich halt wieder zurück nach Vigneulles und fuhr nach Metz. Dort erfuhr ich dann, daß ich nach Falkenberg muß, wo unser Batallion in Ortsunterkunft in Ruhe ist. Wir haben hier ganz nette Quartiere. Ich bin bei sehr netten Leuten einquartiert, obwohl man das nicht von allen Lothringern sagen kann. Dienst ist selbstverständlich, um die Manneszucht zu stärken und, wo sie fehlen sollte, wieder herzustellen. Wo wir hinkommen ist ganz ungewiß, auch der Mann. Wir müssen jeden Augenblick vorbereitet sein, obwohl es noch Wochen dauern kann. Nun mag kommen was will, wir werden auch in Zukunft unseren Mann stellen und unsere Pflicht erfüllen bis zum Äußersten.
30.1. Der Tod meiner lieben Tante in Bisterschied war für mich eine nicht minder schwere Heimsuchung als der meiner geliebten Mutter. Ich betrachtete sie schon immer als meine 2. Mutter, besonders nach dem traurigen Vorfall, durch den meine Mutter so leidend geworden ist. Auch diesen Schlag will ich in Gottvertrauen tragen und auf eine glückliche und sorgenfreie Zukunft hoffen. Die Gewissheit des Glaubens und die innere Empfindung, daß wir mit von uns körperlich geschiedenen Lieben in geistigem Verkehr stehen, lässt uns den Trennungsschmerz leichter ertragen und die Hoffnung im Glauben, daß wir uns einstens wiedersehen, macht uns stark. Daß Kamerad Ebersold auch sein Leben geopfert hat, schmerzt mich, schon seiner jungen Gattin wegen. Auch in diesem Fall sieht man, daß es ein Ausweichen vor der bestimmten Kugel nicht gibt. Der Stunde des Schicksals kann man nicht entgehen und deswegen braucht man auch keine übermäßige Vorsicht, die leicht in Feigheit auswächst.  Am Besten auf Gott vertraut, gewiß in unserer gerechten Sache und dann seine Pflicht erfüllt. So habe ich es bis jetzt gehalten und werde von diesem Grundsatz nicht abgehen (er ist ihm treu geblieben bis zum Tod).
Wie lange wir noch hier sind, weiß man immer noch nicht. Wir sind jede Stunde marschbereit. Vielleicht rollt der Zug bald. Von den verschiedenen Frontabschnitten hört man von rühriger Tätigkeit. Und ich glaube sicher, daß im Westen mit den nächsten Wochen Großes in Fluß kommt. Möge der Schlag, der uns zweifelsohne große Verluste bringen wird, zur Entscheidung führen. Neuigkeiten weiß ich fast keine mehr. Vor einigen Tagen erhielt ich das „Eiserne“!
Vor Verdun, 16.3. Von unserem Abrücken aus Ruhestellung Falkenberg haben Sie sicher schon gehört. Am 23.2. sind wir wieder nach Frankreich und ich habe mein unnützes Bummeln nun wieder mit eifrigster und zeitgemäßer Arbeit vertauscht, was mich einesteils freut, einesteils! Denn Sie können sich denken, daß es in Falkenberg menschlicher zu leben war als hier. Nun will ich in wenigen Zeilen ein bisschen erzählen. Wegen der Anfrage betreffs Fortsetzung meines Berichts glaube ich, schon mitgeteilt zu haben, daß ihm demnächst noch mehr folgt. Nur jetzt ist es mir leider nicht möglich. Vielleicht  kann ich täglich ein Stückchen schreiben. Ich werde es baldmöglichst tun. Mit Sonderzug fahren wir nach Westen in der gleichen Ungewißheit über das Wohin wie bei allen Transporten. Endlich hieß es in der Nacht:“Aussteigen“! Ich sah wieder einen Platz, den ich schon fast aus dem Gedächtnis zeichnen könnte. Aus militärischen Gründen nenne ich keine Orte! Nach siebenstündigem Marsche kamen wir in eine französische Ferme, in der die Etappe Vieh untergebracht hatte. Am anderen Tag ging es weiter, zunächst nach Süden. Ein Tag Ruhe. Am nächsten Tag auch weiteren Marsch wieder nach Norden. Schon pfeifen die Kugeln. Doch wir sind noch Reserve in 1. Linie. Verluste wenig! Angriff auch ohne unseren Einsatz geglückt. Kommen in der Nacht in das von Franzosen geräumte Dorf. Schon am frühesten Morgen: „Ohne Tritt Marsch“! in den so bekannten französischen Wald, mit seinem Urwaldcharakter. Wege, auch wenn es Knüppelwege sind, fast unpassierbar. Ob Gegner auch im Wald sind, ist unbekannt. Kaum nach einigen 100 Schritten kommt der Befehl: Vor auf Patrouille, weitere Befehle beim Regiment zu erfragen. Ich löste mich los von meiner Kompanie und ich war selbstständig. Schneidige Leute hatte ich mir ausgesucht und war gewillt, so einen kleinen Krieg für mich anzufangen, der große Radius, in dem ich mich bewegen durfte, war mir gerade recht. Der Urwald war mir weniger angenehm, aber es mußte gehen. Leider kann ich Ihnen heute all die Einzelheiten nicht mitteilen, folgen im Bericht. Heute nur soviel: ich kam nach 10 Stunden mit einer Menge Befehlen und Meldungen, die mir zum Teil von anderen Regimentern übertragen wurden, zum Regiment zurück, die natürlich wieder glaubten, ich sei abgeschossen oder abgefangen. Die Kompanie war nun am befohlenen Platz und für die Nacht Vorpostenkompanie. Auf Feldwache meldete ich mich freiwillig, da ich ja das Gelände kannte und für meine Kameraden war dies eine Erleichterung. Nach Einweisung ging ich, die Feldwache meinen Kameraden übergebend, zur Kompanie zurück. Nun hieß es für die Nacht ein Lager schaffen. Bitter kalt scheint es zu werden, nichts ist zu haben. Mantel, Decke und Zeltbahn kommt runter, ein paar Äste und Zweige als „Matratze“ auf den wässrigen Boden, damit man ein bisschen in der Luft liegt, Mantel angezogen, Zeltbahn um die Füße gewickelt, einen Baum als Deckung ausgewählt und „hingehaut“! Noch die Decke drüber, möglichst auch über den Kopf, und schon hat die Natur ihr Recht. Für heute nur soweit, ich hoffe bald mehr senden zu können. Zur Zeit bin ich wieder in einem solchen Sumpfloch, mit der Ausnahme, daß wenigstens einige Hütten da sind, aus Ästen und Lehm zusammengepappt. Dabei aber eine Mordsschießerei: Verluste verhältnismäßig gering. In der hießigen Gegend ist der Franzose 12 km zurückgeflutet, unzähliges Kriegsmaterial, Haubitzen uns überlassend. Leider habe ich wenig Zeit, muß heute besonders auf der Lauer sein. Ein andermal folgt das Versprochene.
Das Versprochene sollte nicht kommen. Am 25.3.1916 traf noch eine Karte von Wagner ein – die letzte. Kaum war diese in meinen Händen, da hatte ihn die Kugel schon getroffen. „Launisch ist das Schicksal, die Fügung und Führung Gottes oft unverständlich und zum Sorgenerfahren“, das waren seine letzten Worte, die er aus Anlaß des Todes von Karl Gödel schrieb. In fremder Erde ruht er aus von seinem kurzen und so schicksalsschweren Erdenleben. Gott gebe ihm die ewige Ruhe, er hat sie an seinen Eltern und an seinem Vaterland redlich verdient.

Kriegschronik von Oberndorf, Teil XI.

Berichte aus Briefen  der Kämpfer IV.

Ludwig Grogro aus Mannweiler, Seminarist, schrieb am 18. Mai 1918.

Der Schlag am 21. März 1918 ist tadelos geglückt. Das Ganze ein schauerlich schönes Schauspiel! Ende Februar kamen wir in die Gegend von Vervius ins Ruhequartier, um uns vorzubereiten für bevorstehende, große Ereignisse. Um die Mitte des März begann das Gigantische, der Aufmarsch. Mit einigen längeren oder kürzeren Tagesmärschen gings gen Westen. In der Nacht vom 20/21 März wurden dann die Angriffsarmeen eingesetzt und am 21. um 4 Uhr 40 vormittags setzte das deutsche Trommelfeuer der unzähligen Batterien aller Kaliber auf die englischen Linien ein.
9 Uhr 40 vormittags erfolgte der Einbruch der ersten Wellen in die feindlichen Gräben. Dabei ein Nebel, vermischt mit Pulverdampf und Gas, so dicht, daß man auf 3 – 5 m den Freund und den Feind nicht mehr erkannte. Manch eine Stimme wurde laut: „O Hindenburg, dein Ruhm ist hin!“ Doch es ging vorwärts. Als nun die Sonne durchdrang und der Nebel verschwand, erhielt das Ganze eine andere Wendung. Die englische Infanterie, so tapfer sie sich auch wehrte, dem Ansturm vorwärts- und nachdrängender deutscher Truppen konnte sie nicht Einhalt gebieten. Am Abend sind wir bereits in den letzten englischen Verteidigungslinien, lauter neuen, vollkommen unversehrten Stellungen, angelangt. In der folgenden Nacht gab der Engländer Fersengeld, um sich bis an den Crozat – Kanal bei Fessy zurückzuziehen (die früher erreichten Orte: Einsatz erfolgte bei Hancourt südöstlich St. Quentin, über Urviller, Essigny, Montescourt, Lizerolles gegen Fessy).  Am 23. III. erzwangen wir bei Nebel den Übergang über den obengenannten Kanal und bei verschwinden des Nebels auch den ziemlich hohen Eisenbahndamm Fessy – Flavy le Martel. Jetzt gab es für den Engländer kein halten mehr. Auf offenem, bereits wieder einzusehendem Gelände angekommen, suchte er, zu jedem weiteren Widerstand unfähig, sein Heil in der Flucht. Dieses Zurückfluten konnten auch die in aller Eile in den Kampf geworfenen französischen Truppen, lauter neu eingekleidete, gut gepflegte und ausgeruhte, frische Kerle, nicht hemmen. Die folgenden Tage waren nur mehr Verfolgungsmärsche über Genivry, Geizeard, Frenichos, Fretry, Beaulieu, Condor bis Canny Lassigny. Hier gings zum alten Stellungskrieg über; schwere Tage gabs zu überstehen; ununterbrochenes Regenwetter im alten Sommeschlamm. Dazu die verzweifelten Angriffe der Franzosen.
Ostern 1918 waren für mich die schwersten Tage meines Lebens. Doch brachte die Offensive auch manches Angenehme. Der Engländer mußte trotz der gewaltigen Vorbereitung unsererseits weder Ort, Tag noch Stunde des Angriffs, er wurde vollkommen überrascht. Eßwaren und Getränke gabs reichlich; Weißbrot, Fleischkonserven, Zigaretten, Reis, Schokolade, Kakao, Unterwäsche, Hühner, Karnickel (lebend), kondensierte Milch, Rauchfleisch, Honig, Tabak und Zigarettenpapier, Gummimäntel, Lederwesten, Wickelgamaschen, Uhren u.s.w., alles in Hülle und Fülle. Eine Suppe 1a bekamen wir in den ersten Tagen der Offensive dank der Umsicht eines älteren Herrn Kollegen, wie wir sie seit 1915 nicht mehr über die Zunge brachten. Ich trage als Andenken an die gelungene Offensive französische gelbe Zivilschnürstiefel und eine nagelneue englische Reithose. Der 1. Schlag der deutschen Offensive ist gelungen, der 2. gelingt auch, das sind wir sicher. Nachträglich möchte ich noch hinzufügen, daß wir unter dem Befehl des Generals von Hutier standen und der Division zugeteilt waren, von der die Zeitungen berichteten, daß sie nicht abgelöst werden wollte.

 

Aus Craiova (Rumänien) schrieb der Seminarist Ludwig Grimm von Oberndorf am 10. April 1917:

Ehe ich das Lazarett am nächsten Mittwoch verlasse, möchte ich Ihnen noch einmal, vielleicht für längere Zeit, wieder einen größeren Brief schreiben. Meine Hände und Füße (die erfroren waren) sind fast völlig geheilt und die Malaria, die ich vor ungefähr 4 Wochen erhielt, bin ich nun auch los.
Ich hatte bisher immer Glück und gehe deshalb vertrauensvoll wieder hinaus. Meine Division soll noch in Rumänien am Sarath in Stellung sein. Es freut mich sehr, daß ich das Osterfest noch im Lazarett verbringen konnte. Da das Lazarett seine Kapelle hat, konnte am 1. Feiertag Gottesdienst gehalten und das heilige Abendmahl gefeiert werden. Um das Fest etwas zur Geltung zu bringen, schmückten unsere Schwestern die Sääle mit Blumen und jeder erhielt mehrere Eier. Auch aus der Stadt brachten uns deutsche Frauen Kuchen und Eier. Wie erfreuten uns diese Gaben! Das Wetter war während der Feiertage sehr schön, wie es denn schon seit drei Wochen täglich hier so heiß ist, wie bei uns im Hochsommer. In wenigen Tagen grünte alles. Auf meinem Zimmer habe ich auch zwei Pfälzer als Kameraden, Pirmasenser. Was sagt die Zeitung eben von Krieg und Frieden?
Der Pfarrer, der uns öfter besucht, belehrt uns immer über die Ereignisse zur See und zu Lande. Rumänien wird alsbald ausgeblutet sein, was die Vorräte an Getreide, Wurst, Vieh u.s.w. anbelangt. Dies merkt man auch im Lazarett. Die Kost wird schlechter, die Portionen knapper.  Brötchen gibt es schon lange nicht mehr, an Stelle von Weißbrot ist ein Drittel Kommisbrot getreten. Schmalz und Eier geben die Rumänen nicht mehr heraus, denn dafür hat die deutsche Kommandantur sozusagen Spottpreise festgesetzt, z.B. für ein Ei 4 Pfennig, 1 kg Schmalz 2,50 Mark.

Schützengraben in Rumänien, den 15. Mai 1917.

Komme soeben vom Schanzen und möchte Ihnen nun wieder mal schreiben. Kaum einen Tag bei der Kompanie, die in Petrati, 3 Stunden hinter der Front in Ruhe lag, gings sogleich mit in Stellung am 15. IV. Am 22. IV wurden wir abgelöst und sollten 4 – 6 Wochen nach Candesti bei Foksani in Ruhe kommen. Doch auf einen 10tägigen Dienst folgte eine kurze Besichtigung und nun sitzen wir seit 5. des Monats wieder im Graben, aber in einer anderen als der vorigen Stellung. Beide Stellungen sind ziemlich ruhig und auch ganz gut ausgebaut. Täglich wird ja mehr von den Russen als von uns mit Artillerie geschossen und erst gestern hatte unsere Nachbarkompanie 8 Tote und 5 Verwundete. Aber was will das heißen gegenüber den heißen Schlachten, wie sie eben im Westen geschlagen werden. Man sagt immer: „Seid froh, daß ihr nicht im Westen seid!“
Das Wetter ist aber bei uns nicht so günstig. Am Tage ziemlich kühl und immer windig, während der Nacht aber ist es sehr kalt. Vor einigen Tagen hatten wir einen wolkenbruchartigen Gewitterregen, so daß wir im Unterstand bald ersoffen. Am Abend wateten wir im Laufgraben bis an die Kniee im Wasser. Auch bei uns Soldaten ist die Kost schlecht und trotzdem sollen wir noch Schweres und Hartes oft leisten. Ein Drittel Brot der Mann, dünne Suppe und Tee, das ist unser Tagestrost. Schon seit Wochen erhielt die Kompanie Urlaub, die erste Woche fahren zwei, die andere drei Mann. Landwirte und andere dringende Gesuche wurden berücksichtigt. Nun liegen zur Zeit 100 Gesuche auf der Schreibstube. Trotzdem denke ich, daß ich, sollte das Regiment unterdessen nicht nach Frankreich kommen, in etwa 4 – 5 Wochen fahren kann. Daß ich mich darauf schon freue, können Sie sich denken.

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