Vom Weinbau in Oberndorf

Hätt‘ Adam Wein vom Beutelstein besessen, hätt‘ er den Apfel nicht gegessen! (Wandbeschriftung in einer ehemals auf dem Schmalfelderhof betriebenen Gastwirtschaft)

Glass Etikett

Etikett des Land- und Gastwirts Glass, Schmalfelderhof

In römischer Zeit befand sich nordwestlich des Oberndorfer Gemarkungsteils „Holzrott“, heute in Alsenzer Gemarkung (unterhalb der Muhl), eine Villa Rustica. Es ist anzunehmen, dass spätestens Ende des zweiten Jahrhunderts – unter der sicheren und ruhigen Regierung der römischen Kaiser Trajan, Hadrian und Marc Aurel – von dieser Villa Rustica aus mit der den Römern eigenen peinlichen Gewissenhaftigkeit Weinbau betrieben wurde.

In den Wirren der Völkerwanderung wurde die Nordpfalz menschenleer. Der Weinbau wurde erst wieder in fränkischer Zeit unter karolingischer Herrschaft aufgenommen. Jedenfalls ist seit dem Jahr 775 der Weinbau im Nachbarort  Alsenz belegt. Von größter Bedeutung für die Wiedereinführung des Weinbaus war dabei die Errichtung zahlreicher Klöster und Pfarreien. Man brauchte Wein zum Gottesdienst und erhöhte die kirchlichen Einkünfte durch Ausschank und Verkauf des Weines.

Erneut urkundlich erwähnt wurde der Alsenztaler Weinbau in einer Urkunde des Raugrafen Conrad von 1268, in der Dielkirchen als weinbautreibend genannt ist. Das in jener Zeit im Alsenztal auch noch bedeutende Neuanlagen erfolgten, ersieht man aus einer Urkunde von 1292, in der Georg von Stolzenberg dem Kloster Otterberg einen Berg bei Dielkirchen zur Anpflanzung von Reben schenkte. Am 25. Mai 1332 verpfändete Gottfried von Randecken dem Kloster Otterberg 2 Fuder Wein wegen einer von seinem Vater kontrahierten Schuld von 400 Pfund Heller und hat „alle Jahr zu geben zwei Fuder Weingeltes, ein Fuder frentsches Weines und ein Fuder huntsches Weines in dem Gerichte zu Mannwilre“, wobei huntsch für die Rebsorte Heunisch, ein seit ca. 560 als „Hunnenwein“ bekannten Massenträger steht und frentsch für die Rotweinsorte „Gänsefüßler“.

Aus einem Bericht der Kellerei der Moschellandsburg erfahren wir, dass auch 1494 schon verschiedene Weinqualitäten unterschieden und gehandelt wurden. Man kannte sogenannten Hinzwein, ein heuriger Wein, im Gegensatz zum Firnwein, ein vorjähriger Wein. Das Maß Firnwein wurde damals zu 8 Pfennig verkauft. Als weitere Unterscheidung kannte man Bauwein und Wildwein, wobei der Bauwein 1 Pfennig das Maß höher bezahlt wurde als Wildwein. Die Untertanen der Landsburg ließen nämlich die Reben ohne Pflege und Stütze wild wachsen, die Trauben lagen also direkt mit den Reben am Boden, deshalb sei der Wildwein „greulig und herb“. Aufgebundene Reben brachten 1494 dem Landsberger Keller von 20 Morgen Fläche  17 Fuder (16 420 l) Wein.

Da das  Bebauen der Landsberger Weinberge erfahrene Winzer erforderte, wurden Leute aus den weinbautreibenden Ortschaften der näheren Umgebung, darunter auch Oberndorfer, zum Fronen im Weinberg berufen. Zwar durften die Oberndorfer mit drei Weispfennigen je Haus und Jahr die Fron ablösen. Offensichtlich war ihnen dieser Preis zu hoch, denn aus Oberndorf kamen sogenannte „Wingertachter“ (Weinbergfröner) zur Bewirtschaftung der Landsberger Weinberge.

Jedenfalls berief der Verwalter der Landsburg 32  Wingertsachter, alle ausgerüstet mit einer „Schnitzheppen“ (sichelförmig gekrümmtes Rebenmesser) aus den Gemeinden Mannweiler, Niedermoschel und Oberndorf zur Arbeit in die Weinberge, „denn das Rebenschneiden erfordert einen erfahrenen Winzer“. Auf den einzelnen Rebstock wurde eine Bogenrebe und 3 bis 4 Stifte geschnitten, wie z.T. heute noch üblich. Die Fröner erhielten zum Morgenimbs 2 Fronbrote, Milch, dann Suppe, Kappesgemüse, einen Hering oder Eier, alternativ wurde gereicht: Linsenmus, geräucherte Wurst und 1/4 Pfund Fleisch. In der 1/2 stündigen Mittagspause gab es pro Kopf 2 l Wein (!) und den Rest des Morgenimbses. Gegen 4 Uhr war Arbeitsende und es gab nochmals Suppe und Mus. Die Oberndorfer erhielten für den Nachhauseweg jeder 3 Fronbrote.

Wegen der erforderlichen Sorgfalt wurden jedoch die meisten Arbeiten im Weinberg nicht im Fron, sondern im Tagelohn erledigt. Als Tagelöhner erhielt man 10 Heller/Tag.

Auch im Jahr 1578 stand jedenfalls in Oberndorf der Weinbau in voller Blüte. Dies ergibt sich daraus, dass von den damals in Oberndorf ansässigen „36 Herdstätten“ (wohl Familien) sowohl für den Pfarrer als auch für die Herrschaft Randeck der Weinzehnt zu entrichten war und zudem auch noch der zu der Zeit in Oberndorf tätige Glöckner im Jahr 1 Fuder (ca. 960 l) Wein erhielt.

Der dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) beendete diese ruhigen Zeiten und führte – insbesondere ab 1635 – weitgehend zur Entvölkerung des Dorfes. Dementsprechend lagen die Weinberge brach und wuchsen mit Hecken und Dornen zu.

Das damals kurpfälzische Oberndorf gehörte ursprünglich dem Unteramt Rockenhausen an, wurde jedoch 1660 dem Oberamt Alzey, Unteramt Erbes-Büdesheim zugeteilt. Dieses kurpfälzische Oberamt regulierte schon damals den Weinhandel über bestimmte Vorschriften. So mussten weinbautreibende Gemeinden „Weinstecher“ verpflichten. Diese Weinstecher hatten Fässer zu eichen und Weinhändler zu den verkaufswilligen Bauern zu führen. Sie kontrollierten damit den Weinmarkt innerhalb ihrer Gemeinden, indem sie sowohl die richtige Menge den Kaufleuten gegenüber garantierten, als auch den Konkurrenzkampf unter den Weinbauern bezüglich des Absatzes ihrer Weine verhinderten. Sie sorgten somit dafür, dass jeder in einer gerechten Reihenfolge seinen Wein verkaufen konnte und dürften dabei auch auf einen guten Preis für die Weine geachtet haben. In Oberndorf war es allen Gemeindemitgliedern erlaubt, ihren eigenen Wein auszuschenken. Für den Ausschank eigenen Weins brauchte man auch kein „Ungeld“, eine indirekte Verbrauchssteuer in Höhe von 4 Pfund Heller bis zu 6 Gulden pro Fuder ausgeschenkten Weines, zu zahlen. Bevor nicht aller Wein der Gemeindemitglieder verkauft war, durfte kein Wirt solchen von außerhalb des Dorfes anbieten, es sei denn, er hatte  eigene Wingerte in fremden Gemarkungen. Wer  fremden Wein ausschenkte, musste dazu ein „Reis“ an seine Wirtschaftstür stecken und war ungeldpflichtig.

Der Wiederaufbau nach dem dreißigjährigen Krieg setzte erst in den sechziger und siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts langsam wieder ein. Das Amt Landsberg meldete jedenfalls für Oberndorf im Jahr 1674 nur sechs ansässige Familien. Der im Jahr 1689 einsetzende pfälzische Erbfolgekrieg brachte allerdings noch schlimmere Verwüstungen und Zerstörungen. Französische Truppen zerstörten bzw. brannten in dessen Ablauf  in unserer näheren Umgebung die Stadt Rockenhausen, die Altenbaumburg, die Moschellandsburg, Schloss Löwenstein sowie die Burg Randeck nieder.

Randeck (498 x 388)

Ruine Randeck um 1900, gut zu erkennen sind die gepflegten Wingerte unterhalb der Ruine.

Anders als in den großen Städten wie z.B. Heidelberg und Mannheim nahmen sich die französischen Truppen in den Dörfern selten die Zeit zur völligen Zerstörung. Vielmehr zündete man an, was gerade erreichbar war, und verschonte, womit sich Mühe verband. Insbesondere blieben häufig die Kirchen verschont. Dies ist auch der Grund, warum man außer der Kirche in Oberndorf  keine Gebäude findet, die vor der Zerstörung der Pfalz durch die Truppen Ludwig des XIV erbaut wurden. In Folge der Zerstörungen und der auferlegten Kontributionen flohen die Bewohner in unbedrängte Teile des Reiches, was – nach heutigem Kenntnisstand – zur völligen Entvölkerung unseres Dorfes führte. Entsprechend und immer wieder beklagt war der unübersehbare Schaden auch an den Weinbergen, jedenfalls lagen die meisten Weinberge verwüstet und verödet. Es dauerte demgemäß auch viel länger, bis nach dem Erbfolgekrieg der Weinbau wieder erstand. Erst um 1720 ist der erneute  Aufbau des Weinbaus wieder belegt. Dieser war offenkundig zwingend erforderlich, „denn der pfälzische Landmann trinkt das ganze Jahr hindurch bei seiner Arbeit, bei Tische und in der Zwischenzeit Wein. Kein Tagelöhner würde in den Tagelohn gehen, wenn er nicht bei jedem Imbiß jedesmal einen Schoppen bekäme“.

Doch um die Qualität dieses Tropfens stand es schlecht. Um des „Zehntens“ willen wurde hauptsächlich auf Quantität geachtet. Die Zeit der Lese wurde nach fiskalischen Rücksichten und nicht nach dem Reifezustand der Trauben bestimmt, einzelne Weinbergslagen wurden nicht nach der Qualität, sondern nach der Bequemlichkeit der Zehntbeamten, die ihre „Zehntbütten“ möglichst wenig herumfahren wollten, geherbstet (geerntet). Zudem wurden Gehälter zum Teil in Deputatwein, dessen Qualität gleichgültig war, bezahlt. Auch in der Kellerwirtschaft breiteten sich Mißstände aus. Die anscheinend oft vorgekommenen Weinpanschereien führten schon im Jahre 1810 dazu, dass die damalige französische Besatzungsmacht sich genötigt sah, ein Weingesetz zu erlassen, das es zum einen den Weinwirten verbot, in ihren Wirtschaften Bier, Apfel- oder Birnwein oder andere Getränke zu verkaufen, die mit dem Wein unvereinbar sind. Zudem untersagte dieses Gesetz, „Gold- oder Silberglätte, Färbeholz, Heidelbeerwein, Fischleim und andere der Gesundheit schädliche Materien und Mischungen“ in den Wein zu tun und zwar bei Strafe von 500 Franken Geldbuße und einer körperlichen Züchtigung. Aber zugleich brachte die Franzosenherrschaft von 1789 bis 1814 durch das Ausfuhrverbot und die Zollgrenze am Rhein einen weiteren Rückschlag für den Weinbau mit sich. Auch um das Jahr 1910 verstand man sich auf die „Verbesserung“ von Wein. Teilweise streckte man den guten Traubenwein mit Birnenmost, teilweise produzierte man (auch in Oberndorf) sogenannten Sartoriuswein, benannt nach dem Neustadter Reichstagsabgeordneten und Weingutsbesitzer Sartorius, welcher seinen Wein mit Bachwasser und Zucker „verbesserte“ und ihn dennoch, insbesondere an das Offizierskorps des Deutschen Heeres, reichsweit verkaufte. Die Reichsgesetzgebung in Verbindung mit einer immer besseren Analytik in der Weinkontrolle setzte diesem Treiben ein Ende. Jedenfalls ist belegt, dass Oberndorfer Winzer, nachdem die Weinkontrolle ihr Kommen angekündigt hatte, ihre Weinvorräte durch die damals gerade aufgekommenen elektrischen Pumpen vom Keller in den Straßengraben entsorgten. Die Gassenbuben ließen sich diese Gelegenheit nicht entgehen und schlürften diesen Wein aus der Straßenrinne mit den typischen Folgen übermäßigen Alkoholgenusses.

Foto Weinbau

Weinlese in Oberndorf im Kriegsjahr 1915

Als Weinsorte angebaut wurde in Oberndorf meist der „Gänsefüßler“. Jedenfalls war dies der (Rot-)Wein, der in vergangenen Jahrhunderten das meiste Renomme´ erwarb. Der heute (2019)  nicht mehr weinbaulich genutzte Gemarkungsteil „Gänseberg“ dürfte dem Gänsefüßler seinen Namen verdanken.

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Blick von den Gänseberger Wingerten Richtung Dorfmitte. Heute (2019) ist diese Weinbergslage brachgefallen.

Zudem wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts Gutedel und Elbling angebaut. Seitdem gewannen Riesling (eine Kreuzung aus Heunisch und Gewürztraminer), Müller-Thurgau und Sylvaner (früher als Frankenwein oder „Österreicher“ bekannt) in den Lagen „Oberndorfer Beutelstein“, „Oberndorfer Aspenberg“, „Gääseritsch“ und „Oberndorfer Feuersteinrossel“  an Bedeutung.

Beutelstein Großmann RieslingxSylvaner1961

Weinflaschenetikett von 1961,

Auch nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Weinbau (an den Berghängen) deutlich zu. In der Spitze dürfte die Weinbaufläche in der Oberndorfer Gemarkung ca. 40 ha betragen haben. Um an den steilen Hängen des Alsenztales mit seinen Seitentälern die Ertragswingerte bewirtschaften zu können, benötigte man pro ha im Jahr 1900 ca. 2200 Arbeitsstunden. Winzerbetriebe waren in Oberndorf fast immer landwirtschaftliche Mischbetriebe.

Kornbrand

Neben dem Weinbau wurde in Oberndorf auch Hochprozentigeres erzeugt

Die Trauben kamen meist von der Reebe weg nach Neustadt an der Weinstraße, in der Regel zur Weinkellerei Hoch, um dort gekeltert und verschnitten zu werden. Die Vorderpfälzer schätzten nämlich das Lesegut aus dem Alsenztal u.a. wegen des höheren Säuregehaltes. Aber auch schon kurz nach dem 1. Weltkrieg suchte man nach anderen Vermarktungswegen. So sollten die bisher unbekannten Nordpfälzer Weine durch Weinproben den Interessenten und insbesondere dem Weinhandel gegenüber bekannter gemacht werden. Die Initiatoren Linxweiler (Mannweiler) und Otto König (Oberndorf), unter tätiger Mithilfe des Weinbauvereins Mannweiler, veranstalteten am 05.03.1922 im Saale Fuchs in Mannweiler eine große Weinprobe.

Weinprobe

Weinprobenvorbereitung im Saale Fuchs, Mannweiler. Wie zu sehen, stand eine imponierende Auswahl an Weinen zur Probe an. Bei den gezeigten Personen handelt es sich von links um die Herren Neubrech, Wenz Otto, Becker Karl Morsbacherhof, Walter Ernst, Steller und Hermann Spies.

Beteiligt waren fast alle Nordpfälzer weinbautreibenden Orte. Je Probe des vorzustellenden Weines waren zwei Flaschen, gut und reinlichst verkorkt und versehen mit einem Zettel, auf dem Aussteller, Jahrgang und Lage sowie die zu verkaufende Menge vermerkt waren, beim Gastwirt Fuchs abzuliefern. Zu der allgemeinen Probe kamen damals sogar der Regierungspräsident, Herr von Chlingenberg, und der Landwirtschaftsreferent der Pfalz, Oberregierungsrat Stähler (unbestätigten Gerüchten zufolge soll der damals auf der Alsenztalstrecke verkehrende Fernzug Frankfurt – Saarbrücken zwecks Mitnahme der beiden Herren einen außerplanmäßigen Halt im Bahnhof Mannweiler eingelegt haben). „Held des Tages war einer vom Beutelstein“, wie sich aus dem Bericht des Pfarrers Stock Ein Turnier in der Nordpfalz ergibt (vgl. auch ders. Wie es auf dem Maifeld zuging).

Anfangs der 1960er Jahre wurden die Oberndorfer Weinberge durch starke Fröste sowie den weitverbreiteten Reblausbefall schwer geschädigt. In der Folge und wegen der beginnenden Industriealisierung mit ihren Erwerbsmöglichkeiten gaben viele Nebenerwerbswinzer ihre Rebflächen auf und ließen sie brachfallen.

Dies eröffnete Gründern in diesem Bereich neue Chancen. Anfang der 1960er Jahre entwickelte sich jedenfalls ein reiner Weinbaubetrieb, das Weingut Großmann, welches sich mit neu angelegten Wingerten auf die Produktion von Flaschenweinen verlegte. Die von ihm produzierten Oberndorfer Weine, insbesondere die Eisweine, waren bei Weinprämierungen regelmäßig auf den vorderen Plätzen zu finden.

Beutelstein Großmann RieslingxSylvaner1960

Großmann Etikett

Etiketten des Weingut Großmann

Die Oberndorfer Flächen des Weingut Großmann werden heute (2019) vom Weingut Hahnmühle, Mannweiler-Cölln, mitbewirtschaftet und dienen der Erzeugung von Flaschenweinen in gewohnt hoher Qualität.

Hahnmühle Etikett

Etikett der Hahnmühle

 

 

 

 

 

 

 

 

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