Vom Oberndorfer Bauwald

Einst war die Gemeinde Oberndorf Eigentümer einer bedeutenden Waldfläche. In der „Beschreibung des bayerischen Rheinkreises“ von 1837 ist vermerkt, dass Oberndorf 138 Morgen (ca. 40 ha) Wald im „Zweibrücker Gebiet“ liegen habe. Es handelte sich um den sogenannten Bauwald. Dieser befindet sich südwestlich des Schmalfelder Hofes, rechts der Straße zum Hengstbacher Hof / St. Alban. Im Rahmen der finanziellen Konsolidierung verkaufte die Gemeinde Anfang der 1970er Jahre den Wald an die Bundesrepublik Deutschland.

Neben dem Bauholzverkauf in Form von Stämmen brachte dieser Wald bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts auch durch die Produktion von Gerberrinde der Gemeinde Einnahmen.

Ein solcher Wald hatte einen völlig anderen Aufbau als man ihn von heutigen Wäldern kennt. Zwar bildeten in der Regel auch im Eichenschälwald mächtige und hohe Eichen ein Kronendach, so dass dieser Wald von der Ferne einem heutigen Wald ähnelte. Tatsächlich war das Kronendach bedingt durch eine relativ geringe Anzahl hoher Eichen jedoch wesentlich lichter als die heutigen Wälder. Die Waldwirtschaft bezweckte durch diese lichtdurchlässigen Kronendächer die Förderung des Unterholzes. Dieses bestand im Wesentlichen aus Eichenstockausschlägen und diente der Produktion von Gerberrinde.

Aus getrockneter Gerberrinde wurde durch Vermahlen in den „Lohmühlen“ die sogenannte Gerberlohe gewonnen, in der sich der Gerbstoff Tannin befindet. Um einen Zentner Leder zu gerben wurden vier bis fünf Zentner Gerberlohe benötigt, für Sohlenleder noch mehr. (Wer sich für das Geschäft der Gerberei interessiert, der sei auf den Roman von Patrick Süskind „Das Parfüm“ verwiesen).

Wie war die Sache geregelt?

Aus Erfahrung wussten die Forstbeamten, dass die beste Gerbrinde diejenige von 14jährigen bis 16jährigen Stockausschlägen ist. Jedenfalls tritt mit dem Rissigwerden der Eichenrinde der Zeitpunkt der höchsten Rindenqualität ein. Um die ca. 15jährige Umtriebszeit einhalten zu können, wurden im Bauwald pro Jahr nur ca. 2,5 ha beerntet. Diese 2,5 ha wurden wieder in verschiedene Lose unterteilt, welche einzeln abgesteckt und an interressierte Oberndorfer Bürger – selbstverständlich gegen Zahlung – vergeben wurden.

Wann wurde geerntet?

Die Rinde ließ sich von Anfang Mai bis Mitte Juli schälen, am leichtesten aber zur Zeit des Knospenausbruches. Erfahrene Schäler berichteten, dass von Sonnenaufgang bis ca. 10 Uhr Vormittags die Rinde sich am leichtesten löse. Entsprechend frühzeitig ging man zu Werke.

Wie wurde geerntet?

Die zu schälenden Eichenstangen wurden im stehenden Zustand mit der Heppe (pfälzisch: Heb) abgeastet soweit man vom Erdboden aus reichen konnte.

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Heppe zum Entasten

Anschließend wurde mit der Heppe oder einem speziellen Rindeneisen ein 2 bis 4 cm breiter Streifen Rinde abgezogen.

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Schäleisen

War diese Arbeit an einer hinreichenden Zahl von Eichenstangen getan, begann die eigentliche Schälarbeit mit dem „Lohlöffel“.

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Lohlöffel

Zu diesem Zweck umfasste der Schäler, den Löffel in der rechten Hand, das Stämmchen mit der Linken und setzt den Löffel an der linke Seite des entblößten Rindenstreifens an. Der Löhlöffel wurde dabei in einem spitzen Winkel – fast parallel zur Achse des Stämmchens angesetzt und nun auf und ab bewegt. Genauso wurde auf der rechten Seite des Streifens verfahren, bis die Rinde um das ganze Stämmchen gelöst war. Abgeschält wurde die Rinde bei Stämmen bis zu einer Stammdicke von wenigstens drei Zentimetern. Alle unter drei Zentimeter dicken (Gipfel-)teile blieben ungeschält, weil die Zweigrinde zu wenig Gerbstoff enthielt und das Schälen nicht lohnte.

Nachdem die Eichenstangen geschält waren, wurden diese gefällt und die Stangen, die auf Grund ihrer Länge nicht vollständig vom Boden aus geschält werden konnten in kürzere Prügel zerlegt. Diese ungeschälten Prügel wurden entweder wie vorgehend beschrieben entrindet, oder – in der Regel von Kindern – auf Steinen oder Wurzelstöcken mit hölzernen Klöppeln geklopft bis sich die Rinde löste. Die von der Rinde befreiten Stangen wurden selbstverständlich der Nutzung als Brennholz zugeführt, wobei auf einen Zentner geschälter Rinde etwa drei Zentner Brennholz anfielen.

Die geschälte Rinde wurde auf Gestellen schließlich getrocknet und zum Verkauf gebündelt.

Die so gewonnenen Lohrinden wurden in aller Regel per öffentlicher Versteigerung an die Gerbereien verkauft. So wurden z.B. im März 1844 ca. 900 Gebund Lohrinden (ca. 300 Zentner)  und im Jahr 1849 ca. 190 Zentner Lohrinden im Wirtshaus Carl Hübsch (heute Hauptstraße 8 in Oberndorf) öffentlich versteigert.

Ab den 1880er Jahren sorgte die damals einsetzende Globalisierung dafür, dass die Lohrindenproduktion in der Pfalz, aber auch in ganz Europa zurückging. Die Gerbstoffgewinnung aus südamerikanischem Quebrachoholz, welches eine schnellere Gerbung ermöglichte und billiger zu erhalten war, sorgte dafür, dass die Lohrindenproduktion in der bayerischen Pfalz sich von ca. 100.000 Zentnern in 1877  auf ca. 50.000 Zentner in 1899 halbierte bei gleichzeitigem Verfall der Preise von durchschnittlich 5,34 Mark pro Zentner Lohrinde in 1877 auf durchschnittlich 3,76 Mark pro Zentner in 1899.

Den endgültigen Todesstoß erhielt die Wirtschaftsform „Schälwaldbetrieb“ durch den technischen Fortschritt. Mit Einführung der industriellen Ledergerbung durch Chromsalze verschwand die Ledererzeugung mit Hilfe der Eichenlohe fast vollständig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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