Kriegschronik 1914 – 1918 I. Teil

Der zur Zeit des ersten Weltkrieges für die Pfarrei Oberndorf mit ihren Kirchen in Oberndorf und Menzweiler (heute die evangelische Kirche im Mannweilerer Ortsteil Cölln) zuständige Pfarrer Philipp Stock schrieb während der Kriegszeit in einer Chronik  die Ereignisse in seiner Pfarrei nieder. Die Chronik belegt dementsprechend auch Ereignisse, die  unseren Nachbarort Mannweiler betreffen, und ist ein lesenswertes Zeitdokument, da die Ereignisse aus Sicht eines Zeitgenossen und ohne Kenntnis des späteren Ergebnisses geschildert werden.
Möglich wurde die Veröffentlichung auf dieser Webseite nur auf Grund der wohlwollenden und unbürokratischen Unterstützung durch die  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere von Frau Dr. Stüber, im Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer, in dem die Kriegschronik in Abteilung 44, Oberndorf Nr. 76 archiviert ist. Ein herzlicher Dank nach Speyer.
Die Onlinestellung erfolgt in loser, jedoch chronologischer Folge des Inhalts im Originalwortlaut, welcher aus der Sütterlinhandschrift in die nachfolgende Abschrift übertragen wurde.

 

Deckblatt Kriegschronik (461 x 716)

 

Ortskirchliche Kriegschronik der Pfarrei Oberndorf, gefertigt von Pfarrer Philipp Stock

Vorbericht

Die Mobilmachung

„Daß es losgeht ist ausgeschlossen !“ So schrieb der Gefreite Peter Wenz, der beim 18. bayerischen Infanterieregiment in Landau stand, zwei Tage bevor der Telegraf die ersten schlimmen Nachrichten brachte, an seine Eltern.
Man sieht damit, wie wenig man in Deutschland an Krieg dachte. Die Heuernte war glücklich eingebracht und hatte einen außergewöhnlich guten Ertrag geliefert. Einzelne Getreidefelder waren schon geschnitten, andere reif zur Ernte. Wem wäre da der Krieg gelegen gekommen? Aber die Ereignisse ließen sich nicht mehr aufhalten. Das Ränkespiel unserer Feinde war durchschaut. Anstatt, wie diese wollten, zu warten, bis die Zeit der Kaisermanöver gekommen war, drängte unser Kaiser den heimtückischen Nachbarn im Osten Farbe zu bekennen, zu gestehen, was er mit seinen gewaltigen Rüstungen an der Grenze Deutschlands und Österreich-Ungarns vorhatte. Manche meinten schon, der Kaiser habe zu lange gewartet, er hätte sollen früher losschlagen und der Ungewissheit, die seit der Ermordung des österreichischen Kronprinzenpaares auf Europa lastete, ein Ende machen.
Als dann am Donnerstag, dem 30 Juli 1914 nachmittags 4 Uhr die zunächst noch unbeglaubigte Nachricht anlangte: „Deutschland macht mobil!“, da bemächtigte sich der Bevölkerung lähmendes Entsetzen, große Beunruhigung. Überall standen Gruppen auf den Straßen, die Arbeit blieb liegen, ängstlich sprach man von dem, was bevorstand. Auch die Wolken wurden immer finsterer. Die Soldaten, welche sich im Ernteurlaub zu Hause befanden, wurden sofort zu ihren Truppenteilen zurückberufen. Obwohl bis zum Abend noch keine amtliche Bestätigung der erfolgten Kriegserklärung vorlag, kauften die Einwohner allerlei Vorräte für die Küche ein. Unter Bangen verging die Nacht. Der frühe Morgen des 31. Juli brachte den Gemütern einige Erleichterung, die Nachrichten lauteten etwas günstiger. Die Alarmmeldungen des vorhergehenden Tagers glaubte man als übertrieben ansehen zu dürfen. Alles atmete etwas auf, wenn auch die Sorgen noch nicht ganz beseitigt waren. Deutschland, hieß es, will bewaffnet dem Kampfe zwischen Österreich und Serbien zusehen: Unterhandlungen würden gepflogen um den Krieg hintanzuhalten. Aber der Tag sollte nicht zu Ende gehen, ohne uns die schreckliche Gewissheit zu bringen, daß wir vor gewaltigen Ereignissen stehen. Um 6 Uhr abends wurde der Kriegszustand öffentlich bekannt gemacht und sofort eine Anzahl Ortsbewohner nach Alsenz bestellt, um bei der Besetzung der Eisenbahn mitzuwirken, die unter der Leitung einer Abteilung aktiver Soldaten vorgenommen wurde. Große Niedergeschlagenheit bei der Bevölkerung, wie ein Alp lag es auf den Herzen. Schwüle Gewitterstimmung lag am Dienstag, dem 1. August über der Erde und den Menschen. Die Nachricht: Preußen habe schon mobil gemacht, Bayern stehe noch aus, erwies sich als unrichtig, aber allgemein wurde der Befehl zur Mobilmachung erwartet. Gegen 6 Uhr abends herrschte noch Ungewissheit, wenn auch mit den Bahnen ungeheure Vorbereitungen getroffen würden. Die ganze Bahnlinie stehe unter militärischer Bewachung, die Bahnhöfe waren besetzt. um 3/4 9 Uhr schreckte die Ortsschelle die Bewohner auf: „Die Mobilmachung war befohlen!“
Als erster Tag derselben war der 2. August, ein Sonntag, bestimmt. Gar mancher hat in der Nacht vom ersten zum zweiten August kein Auge zugetan. Die Gottesdienste am 2. August waren in Oberndorf und Menzweiler von einer großen Zahl tiefbesorgter Teilnehmer besucht. Reichlich flossen die Tränen, auch bei Männern, als das Lied angestimmt wurde: “ O mein Herz gib dich zufrieden und verzage nicht so bald (Nr. 289, ebenso bei der Predigt über Psalm 18.90 mit dem Grundgedanken: „Ein starker Trost in schwerer Zeit!“) An diesem Tage mussten schon einige Ortsangehörige zu den Fahnen. Andere trafen ihre Vorbereitungen, um in den nächsten Tagen abzurücken. Allenthalben sah man die Eingerufenen von ihren Freunden und Bekannten Abschied nehmen. Die Stimmung wurde noch ernster, als bekannt wurde, daß auch der Landsturm von 17 – 45 Jahren aufgerufen werden solle, wozu es aber in der Folge noch nicht dem ganzen Umfange nach kam.
Der dritte August brachte die Nachricht von der Kriegserklärung an Rußland. Jetzt gab es alle Hände voll zu tun, um das Getreide heimzubringen. Die Arbeitskräfte verringerten sich zusehends, die Pferde wurden gemustert und angekauft. Wie ein Trauma lag es auf den Gemütern.
In der Nacht vom 3. auf 4. August hallten im Alsenztal Gewehrschüsse der Bahnwachen durch die Luft. In der Richtung nach Mainz nahm man einen starken Lichtschein wahr und glaubte es mit einem feindlichen Flieger zu tun zu haben, während ein Scheinwerfer aus der Festung Mainz den Luftraum nach Flugzeugen absuchte. Nichts wsesentlich Neues brachte der 4. August, aber umso mehr Aufregung gab es in den Familien, da nach und nach alle gedienten Soldaten fortmussten.
Die Abschiedsszenen zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern waren herzzerreißend. Aber welch eine zuversichtliche Stimmung herrschte unter denen, die mit der Bahn durch das Alsenztal zu den Fahnen eilten! Wohl hat ja die Bahn von Münster am Stein bis Langmeil, wie sich im weiteren Verlauf des Krieges zeigte, keine besondere Bedeutung für den Aufmarsch des Heeres gehabt, sie wurde vielmehr nur als Nebenlinie benutzt. Aber die meisten Tage fuhren viel Züge, gefüllt mit Reservisten aus dem Rheinland, durch unser Tal. Diese waren oft reich behängt und mit Inschriften versehen und heller Jubel schallte aus ihnen heraus, ein Zeichen, mit welcher Begeisterung Deutschlands Söhne in den Kampf zogen.
Unbeschwerten Herzens winkten ihnen die Bewohner des Alsenztales Lebewohl zu. Auf den Dächern der Wagen saßen oft die Durchreisenden und der Übermut ging soweit, daß er einen Unglücksfall zur Folge hatte. Bei Imsweiler stürzte ein Mann ab und fiel sich tot.
Mit Begeisterung wurde die Tronrede des Kaisers und die Rede des Kanzlers vom 4. August aufgenommen, welche von den Zeitungen am 5. August gebracht wurden.

Es zitterte zwar immer noch der Abschiedsschmerz nach, wurde aber standhaft verborgen. Große Besorgnis verursacht allerdings die am Vormittag eingetroffene Nachricht, daß nun außer Rußland und Frankreich uns auch noch England den Krieg erklärt habe. Man hatte ja von diesem Lande nichts Gutes erwartet, aber ihm eine solche Heimtücke doch nicht zugetraut. Die Erbitterung darüber kannte keine Grenzen und schwoll immer mehr an, als man die teuflischen Pläne dieses unseligen Krämervolkes von Tag zu Tag besser kennen lernte.
In dieser Zeit gab es für den Pfarrer sehr viele Arbeit, galt es doch den Ausziehenden Mut und Gottvertrauen einzuflößen und die Zurückbleibenden zu trösten. Alle Familien, die ein Glied in den Kampf ziehen lassen mussten, wurden nach und nach besucht, das Verzeichnis der Kämpfer angefertigt und ihre Adressen aufgezeichnet.
Nähere Nachrichten vom Kriegsschauplatz brachte der 6. August noch nicht. In den Gemeinden setzte eine lebhafte Tätigkeit ein, um Fürsorge zu treffen für die Verwundeten. Was geleistet wurde, ist weiter hinten in dieser Schrift zusammengestellt.
Besonders verdient hervorgehoben zu werden, daß auch die Schulkinder ihre Sparbüchsen öffneten und in Oberndorf 40 Mark zur Verfügung stellten. Das von den Einwohnern geschenkte Leinen wurde in den Gemeinden Oberndorf und Mannweiler für die Verwundeten hergerichtet und mit gesammeltem Geld neuer Stoff gekauft und zu Leibwäsche u.s.w. verarbeitet. Die Tage über gingen die Landleute ihrer Arbeit nach, wobei viele einander tatkräftige Hilfe leisteten. Manche allerdings dachten nur an sich und kümmerten sich nicht darum, wie die Familien, deren Oberhäupter im Feld standen, ihre Ernte hereinbrachten.

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