Kriegschronik von Oberndorf Teil XVI.

Berichte aus Briefen der Kämpfer VII.

Mohr Hermann von Mannweiler teilte am 19. September 1914 auf dem Bahntransport nach Belgien mit, daß er am 15. September für sein tapferes Verhalten in dem Kampfe bei Baronweiler (Schlacht bei Metz – Mörchingen) das Eiserne Kreuz erhalten habe und hofft auch die Engländer verhauen zu dürfen, was in der Folge auch geschehen ist.
Montauban, 6. Oktober.
Seit drei Tagen habe ich es etwas gemütlicher; ich bin seit dieser Zeit Waldarbeiter bei der Brigade und habe so Gelegenheit ein regelmäßiges und besseres Quartier zu bekommen. Wir sind nicht mehr in Belgien, sondern längst wieder in dem berühmten Welschland, ungefähr 120 km nordwestlich Paris. Von Sablon bei Metz aus nahmen wir unseren Weg durch Luxemburg nach Belgien und überschritten nach 8tägigem Marsch die französische Grenze und am 7. September hatten wir schon große Gefechte, zum Teil mit schweren Verlusten.
Ypern, 6. November.
Allgemein haben wir hier wieder schwer zu kämpfen.
Hollebeke, 30. November.
Jetzt sind wir auf drei Tage abgelöst und befinden uns auf einer Farm zur Erholung. Ja, das wäre eine Freude, Weihnachten zu Hause. Leider müssen wir das schöne Fest im Felde feiern. 7. Dezember, soeben bin ich mit meiner Geschützbedienung in einem nahen, verlassenen und zerschossenen katholischen Pfarrhause und wir singen eben „im schönsten Wiesengrunde“! Hier übernachten wir, denn in den Unterständen haben wir sehr viel Wasser, da es seit 6 Tagen ununterbrochen regnet.
25. Dezember. Wie Weihnachten bei uns war, möchten Sie wohl gerne wissen? Hören Sie: „Stille Nacht, heilige Nacht?“ Heilig war uns die Nacht, aber nicht still. Um 8 Uhr Abends erschreckten uns die Rothosen durch ein mörderisches Artilleriefeuer, gerade als ob sie gemerkt hätten, daß wir im selben Augenblicke unser Christbäumchen aus dem Unterstand über die Straße hinüber nach dem Festsaal – einem Keller – tragen wollten. Neben uns, 15 m weg, wurden 7 Pioniere verwundet, davon einer tödlich. Vielleicht 10 min später wollten sie „fröhliche“ Weihnachten feiern – Kriegerschicksal! Daheim unterm Christbaum halten vielleicht ihre Angehörigen einen Brief in der Hand, der ihnen das Wohlbefinden ihres Kriegers meldet und in Wirklichkeit liegt mancher zur selben Zeit in den letzten Atemzügen. Das wirklich schöne Christbäumchen mit seinem einfachen aber feierlich wirkenden Schmuck wurde hinübergebracht. Erstaunt und überrascht betrachteten es die anderen Kameraden. Ich selber zündete die 19 Kerzen an. Für einige brachte die Post noch ein Weihnachtspaket oder einen Brief aus der Heimat – für mich nicht. Die Weihnachtsstimmung aber blieb aus, trotzdem sie das von mir angestimmte „Stille Nacht“ mitsangen. Die Gedanken aller waren wohl in der Heimat. Zu schießen brauchten wir während der Nacht nicht. Heute früh läuteten daheim die Glocken zum Gottesdienst, unser Glockenklang ist der Donner unserer Haubitzen. Im Stillen aber beten auch wir auf hartgefrorener belgischer Erde: „Der Vater aller Menschenkinder erhöre unser Flehen. Gib, daß wir alle, alle wieder, siegreich unsere Heimat sehen“.
Osttaverne, 5. Februar.
Das Eiserne Kreuz erhielt ich am 19. August 1914
Schwon Veld Ferme bei Houthem, 10. Februar.
Das Quartier auf dieser Ferme (die Bewohner sind auch anwesend) ist sehr gut. Wir kamen heute früh aus der Feuerstellung zu dreitägiger Ruhe auf die Ferme. Es soll die letzte Ruhepause sein. Dann geht es wieder Tag für Tag in einem fort: Schießen und im Felde kampieren.
Vor Ypern, 24. März.
Am 21.3. wurde ich für bewiesene Tapferkeit vor dem Feinde zum Sergeanten befördert.
Bald darauf wurden ihm durch eine in den Händen losgegangene Granate beide Beine fast gänzlich abgeschlagen. Am 21. Mai schrieb er:
Bin transportfähig und komme morgen nach Deutschland, wohin unbekannt. Er kam in ein Lazarett in Cölln. 25. Juni 1915, mein Befinden ist ausgezeichnet und ich erwarte täglich meinen Transport in die Heimat. Um meine Zukunft bangt mir nicht. Ich habe von meinem früheren Amt in Kaiserslautern schon die Mitteilung, daß ich höchstwahrscheinlich wieder nach meiner Heilung den früheren Dienst wieder aufnehmen kann.
Oberrealschule Kaiserslautern, 20. Juli. Seit gestern bin ich hier im Lazarett, woselbst es mir bis jetzt recht gut gefällt. Mein Befinden ist befriedigend.

Heinrich Müller von Oberndorf rückte als Fahrer einer Munitionskolonne des 6. bayerischen Artillerieregiments ins Feld. Von Fuchsstadt bei Hammelberge, wo seine Abteilung aufgestellt wurde, schrieb er am 19. Oktober 1914:
Da wir morgen von hier ins Feld abrücken, drängt es mich, Herr Pfarrer, Ihnen und Ihrer Familie die besten Grüße von heimatlichem Boden zu senden. Er kam zunächst nach Comines, von wo er am 5. November schrieb: Mut und Vaterlandsliebe teilen Millionen meiner Kameraden mit mir und es wäre eines Deutschen unwürdig, sein Vaterland nicht mit dem letzten Blutstropfen zu verteidigen. Unsere Aufgabe ist hier gelöst, jetzt sprechen die schweren Geschütze. Das Zischen und Brüllen der uns überfliegenden und vor uns einschlagenden Geschoße regt uns nicht auf, wir schlafen den tiefsten Schlaf.
Warenton, 30. November.
Der Krieg läutert und bessert manches Gemüt, welches bisher an unseren staatlichen und religiösen Einrichtungen und Gebräuchen ein Nörgler war (Müller hielt vor dem Kriege sich zur sozialdemokratischen Partei, besuchte aber fleißig den Gottesdienst). Wir stehen vielleicht auf längere Zeit hier, im Zentrum unserer Schlachtfront. Unsere Gegner versuchten nun schon mehrmals unsere Reihen zu durchbrechen, wurden aber mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Sie sollen nur kommen. Sie spüren schon den eisernen (Flügel) Druck unseres vorziehenden Flügel. Es hilft ihnen alles nichts.
Warenton, 3. Dezember.
Eben sind lebhafte Bewegungen unsererseits im Gange. Es ist mir alles Geheimnis und es ist nicht gut so: Wie manche Operation ist schon mißglückt infolge frühzeitiger Bekanntgabe der militärischen Unternehmungen. Wir haben ja, was ein großer Vorteil ist, eine gute Führung und wo eine solche vorhanden ist, kämpfen auch die Truppen mit Siegesgewissheit. Hoffentlich fällt auch hier bald die Entscheidung und das stolze Albion wird eines anderen belehrt, als unser Vaterland kleinzukriegen. Das deutsche Volk wird nicht als eine untergehende, sondern als eine maßgebende Macht dastehen. Was in diesem Kriege schon geleistet worden ist von unserem herrlichen Heere im Osten und Westen und draußen zur See und in den Kolonien, wird unauslöschlich in der Geschichte fortleben. Wir haben uns hier schon wohnlich eingerichtet. Für unsere Pferde haben wir mit Brettern und Stroh einen Stall errichtet vor Warenton in einem Wiesenthale. Wir schlafen in einem leeren Warenspeicher. Man hat doch etwas Schutz. Es sind ja viele Löcher von Schrapnell- und Gewehrkugeln vorhanden, wo der Regen Einlass findet, aber wir schlafen ganz herrlich und es kommt einem vor, als wenn kein Krieg wäre, da wir eben wenig zu tun haben, in dem unsere Batterien untätig in der Schlachtfront stehen und nur die Schweren ihre surrende, pfeifende und brummende Musik erhören lassen. Gestern und Heute ritten wir spazieren über die Grenze nach Frankreich.
Warenton, 22. Dezember.
Die Gegner suchen mit aller Gewalt durchzubrechen. Da können sie sich aber ihre Schädel einrennen. Wir halten sie schon in Schach. Wenn wir nur einmal Calais haben. Heute schlugen mehrere schwere Granaten hier ein, in unmittelbarer Nähe von uns. Teile davon flogen kaum 30 m von uns in den Boden. Resultat: 1 Mann tot, 7 verwundet. Exzellens Hindenburg hat dem Vaterland ein schönes Weihnachtsgeschenk bereitet. Wie ich hier, sollen seine Truppen herüberkommen und das hier rasch dem Ende entgegenbringen. Ich hatte das Glück, schon dreimal den Feldgottesdienst besuchen zu können und am heiligen Abendmal teilzunehmen.
Wambrectis, 21. Januar 1915.
Ich habe schon oft darüber gestaunt, daß man seit 22. Oktober nicht mehr die Uniform vom Leibe bekommen hat und der Gesundheitszustand doch ein so befriedigender ist. Hoffentlich hält der an und wir kehren gesund heim. Weihnachten haben wir würdig gefeiert in der Kirche zu Warenton am strahlenden Weihnachtsbaum. Auch wurde jeder reichlich beschenkt. Das deutsche Volk hat seinen Kriegern überwältigend schöne Weihnachten bereitet. Es hat Großes geleistet. Wir wollen auch ihm den Dank nicht schuldig bleiben und treu und mutig unsere Pflicht erfüllen, bis unsere Feinde darniederliegen. Wir haben immer nasses, rauhes Wetter, kollosal dichten Nebel, die Tage sind grau und trübselig. Unsere Kameraden in den Schützengräben müssen viel aushalten, beständig müssen sie die Gräben auspumpen. Da ist es mit dem Vorgehen nichts. Am 5. und 6. Januar wurde Warenton, vor welchem wir wochenlang lagen, vom Gegner mit schweren Geschützen beschossen. Selbst das Spital bekam seinen Teil. Zwei Volltreffer in den Mittelbau. Unsere Artillerie blieb die Antwort nicht schuldig und eröffnete ein raßendes Schnellfeuer auf die Ortschaften hinter der gegnerischen Front. Drei Dörfer wurden in Grund und Boden geschossen. Am 7. rückten wir von Warenton nach hier ab, um unsere Pferde mal wieder in Ordnung zu bringen. Wir haben viele kranke Pferde. Sogar die Brustseuche (Pferdegrippe) war ausgebrochen. Hier sind wir außer Schußbereich und leben in Frieden.
21. Februar.
Zu Karls Konfirmation werde ich nicht daheim sein. Die Pflicht dem Vaterland gegenüber geht vor. Ein schwerer Tag der Väter im Felde. Noch schwerer für die Lieben daheim. Auch für Sie, Herr Pfarrer, ist es ein schweres Amt, unseren Lieben in diesen schweren Stunden Kraft zu spenden.
Furnes, 15. März.
Am 7. März sollte die Division zur Erholung zurückgezogen werden. Wir rückten nachts 2 Uhr von La Vigne ab nach Lonnoy, wo wir morgens um 2 Uhr 30 ankamen. Am 10.03. nachmittags 3 Uhr wurde unser Regiment alarmiert, um 7 Uhr zogen wir schon durch die Festung Lille. Eine schöne Stadt. Viele herrliche Häuser in Schutt und Trümmern. Dort hielten wir eine kurze Zeit und erhielten weitere Befehle. Dort wurden wir den Zweck unseres Alarmes gewahr. Die Engländer wollten mit großer Übermacht durchbrechen, die Schlacht war in vollem Gange. Unser Regiment griff gleich ein. Bei Furnes begrüßten uns die ersten Granaten. Das war einmal wieder ein Leben, da schlug einem das Herz freudig in Erwartung der kommenden Dinge. Wir hielten auf der Hauptheerstraße. Am 18.03. verfeuerte unsere 5. und 6. Batterie 2000 Schuß. Die Engländer und Indier lagen meterhoch aufeinander tot. Massenhaft hingen sie in den mit Elektrizität geladenen Drahtverhauen. Auf dem Rückweg nahmen wir Verwundete mit aus der Feuerlinie. Auf meinem Wagen hatten wir einen Kameraden aus Leipzig. Ein Schrapnell hatte ihm den linken Arm abgerissen, linkes Bein und rechte Schulter aufgerissen, bei allem plauderte er immer noch lebhaft in der sächsischen Manier. Wir hatten auch schwere Verluste. Tag und Nacht sausten unsere Sanitätsautos, vollgefropft mit Schwerverwundeten. Die englische Offensive ist an unseren ehernen Reihen zerschellt. La Chapelle haben wir genommen und sitzen wieder ruhig und warten bis sie wieder Lust haben zu einem Besuch. Ich fühle mich Gesund und freue mich, wenn wir zu solchen Dingen engagiert werden. Die Bayern haben sich wieder hervorragend geschlagen. Das macht uns keiner nach. Möge dem deutschen Volke seine Einigkeit bleiben, dann greift uns keiner mehr an.
Ferme Longne (Warvin) 2. Mai 1915.
Bei uns ist wieder pulsierendes Leben und Treiben. Die Herren wollten wieder heraus, in einer halben Stunde war die Sache erledigt, sie hatten genug, fielen wie die Flocken. Jetzt wäre ich gerne in unserer alten Stellung in Ypern. Der berühmte Kemmelberg liegt ungefähr so vor uns als wie von daheim wir von der Langgewann aus den Donnersberg sehen. Dort soll sich in den nächsten Tagen wieder wichtiges ereignen. Die Engländer sind so gut wie eingeschlossen dort. Wenn man nur wüßte, was für Truppen wir zur Verfügung hätten. Man tappt da wie im Dunkeln. Wir können ja stolz und zuversichtlich unserer Armeeleitung vertrauen. Ich denke, wenn hier durchgedrückt werden soll, müssen Massen im Rücken stehen. Wir sind alle froh, wenn der Tag mal losgeht. Ich glaube annehmen zu dürfen, uns gehts wie den Kreuzfahrern, die angesichts Jerusalems niederfielen und Gott dankten. So wird es auch uns gehen oder wenigstens denen, welche es erreichen den Ozean, Calais zu sehen. Unser ganzes Sinnen und Streben ist es, den Engländern ordentlich zu Leibe zu gehen. Es wird jetzt schon jenseits des Kanals wackelige Hosen geben. Unsere Sache steht ja sehr gut und die beste Aussicht auf gänzliche Niederwerfung unserer Feinde ist vorhanden. Die Opfer sind sehr groß, aber unsere Nachkommen werden nicht so bald mehr angegriffen werden.
Nordfrankreich, 6. Juni.
Durch das Eingreifen unseres treulosen und verräterischen Bundesgenossen Italien gegen uns können wir unsere gehegten Friedensgedanken und Rückkehr zum heimatlichen Land noch in weite Ferne zurückstellen. Etwas traurigeres hat die Welt noch nicht erlebt. Viele Opfer kostet uns dieser Verrat mehr, aber eine Verbitterung ist vorhanden, welche Italien teuer zu stehen kommt. Kollosale Anstrengungen machen hier unsere Gegner, um ihren schon lange in Aussicht gestellten Durchbruch durchzuführen. Da würden aber ihre ganzen Armeen aufgerieben. Ungeheuere Verluste erleiden sie und wie sind ihre Berichte so schön frisiert. Armes, belogenes Volk! Wie wird es mit ihm werden, wenn es die wahren, nackten Tatsachen erfährt? Jetzt muß alles fort, jetzt gilt es unseren Gegnern zu zeigen, was wir sind. Wie wird es den alten, ungedienten Jahrgängen des Landsturms so schwer fallen, das Waffenhandwerk zu lernen und Strapazen mitzumachen. Wir, die wir gedient haben, empfinde das weniger. Wenn ich an so einzelne Persönlichkeiten denke, dauern sie mich. Es hilft aber nichts. Wie wird Oberndorf so leer. Wir sollen auch hier fortkommen, es geht so ein Gemunkel. Obs nach Italien, Russland oder sonst wohin geht, weiß keiner. Auf einmal wird alarmiert und es geht ab. Wo uns das Vaterland hinstellt,werden wir immer unsere Pflicht erfüllen bis zum letzten Atemzug.
14. Dezember.
War in letzter Zeit schon dabeigewesen, wo ein Wiedersehen ausgeschlossen schien. Es sind dies denkwürdige Erinnerungen, welche man später, wenn man wieder glücklich zurückkommt, in heimatlichen Kreisen erzählen kann, da es nicht gestattet ist, es schriftlich zu tun. Es wird auch Grund genug vorhanden sein, solch scharfe Einschränkungen zu erlassen, da doch ein Zeug hingeschrieben wird, das aller Beschreibung spottet. Wir Landstürmer sollen ja zurückkommen, wie man hört; es sind dies nur Vermutungen, bis Mitte Januar. Mir persönlich wäre es lieber in der Front, aber man muß auf seine Familie Rücksicht nehmen. Zum zweiten Mal feiern wir jetzt das Weihnachtsfest im Felde. Hoffentlich feiern wir es das nächste Jahr in der lieben Heimat. Am Freitag Nachmittag 4 Uhr haben wir Weihnachtsgottesdienst. Wer frei hat, freut sich, doch der Dienst kommt zuerst, die Kriegsmaschine steht nicht still. Haben wir nicht das Glück, dabei zu sein, macht dies nichts. Unsere Gedanken sind doch bei euch in der lieben Heimat, im trauten Heim und Dörfchen. Herrliches wird daheim geleistet, den Kämpfenden draußen ihre schwere Pflicht zu erleichtern. Heißer Dank strömt zurück für all die Liebe und Hingabe.

Der Schwager des Vorigen, Wilhelm Müller von Oberndorf, der ebenfalls zur sozialdemokratischen Partei gehörte, sich aber wenig in der Kirche hatte sehen lassen, war im Herbst 1915 als ungedienter Landsturmmann ins Feld gekommen. Derselbe schrieb am 2. Januar 1916 aus Nordfrankreich folgendes:
Die zweiten Kriegsweihnachten sind gefeiert, bei mir die ersten im Felde. Traurige, quälende Stunden sind es, die Erinnerung an die Jugendzeit, fern von der lieben Heimat in Feindesland unter solchen Zwängen, vor dem Feinde Weihnachten zu feiern. Unser Kompanieführer hat es verstanden unterm Kerzenschein auch mit uns Weihnachten zu feiern. Jeder wurde mit einer kleinen Gabe bedacht. Das freut einen, daß die in der lieben Heimat an die Krieger denken. Mit Freuden zieht man in die Stellung und schützt unser liebes Vaterland, unsere treue Heimat vor dem Eindringen der Feinde. Da können sie die Köpfe anrennen, wir können den kommenden Dingen ruhig entgegensehen. Heil und Sieg wird nicht mehr allzu fern sein. Unsere Stellung ist eine ganz windige. Am 30. Dezember haben die Herren Engländer einen Denkzettel von uns bekommen, durch eine Sprengung, in welcher 370 Zentner Sprengstoff waren, haben wir einen Graben zerstört. Punkt 5 Uhr abends gings los mit Einsatz von 8 Artilleriebatterien. Ein Feuerberg ging in die Höhe, ein Surren in der Luft und ein Donnern, das nicht zu beschreiben ist. Das war ein Neujahrsgruß! Alle 4 Tage gehen wir in Stellung. Harte Tage sind es, man gewöhnt sich aber an alles, da heißt es Kopf hoch und laß den Mut nicht sinken. Opfer müssen gebracht werden, das Vaterland verlangt es. Das Jahr 1916 wird ja ein Friedensjahr werden und das Blutvergießen wird aufhören, daß wieder jeder deutsche Mann seinem Beruf nachgehen kann.

Von dem Vizewachtmeister im 1. bayerischen Landwehr-Feldartillerieregiment Fritz Walter von Oberndorf rühren folgende Mitteilungen her:

KK S 147

Fritz Walter

Geiskirchen, 21. September 1914.
Wir waren in Luneville 4 Tage fest im Gefecht, wo uns eine 3 – 4 fache Übermacht gegenüberstand. Sind jetzt wieder etwas zurückgegangen. Sehr schlechtes Wetter. Habe schon 14 Tage keine Uniform mehr vom Leibe gebracht. Jede Nacht im Freien. Unsere Parole ist: Sieg oder Tod!
Fresnes en San Louis, 4. Oktober.
Schlarb Fritz tut mir sehr leid, denn er hat mich nicht im Stich gelassen, besonders dieses Jahr beim Neubau meiner Scheuer. Hätte ich es gewußt, hätte ich sein Grab besucht, denn ich war vom 6. – 12. September in Luneville. Wenn ich nochmals in die Nähe komme, werde ich ihm einen Kranz widmen. Wer weiß, wie es uns geht?
14. Oktober.
Wir hatten heute zum ersten Mal wieder Gelegenheit, seit dem 5tägigen Gefecht bei Luneville, dem Feind zu zeigen, daß die Landsturmbatterie noch da ist und sich verteidigt wie eine aktive. Denn es sind lauter Leute von 39 – 45 Jahren, blos 5 Unteroffiziere in meinem Jahrgang, die noch zur Ausbildung nötig waren. Auch unsere Offiziere sind Landsturmmänner. Heute morgen um 3 Uhr 30 hatten wir Alarm, rückten ab nach Bey, gingen auf den Kirchturm, um zu beobachten. Bürger schlossen die Türen und schossen auf unsere Infanterie. Einige Infanteristen wurden gefangen. Dann wurde der Turm und ein großer Teil von Bey von uns zusammengeschossen. Auch die Schützengräben haben wir stark mit blauen Bohnen besät. Der Kampf währte bis Mittag 2 Uhr, als wir ein feindliches Artilleriefeuer bekamen und gedeckt in einen Wald verduften konnten ohne Verluste. Große Kämpfe hatten wir auf der ganzen Linie keine mehr seit 10. September. Es steht auch nur Landwehr und Landsturm da. Aber Tote und Verwundete gibts jeden Tag, wenn auch nur wenige, denn der Feind versucht immer kleine Ausfälle. Gestern morgen hatten wir Feldgottesdienst von einem Feldprediger. Derselbe hielt eine sehr schöne Predigt und jeder, wenn er vielleicht auch früher nicht so der Kirche geneigt war, wohnte bei. Ich kann Ihnen bestätigen, es war kein Zwang bei uns mitzugehen, aber wer keinen Dienst hatte, war da und hörte aufmerksam zu. Bekannte sind bei mir gar keine als ein Mann von Alsenz. Es sind lauter Leute von anderen Armeekorps, meistens Preußen. Ich habe, seit wir hier sind, ein Bett und fühle mich wohl. Vorher waren wir immer im Feuer, waren höchstens von Abends spät bis Morgens früh massenhaft in einer Scheune. Wenn man wochenlang nicht die Kleider vom Leibe bekommt, ist es nichts schönes. Aber trotzdem verlieren wir den Mut nicht, denn unsere Aufgabe ist es, das Vaterland zu verteidigen und wenn wir noch so ungern unsereFamilie im Stich ließen, ist die heutige Aufgabe noch größer als wie die, als Ernäherer zu Hause zu sein. Der liebe Gott hat uns bisher geholfen und wird auch weiter helfen.
3. November.
Wir hatten ein mehrtägiges erfolgreiches Gefecht. Hier ist auch der Typhus ausgebrochen. Wenns um Gottes Willen ist und nimmt bald ein Ende.
10. November.
Heute sind wieder ein Feldwebel, 1 Unteroffizier, 1 Gefreiter und 1 Mann gefallen. Jeden Tag fallen einzelne. Ungefähr 20 Mann sind an Typhus erkrankt. Alle Vorsichtsmaßnahmen sind getroffen. Ihre Zeitungen kommen jetzt regelmäßig.
23. November.
Ich wäre am 21. November fast verunglückt. In aller Frühe um 5 Uhr bin ich mit dem Pferd gestürzt, geht aber wieder.
3. Dezember.
Mein Wunsch wäre, wenn Sie einmal unser Treiben sehen würden. Das ganze Feld ist mit Schützengräben, Geschützstände, Unterständen und Drahtverhauen durchzogen, die Täler mit Wasser gefüllt, wo es nur möglich ist. Mein Stand hier, den ich mit meinen Kanonieren selber gebaut habe, ist 2,60 m breit, 3 m lang und 1,80 m hoch, mit dicken Eichenstämmen, die wir selber im Wald gehauen, gedeckt, dann Bretter drüber und zuletzt, je nachdem noch 1 m hoch mit Grund bedeckt und zuletzt wird alles dem Gelände angepasst, wie es gerade ist, z.B. wenn es Klee oder Wiese ist, kommt Rasen drauf, ist es Stoppelfeld, dann kommen Stoppeln drauf, so daß es immer aussieht wie das Feld. Von meinem Sturz mit dem Pferd bin ich geheilt, das rechte Bein tut noch ein wenig weh. Ich hatte 6 Tage Schonung. Was den Kampf anbelangt, so ist es ziemlich ruhig. Gefechte sind öfters, aber unsere Stellung ist so fest, daß es dem Feinde durchzudringen unmöglich ist, obwohl er es öfter wagt. Vorige Woche sind auch Bomben in unserer Nähe niedergegangen, aber ohne Schaden. Flieger sehen wir jeden Tag, von uns und vom Feind. Hier in Fresnes liegen schon viele beerdigt. Ich war auch schon zweimal mit beim Begräbnis, denn wenn es möglich ist, werden die Toten vom Feld ins Dorf auf den Friedhof gebracht. Was unser Essen anbelangt? Morgens Kaffee und Kommisbrot, mittags Fleisch und Suppe (Gerste, Reis, Gries, Konserven und dergleichen), abends: Tee oder Kaffee und Königskuchen (Kommisbrot). Zu kaufen ist wenig. Wenn einmal etwas kommt aus Dieuze, Saarbrücken oder Metz, ist es sehr teuer und nicht gut. 1 Pfund Wurst 2 Mark, 1 Pfund Butter 1,80 Mark, 4 Pfund Brot 1 Mark. Wein oder Bier gibt es nicht, Schnaps wenig, sehr teuer und sehr schlecht. Uns fehlen am meisten die Kartoffeln, die sehr rar sind, bekommen oft 14 Tage keine. Die ersten Truppen haben sie auf dem Felde schon ausgemacht. Unser Dorf ist stark besetzt, alle Häuser, Scheunen, Ställe liegen voll Soldaten, blos die Offiziere und einge Unteroffiziere haben Betten.
16. Dezember.
Dieses Jahr gibt es in vielen Familien statt fröhliche traurige Weihnachten. Aber der Gott, der bis dahin geholfen, wird auch weiter helfen und in Zukunft die Welt führen. Wir hatten diese Woche wieder Feldgottesdienst und Abendmahl, gewöhnlich vor einer Schlacht. Wir haben jetzt viel Dienst und meistens schlechtes Wetter. Von morgens früh bis abends spät, sogar viele Nächte müssen wir draußen im Feld zubringen. Ich war in den letzten 6 Tagen schon 3 Nächte draußen. Sehr wahrscheinlich kommen wir morgen fort von hier in ein anderes Dorf, denn wir wurden schon mehrere Mal von feindlicher schwerer Artillerie beschossen. Viele Häuser, alle mit Leuten und Pferden belegt, wurden getroffen, ungefähr 12 Zivilisten tot und verwundet und auch mehrere Soldaten schwer verletzt, sowie Pferde und Kühe tot und verwundet. Während des Mittagessens sind 4 Personen getötet worden von einem Geschoß. Wenn man abends schlafen geht, ist man so wenig sicher wie draußen. Die Gewalt von einem schweren Geschoß sollten Sie einmal sehen. Wir bekommen oft Liebesgaben, allerhand Sachen, Wäsche, Esswaren, Rauchsachen, das geht doch ins Unendliche. Wir können Gott darum danken, daß der Feind nicht in unserer Heimat ist, denn wie es an der Grenze aussieht und zugeht und alles aufgebraucht ist, ist kaum zu sagen. Ein Elend! Jeden Tag sieht man Familien mit dem Bündel wandern, kein Haus mehr, alles in Brand geschossen.
30. Dezember.
Wir haben besonders über Weihnachten viel feindliches Feuer bekommen, aber auch entsprechend erwiedert. Am Bescherungsabend bekamen wir 8 schwere Schuß ins Dorf. Am nächsten Tag schoß unsere Fußartillerie 2 französische Dörfer zusammen. Unsere Stellung ist seit 10 Wochen noch nicht geändert, aber doch haben wir oft schwere Gefechte. Leute kostet es jeden Tag. Unsere Weihnachten waren deshalb keine besonders freundlichen, aber trotzdem hat unser Pfarrer beim Weihnachtsfeldgottesdienst gesagt, daß sie besonders freudig wären, weil unsere Lieben in der Heimat durch unsere große Tapferkeit und Ausdauer von den Feinden befreit wäre und das der Sieg in unsere Hände fallen müsse.
8. Januar 1915.
So stark das Schießen von Weihnachten bis Neujahr war, so ruhig ist es jetzt. Was uns am meisten zu schaffen macht, ist das anhaltende Regenwetter. Von morgens früh bis abends spät müssen wir draußen sein, oft auch nachts. Wer da nicht verwundet wird, muß mit der Zeit krank werden.
31. Januar.
Wir haben hier 12 – 15 cm hohen Schnee und 14 Grad Kälte, muß jede dritte Nacht draußen sein. Vor einigen Tagen sind drei feindliche Schrapnells auf 10 – 12 m vor mir in die Erde.
4. Februar.
Haben heute 200 Schuß gemacht. Bei uns keine Verluste, nur in Gremecy vom Feind 4 Zivilpersonen, 6 Kühe, 5 Pferde getötet. Für die Ortsbewohner ein Elend!
5. Februar.
Jetzt bauen wir einen Stall in einem großen Wald zwischen Fresnes und Gremecy für unsere sämtlichen Pferde, denn in Gremecy, wo unsere Vorpostenstellung ist, wird jeden Tag von den Rothosen geschossen. 6 – 8 Häuser sind schon abgebrannt. Wir sind keine Minute sicher, denn auch nach Fresnes, wo unsere Hauptstellung ist, kommen schwere Geschoße.
11. Februar.
Wir schießen jetzt fast jeden Tag und zwar fest, auch sind wir in letzter Zeit einigemal fest beschossen worden, mußten sogar in eine andere Stellung, weil der Feind unsere entdeckte. Dann haben wir eine markierte Batterie hingestellt; zwei Räder mit Achsenstock und einen Baumstamm drauf, Gesträuch herum und die Rothosen schießen auf sie, während wir 1000 m davon stehen. Gerade an dem Tage, wo wir so stark beschossen wurden, war unser Beobachtungsstand 500 m vor der Batterie auf einem hohen Punkt. Plötzlich ging das Telefon nicht mehr. Ich war vorn und ging auf Befehl meines Zugführers zurück in feindlichem Granatfeuer ohne jegliche Deckung und brachte das Telefon wieder in Ordnung, daß wir wieder schießen konnten. Unter anderem gingen 3 Geschoße auf 7 Schritt vor mir nieder. Die Anderen sahen vom Walde zu und da ich mich niederlegte und sprungweise weiter ging, meinten sie, ich sei tot, wenigstens verwundet. Es ging aber Gott sei Dank ohne Verletzung ab. Auch 2 Schritt neben unserem Geschütz gingen Geschoße nieder. Unsere neue Stellung haben die Flieger noch nicht entdeckt. Auch ohne ist wieder kräftiges Artilleriefeuer. Wenn es nur einmal ein gutes Ende hätte.
21. Februar.
Habe gestern 4 feindliche Geschütze entdeckt von einem Hochstand aus, den ich mit 6 Mann baute, eine sehr hohe Eiche, 20 m hoch. Wir sind gestern wieder beschossen worden, die Schrapnellkugeln flogen uns nur so um die Ohren.
19. März.
Wir sind jeden Tag draußen und kaum Unterstände, wir sind die meisten Waldbewohner. Haben schönes Wetter, wenn es nur standhält.
Salonnes, 2. Mai.
Wir liegen jetzt in Salonnes. War in den letzten Tagen, 27 – 29 April und 1. Mai, schwer im Feuer. Wie durch Gottes Fügung kam ich hier davon.
30. Juni.
Der Monat Juni ist jetzt auch vorbei, mithinschon der 11. Kriegsmonat, aber immer noch kein Ende zu sehen, obwohl man doch habe darauf hoffen können. Will Ihnen auch die freudige Mitteilung machen, das ich gestern zum Vizewachtmeister befördert worden bin.
3. August.
Heute feiere ich mein Jahresfest, 365 Tage sind verflossen im Feld, wenn es Gottes Wille ist, wird das Glück, das mir bis jetzt hold war, mich auch fernerhin nicht verlassen.
3. September.
Wir liegen 1 km vor Embermenil vor dem Fort Manonviller.
20. September.
Hier auf unserer Front werden große Vorbereitungen getroffen –

Hier brachen die Aufzeichnungen ab, die Berichte aus Briefen der Kämpfer enden hiermit.

 

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