Kriegschronik von Oberndorf Teil XIV.

Berichte aus Briefen der Kämpfer V.

Lehrer Stemler – Mannweiler – schrieb am 14. August 1917 aus Russland.

Bild S. 125

Sie werden mich wohl schon in Sibirien vermutet haben, weil ich schon so lange nichts mehr hören ließ. Der Sommer in den Roknito-Sümpfen mag es entschuldigen. Wer diesen einmal erlebte, kann viel erzählen und wer sein Unangenehmes zum zweiten Male durchkosten muß, kennt ihn noch besser. Die beste Bezeichnung für ihn ist „scheußlich“. Das Klima ist ungesund. Drückend heiße Tage wechseln sehr rasch mit rauhen, wie sie Deutschland nur im November kennt. Luft, Erde und Wasser wimmeln von Ungeziefer, Flöhe fallen einem in ganzen Schwärmen an. Wer keine breiten Stiefel anhat, den springen sie beinahe um. Die Schnaken sind so zahlreich, daß man sich Tag und Nacht von einem Bienenschwarm umgeben glaubt. Wer ihnen einige Stunden ausgesetzt ist, sieht kaum noch aus den Augen. Mäuse und Ratten halten sich in den Unterständen in ungeheurer Zahl. Selbst ein Aufhängen des Brotes an einem Bindfaden hilft nichts. Sie kriegen es herunter, den Fliegen muß man das Recht lassen, im Gesicht Platz zu nehmen und bei allem mitzuessen, weil man sich ihrer nicht erwehren kann. Unken, Kröten, Molche und Frösche beleben jedes Wasser in so großer Menge, daß ein Fließen desselben unmöglich ist. Zahl und Arten des Ungeziefers sind so groß, daß man staunen muß. Mit ihm haben wir weit mehr zu kämpfen, als mit dem Russen. Letzterer ist hier ziemlich ruhig. Nur wenn er seine schwachen Stunden bekommt, beschießt er uns mit seiner Artillerie. In Rumänien geht es immer noch frisch vorwärts. Dem Engländer und Franzosen scheint im Westen auch bald der Atem auszugehen. Die gar so gewaltigen Wutschreie verraten nicht mehr allzuviel Kraft. Wir denken bis zur nächsten Kornernte wieder in der Heimat zu sein.

Am 11. April 1917 war folgender Brief angekommen:

Sehr lange dauerte es diesmal wieder, bis ich zum Schreiben kam. Doch nachfolgende Zeilen mögen eine Entschuldigung sein. Wir haben sehr bewegte Tage hinter uns. Schon sehr lange war von unserer Seite geplant, den Brückenkopf Toboly, den die Russen am mittleren Stochod besetzt hielten, zu nehmen. Am 2. April schien die Zeit hierzu günstig zu sein und so wurde unser Angriff auf den 3. April angesetzt. Früh 6 Uhr begann das Trommelfeuer auf die russischen Gräben. Für die ganze Arbeit waren 3 Tage vorgesehen, wurde aber, weil alles großartig glückte, in einem Tag geleistet. Die russischen Batterien wurden durch Gas niedergehalten. Unsere Artillerie arbeitete erstklassig. Nachmittags 2 Uhr begann schon das zurückfluten der Russen. Ganze Regimenter wollten geschlossen über zwei noch für sie in Betracht kommende Brücken. Hier leistete unsere Artillerie großartige Arbeit. Auf einer Wegstrecke von etwa 1 km waren von einem vollen Regiment nur noch einzelne Männlein zu sehen und diese wurden Opfer unserer Gaswolken. So rannte ein Regiment nach dem anderen in diese Feuerzone und wurde total vernichtet. Da alles eilig vorwärts schritt, kam um 6 Uhr abends für uns auch etwas überraschend schnell der Befehl zum Sturm. Um 7 Uhr stiegen wir über unsere Gräben und stürmten vor. Das erste Hindernis war von Wasser bis in Brusthöhe, dann folgten zwei feindliche Drahthindernisse und endlich der russische Graben. Die russischen Batterien, die sich regen wollten, erhielten sofort wieder die Nase voll Gas und alle schwiegen. Nun erwarteten wir jeden Augenblick die Gegenwehr der russischen Grabenbesatzung. Statt sich zu wehren, kam diese auf Knieen gerutscht und hielt an wie der Krüppel am Weg. Alle dachten scheinbar, daß es ihnen jetzt an den Kragen geht, was unser Kriegslärm auch hätte erwarten lassen können. Aber alle freuten sich über den gnädigen Empfang. Unseren Ulanen küßten sie die Hände und sogar die Stiefel, was mehreren Panies eine recht derbe Abfuhr einbrachte. Sehr eifrig marschierten sie auf unsere Gräben zu und waren sichtlich erfreut, endlich aus dieser Feuerhölle zu kommen. Wir machten an dem Tage 1 General, 4 Oberste und 10 000 andere Offiziere und Mannschaften zu Gefangenen und erbeuteten 15 Geschütze, 94 Maschinengewehre, etwa 40 Minenwerfer und ungezählte Gewehre und Material. Die Verluste der Russen an Toten und Verwundeten zählten nach Tausenden. Unsere Verluste waren sehr gering. Der 3. April wird mir in ewiger Erinnerung bleiben. Zum ersten Male wurden wir an diesem Tage zum Stürmen angesetzt wie Infanterie (Stemler war beim ersten bayerischen Ulanenregiment), während wir bisher nur in der Verteidigung blieben. Für unser Regiment war es ein ruheloser Tag. Unangenehm war nur das Freibad im Schneewasser und das Nachtlager auf dem Sand in unserer Kleidung. Mir ist die Sache nicht ganz gut bekommen. Scheinbar hatte ich etwas von unserem Gas geschluckt, denn tagelang besaß ich eine Art Katerstimmung, so daß ich die Ostern größtenteils auf meinem Lager zubrachte. Jetzt bin ich glücklich wieder auf dem Damm und freue mich, alles gut überstanden zu haben. Der Russe hat sich immer noch nicht ganz von seinem Schrecken erholt.

Militärstation: Herakino, den 28. Mai 1918

Ihr Brief vom 26. April erreichte mich erst jetzt. Inzwischen habe ich eine ganz interessante Reise gemacht, längs durch die Ukraine. Am 20. April wurde ich durch das Regiment von Stochod abgerufen. Nach einer vierwöchigen Reise mit der Bahn erreichte ich am 20. Mai das Regiment. Meine Fahrt führte mich über Jekaterinoslaw und Taganrog, letztes am Asow`schen Meer. In beiden Städten lag ich je 8 Tage und wartete auf weiteren Befehl. So hatte ich Gelegenheit in das Leben einer ukrainischen Stadt hineinzuschauen. Jekaterinoslaw ist eine Industriestadt mit einem ziemlich französischen Anstrich. Die Luft über der ganzen Stadt ist geschwängert mit Parfüm und die Gesichter der Damen sind „ganz bunt“ bemalt. In einer ganz zufälligen Kleidung steckt eine leichtlebige Bevölkerung, die sich nach wenigen Tagen nichts mehr von der schweren Zeit der Bolschewikiherrschaft anmerken ließ. Ernsthafte Arbeit kennt man weit weniger als in Deutschland, dagegen für den Straßenbummel zu bestimmten Stunden des Tages haben alle reichlich Zeit. Taganrog ist ein gemütliches Bürgerstädtchen. In seinem Hafen herrscht ziemliche Stille. Nur Fischerboote fahren aus und ein. Der Anblick des Meeres vom Strande aus ist ganz malerisch, aber keineswegs überwältigend, wie ich es mir vorstellte.
Gegenwärtig liegen wir etwa 70 km nördlich Taganrog. Da nun die Operationen fast abgeschlossen sind, beginnt die Hauptarbeit des deutschen Militärs in der Ukraine. Diese besteht im Beitreiben von Vorräten, die nach Deutschland geschafft werden. Wir selbst werden in den nächsten Tagen hier abgelöst und kommen fort. Wohin es geht und welche Verwendung wir bekommen, ist noch unbestimmt. In Mannweiler glaubte man mich schon im Westen. Gottlob ist es bis jetzt noch nicht der Fall, aber ausgeschlossen ist es garnicht, daß es bald kommen kann.

Kloszki, den 7. Oktober 1918

Ihren Brief vom 13. September erhielt ich erst vor zwei Tagen. Inzwischen war ich schon in Urlaub. Auf der Durchfahrt machte ich auch in Mannweiler einen kurzen Besuch. Leider war die Zeit zu kurz, um auch nach Oberndorf zu kommen, wo ich gerne auch Sie besucht hätte. So muß ich dies auf das Kriegsende verschieben, was ja bald zu kommen scheint. Wie im Februar wurde ich auch diesmal wieder einberufen. Die Ursache war eine Verschiebung des Regimentes. Seit einigen Tagen sind wir nun in Tanrien, an der Küste des Schwarzen Meeres. Unsere Fahrt ging über Nikolajew nach Cherson. In letzterem lagen wir 2 Tage. Das Äußere der Stadt macht einen orientalischen Eindruck. Das Leben und Treiben ist russisch, Kaufhäuser, Gasthäuser und Cafes dagegen nach deutschem Muster. Zu kaufen bekommt man alles, was das Herz begehrt, aber alles ist sündhaft teuer. Was bei uns in Deutschland jetzt noch 20 – 30 Pfennig kostet, bezahlt man hier mit 3 Rubel = 4 Mark. Von Cherson aus wurden wir auf Schleppern über den Dniepr gesetzt. Zum ersten Male sah ich dabei Kavallerie auf dem Wasser. Auf zwei großen Kähnen war die ganze Eskadron mit 170 Pferden, 190 Mann und 18 Wagen untergebracht. Die Reise zu Schiff ging 8 – 10 km weit nach dem Städtschen Aloszki gegenüber Cherson, wo wir jetzt liegen. Aloszki ist ein Städtchen mit 20 000 Einwohnern, mitten in einem weiten Wüstenland. Man glaubt hier in der Sahara zu sitzen auf einer Oase. Das Städtchen an sich ist sonderbarer Weise ein großer Obstgarten. Doch es ist so staubig, daß die ganze Natur grau statt grün ist. Wir haben hier 25 Grad Wärme am Tage und die Nacht kann man ruhig auf blankem Sande im Freien verbringen. Unser Dienst ist Verwaltung und Sicherung des Bezirks. Ich selbst habe den Posten eines Bahnkommandanten. Was man im Kriege nicht alles werden kann. Hoffentlich ist das der letzte Posten und wir können bald zur Friedensarbeit zurückkehren.

Die Kriegszeit auf dem Lande im Jahr 1915, von Pfarrer Stock.

In dem gebirgigen Teile unserer schönen Pfalz, wo die Flüsse und Bäche sich in das Erdreich eingewühlt haben, erwachsen dem Landmanne bei der Feldbestellung und Ernte erhöhte Arbeitsleistungen. Die gesteigerten Mühen des Lebens blieben denn auch nicht ohne Einfluss auf sein inneres, geistiges Leben. Er ist bedächtigen Sinnes, leidet nicht an Vielredigkeit und sieht seinen schönen Lebenszweck in der Arbeit in Feld und Haus. Äcker, Stall und Scheune erfordern im Laufe des Jahres seine Gegenwart und so kommt es, daß sein Umgang mit der Außenwelt ein beschränkter ist, was hauptsächlich ihn veranlasst nicht blindlings allen Neuerungen nachzujagen, sondern vorsichtig das Für und Wider reiflich zu erwägen. Gleichwohl zeigt er sich allen fachmännigen Stellen, zu denen er einmal Zutrauen gefasst hat, entgegenkommend, so daß z.B. die theoretischen und praktischen Winke, bei ihm auf fruchtbaren Boden fallen, was allgemein an dem Aufblühen der landwirtschaftlichen Produktivität jeglicher Art dieses Gebietes beobachtet werden kann. Der pfälzische Bauer im Berglande ist stolz auf seinen Besitz und weil er ihn schwer erringt, hält er ihn doppelt fest. Daher lässt es sich auch erklären, daß die kriegswirtschaftlichen Maßnahmen von ihm besonders schwer empfunden werden, namentlich, weil er glaubt, daß die Manipulationen des Großhandels nicht die gleiche Belastung erfahren. Daß auch hier nach und nach durch behördliche Einrichtungen ein Ausgleich herbeigeführt wird, dürfte die Landwirte schließlich zufriedenstellen und beruhigen.
Als im Jahre 1914 der furchtbare Krieg ausbrach und eine Kriegserklärung der anderen folgte, da lag auch über den Dörfern der westlichen Pfalz eine schwüle Atmosphäre. Mit Bangen sahen die älteren Leute der nächsten Zukunft entgegen, während die Jüngeren gleich ihren städtischen Kameraden kampfbegeistert auszogen. Auch hier sah man rührende Szenen des Abschieds, wie sich das alte, von schwerer Arbeit verwitterte Mütterchen an den kraftstrotzenden scheidenden Sohn hing und mit dem Schürzenzipfel die Tränenbäche zu hemmen suchte, oder wie der lastgebeugte alte Bauer seinem Jungen das Geleit zur nächsten Bahnstation gab und hier wehen Herzens dem reich geschmückten Zuge nachsah, der seinen wackeren Arbeitsgenossen ins ungewisse Schicksal entführte. So sah ich ein altes Männlein noch eine halbe Stunde nach Abgang des Zuges, auf dem selben Flecke stehend, mit tränengeröteten Augen nach der Richtung starren, wo sein Lebensblut dahinfuhr. Dort nahm der Bursche von dem ihm „versprochenen“ Mädel tapfer Abschied, es mit seines Kaisers Worten tröstend, wie er den bösen Feind „dreschen“ wolle und wie er gewiß wieder gesund und als ein Held zurückkehren werde. An den Tod dachten die jungen Krieger nicht. Mit ihren Kameraden vereint, zogen sie singend und scherzend aus in den Kampf, daß Trennungsweh den Daheimgebliebenen überlassend.
Still gingen diese der Arbeit nach und als nach und nach auch die älteren Jahrgänge eingezogen wurden, da wurde überall in den Dörfern die bange Frage laut: Wer hilft uns jetzt die Ernte einbringen und das Feld bestellen zum nächstjährigen Ertrage? Doch was man nicht für möglich gehalten hätte, ist eingetreten. Nach der Entziehung so vieler starker Männerkräfte schritt die Feldarbeit fort wie in Friedenszeiten. Frauen und Mädchen im Vereine mit Greisen und Kindern unterwarfen sich mit doppeltem Eifer der Riesenarbeit von Ernte und Feldbestellung, von Haus- und Gartenwirtschaft. Verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit und nachbarliche Zuneigung ergänzten gegenseitig die Lücken. Mit gefüllten Scheunen schloß das Kriegsjahr 1914 ab und mit Zuversicht sah man nach den gelungenen Proben dem weiteren Verlauf des Krieges entgegen und wohl noch günstiger gestaltete sich das Ernteergebnis im Kriegsjahr 1915.
Wenn auch die Bauersfrau, wie geschildert, alle Hände voll zu tun hat, so vergißt sie doch nicht mit besonderer Sorgfalt für ihre tapferen Helden draußen im Schützengraben die wohlgefüllten Liebesgabenpaketchen herzurichten und mit einigen liebevollen Zeilen der Post zur Weiterbeförderung anzuvertrauen. Schinken, Hartwurst, Hausmacherwurst, Eier, Butter und andere gute Dinge sollen dem Braven draußen für alle Strapazen und Gefahreneinigermaßen entschädigen. Wie freut sich das Mutterherz, wenn ein Feldpostbrief die Antwort bringt, daß die guten Gaben mit Vergnügen in Empfang genommen worden seien und ihren Zweck erfüllt hätten und wie freut sie sich erst recht, daß der gute Junge noch heil und gesund ist. An warmen Unterkleidern für den harten Winterdienst darf es ihm nicht fehlen. Die sorgende Mutterhand findet Zeit genug dies alles herzurichten. Mit Stolz erzählen die Angehörigen von den heimberichteten Heldentaten ihrer Braven draußen und wahrlich, es sind ihrer nicht wenige, die mit Verdienstkreuzen und gar dem Eisernen Kreuze für ihr tapferes Verhalten vor dem Feind ausgezeichnet worden sind. Mit doppeltem Eifer wird von Großvater, Mutter und Schwester oder dem jüngeren Bruder die schwere Arbeit geleistet, die sonst dem Feldgrauen oblag, wenn sie von ihm hören, wie er große Strapazen, oft den Tod vor Augen, zu ertragen habe. Dieses Heldentum vor dem Feinde regt in der Heimat zum ausdauernden Ringen in wirtschaftlicher Hinsicht an. Es werden dadurch bei der Landbevölkerung schlummernde Kräfte ausgelöst und weiter gestählt, die erzieherisch wirken zur Heranreifung eines starken Geschlechts.
An vielen Zügen lässt es sich erkennen, daß die Landbevölkerung sich mit starkem Herzen in das schwere Geschick findet, das der Krieg bringt und daß sie mit vaterländischen Gefühlen alles Ungemach erträngt. Ist es nicht vaterländisch gedacht, wenn eine Mutter, deren Herz sich um ihren Sohn draußen an der Front schon weit über Jahresfrist verzehrt, sagt: „Es ist mir ganz gleich, wann er kommt, w e n n er nur wiederkommt!“ Mit welchem heroischen Gleichmut oft Frauen die Verstümmelung ihrer Männer ertragen, ist erstaunlich. Nicht als ob sie sich gleichgültig darüber hinwegsetzen würden; nein, der Gedanke, daß ihr Gatte seine gesunden Glieder für das Vaterland hingegeben hat, löst bei ihnen, neben einem schmerzlichen Gefühl, ein Gefühl des Stolzes aus. „Es wird schon wieder einen Weg zu neuem Unterhalt geben“, sind hier die Worte der Selbsttröstung. Gleich heroisch sind aber die von feindlichen Geschoßen schwer Gezeichneten selbst im Ertragen ihrer Kriegsgebrechen. So hat, um nur ein Beispiel anzuführen, ein blutjunger Landwirt mich eines Tages mit der linken Hand gegrüßt, weil der rechte Arm infolge eines Schrapnellschusses bewegungslos herabhing. Trotzdem eine Heilung ausgeschlossen ist, war er guten Mutes und meinte, stolz auf das Band des Eisernen Kreuzes zeigend: „Dies entschädigt mich reichlich für meinen toten Arm und wenn ich auch meinen Landwirtsberuf an den Nagel hängen muß, so werde ich mir schon weiter helfen“. Diese Beispiele, sie ließen sich noch vermehren, geben beredetes Zeugnis von dem guten, patriotischen Geist, der in unserer Landbevölkerung steckt und es ist  nicht zu verwundern, wenn unsere Heerführer sich wiederholt äußerten, daß mit so gearteten Truppen sich die schwierigsten Unternehmen ausführen lassen.
Wir wollen es mit den düsteren Bildern genug sein lassen und Kriegseinwirkungen auf dem Lande schildern, die eine heitere Note erkennen lassen. Wie freut man sich im Elternhause, wenn der Sohn, auf den man seiner Taten wegen stolz geworden ist, auf Urlaub heimkommt. Erhobenen Hauptes begleitet man ihn durch das Dorf in die Kirche, wo er in seiner feldgrauen Uniform alle Blicke auf sich lenkt. Gespannt lauscht man seinen Schilderungen vom Kampffelde und all den furchtbaren Dingen, die der moderne Krieg mit sich bringt. Doch auch heitere Erlebnisse werden zum Besten gegeben und nicht zum Geringsten spielt dabei die Magenfrage mit allem Drum und Dran eine Hauptrolle. Von Eltern, Geschwistern und Verwandten wohl aufgepäppelt, verläßt der Krieger nach abgelaufener Urlaubszeit wieder sein Heimatdorf und begibt sich neu gestärkt zum frischen Kampfe in den Schützengraben.
Die Kriegsgefangenen, in der Hauptsache sind es Russen, werden von den Landleuten gut gehalten. Sie empfangen ausreichende Kost, schlafen in guten Betten und werden, wenns not tut, gekleidet. Allerdings verlangt der Bauer dafür ausdauernde Betätigung in Feld und Haus. Die Verständigung geschieht durch Zeichen und Vormachen. Im Laufe der Zeit lernen sich auch beide Parteien bis zu einem gewissen Grade durch gegenseitig erlernte Worte verstehen. Das Verhältnis zwischen Familie und Kriegsgefangenen ist meist ein erfreuliches. Doch gibt es unter letzteren hie und da renitente Elemente, die sich gern von der Arbeit drücken möchten. Viele sind des Lesens und Schreibens auch in ihrer Muttersprache unkundig und bringen den bäuerlichen Anleitungen oft wenig Geschick entgegen. Andere zeigen sich, dank ihrer  besseren geistigen Entwicklung wieder anstelliger. Mancher Bauer muß oft allen Scharfsinn und alles anschauliche Geschick aufwenden um diese Leute in subtilere Teile der Arbeit einzuführen. Wieder andere reden auf die Gefangenen unermüdlich ein, um sich ihnen verständlich zu machen. Ja ich hörte sogar ein altes Bäuerchen mit überlauter schriller Stimme einem Mongolen beim Pflügen Anleitungen geben, so daß es sich anhörte als ob er den größten Rechtsdisput mit dem Gefangenen hätte. Wahrscheinlich glaubte der Lehrmeister dem Mangel an Sachverständnis durch die Tonstärke abhelfen zu können. Soviel haben die Landwirte herausgeklügelt, daß die Russen im allgemeinen brauchbarer zur Feldarbeit sind, als die feinnervigen Franzosen. Den russischen Kriegsgefangenen scheint es ganz gut, nach ihren Äußerungen zu schließen, auf dem Lande zu gefallen. Manche von ihnen wollen deutsch werden und geben das kund mit den Worten: „Nix Russi, Warschau deutsch!“ Wieder andere verwundern sich darüber, daß jeder Mann hier sein Häusschen und Gärtchen habe, während bei ihnen dies alles dem Zar gehöre. Sie wollen Frau und Kinder kommen lassen und lieber hier wohnen bleiben, als in ihrer russischen Heimat, wo alles so streng und hart sei.
Die Wahrnehmungen und Erfahrungen, weche die Tausende und Abertausende von Kriegsgefangenen in unseren deutschen Landen machen, dürften wohl nach dem Frieden und der Heimkehr derselben gute Früchte zeitigen. Sie werden gewiß die beste Abwehr aller Lügengewebe bilden, mit welcher das russische Volk von seiner Presse umnebelt wurde und werden eine Brücke zu besserem gegenseitigem Verstehen schaffen zum Nutzen und Frommen großer Völkerschaften.

Kriegschronik von Oberndorf Teil XIII.

Aus den Briefen der Kämpfer IV.

Die Kriegserlebnisse von Heinrich Wagner von Cölln wurden von ihm folgendermaßen geschildert:

Bild S. 107

Wagner mit seiner Einheit in Ruhestellung Falkenberg

Meine liebe Pfalz verließ ich mit meinem letzten Quartier in Niederhochstadt. Von Zeiskam, wo wir früh 8 Uhr eingeladen wurden, gings mit dem Zuge nach Straßburg. Daselbst Aufenthalt. Ich hatte Bahnhofswache. Nach einer Stunde wurde ich abgelöst. Jetzt erfuhr ich, daß unser Bestimmungsort noch unbestimmt sei. Endlich hieß es: „Einsteigen“. Jubel und Freude herrschte überall. Wie beruhigend muß es für die Bewohner gewesen sein, als sie die Begeisterung sahen! Und dann der Humor, den man das „Brot“ im Felde nennen kann und der sich besonders in manch treffender Aufschrift an den Eisenbahnwagen zeigte. Er läßt den deutschen Soldaten leicht die Schmerzen vergessen, die ihnen der Abschied von ihren Lieben gebracht hat. Der „D-Zug nach Paris“ ist schon im Gange und weiter fährt er ins Dunkel. Schirmeck ist erreicht und allmählich wird uns das Ziel gewisser. Langsam schleppt sich unser Dampfross mit seinen 50 Wagen vorwärts. Endlich abends 11 Uhr aussteigen und strenge Ruhe. Bourg – Brucke! Schon hören wir ganz deutlich den Geschützdonner. Jetzt rasche Einteilung und die Quartiere aufgesucht. 15 Minuten Marsch und wir sind an Häusertrümmern angelangt. Französische Artillerie hat hereingeschossen. Da heißt es jetzt sich ein Plätzchen suchen, wo man ein wenig ausruhen kann. Um 3 Uhr gehts schon wieder weiter zur Front. Endlich finden wir – 5 Kameraden und ich – ein Plätzchen im Gemeindehaus, das noch ziemlich erhalten war. Rasch machten wir uns ein Lager auf dem Fußboden zurecht und kochten draußen eine Suppe, denn seit 2 Tagen hatten wir nichts Warmes mehr bekommen. Ach, gar zu bald sind uns die 2 Stunden, die uns noch zum Schlafen übrigblieben, verflossen. Schon wird alarmiert; selbstverständlich geschieht das Antreten in größter Ruhe und ohne Licht, damit nicht etwa ein französischer Flieger von unserem Anmarsch erfährt. Um 9 Uhr stand die Kompanie marschbereit und weiter ging es auf Saales. Auf dem Wege dahin stießen wir zu unseren anderen Kompanien und nun ist auch das 1. Batallion beisammen. „Laden und sichern“! Ein für uns in dieser Lage fremdes Kommando, das wir aber schon lange ersehnten, denn wir brannten vor Begier nach dem Feinde. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man zum ersten Mal die 5 Patronen einschiebt, die dazu bestimmt sind, Menschen zu töten. Nach einer Stunde erreichten wir die noch deutsche Stadt Saales. Aber von ihr sieht man nur noch einen Haufen Trümmer. Außer der Kirche ist kein Haus unbeschädigt. Kaffees, Schulhäuser, alles durch die französische schwere Artillerie zerschossen, als sie sich, von den Deutschen verfolgt, zurückziehen mußte. Keine Fensterscheibe ist mehr zu sehen, durch den ungeheueren Luftdruck der Granaten sind sie eingedrückt worden. Noch rauchen die Trümmer! Wenige Tage zuvor waren noch 2 Feldlazarette da, welch ein Glück, daß sie verlegt worden waren! Wie wäre es unseren armen Verwundeten ergangen, denn der Franzose fragt nicht nach dem Roten Kreuz. Nach langem, anstrengendem Marsch über Berg und Tal, durch Wald und herrliche Wiesen, vorbei an Biwackstellen und Lagerplätzen, an Gräbern unserer Kameraden, erreichen wir ein kleines Gehöft. Beim Anblick des ersten Grabes durchschauerts einen. Hier ruht das junge Blut in fremder Erde, ein einfaches Kreuz aus Ästen rasch von einem Kameraden hergestellt und mit dem Helm geziert, bezeichnet die Ruhestätte. Einfach aber weihevoll! Die letzte Ehre! Die Grabhügel mehren sich, die Gegend wird wüster: Granatlöcher, Infanteriestellungen, gesprengte Überführungen. Hier wütete ein heißer Kampf. Endlich Häuser: La petit Fonc, wir sind bei unserem 4. bayerischen Reserveinfanterieregiment. Es ist früh 7 Uhr. Rasch werden wir eingeteilt. Das Regiment hatte schwere Verluste, da die Stellung der Franzosen in der gebiergigen Gegend äußerst schwer zu nehmen war. Jeder Schritt mußte fast mit dem Bajonett erkämpft werden, außerdem hielten die lieben Nachbarn jedes Jahr hier ihr Manöver ab, ganz nah an unserer „Haustüre“. Die Entfernungen kannten sie deshalb ganz genau, ein ungeheuerer Vorteil für die Artillerie, die sich dadurch das Einschießen ersparte. Unsere Kompanie, die zweite, ist in einer Scheune untergebracht. Es ist 8 Uhr früh und schon erhalten wir unsere Feuertaufe, denn die ersten französischen „Ansichtskarten“ kommen geflogen in Gestalt von Granaten und Schrapnells. Ein fürchterliches Zischen und Sausen. Die alten Kameraden rührten sich schon gar nicht mehr, stehen gar nicht auf bei den Schrapnells und merken erst auf, wenn Granaten kommen. Uns jungen Vaterlandsverteidigern ist das ein wenig komisch und wir laufen in unsere Unterstände, die am Abhange des Berges gebaut sind, der dem feindlichen Feuer entgegen liegt. Die Franzosen haben die Liebenswürdigkeit, ihre Grüße zu bestimmter Stunde des Tages uns zu schicken, das ist morgens von 7 – 8, mittags um 1 Uhr nach ihrer Mahlzeit (da scheinen sie sich am stärksten zu fühlen, denn da feuern sie nur in Salven) und dann abends bei der Dämmerung.
Am 20. August gingen wir auch nicht mehr aus unserer Scheune heraus, sondern waren frohen Mutes beim Spiel der Mundharmoniken. Gar viele in der Heimat können es sich nicht vorstellen, daß man auch lustig sein kann, wenn man dem Tode so nahe ist, aber warum nicht? Mit seinem Gott hat sich jeder auseinandergesetzt und erwartet nun ruhig sein Schicksal, das ihm bestimmt ist. So vergeht ein Tag auf den anderen. Unsere Front ist auf dem Berge, wo wir eine Verteidigungsstellung einnehmen und halten müssen. Sie ist in ungefähr einer halben Stunde erreichbar. La petit Fonc ist ein armes, kleines Dorf mit schöner katholischer Kirche. Es ist schade um das Kirchlein, das ein bisschen hoch liegt. Granaten und Schrapnells haben ihm das Dach eingerissen. Alle Heiligenbilder liegen zerfetzt am Boden und die Kanzel ist mitten in die Kirche geschleudert. Es sieht dort drinnen fürchterlich aus, dem Pfarrhaus erging es ebenso.
Nach einigen Tagen kam der Befehl: „Marschfertig machen“! Nachts um 2 Uhr geht es ab. Wohin? unbestimmt. Über Saales, Bourg – Brucke gehts zurück. Hier morgens 9 Uhr Essen fassen (wie stehts das einzige Essen am Tage), dann hofften wir, weil wir an der Bahn waren, eingeladen zu werden. Aber umsonst. „Tournister auf – Gewehr in die Hand“. Das übliche Kommando und weiter gehts über Steige, St. Martin (von uns vollständig niedergeschossen, als wir die Franzosen zurückschlugen), weiter nach Schorrweiler, wo es endlich, endlich Halt gab. Es regnete auf dem Marsche und müde waren wir schon in Saales, denn 55 Pfund wollen getragen sein. Nun kommen noch die müden Füße hinzu. Viele haben ja schlapp machen müssen, aber im großen Ganzen wurde ausgehalten auf dem Marsche von abends 11 bis am nächsten Tag abends 7 Uhr (20 Stunden). Wir hatten nur einmal Pause in Bourg – Brucke. Hier muß uns unsere Feldpost verloren haben. In Schorrweiler gab es Rasttag bis nachts 2 Uhr, dann Abmarsch auf Schlettstadt, wo wir endlich eingeladen werden. Jetzt im Zuge! Wohin weiß wieder niemand, selbst die Hauptleute nicht.
Wir fahren zurück über Straßburg und Metz, von da nach Mars la Tour. Aussteigen! Es ist Nacht. Wir müssen nach Chambley marschieren, eine halbe Stunde weit, dann Essen fassen und in die Quartiere. Ein Tag Rast. Ruhe tut uns sehr not. Wir lassen uns in einer Scheune häuslich nieder und schlafen sofort. Chambley ist ein kleines Städtchen, ganz nett, aber schmutzig, schmutzig wie das ganze Frankreich. Auf Grund eines Batallionsbefehls müssen wir überall große Reinigung vornehmen und, was sehr notwendig ist, Latrinen bauen (Aborte kennen die Franzosen garnicht, nirgends einer zu sehen). Die Rastzeit ist um, Batallion steht reisefertig. Wir maschieren weiter über Beney, La marche (2 Tage Aufenthalt), Boncourt, Banieres nach Aprimont. Überall Militär und wieder Militär, meistens Preußen. Ab Aprimont beginnt für mich das eigentliche Kriegsleben, oder besser gesagt: Zigeunerleben. Kanonendonner jetzt schon sehr gut vernehmbar. Wir marschieren weiter, endlich im Bereich der Kugeln. Wieder Zischen und Sausen, wir liegen in Reserve. Granaten und Schrapnells besuchen uns auch hier, doch die meisten gelten nicht uns, sondern unserer Artillerie, die hinter uns steht.
Es war Nacht, als wir zum 1. Mal in Reserve lagen, eine Nacht, in der von beiden Seiten ein Sturmangriff geplant war. Unsere Artillerie arbeitete schon fieberhaft; es ist 3 Uhr früh, Ziele hatte sie schon eingeschossen, der französische Angriff erfolgte erst um 6 Uhr, der unsrige war auf viertel nach 6 festgesetzt. Es war ein Glück für uns, daß die Gegner zuerst mit ihrem Sturm begannen, sonst hätte vielleicht uns das Schicksal treffen können, das die Feinde traf. Ihr sehr starker Angriff wurde mit schauerlichen Verlusten für sie zurückgeschlagen. Der Tod hatte furchtbare Ernte gehalten. Unser Angriff wurde erst um 9 Uhr 15 ausgeführt. Davon weiter unten. Wir liegen noch nach dem Abweisen des französischen Angriffs bis 8 Uhr in Reserve, beständig von Granaten und Schrapnells bedroht. Etwas schauerliches, wenn man so untätig daliegen muß, wehrlos jedem Geschoß preisgegeben. Wie froh waren wir, als endlich die Nacht vorüber war. Ein Nachtgefecht ist doppelt schrecklich. Manchmal gleicht der Kampfplatz einem Vergnügungspark, in dem eine bengalische Nacht gefeiert und das Feuerwerk das Auge ergötzt, wenn nicht das furchtbare Getöße und Dröhnen die Wirklichkeit zu grußlich vor Augen stellen würde. Endlich heißt es für die Unseren: „Zurück“! Dieses Mal geht man gerne, denn nützen können wir nichts und werden beständig bombardiert. Es geht 4 – 5 km zurück. Seitwärts in einem Buschwald wird gelagert. Nicht lange, dann gehts wieder vor in Reserve. Nur wenige Stunden, dann „zurück“! So geht es einige Tage hin und her, nur um den Gegner zu täuschen. Während dieser Tage haben wir nachts unter Büschen geschlafen oder in Strauchhütten, Zelte durften wir nicht aufschlagen, da wir jederzeit marschbereit sein mußten und uns vor den französischen Fliegern in Acht zu nehmen hatten. Auch hier, weit hinter der 1. Linie war man nicht sicher vor feindlicher Artillerie. Oft wurden uns Steinmassen zugeschleudert, von den Granaten herrührend, die hinter uns einschlagen. Tote gabs keine, aber Beulen für die Lebenden. Auch ich habe so kleine Andenken behalten, keine von Nachteil, da gibts nichts besseres, als auf den Bauch legen und Tournister auf den Rücken, dann triffts nur weniger empfindliche Teile, bei manchem vielleicht denjenigen, der es von jugend auf schon ziemlich gewohnt war. Trotz des Ungewohnten ruht man auf dem steinigen Boden ganz gut, man lacht und scherzt und vergißt, daß Krieg ist. Abends, wenn Ruhe in den Kolonnen ist, wirds feierlich, dann hält jeder Gottesdienst. Ein Flüstern geht durch die Reihen – Gebet. Es betet jeder, auch der schon über Gott gespottet, ihm gänzlich fremd wurde. Rohe Gesellen, sie kommen zur Einkehr. Es ist ergreifend, wenn man die rauhen Hände gefaltet sieht, die den Tod senden in die Reihen des Gegners, die gierig nach dem Gegner verlangen, um ihn im Kampf zu erwürgen. Dort liegt der Vater einer großen Familie. Sein struppiger Bart macht sein Gesicht hart, aber aus den Augen leuchtet die Liebe zu den Seinen daheim, um die es, gleich wie sie daheim sicher auch an ihn im Gebet gedacht haben. Die Kampfeswut, die Erbitterung ist in dieser Stunde von ihm gewichen. Hier liegt ein junger Kämpfer. Wo ist er anders mit seinen Gedanken als daheim! Bei Vater oder Mutter oder Geschwistern? Alles ist in tiefen Frieden getaucht, weit im Felde des Todes. Das ist auch eine der Freuden im Felde. Möge doch der Krieg auch davon Früchte bringen. Das tiefreligiöse Gefühl bei uns Deutschen muß bei vielen wieder geweckt werden, dann aber flutet ein Meer von Gebeten empor und das wird uns siegen helfen.
Der 10. Oktober bricht an, blutig färbt Mutter Sonne den klaren Himmel und schickt die Nacht ins Tal. Blutig! Ein Vorzeichen für den Tag. Was wird er uns  bringen? „Wir gehen vorwärts. Wir schieben ein“, so heißt es. Schon überschreiten wir unsere Artilleriestellungen. Es ist 4 Uhr früh. Alles noch dunkel. Durch engen Buschwald, Dornen und Draht. Endlich in den Laufgräben, die zu den Schützengräben führen. Jetzt langsam vorwärts und ruhig. Das geringste Geräusch und wir haben Salven von französischer Infanterie und Artillerie. Wir schreiten vorwärts. Greuel des Krieges begegnen uns. Tote Pferde, tote liebe Kameraden, verwundete Brüder – schrecklich der Anblick, schrecklich das Stöhnen, am schrecklichsten der Geruch. Endlich Kommando „Halt“! Alles hinlegen! Kugel pfeifen, Granaten und Schrapnells schlagen bei uns ein. Unsere anderen Reihen heuer lebhafter. Es tagt! Die Sonne drückt den Nebel in die Täler; es regnet, aber nicht lange. Es ist 6 Uhr, der Sturm beginnt. Feindliche Infanterie will schon herannahen, lebhaftes Schützenfeuer. Verwundete kommen schon, teilweise jämmerlich zugerichtet. Ich bin Verbindungsmann zwischen 1. Feuerlinie und Kompanie, direkt am Wagen, den die Sanitäter benutzen. Was tragen die alles zurück. Es schauert mich. Feindliches Feuer wird immer heftiger und jetzt setzen auch Maschinengewehre ein. Aber unsere Leute haben die Stellung erreicht, die die Franzosen geräumt. Jetzt Geknatter unserer Gewehre, Maschinengewehrfeuer, Artillerie spricht mit. Unser Vorstoß ist geglückt. Hurra! Unser Hauptmann kommt zurück, aber leider mit schlimmer Nachricht – Herr Major gefallen! Alles nimmt im liegen Helm ab. Schade! Unser Herr Hauptmann muß das Batallion führen. Die 2. Kompanie ist dadurch ohne Offiziere. Alles muß einschieben. 3. Kompanie weg. Jetzt kommt die Reihe an uns. Aber wir dürfen leider nicht gleich vor. Wir müssen an den rechten Flügel, eine viertel Stunde durch den Wald. Unser Hauptmann geht mit uns. Endlich bei der 7. Brigade. Jetzt wird erst bekannt, was wir zu tun haben. Stürmen, und zwar den Wald bei Aprimont. Höhe 362 von den Franzosen säubern. Gestern sind hier zwei Angriffe, für uns verlustreich, zurückgeschlagen worden und heute sollen wir die Stellung unbedingt nehmen. Um 9 Uhr 15 gehts los. Bajonette aufpflanzen. Vorläufig hinauf in die Ansturmschützengräben. Wir sind da. Unsere 1. Linie kommt zurück. Warum? Unsere Artillerie soll zuerst säubern. Schießt nun zwei Stunden lang nur Salven. Beobachtungsposten telefoniert: “ Schüsse sitzen alle gut“! 3. Kompanie fertig machen. Wieder ist strengste Ruhe. Gebet! Verschiedener Inhalt. Wie wirds gehen, denkt sich wohl mancher. Wie viele bleiben droben im Wald! Mancher von uns hat wohl noch nie in seinem Leben ein innigers Gebet zum Himmel gesandt, wohl auch nie ein inbrünstigeres Vaterunser gebetet, als in dieser Stunde, wo jeder auf sein baldiges Ende gefasst sein mußte und manchen erwischte der Tod in den nächsten Minuten.
9 Uhr 15 Kommando: „Zum Sturm“! Langsam bewegt sich die Kette vorwärts. Schwarz wie der Tod, der uns entgegenblickt, sind auch wir. Graue Mäntel haben wir keine bekommen, nur schwarze. Immer noch gehts vorwärts durch Gestrüpp und niederes Buschwerk. Der Nebel hat sich vom Tälchen heraufgezogen und es nieselt schon. Ahnungslos gehen wir in einer Waldlücke und erreichen jetzt den Kamm des Hügels, um drüben hinabzusteigen, gar nicht daran denkend, daß uns etwas geschehen könnte. Doch jetzt trifft uns gleich das furchtbar Entsetzliche, die Salven unserer Gegner! Und die Wirkung ist noch furchtbarer, als man mit Worten wiedergeben kann. Ich bin in erster Linie. Links und rechts sind sie gefallen, die lieben Kameraden. Tot – tot! Ein Vorwärts jetzt unmöglich. Wir nehmen Stellung. Wer nicht liegen kann, kniet oder steht und schießt, was nur aus den Läufen geht. Wohin? Keiner sieht ein Ziel. Ein furchtbares Geknatter. Alle Gedanken schweigen, nur der eine frist sich fest – den Gegner zu überwinden. Der Mensch ist jetzt Tier. Keiner glaubt, daß er getroffen wird und viele müssen dran glauben. Unsere Reihen lichten sich, die Verwundeten schleppen sich zurück. Doch für das Ganze gibt es kein zurück. Trotz des starken feindlichen Feuers gehts nur vorwärts. Wir sind im 1. französischen Schützengraben, wie schauts da aus. Obwohl wir kein Ziel sahen, war die Wirkung unseres Feuers entsetzlich. Die Toten lagen aufeinander, die Verwundeten stöhnten und schrieen nach Hilfe; vielen wurde sie gebracht, vielen durch das Bajonett. Es ist entsetzlich wie der Mensch im Kampfe ist. Doch es ist notwendig. Den Schuften darf man keine Gnade geben, alle soll man niedermetzeln, denn tut mans nicht, dann raffen sie sich wieder auf und schießen, trotzdem sie als Verwundete galten, von hinten auf uns. Hier wars, wo wir wieder in Stellung lagen, um den ca. 90 m entfernten feindlichen Schützengraben vor dem Stürmen noch einmal unter Feuer zu nehmen. Jetzt hatten wir ein sicheres Ziel. Da plötzlich will mein linker Arm nicht mehr. Ich kann mein Gewehr nicht zum Schießen hoch bringen, glaubte ich hänge mit dem Ärmel an etwas, bis ich Blut an ihm sah. Dann schaute ich erst nach und sah, daß ich getroffen war. Jetzt fühlte ich auch Schmerzen. Ich mußte zurück. Entsetzlich, wenn man vorwärts kommen könnte. Doch es ist nicht zu ändern. Ohne Besinnen muß ich wieder den Weg hinauf, den wir gekommen. Mitten im Kugelregen. Rechts und links pfeifen sie vorbei, meinen Mantel durchlöchernd. Doch ich mußte hinauf, hier konnte ich mir unmöglich einen Notverband anlegen. Endlich ist die Höhe erreicht und ein Schützenloch und darin ein Kamerad. Rasch den Mantel herunter, den Ärmel noch und den Arm verbinden. Blutet schrecklich, Verband fertig, was ein machen! Die Kugeln pfeifen immer noch furchtbar und schlagen in die aufgeworfenen Erdhügel vor uns ein. Vorläufig gibt es nur ein Ausharren. Endlich wird das Feuer schwächer. Ich ergreife noch das Lederzeug mit Seitengamasche und schleppe mich, mein Gewehr im Arm, langsam durch den Wald zurück auf den 100 m entfernten Notverbandsplatz. Jetzt merke ich erst, daß ich droben in dem Schützenloch, wo ich verbunden wurde, meinen Tournister liegen ließ. Doch ich kann nicht mehr zurück, das Feuer wird wieder heftiger. Ich bin unten. Da liegt ein Rothöschen, aber der Hass ist geschwunden, ich könnte ihm nichts mehr antun. 10 Minuten früher wäre es ihm schlecht ergangen. Ich gebe meine Patronen und das Ladezeug ab und behalte nur noch mein Gewehr und zwei Streifen Patronen für den Notfall. Nun geht es zurück zum Feldlazarett. Ein Franzose könnte einem doch in den Weg laufen, denn im Wald ist alles möglich, da muß man den Beruf des Pfadfinders lernen. Auf dem Weg zum Feldlazarett treffe ich bekannte Verwundete. Bald ist das Lazarett erreicht. Die Verbände werden nachgesehen, dann trollen wir weiter auf der belebten Straße, woher wir vor einigen Tagen gekommen waren. Nach 2 Stunden erreichen wir das Lazarett der Division. Dort werden wir verbunden und da es Abend ist, auf dem „Speicher“ untergebracht. Es gibt noch Tee und Kommißbrot. Hier wird alles gesammelt, um an anderen Tagen in Trupps entlassen zu werden. Die Nacht war wenig angenehm. Erstens schmerzte die Wunde sehr und zweitens das Stöhnen der Kameraden. Endlich ist es 10 Uhr früh (11. Oktober 14). Die Marschfähigen gruppieren sich und wieder gehts nach Chambley. Die Straße ist voll marschierender Abteilungen und fahrende Kolonnen bewegen sich gleich einer Schlange durch die öden Felder von dem nicht fruchtbaren Frankreich. Es ist schrecklich, wie man vom Kriege spricht. Frankreich werde nach dem Krieg so verheert sein, daß die traurigsten Verhältnisse eintreten. Aber ganz sachte! Sie sind an ihrem Elend selber schuld. Abends 7 Uhr erreichen wir Chambley. Hier werden wir eingeladen, um irgendwohin gebracht zu werden. In Metz hatten wir Aufenthalt zur Beköstigung, dann gings nach Zabern, das wir morgens 5 Uhr erreichten. Die Leichtverwundeten werden in die verschiedenen Lazarette verteilt, ich komme ins Missionshaus. Hier werden wir liebevoll aufgenommen. Kaffee gabs und, was uns fast fremd war, ein gutes Bett.
Es vergehen 2 Tage, da stellt sich heraus, daß ich operiert werden muß. Eine Kugel hat sich im Unterarm zwischen zwei Knochenfestgesetzt und wird entfernt. Da ich chloroformiert war, hatte ich keine Schmerzen. Ein hübsches Andenken aus Frankreich. Ich hatte einen Querschläger abbekommen. Die Wunde sieht schauerlich aus und ich kann froh sein, daß die Kugel nicht mehr Unheil anrichtete. Es wurde kein Knochen verletzt und ich kann die Finger bewegen, wenn auch der Arm noch schmerzt. Die Heilung geht schön vonstatten. Mit dem Eiter, der ausfließt, sind bis jetzt 6 Tuchfetzen herausgekommen. Ich werde zwar noch recht lange mit der Verwundung zu tun haben, aber gut wird es sicher wieder.

Diese Hoffnung Wagners hat sich erfüllt. Nachdem er in Zabern als geheilt entlassen worden war, kam er anfangs 1915 nach Rheinsheim zur Erholung ins Lazarett. Vom Truppenübungsplatz Munsterlager, wohin er von Niederhochstadt aus zu einem Offizierskurs abgestellt worden war, schrieb er zweimal, nämlich am 2. und 19. Mai 1915. Am 19. Juni teilte er mit, daß er in zwei Stunden wieder nach Frankreich gehe (dazwischen war er zum Vizefeldwebel befördert worden). Dort wurde er zum zweiten Male leicht verwundet und kam ins Garnisonslazarett in Augsburg, Juli 1915 meldete sich aber bald wieder zur Truppe und kam wieder an die frühere Stelle in den Vogesen. Im Dezember 1915 war er auf Urlaub zu Hause. Wie für den ersten Teil des Feldzugs, so hatte Wagner auch für den anderen eine Schilderung seiner Erlebnisse in Aussicht gestellt. Durch seinen Tod wurde diese offenbar verhindert. Aus seinen Briefen sei darum noch Folgendes nachgetragen. Von Zabern aus schrieb er:

Man kann sich eigentlich nicht wundern, daß es mit meiner Mutter so geht, war doch ihr Leiden schon alt und tief (Rückenmarks- und Gehirnleiden. Deswegen mußte sie in die Krankenanstalt Homburg gebracht werden, was dem jungen Mann großen Kummer machte). Trotzdem hatte ich immer noch Hoffnung, ihr später einmal ihren Lebensabend verschönern zu können; jetzt allerdings erlöscht auch das letzte Fünkchen, fühle ich doch, daß ich mich bald von meiner lieben Mutter trennen muß, wenigstens auf dieser Erde (Sie starb am 2. Dezember 1915). Leider habe ich mit meinem Wunsche, in ein pfälzisches Lazarett überwiesen zu werden, nicht durchdringen können. Ich bin vorgestern in ein Reservelazarett in  Bamberg überwiesen worden und werde morgen hier abreisen. Ich werde zuerst in die Pfalz fahren, zunächst nach Homburg, um meine Mutter nochmals aufzusuchen und dann auch ins Alsenztal. Ich werde mir erlauben, auch Sie aufzusuchen. Mein Arm ist wunderbar geheilt. Die 10 cm große Wunde ist in 8 Tagen gänzlich zugeheilt bis auf eine dünne Kruste. Ich werde nun in Bamberg vielleicht nochmals operiert, um die Sehne, die unglücklicherweise mit der Hand verwachsen ist, zu lösen, vielleicht gehts auch ohne dies.

Von Bamberg wurde er sofort zu einer Ersatztruppe nach Niederhochstadt und von da ins Reservelazarett zu Rheinsheim überwiesen. Hier hat er Verwendung gefunden als Schreibkraft des Stabsarztes. Der Posten sei für die Dauer des Krieges ganz angenehm, meinte er, „doch ich werde wahrscheinlich nicht hier bleiben“.

Leider machen mir meine Verwandten Vorwürfe, warum ich mich jetzt wieder freiwillig ins Feld melden würde, da ich als einziges Kind eine unglückliche Mutter so allein lassen müßte. Ich will ihrem Wunsche nachkommen und mich nun gegen meinen früheren Willen nicht freiwillig melden, sondern mich meinem Schicksal überlassen. Muß ich wieder hinaus, dann wird ausgerückt mit der gleichen Begeisterung, mit dem gleichen Mut, wie das erste Mal! Komme was kommen mag, alles Gott befohlen.
14.2.15. Ich bin immer noch in Rheinsheim. Heute kam der Stabsarzt vom Urlaub zurück, hat aber meine Entlassung nicht beantragt, sondern will mich weiterhin (allerdings unbestimmt wie lange) hier behalten. Wie er sagte entließe er mich nur ungern. Unter diesen Umständen ist es möglich, daß ich auf längere Zeit hier bleibe. Arm ziemlich in Ordnung, so ganz richtig ist es immer noch nicht. Narbe noch zu weich und Arm noch zu schwach. Wird tüchtig massiert nach warmem Bad. Ich fühle, daß es besser wird. Von meiner Mutter kann ich erfreulicherweise Gutes berichten. Sie soll gut aussehen, sehr deutlich sprechen, das Stottern soll sie fast ganz verloren haben und auch der Gedankengang ihrer Rede soll sehr logisch sein. Sie hat sich beschwert, daß ich nicht mehr schreibe. Ich habe es bis jetzt nicht getan, da sie das Lesen verlernt hatte. Jetzt schreibe ich wieder eifrig und hoffe auf ein Gesunden. Bisher hatte ich die Hoffnung aufgegeben, doch das Schicksal liegt in Gottes Hand, er wirds wohl machen.
29.2.15. Heute wurde ich als felddienstfähig mit Urlaubsempfehlung entlassen. Ich fahre am 25.02. von hier nach Niederhochstadt zu meinem Ersatzbatallion und hoffe ins Alsenztal zu kommen. In 4 – 5 Wochen glaube ich wieder im Schützengraben zu sein. Von meiner Mutter kann ich Gutes berichten. Ihr Zustand hat sich wesentlich gebessert und ich glaube das Recht zu haben, wieder ein völliges Gesunden zu erhoffen. Nach dem ich weiß, daß meine liebe Mutter in so guten Händen ist, kann ich den Schicksalsschlag leichter ertragen.
11.3. Niederhochstadt. Geht im Ganzen noch gut. Dienst ziemlich stramm, doch an alles gewöhnt man sich, Wetter abscheulich.
27.3. Meiner Mutter geht es weiter besser, war am Donnerstag dort, besuchte sie aber nicht auf Wunsch meiner Tante. Nach meinem letzten Besuch soll sie sich so sehr aufgeregt haben.
31.3. Vorerst bleibe ich hier, um bald zum Offizierskurs auf dem Übungsplatz Lüneburger Heide abgestellt zu werden. (Daselbst hielt er sich im April und Mai auf und wurde zum Vizefeldwebel und Offiziersaspirant befördert). Am Sonntag geht es wieder nach Süddeutschland, ich denke über Pfingsten daheim zu sein.
19.6. In zwei Stunden geht es wieder nach dem „lieben“ Frankreich. Übermorgen werden wir schon im Schützengraben sein, komme zum alten Regiment.
22.6. Aus Frankreich (Beney). Hier ist es ganz gemütlich beim Artilleriefeuer, wohnlich eingerichtet, Baracken mit Strohsäcken, mit Anlagen, Gartenhäusschen aus Ästen, Bänken u.s.w. Vom Kriege kann man hier auch schönes sehen. Wie Villen sind die Baracken an den Berg gebaut und fast könnte man meinen, man sei zur Erholung hier.
15.9. Im Schützengraben. Die Rothosen sind hier nicht ganz anständig. Wir haben sehr lebhaftes Artillerie- und Minenfeuer und es geht manchmal recht heiß zu, doch mit Gottes Hilfe werde ich aus dem Hexentanz wieder heraus kommen. Eben liege ich in der bombensicheren Höhle und lasse die „Lieblinge“ feste schießen, die werden schon wieder aufhören. Wir bleiben wahrscheinlich noch 3 Tage und noch länger diesmal in den Vogesen.
12.10. Morgen früh geht es wieder auf 9 Tage in den Schützengraben. Hoffentlich geht es auch diesmal wieder gut. Ich bin jetzt in einer Umgebung, die einem wieder Mensch sein lässt. Möbliertes Zimmer mit 9 Betten, Tisch, Waschtisch, Schrank, Sessel, Ofen, Spiegel usw. Alle Möbel selbst angefertigt, aber von Kaufmöbeln fast nicht zu unterscheiden. Tapeten und Bilder tragen zur Wohnlichkeit bei.  Für die schönen Herbsttage haben wir ein hübsches Gartenhäusschen auf luftiger Höhe und des Abends in tiefer Waldeinsamkeit. Im Frieden könnte man sich einen schöneren Aufenthalt nicht wünschen.
30.10. Im Allgemeinen ist es ruhig bei uns, doch manchmal gehts schon heiß zu und oft kann man es als ein Wunder betrachten, daß man lebend aus dem Hexenkessel heraus kommt. Aufpassen muß man zwar immer, aber das genügt nicht um mit heiler Haut heraus zu kommen, Gottes Schutz darf einen nie verlassen. Ich lege mein Schicksal ganz in seine Hände, er wirds wohl machen.
Der Wald, sonst findet man ja hier nichts, färbt und lichtet sich; letzteres ist ein großer Nachteil. Es fällt dadurch viel Deckung weg. Für feindliche Flieger gute Beobachtung. Da denke ich gerade an mein letztes Zusammentreffen mit Unteroffizier Limbacher (dessen Mutter eine geborene Linxweiler aus Mannweiler ist); er ist ganz in meiner Nähe (fiel später einen halben Tag nach Wagner). Einliegendes Bildchen zeigt einen Teil unseres Soldatenfriedhofs, wo so viele Kameraden unseres Regiments bestattet sind. Es ist sehenswert, wie würdevoll man sie hier zur Ruhe gebracht hat. Eine schönere Stätte hätte man ihnen auch auf dem heimatlichen Gottesacker nicht machen können. Von meiner Mutter habe ich in letzter Zeit keine Nachrichten. Die letzte Mitteilung war nicht so günstig. Doch auch in dieser Beziehung ist alles Gott befohlen.
Falkenberg bei Metz, 6.1.1916. Inzwischen hatte Wagner zur Beerdigung seiner am 2.12.15 verstorbenen Mutter Urlaub gehabt, kam aber zur Beerdigung zu spät. Unsere Division hat wieder einmal einen Umzug erleben dürfen. Als ich in Urlaub war, wußte ich nichts davon und fuhr wieder nach Frankreich hinein und marschierte dann von der letzten Bahnstation aus noch drei Stunden zu unserem früheren Waldlager. Erst dort habe ich erfahren, daß mein Regiment zurückgezogen worden sei. Wohin konnte mir niemand sagen. So füßelte ich halt wieder zurück nach Vigneulles und fuhr nach Metz. Dort erfuhr ich dann, daß ich nach Falkenberg muß, wo unser Batallion in Ortsunterkunft in Ruhe ist. Wir haben hier ganz nette Quartiere. Ich bin bei sehr netten Leuten einquartiert, obwohl man das nicht von allen Lothringern sagen kann. Dienst ist selbstverständlich, um die Manneszucht zu stärken und, wo sie fehlen sollte, wieder herzustellen. Wo wir hinkommen ist ganz ungewiß, auch der Mann. Wir müssen jeden Augenblick vorbereitet sein, obwohl es noch Wochen dauern kann. Nun mag kommen was will, wir werden auch in Zukunft unseren Mann stellen und unsere Pflicht erfüllen bis zum Äußersten.
30.1. Der Tod meiner lieben Tante in Bisterschied war für mich eine nicht minder schwere Heimsuchung als der meiner geliebten Mutter. Ich betrachtete sie schon immer als meine 2. Mutter, besonders nach dem traurigen Vorfall, durch den meine Mutter so leidend geworden ist. Auch diesen Schlag will ich in Gottvertrauen tragen und auf eine glückliche und sorgenfreie Zukunft hoffen. Die Gewissheit des Glaubens und die innere Empfindung, daß wir mit von uns körperlich geschiedenen Lieben in geistigem Verkehr stehen, lässt uns den Trennungsschmerz leichter ertragen und die Hoffnung im Glauben, daß wir uns einstens wiedersehen, macht uns stark. Daß Kamerad Ebersold auch sein Leben geopfert hat, schmerzt mich, schon seiner jungen Gattin wegen. Auch in diesem Fall sieht man, daß es ein Ausweichen vor der bestimmten Kugel nicht gibt. Der Stunde des Schicksals kann man nicht entgehen und deswegen braucht man auch keine übermäßige Vorsicht, die leicht in Feigheit auswächst.  Am Besten auf Gott vertraut, gewiß in unserer gerechten Sache und dann seine Pflicht erfüllt. So habe ich es bis jetzt gehalten und werde von diesem Grundsatz nicht abgehen (er ist ihm treu geblieben bis zum Tod).
Wie lange wir noch hier sind, weiß man immer noch nicht. Wir sind jede Stunde marschbereit. Vielleicht rollt der Zug bald. Von den verschiedenen Frontabschnitten hört man von rühriger Tätigkeit. Und ich glaube sicher, daß im Westen mit den nächsten Wochen Großes in Fluß kommt. Möge der Schlag, der uns zweifelsohne große Verluste bringen wird, zur Entscheidung führen. Neuigkeiten weiß ich fast keine mehr. Vor einigen Tagen erhielt ich das „Eiserne“!
Vor Verdun, 16.3. Von unserem Abrücken aus Ruhestellung Falkenberg haben Sie sicher schon gehört. Am 23.2. sind wir wieder nach Frankreich und ich habe mein unnützes Bummeln nun wieder mit eifrigster und zeitgemäßer Arbeit vertauscht, was mich einesteils freut, einesteils! Denn Sie können sich denken, daß es in Falkenberg menschlicher zu leben war als hier. Nun will ich in wenigen Zeilen ein bisschen erzählen. Wegen der Anfrage betreffs Fortsetzung meines Berichts glaube ich, schon mitgeteilt zu haben, daß ihm demnächst noch mehr folgt. Nur jetzt ist es mir leider nicht möglich. Vielleicht  kann ich täglich ein Stückchen schreiben. Ich werde es baldmöglichst tun. Mit Sonderzug fahren wir nach Westen in der gleichen Ungewißheit über das Wohin wie bei allen Transporten. Endlich hieß es in der Nacht:“Aussteigen“! Ich sah wieder einen Platz, den ich schon fast aus dem Gedächtnis zeichnen könnte. Aus militärischen Gründen nenne ich keine Orte! Nach siebenstündigem Marsche kamen wir in eine französische Ferme, in der die Etappe Vieh untergebracht hatte. Am anderen Tag ging es weiter, zunächst nach Süden. Ein Tag Ruhe. Am nächsten Tag auch weiteren Marsch wieder nach Norden. Schon pfeifen die Kugeln. Doch wir sind noch Reserve in 1. Linie. Verluste wenig! Angriff auch ohne unseren Einsatz geglückt. Kommen in der Nacht in das von Franzosen geräumte Dorf. Schon am frühesten Morgen: „Ohne Tritt Marsch“! in den so bekannten französischen Wald, mit seinem Urwaldcharakter. Wege, auch wenn es Knüppelwege sind, fast unpassierbar. Ob Gegner auch im Wald sind, ist unbekannt. Kaum nach einigen 100 Schritten kommt der Befehl: Vor auf Patrouille, weitere Befehle beim Regiment zu erfragen. Ich löste mich los von meiner Kompanie und ich war selbstständig. Schneidige Leute hatte ich mir ausgesucht und war gewillt, so einen kleinen Krieg für mich anzufangen, der große Radius, in dem ich mich bewegen durfte, war mir gerade recht. Der Urwald war mir weniger angenehm, aber es mußte gehen. Leider kann ich Ihnen heute all die Einzelheiten nicht mitteilen, folgen im Bericht. Heute nur soviel: ich kam nach 10 Stunden mit einer Menge Befehlen und Meldungen, die mir zum Teil von anderen Regimentern übertragen wurden, zum Regiment zurück, die natürlich wieder glaubten, ich sei abgeschossen oder abgefangen. Die Kompanie war nun am befohlenen Platz und für die Nacht Vorpostenkompanie. Auf Feldwache meldete ich mich freiwillig, da ich ja das Gelände kannte und für meine Kameraden war dies eine Erleichterung. Nach Einweisung ging ich, die Feldwache meinen Kameraden übergebend, zur Kompanie zurück. Nun hieß es für die Nacht ein Lager schaffen. Bitter kalt scheint es zu werden, nichts ist zu haben. Mantel, Decke und Zeltbahn kommt runter, ein paar Äste und Zweige als „Matratze“ auf den wässrigen Boden, damit man ein bisschen in der Luft liegt, Mantel angezogen, Zeltbahn um die Füße gewickelt, einen Baum als Deckung ausgewählt und „hingehaut“! Noch die Decke drüber, möglichst auch über den Kopf, und schon hat die Natur ihr Recht. Für heute nur soweit, ich hoffe bald mehr senden zu können. Zur Zeit bin ich wieder in einem solchen Sumpfloch, mit der Ausnahme, daß wenigstens einige Hütten da sind, aus Ästen und Lehm zusammengepappt. Dabei aber eine Mordsschießerei: Verluste verhältnismäßig gering. In der hießigen Gegend ist der Franzose 12 km zurückgeflutet, unzähliges Kriegsmaterial, Haubitzen uns überlassend. Leider habe ich wenig Zeit, muß heute besonders auf der Lauer sein. Ein andermal folgt das Versprochene.
Das Versprochene sollte nicht kommen. Am 25.3.1916 traf noch eine Karte von Wagner ein – die letzte. Kaum war diese in meinen Händen, da hatte ihn die Kugel schon getroffen. „Launisch ist das Schicksal, die Fügung und Führung Gottes oft unverständlich und zum Sorgenerfahren“, das waren seine letzten Worte, die er aus Anlaß des Todes von Karl Gödel schrieb. In fremder Erde ruht er aus von seinem kurzen und so schicksalsschweren Erdenleben. Gott gebe ihm die ewige Ruhe, er hat sie an seinen Eltern und an seinem Vaterland redlich verdient.

Kriegschronik von Oberndorf, Teil XI.

Berichte aus Briefen  der Kämpfer IV.

Ludwig Grogro aus Mannweiler, Seminarist, schrieb am 18. Mai 1918.

Der Schlag am 21. März 1918 ist tadelos geglückt. Das Ganze ein schauerlich schönes Schauspiel! Ende Februar kamen wir in die Gegend von Vervius ins Ruhequartier, um uns vorzubereiten für bevorstehende, große Ereignisse. Um die Mitte des März begann das Gigantische, der Aufmarsch. Mit einigen längeren oder kürzeren Tagesmärschen gings gen Westen. In der Nacht vom 20/21 März wurden dann die Angriffsarmeen eingesetzt und am 21. um 4 Uhr 40 vormittags setzte das deutsche Trommelfeuer der unzähligen Batterien aller Kaliber auf die englischen Linien ein.
9 Uhr 40 vormittags erfolgte der Einbruch der ersten Wellen in die feindlichen Gräben. Dabei ein Nebel, vermischt mit Pulverdampf und Gas, so dicht, daß man auf 3 – 5 m den Freund und den Feind nicht mehr erkannte. Manch eine Stimme wurde laut: „O Hindenburg, dein Ruhm ist hin!“ Doch es ging vorwärts. Als nun die Sonne durchdrang und der Nebel verschwand, erhielt das Ganze eine andere Wendung. Die englische Infanterie, so tapfer sie sich auch wehrte, dem Ansturm vorwärts- und nachdrängender deutscher Truppen konnte sie nicht Einhalt gebieten. Am Abend sind wir bereits in den letzten englischen Verteidigungslinien, lauter neuen, vollkommen unversehrten Stellungen, angelangt. In der folgenden Nacht gab der Engländer Fersengeld, um sich bis an den Crozat – Kanal bei Fessy zurückzuziehen (die früher erreichten Orte: Einsatz erfolgte bei Hancourt südöstlich St. Quentin, über Urviller, Essigny, Montescourt, Lizerolles gegen Fessy).  Am 23. III. erzwangen wir bei Nebel den Übergang über den obengenannten Kanal und bei verschwinden des Nebels auch den ziemlich hohen Eisenbahndamm Fessy – Flavy le Martel. Jetzt gab es für den Engländer kein halten mehr. Auf offenem, bereits wieder einzusehendem Gelände angekommen, suchte er, zu jedem weiteren Widerstand unfähig, sein Heil in der Flucht. Dieses Zurückfluten konnten auch die in aller Eile in den Kampf geworfenen französischen Truppen, lauter neu eingekleidete, gut gepflegte und ausgeruhte, frische Kerle, nicht hemmen. Die folgenden Tage waren nur mehr Verfolgungsmärsche über Genivry, Geizeard, Frenichos, Fretry, Beaulieu, Condor bis Canny Lassigny. Hier gings zum alten Stellungskrieg über; schwere Tage gabs zu überstehen; ununterbrochenes Regenwetter im alten Sommeschlamm. Dazu die verzweifelten Angriffe der Franzosen.
Ostern 1918 waren für mich die schwersten Tage meines Lebens. Doch brachte die Offensive auch manches Angenehme. Der Engländer mußte trotz der gewaltigen Vorbereitung unsererseits weder Ort, Tag noch Stunde des Angriffs, er wurde vollkommen überrascht. Eßwaren und Getränke gabs reichlich; Weißbrot, Fleischkonserven, Zigaretten, Reis, Schokolade, Kakao, Unterwäsche, Hühner, Karnickel (lebend), kondensierte Milch, Rauchfleisch, Honig, Tabak und Zigarettenpapier, Gummimäntel, Lederwesten, Wickelgamaschen, Uhren u.s.w., alles in Hülle und Fülle. Eine Suppe 1a bekamen wir in den ersten Tagen der Offensive dank der Umsicht eines älteren Herrn Kollegen, wie wir sie seit 1915 nicht mehr über die Zunge brachten. Ich trage als Andenken an die gelungene Offensive französische gelbe Zivilschnürstiefel und eine nagelneue englische Reithose. Der 1. Schlag der deutschen Offensive ist gelungen, der 2. gelingt auch, das sind wir sicher. Nachträglich möchte ich noch hinzufügen, daß wir unter dem Befehl des Generals von Hutier standen und der Division zugeteilt waren, von der die Zeitungen berichteten, daß sie nicht abgelöst werden wollte.

 

Aus Craiova (Rumänien) schrieb der Seminarist Ludwig Grimm von Oberndorf am 10. April 1917:

Ehe ich das Lazarett am nächsten Mittwoch verlasse, möchte ich Ihnen noch einmal, vielleicht für längere Zeit, wieder einen größeren Brief schreiben. Meine Hände und Füße (die erfroren waren) sind fast völlig geheilt und die Malaria, die ich vor ungefähr 4 Wochen erhielt, bin ich nun auch los.
Ich hatte bisher immer Glück und gehe deshalb vertrauensvoll wieder hinaus. Meine Division soll noch in Rumänien am Sarath in Stellung sein. Es freut mich sehr, daß ich das Osterfest noch im Lazarett verbringen konnte. Da das Lazarett seine Kapelle hat, konnte am 1. Feiertag Gottesdienst gehalten und das heilige Abendmahl gefeiert werden. Um das Fest etwas zur Geltung zu bringen, schmückten unsere Schwestern die Sääle mit Blumen und jeder erhielt mehrere Eier. Auch aus der Stadt brachten uns deutsche Frauen Kuchen und Eier. Wie erfreuten uns diese Gaben! Das Wetter war während der Feiertage sehr schön, wie es denn schon seit drei Wochen täglich hier so heiß ist, wie bei uns im Hochsommer. In wenigen Tagen grünte alles. Auf meinem Zimmer habe ich auch zwei Pfälzer als Kameraden, Pirmasenser. Was sagt die Zeitung eben von Krieg und Frieden?
Der Pfarrer, der uns öfter besucht, belehrt uns immer über die Ereignisse zur See und zu Lande. Rumänien wird alsbald ausgeblutet sein, was die Vorräte an Getreide, Wurst, Vieh u.s.w. anbelangt. Dies merkt man auch im Lazarett. Die Kost wird schlechter, die Portionen knapper.  Brötchen gibt es schon lange nicht mehr, an Stelle von Weißbrot ist ein Drittel Kommisbrot getreten. Schmalz und Eier geben die Rumänen nicht mehr heraus, denn dafür hat die deutsche Kommandantur sozusagen Spottpreise festgesetzt, z.B. für ein Ei 4 Pfennig, 1 kg Schmalz 2,50 Mark.

Schützengraben in Rumänien, den 15. Mai 1917.

Komme soeben vom Schanzen und möchte Ihnen nun wieder mal schreiben. Kaum einen Tag bei der Kompanie, die in Petrati, 3 Stunden hinter der Front in Ruhe lag, gings sogleich mit in Stellung am 15. IV. Am 22. IV wurden wir abgelöst und sollten 4 – 6 Wochen nach Candesti bei Foksani in Ruhe kommen. Doch auf einen 10tägigen Dienst folgte eine kurze Besichtigung und nun sitzen wir seit 5. des Monats wieder im Graben, aber in einer anderen als der vorigen Stellung. Beide Stellungen sind ziemlich ruhig und auch ganz gut ausgebaut. Täglich wird ja mehr von den Russen als von uns mit Artillerie geschossen und erst gestern hatte unsere Nachbarkompanie 8 Tote und 5 Verwundete. Aber was will das heißen gegenüber den heißen Schlachten, wie sie eben im Westen geschlagen werden. Man sagt immer: „Seid froh, daß ihr nicht im Westen seid!“
Das Wetter ist aber bei uns nicht so günstig. Am Tage ziemlich kühl und immer windig, während der Nacht aber ist es sehr kalt. Vor einigen Tagen hatten wir einen wolkenbruchartigen Gewitterregen, so daß wir im Unterstand bald ersoffen. Am Abend wateten wir im Laufgraben bis an die Kniee im Wasser. Auch bei uns Soldaten ist die Kost schlecht und trotzdem sollen wir noch Schweres und Hartes oft leisten. Ein Drittel Brot der Mann, dünne Suppe und Tee, das ist unser Tagestrost. Schon seit Wochen erhielt die Kompanie Urlaub, die erste Woche fahren zwei, die andere drei Mann. Landwirte und andere dringende Gesuche wurden berücksichtigt. Nun liegen zur Zeit 100 Gesuche auf der Schreibstube. Trotzdem denke ich, daß ich, sollte das Regiment unterdessen nicht nach Frankreich kommen, in etwa 4 – 5 Wochen fahren kann. Daß ich mich darauf schon freue, können Sie sich denken.

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Kriegschronik von Oberndorf Teil XII.

Berichte aus Briefen der Kämpfer III.

Von Gustav Müller vom Bremricherhof, der bei Ausbruch des Krieges Soldat beim bayerischen Infanterieleibregiment war, bei dem auch sein Vater gedient hatte, trafen folgende Nachrichten ein:

Peronne, 28. X. 1914
Da ich eben etwas Zeit habe, will ich kurz unsere Erlebnisse schildern. Am 7. August wurden wir auf Station Saarburg ausgeladen. Wir rückten dann von hier in Märschen von 10 – 15 km täglich vor. Es ging hier leicht, weil wir geringen feindlichen Widerstand fanden. So ging es vor bis Badon-Villers, wo wir die erste große Schlacht hatten. Daran beteiligt war fast nur das Leibregiment. Wir hatten auch schon Verluste. Hier fiel auch Richard Wasem (vom Morsbacherhof). Trotz unseres glänzenden Sieges durften wir nicht weiter vorrücken. Auf feindlicher Seite standen 3 Armeekorps und wir waren nur die 1. Division. Wir wurden daher gefechtsmäßig zurückgezogen bis wieder nach Saarburg. Dort waren inzwischen 2 Armeekorps ausgeladen und wir konnten wieder vorwärts. Wir kamen mit vielen Gefechten vor bis Baccaret. Dazwischen waren wir 4 – 5 mal 2 – 3 Tage in Schützengräben. Hier kam der Befehl, das 1. Armeekorps solle zurück. Es kamen andereTruppen an unsere Stelle. Wir marschierten zurück und wurden auf Station Leiningen in Lothringen verladen. Nun gings über Metz, Diedenhofen, Luxemburg, Arlon bis Sinry. Von hier rückten wir in Tagesmärschen von 40 – 45 km durch Belgien und Nordfrankreich bis in die große Schlachtlinie vor. In 2 Gefechten kamen wir bis ungefähr 18 – 20 km vor Peronne. Seit dem 25. September liegen wir in Schützengräben und was das heißt, können sich die zu Hause garnicht vorstellen.
Man bekommt hier in der vordersten Linie nur nachts zu essen, muß in Regen und Wind heraußen liegen, hat den ganzen Tag Artilleriefeuer, kann sich tagelang nicht waschen und hat noch viele andere Freuden. Am 28. werden wir vom 21. Armeekorps abgelöst und marschierten hierher, wo wir einige Tage Ruhe haben. Wohin es geht weiß Gott.

Warenton, den 30. November 1914.
Der Krieg läutert und bessert unser Gemüt, welches bisher an interstaatlichen und religiösen Einrichtungen und Gebräuchen nörgelte. Wir stehen eben, vielleicht für längere Zeit hier im Zentrum unserer Schlachtfront. Unsere Gegner versuchten schon mehrmals unsere Reihen zu durchbrechen, wurden aber mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Sie sollen nur kommen, sie spüren schon den eisernen Druck unserer vorgeschobenen Flügel. Es hilft ihnen alles nichts. Schon mancher Tapfere tränkte mit seinem Herzblut unser Schlachtfeld und mancher wird noch folgen, aber aus dieser kostbaren Saat wird unser Vaterland erstehen.

Der unter Nr. 1 des Verzeichnisses der Kriegsteilnehmer aus Oberndorf erwähnte Gefreite Peter Wenz stellte mir sein Kriegstagebuch zur Verfügung, das seine Erlebnisse bis zu seiner Verwundung schildert. Daraus sei das Folgende mitgeteilt:

Die Zeit vom 1. Mobilmachungstag – 2. August – an bis zum Tage des Ausmarsches wurde von den Vorbereitungen zur feldmarschmäßigen Ausrüstung in Anspruch genommen. Abends 7 Uhr am 6. August erfolgte der Abschied des Regiments von seinem bisherigen Standort Landau und ein Umzug durch die Stadt, deren Bevölkerung ihm freudig zujubelte.
Am 7. August, 1 Uhr mittags wurde das Regiment am Hauptbahnhof zum Ausmarsch verladen. Die Fahrt ging durch die Südpfalz in Richtung Metz, wobei in Zweibrücken und Benningen Rast gemacht wurde. In Falkenberg kam man 12 Uhr nachts an, wo ich in einer Scheune übernachtete. Am nächsten Morgen wurde der Marsch nach Weiler angetreten. Der Vormittag des 9. August wurde mit Exerzieren ausgefüllt. Nachts 12 Uhr marschierte das Regiment auf Amelecourt, wo wir nach großer Anstrengung erst mittags 4 Uhr unser Mittagessen bekamen. Alsdann mußte ich sofort auf Vorposten und vernahm da den ersten Geschützkampf. Die Nacht brachten wir auf dem Felde zu. Mit drei Mann kam ich am 11. August auf Wache an der Straße und wurde abends spät um 17  Uhr abgelöst. In Labecourt, wohin wir alsdann marschierten, hatte ich ein gutes Nachtlager. Von da zogen wir am folgenden Tag auf Scherbecourt, nahmen hinter der vor dem Dorfe sich hinziehenden Bahn Aufstellung und bauten die Schützengräben aus. Da die Hitze sehr groß war, suchten wir mittags in einer Scheune des Ortes Unterkunft. Hier fanden wir zum Waschen Gelegenheit. Nach einem sehr beschwehrlichen Aufstieg erreichten wir am Abend Eichhof und übernachteten hier unter Zelten. Unser Aufenthalt daselbst dauerte bis zum Mittag des nächsten Tages. Der 1. und 2. Zug ging als Reserve des 2. Batallions vor und wir erfahren die Nachricht von dem Tod des Hauptmanns Jägerhuber und eines Unteroffiziers Brand. Abends werden wir wieder nach Eichhof zurückgenommen und bilden hier die Reserve des 3. Batallions und die Bedeckung des Regimentstabes. Zur Ablösung der 7. Kompanie gingen wir am 14. August vor. Mit dem Hauptmann ging ich die Stellung ab. Alsdann bezogen wir Schützengräben und nahmen die Beerdigung der Gefallenen der 7. Kompanie vor. Der Nachmittag des 14. und der Vormittag des 15. August wurde mit dem Ausbau der Schützengräben zugebracht, als dann Patrouille gegen den Feind. Um halb 5 Uhr morgens erfolgte der Befehl zum Abrücken. Der Marsch ging rückwärts nach Berg, weil die ganze Stellung aufgegeben wurde. Bei dem Hofe in der Nähe von Berg bezogen wir mittags 5 Uhr Biwack unter Zelten. In der Nacht stellte sich Regen ein, der den ganzen 17. August anhielt. Nur zum Essen kamen wir aus den Zelten. Am Abend bezogen wir auf dem Hofe Quartier, wo ich ein gutes Lager fand.
Um 9 Uhr des 18. August gingen wir zur Bedeckung des Divisionsstabes bei Mörchingen ab. Bei Rockingen nahm das Batallion Bereitschaftsstellung ein, um dann abends in die Kaserne zu Mörchingen einzuziehen. Hier war das Lager nicht nur schlecht, sondern auch von Wanzen belebt. Am folgenden Tage wieder Bereitschaftsstellung bei Rockingen. Von morgens 4 Uhr ab bis spät abends hatte das 5. Infanterieregiment vor uns ein Gefecht zu bestehen. Heftige Kanonade! Die Nacht, die sehr kalt war, brachten wir bis um 9 Uhr im Schützengraben zu und schliefen dann bis um 5 Uhr auf dem Boden. Alsdann erfolgte der Abmarsch zum alten Lagerplatz. Zunächst wurde gegessen und dann in die Stellung des 2. Batallions abgerückt. Von 7 – 11 Uhr des 20. August dienten wir als Unterstützung hinter der Mitte. Die Schlacht war jetzt im Gange. Die ersten Granaten und Schrapnelle kamen geflogen. Ausgeschwärmt gingen wir vor, um uns hinter Mörchingen zu sammeln. Der Anblick des Schlachtfeldes, der sich uns hier darbot, war ein schrecklicher. Beim Überschreiten der ersten Anhöhe wurde ich von einem Schrapnell durchs Bein getroffen. Ich schleppte mich, so gut es ging, bis ich bewußtlos liegen blieb. Beim Wiedererwachen befand ich mich im Lazarett zu Mörchingen, wo ich verbunden wurde, nach dem ich bis 9 Uhr nachts auf dem Boden gelegen hatte. In Mörchingen blieb ich bis zum 22. August, wo ich um 8 Uhr mittelst Auto ins Lazarett nach Zweibrücken fuhr. Am 24. August besuchte mich hier meine Mutter. Als ich soweit hergestellt war, daß ich einigermaßen gehen konnte, kam ich in das Reservelazarett nach Rockenhausen. Am 28. Oktober trat ich wieder bei meinem Regiment in Landau ein und zwar bei der ersten Ersatzkompanie. Vom 18. Dezember an ging ich zum zweiten mal ins Feld und kam zur Armeegruppe Falkenhausen, die in den Vogesen stand.

Aus den Briefen des Unteroffiziers Ludwig Zepp von Oberndorf ist Folgendes zu entnehmen:

Riningen, 15. Oktober 1914.
Bei unserer Feuertaufe hatten wir Glück: Da hagelte es nur so Granaten und Schrapnells, aber wir kamen durch und verloren niemand. Ungünstiger war in der vorigen Woche ein Vorpostengefecht. Da hatten wir leider 3 Tote und 2 Verwundete. Aber deshalb lassen wir den Mut nicht sinken, denn solches kommt vor. Es geht ja fürs geliebte Vaterland.
Deutsch-Avricourt, 20. Oktober 1914.
Diese Woche hatten wir ein Gefecht. Schloß Chatillion haben wir gestürmt, den Besitzer, weil er einen Mann von uns mit dem Jagdgewehr erschossen hat, niedergestochen. Wir verloren einige Leute, ungefähr 10 Mann, die Franzosen 3-400 Tote und Verwundete. Feige Gesellen sind sie. Wir waren 4 Tage fort, heute kehrten wir wieder gesund zurück. Die Franzosen wollten zwischen Cyre und Varl, 3 Stunden von hier, durchbrechen, jetzt sind sie wieder verschwunden.
Ich glaube, die Oberndorfer Gemeinde wird auch ihrer tapferen Vaterlandsverteidigern gedenken und sie mit einer kleinen Liebesgabe an Weihnachten erfreuen. Man weiß zu Hause gar nicht, wie wohl und zufrieden man ist, wenn man aus der Heimat etwas erhält.
4. Dezember 1914.
Bei Patrouillengängen stoßen wir öfter mit den Franzosen zusammen. Heute vor 8 Tagen haben sie auf mich und 8 Mann, die mit auf Parouille waren, mindestens 100 Schuß gemacht. Es pfiffen die Kugeln nur so um die Ohren. Getroffen haben sie niemand. Die Luder lagen im Walde versteckt und schossen auf über 1000 m Entfernung.
12. Dezember 1914.
Eines macht uns zu schaffen: das regnerische Wetter. Da bleibt man bald im Schmutz stecken. Es ist nur gut, daß wir nicht soviel zu laufen haben, hier als Grenzschutz; aber eine böse Arbeit ist es Schützengräben anzulegen. Wir graben uns hier fest ein. Das sollten Sie mal sehen, was für eine gute Stellung wir haben. Sollten die Franzosen hier einen Durchbruch versuchen, so ginge es ihnen schlecht. Gerade in der letzten Zeit versuchten sie hier durchzubrechen, wurden aber immer wieder mit großen Verlusten zurückgeworfen. Wir haben in unserer Kompanie 2 französische Dragoner gefangen. Dabei haben sie den ganzen Tag mit Artillerie und Infanterie unseren Vorposten beschossen, ohne jemand zu treffen.
19. Dezember 1914.
Heute früh vom Vorpostendienst zurück. Jetzt 2 Tage Ruhe. Wir sind immer 6 Tage von hier weg. 2 Tage Bereitschaft, 2 Tage Reserve und dann 2 Tage Ruhe. Als wir heute morgen zurückkehrten, da hörten wir die großen Siegesnachrichten. Das Strafgericht Gottes ist plötzlich über unsere Gegner gekommen. Wohl ein feierliches Gefühl für einen jeden von uns, nach einem halben Jahr die Glocken einmal wieder zu hören nach der großen Entscheidung!
23. Dezember 1914.
Heute brannten wir unser kleines Christbäumchen an. Morgen am heiligen Abend auf Vorposten vorm Feind. Unsere Feier am 2. Weihnachtstage in Deutsch-Avricourt, 2 Tage Ruhe, wenn uns die Franzosen in Ruhe lassen. Herzlichen Dank für die Liebesgaben. Die Freude, wenn man von daheim etwas bekommt, ist größer als man daheim glaubt. Kritik an dem Beschluß´der Gemeinde Oberndorf ihren tapferen Kriegern, die draußen vor dem Feind stehen und für ihr Vaterland und ihre Lieben Gut und Blut einsetzen, zu üben, möchte ich mich enthalten (siehe oben). Es ist ja nicht wegen der kleinen Gaben, die jeder bekäme, es würde aber jedem eine große Freude gewesen sein, die die Oberndorfer Gemeinde ihren Söhnen bereitet hätte.
Zepp wurde beim 4. bayerischen Landwehrinfanterieregiment zum Segeanten befördert. Anfang 1915 wurde das Regiment nach Fonleray, eine dreiviertel Stunde von Deutsch-Avricourt verlegt, nach dem es 23. Wochen Dienst im Schützengraben gemacht hatte, und war gut untergebracht.
10. März 1915.
Der Kraftverkehr war 14 Tage gesperrt. Wir kamen aus der Ruhe 14 Tage fort und haben unterdessen Schweres durchgemacht, den Franzosen Gelände abgenommen und sind, Gott sei Dank, wohlbehalten wieder hier, wo wir zum Grenzschutz den alten Platz wieder einnahmen. Nun haben wir den Krieg auch von der bösen Seite kennen gelernt und erfahren, was unsere Kameraden im Norden und Osten auszuhalten haben. Aber unsere Pflicht haben wir erfüllt als Soldaten und volle Anerkennung bei den Vorgesetzten gefunden.
25. März 1915.
Jetzt haben wir nach 8 anstrengenden Tagen Vorpostendienst auf einige Tage wieder ein gutes Bett. Es ist ein Elend mit dem Regenwetter. Auch die Operationen sind dadurch erschwert und ziehen sich in die Länge.
3. April 1915.
Die Franzosen vor uns zeigen große Rührigkeit, besonders mit ihrer Artillerie. Beschossen heute früh ein Dorf vor unserer Front, in dem an 900 französische Einwohner sind und wir eine Feldwache haben. Einige Einwohner wurden schon getötet. Unsere Stellungen greifen sie nicht an, denn sie würden sich verbluten.
8. Mai 1915.
Welche große Freude wird bei Ihne daheim der große Sieg im Osten gebracht haben, der, wie wir bestimmt hoffen, den heiß ersehnten Frieden bringen wird!
10. Mai 1915.
Wenn Italien nicht dazwischen spielt, wird, wir hoffen es alle, das Ende nicht mehr fern sein.
19. Mai 1915, Köln am Rhein.
Bin hierher versetzt zu den Pionieren. Es kann jeden Tag weggehen nach Rußland, Frankreich oder gar Italien. Ist egal. Wir sind bereit: Hiebe bekommen sie alle.
30. Mai, Belgien.
Wir sind seit gestern Abend auf der Fahrt nach hier. Fahren heute Abend zurück und kommen morgen Nachmittag an unseren Bestimmungsort. Tod-müde!
6. Juni 1915, Frankreich.
Von Belgien nach Frankreich zurück. Hier sieht es böse aus. Es gibt nichts mehr zu kaufen, da alle Orte ringsum voll Truppen liegen. Wir wohnen auf freier Strecke in einem Eisenbahnwagen. Sehr heißes Wetter, sehnen uns nach Regen. Bis zum Frieden wird es noch weit sein. Wir sind ungefähr 10 – 15 km hinter der Front.
18. Juli 1915, Challerange.
Hier ist seit einigen Tagen stürmisches Wetter mit Regen. Die Heuernte, sonst gibt es hier nichts, ist durch das Militär eingebracht. Wir sind gleich hinter den Argonnen und da ist meistens schon Wald. Eine baldige Beendigung des großen Kampfes ist nicht festzustellen. Unsere Armee, zu der wir gehören, die Kronprinzenarmee, hat in den letzten Tagen schöne Erfolge gehabt: 7000 Gefangene, ca. 10 Geschütze. Unsere Gase, mit denen wir schon so oft erfolgreich angegriffen haben, spielen eben wieder eine große Rolle.
24. Juli 1915.
Wir glauben und erwarten, daß in den nächsten Tagen die große Entscheidung fällt und wir dem siegreichen Ende des Krieges nahe gerückt sind. Hoffentlich dürfen wir dieses Jahr als Sieger heimkehren.
31. Juli 1915.
Wir sind nun nach 4 Tagen und 4 Nächten Fahrt ganz oben in Ostpreußen angekommen, in einigen Minuten fahren wir über die russische Grenze. In einer Stunde erreichen wir Kolno.
21. August 1915.
Nach den großen Siegen hier im Osten kann man von einem baldigen Frieden sprechen und vom Wiedersehen in der Heimat. Wir sind glücklich aus dem Osten zurückgekehrt und haben den alten Platz bezogen in Nordfrankreich. Wir sehnen uns nach Frieden. Die Lage ist günstig und unsere Gegner sind auch kriegsmüde.
18. September 1915, Novion-Porzien.
In den Operationen bzw. Fortschritten auf den Kriegsschauplätzen ist eine gewisse Ruhepause eingetreten. Nur glaube ich, daß es am baldigen und endgültigen Sieg nichts ändert. Hier steht ein großes Unternehmen bevor und ich glaube, die nächsten Wochen werden hierzu Gewißheit bringen. Wir liegen mit dem 36. Pionierregiment, welches die ganze Kriegszeit schon im Osten mit den selben Mitteln kämpfte wie wir im Westen, vor Reims (Die Andeutung von dem großen UNternehmen verwirklichte sich in den großen Herbstoffensiven 1915). Wir vertrauen auf Gott und hoffen, daß er uns wie bisher zu neuen und sicheren Siegen verhelfen wird. Bei uns werden große Vorbereitungen getroffen und fest gearbeitet. Wir alle klagen nicht und wenn auch Tag und Nacht gearbeitet wird, so sehnen wir uns alle nach einem recht baldigen und siegreichen Ende. Ein jeder hat genug und auf allen Gesichtern kann man sehen, daß keine echte Lust mehr vorhanden ist zum weiteren Fortführen des schrecklichen Mordens.
24. September 1915.
Die große Offensive der Franzosen und Engländer ist wieder in die Brüche gegangen. Überall mit großen Verlusten zurückgeschlagen, dabei 10 000 Mann Gefangene gemacht. Aber sie haben auch Erfolge erzielt. Außer viel Material haben sie auch einige Geländegewinne gehabt und zwar vor uns, zwischen Argonnen und Reims. Sie drangen nach fast 70stündiger Artillerievorbereitung in einer Frontbreite von 25 km in unsere Hauptstellung ein. Ich glaube, nach Aussagen von Kameraden und französischen Berichten haben sie von uns ebensoviele gefangen. Gescheitert ist der Durchbruch auf der ganzen Linie. Es war ein schrecklicher Kanonendonner drei Tage lang. Die Erde bebte sogar bei uns, liegen wir doch auf der Ringbahn, auf die sie es abgesehen haben. Jetzt haben wir ungeheuere Truppenmassen vom Osten bekommen, schon 8 Tage und Nächte ein Zug hinter dem anderen und ich glaube, es steht etwas Großes bevor. Man hört, Mackensen ist da, seine Truppen seien es, die ankommen (stimmte nicht!).
13. November 1915, Montigny.
Wir haben hier sehr viele Kartoffeln geerntet und besonders viel Obst. Von letzterem sandte ich meiner Frau bei einem Transport nach Ludwigshafen 1 Ztr. Äpfel. Sie freute sich riesig. Wir wurden vor 8 Tagen aus Reims weggenommen und stehen vor Verdun. Am ersteren Orte brachten wir drei Wochen zu; gleich rechts der Durchbruchsstelle der großen Offensive brachten wir den Franzosen furchtbare Verluste bei, nach Schweizer Blättern 17 000 Tote und Verwundete. Hier kommt es gerade so. Es bleibt ein Stellungskampf. Erfreulich ist, das bei den Kampfmittel, die wir verwenden, wir fast keine Verluste haben. Wir arbeiten öfter Tag und Nacht und nun steht wieder etwas bevor in den nächsten Tagen.

 

 

Kriegschronik von Oberndorf Teil X

Mitteilungen aus Briefen der Kämpfer II.

Von Oswald Linxweiler. Oswald Linxweiler hatte vor dem Krieg bei der Matrosenartillerie in Friedrichsort bei Kiel gedient, wurde als Bootskanonenführer während des Feldzugs zum Leutnant befördert, stand an der flandrischen Küste bei Lombardzydje, machte dann die Kämpfe an der Somme mit, wobei er am rechten Oberarm verwundet wurde. An Auszeichnungen erhielt er das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse und den bayerischen Militärverdienstorden IV. Klasse.
Hier sein Feldbrief aus Belgien:

3. November 1914

Endlich, endlich, nachdem ich drei Wochen lang vergeblich gewartet, hat sich jetzt wieder die „Alsenzer Zeitung“ eingestellt. Sie erscheint zwar noch nicht regelmäßig – heute erhielt ich z.B. die Nummern vom 1. und 28. Oktober zusammen – aber was machts: Neues aus der Heimat bringt sie und man erfährt, wie es lieben Freunden geht, die auch hinausgezogen.
Fünf Wochen bald ist`s her, daß ich meine Feuertaufe erhielt. Es war vor M…. Ich hielt mit meiner Batterie auf der Straße, vor und hinter uns Truppen. Langsam schiebt sich der Zug vorwärts. Seitlich ganz in der Nähe sendet eine schwere Batterie ihre ehernen Grüße aus. Drüben aber ist es noch ziemlich stille. Nur dann und wann ein dumpfes Dröhnen aus der Ferne. Es geht weiter. Man munkelt, daß unsere Truppen schon in der Stadt sind. Das wäre was, nicht bei den ersten sein zu dürfen! Die Häuserreihe an der Straße hört auf; vor uns liegt der Kanal – und dahinter – Hurra! M… Schnell hinüber! Aber der Feind versucht, es uns schwer zu machen. Unaufhörlich schickt er seine Granaten herüber. Links und rechts der Brücken schlagen sie ein, hohe Wassersäulen hochtreibend. Darüber platzt Schrapnell auf Schrapnell, die Kugeln sausen pfeifend gegen die Häuser. Die erste Brücke ist gesprengt. Auf dem diesseitigen Pfeiler hält unser Divisionsstab, auf dem anderen schlägt krachend eine Granate ein. Wir sehens im Vorbeieilen – und haben unsere Kriegserfahrung gemacht: nicht jede Kugel trifft. Einzeln muß die Infanterie über die Brücken hinweg – wir mit unseren Geschützen nach. Wir sind drüben; es ist gut gegangen. Viele folgen nicht mehr, denn mörderischer wird das feindliche Feuer. Kaum eine Sekunde lang setzt es aus – und immer auf die Brücken. Sie schießen gut, die Belgier, wissen sie doch jede Entfernung hier genau. Krachend stürzt ein Brückengeländer in das Wasser.
Möglichst in Deckung fahren wir eine Häuserreihe entlang, an einer Kompanie Marine-Infanterie vorbei. Aus einer Gruppe heraus werde ich beim Namen gerufen. Es ist ein Alsenzer, der mich erkannt: Wendling. Ein kurzer Händedruck – es geht weiter; doch bald heist es: Halten! Die Stadt ist derart unter Feuer, daß keine Artillerie hinein kann. Ich erhalte Befehl, in Deckung zu gehen. Wir schlagen die Türen der nächsten Häuser ein und machen es uns darin gemütlich. Ja, gemütlich, denn die Schießerei stört uns schon garnicht mehr. Daran gewöhnt man sich furchtbar schnell. Wir freuen uns, wenn die Schrapnellkugeln auf dem Pflaster herumflitzen oder zischend ins Wasser sausen. Noch mehr Spaß machen die Stoßböden der Schrapnells, Eisenscheiben, die meistens ganz bleiben, und dann sekundenlang mit schnurrendem Geräusch auf der Straße „drillern“ wie die „pälzer Buwe“ sagen würden.
Neben uns hält ein Maschinengewehrzug, Er muß abwarten wie wir. Sein Führer, ein Oberleutnant, beobachtet eine Kirche auf der anderen Seite des Kanals und entdeckt, daß zwei Drähte auf deren Turm führen. Sollte der Feind da noch einen Posten haben? Gute Beobachtung hat er auf alle Fälle; denn sobald sich eine Gruppe auf der Straße blicken läßt, schickt er ihr ein paar Schrapnells herüber, ja auf einzelne, die die Brücke überspringen, setzt er seine Artilleriegeschosse. Sollte ihm alles von da droben gemeldet werden? Möglich ist es schon; denn von dem Turm aus muß sich der Kanal gut übersehen lassen. Na, dem Burschen wollen wir das Handwerk legen! Ich bitte den Oberleutnant, hinüber gehen zu dürfen. Gerne gestattet er mir es. Ich nehme mir einige meiner Leute, ein Maschinengewehrschütze läßt sich auch nicht zurückhalten, und im Laufschritt geht es hinüber über die Brücke. Hinter uns spritzen „unsere“ Schrapnellkugeln auf das Pflaster – zu spät, um uns schaden zu können. Die Kirchentür ist offen; ein Posten bleibt zurück, Pistole oder Gewehr im Anschlag stürzen wir die Turmtreppe hinauf. Ich öffne eine Tür – ein leerer Raum, d.h. was wir suchten, fanden wir nicht. Die Kerle waren rechtzeitig ausgerückt; zurückgelassen hatten sie alles: Mäntel und Mützen, Vorratstaschen und Proviant. Auf einem Tische standen halbgeleerte Tassen mit Kaffee, daneben lag noch das Brot – eine gestörte Mahlzeit. Wir durchsuchten die ganze Kirche bis zur Turmspitze – vergebens. Pfeifend sausen die Kugeln um den Turm oder schlagen prasselnd gegen die Böden. Die Telefonleitung wird zerstört – die Apparate waren schon abgehängt. Ich sammle meine Leute. Nun wieder zurück! Ich springe vor auf die Brücke; wie ich sie betrete, schlägt rechts, nur wenige Meter von mir, eine Granate ins Wasser. Ich kriege einen tüchtigen Spritzer ab – und bin zufrieden damit. Wäre sie auf festen Boden gefallen, so wären mir Granatsplitter und Steine um die Ohren gesaust, denen ich kaum entgangen wäre. Im gleichen Moment platzt links neben mir ein Schrapnell. Meine Leute stutzen. Ich bin drüben und winke ihnen. Einzeln überspringen sie die Brücke – und unversehrt kommen sie alle an. Nun mögen sie weiter bollern.
Als ich zu den Maschinengewehren kam, war die erste Frage: „Warum habt ihr denn geschossen?“ Als wir verneinen, wird uns allgemein versichert, daß bei der Kirche deutlich Gewehrfeuer zu hören war. Des Rätsels Lösung fiel nicht schwer. Die Burschen hatten, als sie sahen, daß man ihnen auf den Leib rückte – sie konnten vom Turm aus genau beobachten, was bei uns vorging – schleunigst Reißaus genommen, hatten sich in ein Haus neben der Kirche geflüchtet und von da aus den Turm beschossen. Die Kugeln, die wir pfeifen gehört und die wir für Schrapnellkugeln gehalten, hatten uns wohl die von uns Vertriebenen gesandt. Am nächsten Tage begegneten uns dieselben vielleicht als brave Bürger mit der rührenden Bitte: nit dodschießen in den Straßen von M…
Während unserer kleinen Streitfahrt, von der uns das Kriegsglück alle unversehrt zurückkehren ließ, hatte meine Batterie unter den Zurückgebliebenen den ersten Verwundeten bekommen. Einer meiner Geschützführer hatte mit dem Doppelglas den Kirchturm beobachtet und war dabei einige Schritte aus dem Hause getreten. Ein Sprengstück schlug ihm eine tiefe Wunde in die rechte Hand und einen Teil des Glases glatt weg, ohne ihn glücklicher Weise im Gesicht im geringsten zu verletzen.
Kaum waren wir angekommen, als von der Brücke, die wir übersprungen hatten, ein Hilferuf herüber drang. Ich sah, daß er von einem Verwundeten herkam und schickte meinen Sanitätsmaaten mit einigen Leuten und einer Tragbahre nach der Brücke; während ich Vorbereitungen für die Unterbringung traf, ruft es von neuem nach Hilfe. Einige meiner Matrosen springen zu der Stelle, ich folge nach – und sehe ein grausiges Bild. In einem Hause, gleich bei der Brücke – Blutbahnen zeigten mir den Weg – liegen stöhnend 5 brave Soldaten, darunter 3 meiner Jungen. Ein Motorradfahrer war es, der uns gerufen hatte. Eine Schrapnellkugel hatte ihn, als er über die Brücke fuhr, am linken Beine verletzt und freudig hatte er die begrüßt, die ihn von der gefährdeten Stelle wegbringen wollten. Da, gerade als sie ihn auf die Tragbahre legten, platzte ein Schrapnell über der Gruppe. Eine Kugel verletzte ihn zum 2. Male am linken Bein, ein Splitter zerschmetterte ihm das rechte. Zwei weitere Leute hatten leichtere Verletzungen davongetragen; der Sanitätsmaat war schwer verwundet. Er ließ sich nicht verbinden. „Mit mir ist es aus!“ Er hat recht behalten. Lange schon deckt ihn Feindeserde. Dem braven Maschinengewehrschützen, der noch vor wenigen Minuten bei der Untersuchung der Kirche immer tapfer vorausgegangen war, hatte eine Kugel die Lunge durchschlagen. Stöhnend rief er immer wieder aus: „Ich wollte doch noch mithelfen!“ Braver Mann! Du wirst es nicht mehr können! Ob er noch lebt? Ich weiß es nicht.
Ich kniee bei dem Motorradfahrer; ich halte eine kalte, blutige Hand, sehe in trübe, wehmütige Augen. Da leuchten sie auf; „Kamerad es ist fürs Vaterland!“ Wie schwer wiegen die paar Worte in solchen Augenblicken! Ich werde sie nie vergessen. Er nennt mir seinen Namen: Freiherr von Hünefeld. Welche Freude war es für mich, vor einigen Tagen im Hamburger Fremdenblatt von ihm zu lesen, daß es ihm gutgeht. Da erfuhr ich auch näheres über ihn. Er ist bekannter Dramaturg und war als freiwilliger Motorradfahrer in den Krieg gezogen. Er war einer schweren Batterie zugeteilt, die an jenem Tage vor M… in Stellung gegangen war. Da man nicht wußte, ob die Stadt noch zu beschießen, oder schon ganz vom Feinde geräumt sei, hatte er sich freiwillig gemeldet, trotz des mörderischen Feuers, in die Stadt zu fahren und hierüber Meldung zu bringen. Auf dem Rückwege hatte ihn die feindliche Kugel niedergeworfen. Einer meiner Leute brachte seine Meldung zur Batterie. Für die brave Fahrt hatte Hünefeld das Eiserne Kreuz erhalten. Wie gönne ich es ihm! Er hat es verdient!
Ein paar Stunden im Feuer! Was hatten sie uns nicht schon alles erleben lassen! Was sollte noch folgen bis zu dem Augenblick, da ein Auto an uns vorbeifuhr und ein Offizier daraus uns zurief: Weiße Flagge! Was bedeuteten doch die beiden Worte für uns? Ziel erreicht! Antwerpen, das Uneinnehmbare, zu unseren Füßen. Lawinenartig pflanzte sich das „Hurra“ fort durch die Schützengräben von Stellung zu Stellung.
Jetzt liegt alles hinter uns. Wir halten brav Wacht an feindlicher Küste. Sollte man uns noch länger da behalten und uns unser „liebster“ Feind von drüben nicht stören, werde ich bald einmal mehr erzählen – als kleinen Dank für die ersehnten Nachrichten aus der lieben Heimat.
Wenn „sie“ aber kommen, – wie wollen wir sie begrüßen! Es werden andere Grüße sein, wie die, die ich diesen Zeilen mitgebe.

Ihr Oswald Linxweiler

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Eine Bootskanone beim Abfeuern

Kriegschronik von Oberndorf Teil IX

Mitteilungen aus Briefen der Kämpfer I.

Wachtmeister im 5. bayerischen Feldartillerieregiment, Sebastian Friedrich aus München, Schwiegersohn des Schreiners Wolfänger aus Oberndorf stellte folgenden Bericht zur Verfügung:

Nach dem am 2. August die offizielle Kriegserklärung erfolgt war, begann überall in den Kasernen eine fieberhafte Tätigkeit. Die Mannschaften wurden vollständig eingekleidet, die Pferde, Geschütze und Fahrzeuge wurden hergerichtet und kriegsmäßig beladen. Am 7. August war die Batterie marschbereit und am 8. August 2 Uhr erfolgte der Abmarsch aus der Kaserne, nach dem vorher von Weib und Kind Abschied genommen war. In der Nacht erfolgte das Verladen der Geschütze und Pferde und um 5 Uhr morgens der Abmarsch aus Landau. Die Mannschaften wurden am Bahnhof vom Roten Kreuz bewirtet, die Wagen, mit Kränzen geschmückt, machten einen festlichen Eindruck. Überall herrschte große Begeisterung. Sehnte sich doch jeder Soldat, baldmöglichst an den Gegner zu kommen.
Um 5 Uhr nachmittags kamen wir mit 6 Fliegern in Falkenberg an. Hier herrschte allgemeine Begeisterung, als man von dem Siege der Kavalleriedivision bei Lagarde hörte, Gesang des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“! Marsch nach Bischdorf. Hier Aufenthalt bis Montag, 9. August früh. An diesem Tag wurde ein Mann erschossen, der auf Soldaten schoß. Vom 2. Batallion des 17. Infanterieregiments wurde Amelecourt eingeäschert, weil von der Bevölkerung 7 Mann verwundet worden waren, darunter einer tödlich. Am 10. August früh 2 Uhr Abmarsch nach Gerbecourt, hier wurde die Abteilung dem 6. Infanterieregiment zur Verfügung gestellt. Mann und Pferd hatten viel unter Durst zu leiden. Die 3. Division hatte den Abschnitt Delme – Chateau Salines zu sicher. Ich mußte nach Hamport fahren, um Lebensmittel zu fassen. Die Ortschaften waren meißt aus Furcht vor Beschießung verlassen. Die Bewohner sprachen meist französisch. Meine an der Berlitz-School erworbenen Kenntnisse im Französischen konnte ich sehr gut verwenden.
Am 17. August Aufenthalt im Quartier. Hier wurde der Tagesbefehl der 3. bayerischen Infanteriedivisionbekannt gegeben, der also lautete:
Divisionstagesbefehl
„Soldaten der 3. Division! Kameraden, jetzt gehts los. Wir stehen vor dem Feinde, der ruchlos unser Vaterland bedroht. Lang genug und mit Aufbietung aller Kräfte haben Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften gearbeitet. Vertrauensvoll können wir den kommenden Ereignissen entgegensehen mit Zuversicht und Gottvertrauen. Wer uns angreift, der soll mit dem Bajonett im Leibe dafür büßen. Für Deutschlands Größe und unseres eigenen Vaterlandes Ruhe setzen wir den letzten Blutstropfen ein, das vertraue ich“,
von Breitkopf, Generalleutnant und Kommandeur der 3. bay. Infanteriedivision.

Am 19. August Quartierwechsel nach Varey. Hier wurde die Batterie zum Schutz der 6. Infanteriebrigade detachiert. Am 18. August früh 4 Uhr Abmarsch der Bagage nach Hubedingen. Die Kolonne fast 4 km lang. Gegen Mittag setzte die erste heftige Kanonade bei Chateau – Salines ein. Der Gegner hatte starke Erdwerke errichtet und die Erstürmung derselben hätte uns viel Blut gekostet, deshalb wurde von Seiten der Oberleitung der Rückmarsch befohlen. Wirkt auch der Rückzug niederdrückend auf manchen Mann, so mußte er doch befohlen werden aus strategischen Gründen, wollte man doch die Franzosen aus ihren Maulwurfslöchern herauslocken und ihnen eine Falle stellen. Das war der erste große Sieg für die Franzosen, wie man in französischen Zeitungen lesen konnte, aber ohne Schuß. Starke Infanteriemassen folgten uns. Bei Mörchingen nahm die Division Stellung und konnte getrost der Annäherung des Feindes harren. Um 3 Uhr nachmittags am 18. August wurde kehrt gemacht nach Varey. Um 5 Uhr setzte heftiger Regen ein. Nachts 11 Uhr kamen wir vollständig durchnässt dort an. Ich schlief auf meinem Futterwagen und fror wie ein Sperber. Doch lange sollte mein Schlaf nicht dauern, denn um 12 Uhr 30 wurde ich wieder durch unsere Batterie-Dienstwache, Einjähriger Naumann, geweckt. Ich mußte noch meinen Wagen abladen, um füttern zu können. Um 2 Uhr Nachts Abmarsch der Bagage (Lebensmittel und Futterwagen) nach Helliner-Diefenbach (62 km). Hier traf ich wieder die ersten Einwohner die deutsch sprachen. Ein echtes deutsches Dorf. Erleichtert konnte man wieder aufatmen, wußte man doch, daß die Einwohner nicht feindlich gesinnt waren, wie die von den welschen Ortschaften. In Hampont wurde aus einem Haus, das noch im Bau begriffen war, auf zwei deutsche Soldaten geschossen, worauf es sofort angezündet wurde. Ein anderes wurde niedergelegt. Hier nahm S.M. König Ludwig III. von Bayern den Vorbeimarsch seiner siegreichen Truppen am 19. September entgegen. Es machte auf die Truppen einen tiefen Eindruck den großen König, die Mütze auf dem Haupt, den Marschallstab in der Rechten, zu sehen. Um 10 Uhr 30 kamen wir in Helliner an, wo auf der Straße abgesessen wurde. Unterkunft fanden wir in Finkbach. Um halb 8 abends waren wir marschbereit und gingen in strömendem Regen nach Wintringen. Dahin wurden die Lebensmittel verbracht und dann nach Diefenbach zurückgeliefert. Hier teilte ich das Quartier mit 1 Unteroffizier und 2 Mann. In Rohrbach hatten wir Festungstag. Da durch eine abgeworfene Fliegermeldung der Anmarsch mehrerer Divisionen aus Nancy gemeldet wurde, wurde erhöhte Marschbereitschaft angeordnet. Um 6 Uhr Abends gings auf Mörchingen, wo wir um 10 Uhr in Kasernen ankamen. Auf der Straße Berg – Soontücken wurden die Lebensmittel ergänzt, dann der Rückmarsch auf Ersdorf angetreten, wo wir um 1 Uhr ankamen. Bis 6 Uhr konnten wir schlafen. Dann mußten wir uns wieder marschbereit machen. 18. August. 5 Uhr nachmittags Abfahrt zur Feuerstellung, in der wir um 1 Uhr nachts anlangten. Die Batterie stand 2 km nördlich Mörchingen. Um 1 Uhr 30 nachts eröffneten die Franzosen ein heftiges Feuer. Salve folgte auf Salve, die Maschinengewehre traten in Tätigkeit. Bei der Batterie erfuhr ich, daß Unteroffizier Friedrich durch einen Schuß ins Becken verwundet worden war. Dieser Tag war für die Batterie ein sehr heißer, den ganzen Tag war sie heftigem Artilleriefeuer ausgesetzt, das aber infolge des schlechten Schießens der Franzosen nur wenig Schaden zufügte. Auf der Rückfahrt nach Pertring sahen wir die feindlichen Stellungen südlich Mörchingen. Einen schauerlich schönen Anblick boten die zwei brennenden Dörfer in der Nähe von Mörchingen. Turmhohe Feuersäulen stiegen zum Himmel. Auf der Straße trafen wir viele Flüchtlinge aus Mörchingen, welche den Ort verließen, weil nachmittags eine französische Granate einschlug und 1 Frau und 2 Kinder tötete. In Parting bezogen wir Unterkunft. Schon früh morgens begann eine heftige Kanonade. Um 5 Uhr 30 angekommen legte ich mich schlafen. Kaum war ich 5 Minuten gelegen, da weckte mich meine Hausfrau mit der Nachricht, es würden französische Gefangene durch den Ort geführt. Nichts wie in die Hosen, um sie zu sehen, aber leider Gottes es waren verwundete Deutsche. Leute vom 17. und 18 Infanterie- und 5. Reserveregiment.
19. August. Den ganzen Tag und die Nacht gefahren. Weder Mann noch Pferd fanden Ruhe und fast nichts zu essen.
20. August. Erste siegreiche Schlacht der Bayern auf der ganzen Linie, fluchtartiger Rückzug des Feindes gegen Chateau-Salines. Viele Opfer hat es die braven Bayern gekostet, um so größer der Ruhm und die Ehre. Besonders hatten die Jäger, das 18. und das 5. Reserveregiment gelitten. Das 18. Regiment schmolz auf 2 Batallione zusammen. Von mancher Kompanie kehrten nur 80 – 90 Mann unverwundet zurück. Noch größer waren die Verluste des Gegners. Haufenweise lagen die Franzosen in den Schützengräben. In einem zählte man annähernd 700 Mann. Sobald die Kolonnen aus dem Wäldchen vorbrachen, wurden sie von unseren Maschinengewehren und Kanonen niedergemäht. Besonders hatten die 1. und 2. Batterie des 5. bayerischen Feldartillerieregiments große Erfolge beim Beschießen der feindlichen Infanterie. Immer wieder drangen neue feindliche Kräfte vor, aber auch sie verfielen dem Schicksal ihrer Kameraden. Mit ihren roten Hosen boten sie unseren Schützen ein gutes Ziel. Gegen Nachmittag war die feindliche Macht gebrochen und nun gab es kein halten mehr. Der Rückzug artete zu wilder Flucht aus. Jetzt trat die gesamte Artillerie und das Maschinengewehr in Tätigkeit und brachte den Fliehenden schreckliche Verluste bei. Das ganze Schlachtfeld war ein großer Friedhof. Tausende von Toten bedeckten das Feld, ebenso auch Verwundete. Ein Bild des Jammers und des Elends. Schwerverwundete baten, man möchte sie doch durch eine Kugel von ihrem Leid erlösen. Hier konnte man die Schrecken des Krieges in ihrer ganzen Fürchterlichkeit kennen lernen. Hier lag ein Hauptmann, den Säbel in der Rechten, den Revolver in der Linken, gefallen als er seine Kompanie zum Sturm vorführte. Dort zerschossene Fahrzeuge und tote Pferde, alles durcheinander. Die Verfolgung wurde sofort aufgenommen.
22. August. Die zweite Schlacht fand 1 km südlich von Mairi statt. Es kostete wieder viele Opfer, aber der Sieg war unser. Hier traten auch die französischen Schiffsgeschütze in Tätigkeit, welche große Verheerungen anrichteten. Schrecklich verstümmelte Leichen fand ich, war nicht zu beschreiben. Luneville gefallen. Allgemeine Begeisterung. Mußte später aber wieder geräumt werden. Quartier in Athionville. Erstes Bett nach 10 Tagen. Luneville mit ca. 10 000 Einwohnern ist sehr eintönig gebaut, macht einen wenig guten Eindruck, Garnisonsstadt. Schönes Schloß mit Kasernen, in deren Mitte das Denkmal eines französischen Generals stand. Athionville war über die Hälfte abgebrannt. Die Läden und Wohnungen von den Franzosen geplündert und fast alles verwüstet. Unsere Leute taten sich gütlich an französischem Wein. Schön war der Anblick, als die ersten gefangenen Franzosen an uns vorüberzogen. Um so trauriger der der Verwundeten, die auf Wagen vorbeigefahren wurden.
23. August. Am Nachmittag fand die Beerdigung der bei Mairi Gefallenen statt. Zuerst sprach der katholische Feldgeistliche Dr. Fooh, dann der protestantische Pfarrer Kleinmann. Beide hielten herzergreifende Ansprachen. Kein Auge der anwesenden Krieger, ob Offizier oder Mann, blieb ohne Tränen.
24. August. Gefecht bei Remenoville. Hier Ruhmestag der Batterie. Schrecklich die Verluste, doch größer der Ruhm und die Ehre. Leutnant Regula, Vizefeldwebel der Reserve Schulze, 6 Unteroffiziere und 20 Mann teils schwer, teils leicht verwundet. 2 Gefreite mußten als nicht transportfähig zurückgelassen werden und fielen in französische Gefangenschaft, wo sie leider später starben. Hier fiel auch Fähnrich Breith aus Zweibrücken, Kanonier Keller und Dr. Janson. Mögen sie selig ruhen in fremder Erde.
25. August. Gefecht bei Saboville. 28. und 29. August Fortsetzung des selben. Auch hier hatte die Batterie größere Verluste. Starkes Granatfeuer den ganzen Tag. Wir hatten ein schönes Bett gebaut für Oberleutnant Müller und mich. Als am Nachmittag ein starkes Schießen begann, mußten wir unsere Befestigung schnellstens verlassen, um tiefer im Wald Schutz zu suchen.
1. September. Fortsetzung der Gefechte bei Framboise. Kanonier Eberle hatte einen Wagen und Küchengeschirr aufgetrieben, wodurch wir in den Besitz einer fast vollständigen Küchenausrüstung kamen, Stühle fehlten uns.
2. September. Fortsetzung des Gefechts. Heftiger Regen setzte ein. Kein Mann durfte sich dem Gegner zeigen, denn sofort folgte ein Hagel von Geschoßen. Während unseres hiesigen Aufenthalts mußten wir unser Kochwasser aus einer Pfütze holen, aus der kein Vieh gesoffen hätte, so gemein stank es. Die Folgen blieben aber auch nicht aus. Viele litten an Durchfall mit Blut vermischt, was furchtbare Schmerzen verursachte. Während des Löhnungsapells am 4. September begann ein sehr heftiges Schießen, daß ich mein Geld wieder einpacken mußte. Ungefähr 20 m vor uns schlugen schwere Geschoße ein. Wir suchten im Wald Deckung. Aber auch hier sollte unser Aufenthalt nicht lange währen, denn die Franzosen streuten über den ganzen Wald Granaten. Ich suchte Schutz hinter einem Baum, da schlug etwa 4 Schritt rechts von mir eine Granate ein. Die Leute riefen „unser Wachtmeister ist getroffen, andere: er ist tot!“ Gott sei Dank war es ein Blindgänger und so blieb ich durch Gottes Vorsehung unverletzt. Wie freuten sich alle, als sie mich unverwundet, nur etwas benommen antrafen.
8. September. Fortsetzung des Gefechts. Ein Fahrer wurde mit einstündigem Krummschließen bestraft, weil er 5 Stunden im Wald geschlafen hatte. Kaum eine halbe Stunde am Rad angebunden, begann eine heftige Kanonade, so daß ich ihm die Stricke zerschneiden mußte, denn keine 100 m vor uns und neben uns schlugen Granaten ein. Dank der schlechten Munition der Franzosen hatten wir keine Verluste. Unter 15 Schuß zählten wir 12 Blindgänger. In Framboise entdeckten wir am 7. September zwei unterirdische Telefonleitungen, mittelst derer die Bewohner sämtliche Stellungen und Bewegungen unserer Truppen dem Feinde gemeldet hatten. Nun war es klar, warum jede Truppe, die sich zeigte sofort unter Feuer genommen wurde. Die Verräter wurden erschossen. Hierauf bedienten sich die Bewohner einer anderen List. Sie ließen Hunde mit Blechbüchsen am Halsband an den Gegner abgehen. Doch auch das wurde bald entdeckt und sämtlichen Hunden der Garaus gemacht. Die Nacht vom 8 – 9 September war kalt, uns fror elend, da der Boden naß und nur wenig Stroh vorhanden war. Hier holte ich mir Rheumatismus. Am 9. September machten die Franzosen einen Ausfall aus Toul, wurden aber mit blutigen Kämpfen zurückgeschlagen. Sie hatten furchtbare Verluste. Vergebens versuchten sie jeden Tag aus Nancy zwischen Framboise und Mayon durchzubrechen. Im Walde hatten wir uns aus Wellen eine Hütte gemacht, die sich gut zum Schlafen eignete. Auch am folgenden Tag dauerte der Kampf noch an. Der ganze Boden war von feindlichen Geschoßen durchwühlt. Ich maß ein Loch einer schweren Granate, dasselbe hatte eine Tiefe von 6 m und eine Breite von 4 m. Ein Reiter mit Pferd hätte bequem darin Platz gefunden. Die Fußartillerie erhielt einen Volltreffer, der das Geschütz wie einen Gummiball zurückwarf. Am 11. September mittags erfuhren wir, daß die Batterie aus dem Feuer zurückgezogen wird. Jeder von uns strahlte vor Freude, sollten wir doch endlich einmal nach 5 Wochen wieder zur Ruhe kommen, nachdem wir schwere Gefechte und Schlachten mitgemacht. Um 8 Uhr abends fuhr ich mit den Protzen vor in die Stellung. Um den Gegner zu täuschen, wurde seit 7 Uhr abends ein starkes Infanterie- und Artilleriefeuer unterhalten. Es regnete in Strömen. Die Batterie trat den Rückmarsch an. Durch den vielen Regen war der Boden vollständig aufgeweicht und stellenweise ganz sumpfig. Ein schweres Gewitter entlud sich über uns. Es war so finster, daß man nicht die Hand vor dem Gesicht sah. Nur die zuckenden Blitze erhellten auf kurze Zeit unseren Weg. Dazu das Rollen des Donners mit 1000fachem Echo im Walde. Als wir kaum 1000 m gefahren waren, hielt die Batterie. Nach Verlauf von 20 Minuten ritt ich vor, um nach dem Grund zu sehen. Doch was sah ich hier? Unser Küchenwagen war bis zur Hälfte eingesunken. Da er nicht mehr fortzubringen war, war rasches Handeln am Platze. Ich ließ ihn in den Graben werfen, um die Straße frei zu bekommen. Kaum war die Batterie 600 m weitergefahren, da brachen die ersten Geschütze ein und blieben stecken. Da auch die Infanterie zurückgezogen wurde, waren wir ganz mutterseelenallein im Walde und auf uns selbst angewiesen. Ein Infanteriehauptmann und ein Artillerieoffizier gaben die Batterie verloren, da der Gegner jeden Augenblick nachdrängen konnte. Sie meldeten es meinem an der Spitze ziehenden Chef, daß die Batterie im Walde halte und als verloren gelte. Aber so schnell und leicht sollte es den Franzosen nicht gemacht werden, uns gefangen zu nehmen. Jeder hätte sein Leben so teuer als nur möglich verkauft, dessen war ich mir sicher. Mit dem Revolver in der Hand drohte ich jeden niederzuschießen, der sein Geschütz verlasse. Keiner machte eine Mine dazu, die Leute arbeiteten wie die Löwen, hing doch ihr Leben davon ab, die Batterie so schnell als möglich herauszubekommen. Als mein Chef zurückkam und die Batterie in dieser mißlichen Lage sah, war der gute, ruhige Mann wie erschlagen, war es doch keine Kleinigkeit für ihn die Batterie verloren zu geben, nachdem sie sich all die Tage her so vorzüglich bewährt hatte. Ich machte mich daran, jedes einzelne Geschütz mit 10 Pferden heraus zu bekommen, was mir endlich auch nach langer Mühe und vieler Arbeit auch gelang. Doch nicht lange sollte meine Freude währen. Glaubte ich ein Geschütz auf der einen Seite heraus zu haben, so brach es auf der anderen wieder ein. Einen Munitionswagen, der zu tief im Dreck stack, mußte ich liegen lassen. Endlich waren wir auf einem etwas besseren Fahrweg angelangt, als von links her ein Zug der Maschinengewehrkompanie kam, der auch stecken blieb und mir somit den Weg versperrte. Ich mußte nun auch diesem Vorspann leisten. Endlich gelang es mir doch, die Batterie heraus zu bringen. Die Mannschaften arbeiteten aus Leibeskräften; noch nie hatte ich sie so arbeiten gesehen. Sie standen bis zu den Knien im Dreck und machten die Räder frei. Nachts um 2 Uhr konnten wir die Notbrücke überschreiten, nachdem sämtliche feste Brücken zum Sprengen fertig gemacht waren, um das Nachdrängen des Gegners aufzuhalten. Ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich die Batterie in Sicherheit hatte. Wäre es mir nicht gelungen, so hätte ich für mein Leben keinen Pfennig mehr gegeben. Mein Chef bedankte sich herzlich und gab mir 20 Mark und sagte mir, daß er mich für meine Leistung bei der nächsten Gelegenheit zur Auszeichnung vorschlagen werde. Ich bekam dann auch das Eiserne Kreuz II. Klasse. Die Offiziere gratuliertern mir zur vollbrachten Tat und der Herr Hauptmann war sichtlich gerührt, als er mir seine Anerkennung aussprach. Wir marschierten die Nacht hindurch und den folgenden Tag bis 12 Uhr nachts. Bei strömendem Regen kamen wir am 12. September in St. Medard bei Dieuze an, schliefen vollständig durchnässt auf einem Heuboden. Hatten wir uns alle auf ein gutes Glas Bier und ein Bett gefreut, so fiel dieses ins Wasser. Als wir durch Dieuze fuhren und sahen, wie den Soldaten das Bier schmeckte, lief uns das Wasser im Munde zusammen. Hier wurden zum ersten mal von den Schwestern des Roten Kreuzes Liebesgaben verteilt: Kaffee, Tee, Milch, Brot und vieles mehr. Ich bekam einige Stückchen Zucker für mein Pferd. Von einem auf der Straße stehenden Briefträger erhielt ich einige Bonbons. Hier erfuhren wir nachts 10 Uhr, daß wir noch 8 km ins Quartier hätten.
Am 13. September 5 Uhr morgens wecken, 6 Uhr marschbereit, bei strömendem Regen Aufbruch nach Fremery. Endlich nach 4 Wochen zum ersten mal wieder ein Bett, das ich mit meinem Freund, dem Wachmeister Schuster, ein Mann von 51 Jahren, teilte. So hatten wir wenigstens wieder einmal Gelegenheit, unsere müden Glieder ausruhen zu lassen. Wir kauften uns Wein und einen Hahn, den wir zu dritt verzehrten. Hier bekamen wir Ersatz an Mannschaften und Pferden aus Landau, ebenso viele Gaben von unseren Lieben zu Hause, welche die Ersatzleute mitgebracht hatten. Jeder Mann bekam Zigarren, Zigaretten, Tabak und freute sich, so reichlich beschenkt worden zu sein. Überall fröhliche Gesichter. Hier hätten wir so 20 Tage Ruhe sollen genießen dürfen. Aber leider sollte es nicht so lange dauern. Wir kamen uns so recht als ein Wandervolk vor.
Am 15. September Marsch nach Grigy. Hier Unterkunft und Kanzlei in der Küche einer Frau, deren Mann im Feld stand. Ich schlief mit einem Unteroffizier auf dem Fußboden. Wir hatten hier sehr schlechtes Wetter und blieben hier bis zum 18. September.

 

 

Fundsachen

Aus: Johann Goswin Widder, Versuch einer vollständigen Geographisch-Historischen Beschreibung der Kurfürstlichen Pfalz am Rheine, Dritter Theil, Frankfurt 1787, Seite 255

Oberndorf. Ein mittelmäßiges Dorf von 38 Häusern an der Alsenz, 4 Stunden von Erbes-Büdesheim westwärts entlegen, kömmt zum ersten mal vor in der Bestättigungsurkunde des Erzbischofs Adelbert von Mainz, welche er dem damaligen Benediktinerkloster Disibodenberg über seine Besizungen im J. 1128 ertheilet hat. Darin wird einer sichern Adelheid und ihres Ehemanns Adabero Gut zu Oberndorf, die Kirche mit dem Zehnten, Leibeigenen, Aeckern, Wäldern und Wiesen dem Altar des heil. Disibods angewiesen.
Der Ort selbst gehörte zur Raugrafschaft, und war von dieser zu Lehen begeben. In der Theilung unter Eberhards von Randeck Söhnen im J. 1327 wird des Zehnten zu Oberndorf gedacht, den sie im Besize hatten. Als hernach alle Raugräfliche Besizungen und Lehenschaften an die Pfalz verkaufet worden, kam auch besagtes Dorf an dieselbe, und Kurf. Friedrich I. verliehe im J. 1458 einen Theil des Gerichts zu Obirndorf an Konrad Marschalk von Waldeck zu Mannlehen, wobei es heißt, daß gedachter Konrad dieses Lehen mit seinem Bruder Adam in rechter Gemeinschaft besizen solle, wie sie und ihre Aeltern es vormals von Raugraf Otte zu Mannlehen getragen hatten. Gegen die Mitte des XVI Jahrhunderts erlosch das Geschlecht der Marschalken von Waldeck. Das heimgefallene Lehen ward aber wieder vergeben, bis Kurf. Karl Ludwig im Jahr 1660 das Dorf Oberndorf von einem Herrn von Landsberg gegen andere Güter eingetauschet hat. Die vorbei fliesende Alsenz treibet in des Ortes Gebiete zwo Mahlmühlen.
Die Gemarkung enthält 313 Morgen Aecker, 36 Morgen Wingert, 44 Morgen Wiesen, 9 Morgen Gärten, und 138 Morgen Wald.
Die Waldung liegt eigentlich im Pfalzzweibrückischen Gebiete, und ist der Gemeinde gegen einen Waldzins in Erbbestand verliehen.
Vormals war allda ein Quecksilber-Bergwerk betrieben, welches die Elisabethen Grube heißt. Man hat vor einigen Jahren auf dem Plaz wieder zu schurfen angefangen, aber ohne Erfolg.
Von der Kirche ist schon oben angeführet worden, daß solche anfänglich zum Kloster Disibodenberg gehöret habe. In dem Mainzer Synodalregister über das Erzdiakonat des Domprobsten und Landkapitels Münsterappel vom J. 1401 wird ein Pastor und ein Pleban, wie auch zween Altarpfründner, einer zu St. Katharine, der andere zu U.L.F. angeführet. Bei der Kirchentheilung fiel sie in das Loos der Reformierten. Sie liegt unten am Berg, und war ehmals dem heil. Valentin geweihet. Der Prediger stehet unter der Inspektion Alzei und hat das Dorf Mannweiler im Unteramt Rockenhausen mit zu versehen. So haben die Katholischen auch eine eigene Kirche und Pfarrei, welche zum Alzeier Landkapitel gehörig ist.
Am Wein- und Fruchtzehnten beziehen die Reigersbergischen Erben zu Randeck eine, und der Reformierte Pfarrer die andere Hälfte.

Aus dem Amts- und Intelligenzblatt der Pfalz:

12.11.1833
Bei Gelegenheit der Reparation des protestantischen Schulhauses zu Oberndorf entdeckte der Maurermeister Brixius von Alsenz bei Aufbrechung der Platten des Hausganges, in mannslanger Höhlung, das Gerippe eines Menschen, welcher vor Jahren darin beerdigt worden war.

Am 6. Oktober 1839 erhielt Rosina Pfannbecker, 31 Jahre Dienstmagd bei Carl Philipp Anhäuser zu Oberndorf anlässlich des Zentralen Landwirtschaftsfestes in München die Silberne Vereinsdenkmünze.

 

Ein Vierzeiler von Pfarrer Philipp Stock:
Wer uff de Cöllner Brück steht und spürt kee Wind,
durch Mannwiller geht und sieht kee Kind,
dorch Owwerndorf kummt unverspott,
dem gnad in Alsenz Gott.

Aus der „Pfälzischen Tageszeitung“ (Alsenz)

Oberndorf 1. Juli 1902. Das Anwesen des Ackerers Herrn Phillip Hensler ging um den Preis von 6500 Mark an den Ackerer Herrn Friedrich Schworm in Oberndorf über.

Schmalfelderhof, 20. Juli. Vergangene Woche weilte eine Kommission aus der Provinz Sachsen unter der Führung des Gutsbesitzers Göhle aus Bad Bibra bei Naumburg in unserer Gegend. Dieselbe erwarb 8 erstklassige Tiere, 5 Fassel und 3 Rinder im Alter von 8 Wochen bis zu 18 Monaten und zahlten hierfür pro Stück von 214 bis 358 Mark, für ein 8 Wochen altes Fasselkalb, dem Julius Steitz gehörend, den ganz bedeutenden Betrag von 236 Mark.

Oberndorf, den 17. Oktober 1902. Feuer brach heute Nachmittag in der Scheune des Gastwirts Schückler dahier aus. Große Futter- und Strohvorräte boten reichliche Nahrung, sodaß außerordentlich schnell das ganze Anwesen in Flammen stand. Von der Familie war nur der alte Schückler anwesend, Hilfe war zwar schnell zur Stelle, auch die Feuerwehr aus Alsenz hatte sich eingefunden, doch ist das ganze stattliche Anwesen ein Raub der Flammen geworden. Schückler hat zwar versichert, doch wird er immerhin einen ganz bedeutenden Schaden davontragen.

Oberndorf 2. Januar. Eine Rohheit wurde in der Nacht auf heute hier verübt. Es wurden bei Landwirt Blum und Bäcker und Wirt Bollenbach Fensterscheiben eingeworfen, bei letzterem flog die Einrahmung mit ein und bei ersterem fand man im Zimmer einen Stein im Gewicht von 5 Pfund vor.

Oberndorf, 30. Dezember. Am Samstag Abend brannte die Scheune des Schreinermeisters Wolfänger dahier nieder. Der energischen Thätigkeit der Feuerwehr gelang es, die weiteren Gebäulichkeiten vor dem verheerenden Elemente zu schützen.

Schmalfelderhof, 23 Februar. Gestern Nacht wurde ein Pferdeknecht des Herrn Oekonom Philipp Steitz dahier von der königlichen Gendarmerie Gaugrehweiler verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis abgeführt. Derselbe feuerte vor zirka 14 Tagen mit einem großen Revolver 5 Schüsse auf mehrere Burschen von Oberhausen ab; die Verletzungen waren unbedeutend, hätten aber den Tod des einen oder anderen herbeiführen können. Die Ursache war ein kleiner Wortwechsel.

Aus dem „Nordpfälzer Tageblatt“

Oberndorf, 20. September 1918. Gestern Abend gelang es der Gendarmerie von Obermoschel eine Hamstergesellschaft, die mit einer Chaise aus dem Appeltale kam, hier festzunehmen und das gehamsterte Gut zu beschlagnahmen. Es bestand in Mehl, Obst, Geflügel, Butter und Eiern. Die Gesellschaft zählte 4 Personen, einen Oberleutnant, einen Soldaten und 2 Damen. Angeblich soll sie aus Kreuznach stammen.

Aus der „Pfälzische Tages-Zeitung“ vom 09.09.1933

Oberndorf. Landwirt Hrch. Wolfänger hat die 5 Mark Anerkennung für einen Zuchtbullen beim Prämienmarkt des Glan-Donnersberger Zuchtverbandes zu Langmeil der volkssozialistischen Hilfe der Pfalz gespendet.

Aus der „Pfälzischen Tages-Zeitung“ vom 30.01.1939

Obermoschel. In der letzten Sitzung des Amtsgerichts kam noch ein weiterer Fall von Milchfälschung zur Verhandlung. Angeklagt war Katharina Sch. aus Oberndorf. Am 12. September 1938 lieferte die Angeklagte 9,5 Liter Milch ab mit einem Wasserzusatz von 1,5 Liter. Als der Kontrollbeamte kam erklärte sie zunächst, sie habe die Milch nicht gefälscht. Das Gericht schenkte ihren Angaben keinen Glauben und verurteilte die nahezu 70 Jahre alte Frau zu einer Gefängnisstrafe von einer Woche und zur Tragung der Kosten.

 

 

 

Kriegschronik Teil IIX

I. Besondere kirchliche Veranstaltungen

Der Gottesdienst am 1. Mobilmachungstage, 8. Sonntag nach Trinitatis, dem 2. August 1914 stand ganz unter dem niederbeugenden Eindruck der Samstags Abends um 8 Uhr 45 erfolgten Bekanntgabe der Mobilmachung. Eine besondere Einladung der abrückenden Soldaten und kirchliche Verabschiedung derselben konnte der Kürze der Zeit wegen nicht erfolgen. Wer es irgend möglich machen konnte, wohnte dem Gottesdienste bei. In beiden Kirchen war die Beteiligung so stark wie sonst an Feiertagen.
Reichlich flossen die Tränen nicht blos bei den Frauen, sondern auch bei den Männern, als das Lied angestimmt wurde „O mein Herz gib dich zufrieden, und verzage nicht so bald (289)“, ebenso bei der Predigt über Psalm 18 Vers 90 mit dem Grundgedanken „Ein starker Trost in schwerer Zeit“! „Worin besteht er? Wozu soll er uns antreiben?“ In Oberndorf spielte der Lehrer Friedrich Ebersold, der am nächsten Tag schon bei der Truppe sein und darum gleich Sonntags den Ort verlassen mußte, beim Ausgang aus eigenem Antrieb die Melodie des Liedes „Eine feste Burg ist unser Gott“. Der für Sonntag dem 9. August, 9. Sonntag nach Trinitatis, angeordnete allgemeine Buß- und Bettag sammelte trotz der dringenden Erntearbeiten eine sehr zahlreiche Zuhörerschaft in beiden Kirchen, die mit Andacht und aufs heftigste bewegt der Predigt über „demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes, daß er euch erhöhe“ folgte. Gesungen wurde das Lied 158 „Aus tiefer Not schrei ich zu dir Herr Gott“.
Die beiden Presbyterien bestimmten, daß bis auf weiteres das Almosen bei den Gottesdiensten nicht in die Kirchenkassen fließen, sondern für die Zwecke des Roten Kreuzes verwendet werden. Infolgedessen erhöhte sich dasselbe ganz bedeutend. Es gingen an diesem Tage ein in Oberndorf 9,50 Mark, in Menzweiler 22,67 Mark = 32,17 M. Da tags zuvor mit dem königlichen Dekanat Obermoschel verabredet war, daß der Pfarrer von Oberndorf mittags in Schiersfeld, dessen Pfarrer eingerufen war, Gottesdienst halte, so konnte der auf 5 Uhr zu Schmalfeld angesetzte nicht gehalten werden.
Die Bewohner jenes Hofes hatten darum nachgesucht, es möchte mit Rücksicht darauf, daß der Weg zur Kirche sehr weit sei und die dringende Erntearbeit ihnen jede Stunde wertvoll mache, Sonntags auf dem Hofe eine gottesdienstliche Versammlung gehalten werden. Das geschah vom 16. August an und zwar im Saale der Schneider`schen Wirtschaft. An denselben wohnen  nicht nur die Bewohner des Schmalfelderhofes, sondern auch die vom ebenfalls zur Pfarrei gehörigen Bremricherhof, ferner der zu Gau-Grehweiler gehörigen Leiningerhofes und hin und wieder selbst die des nach St. Alban zuständigen Hengstbacherhofes bei. Da kein Lehrer vorhanden war, mußte vom Pfarrer auch der Gesang geleitet werden, wobei die Schulkinder, die schon die Choräle nach dem seit 1. Dezember 1914 eingeführten neuen Gesangbuch geübt hatten, gute Dienste leisteten. Der Besuch der Gottesdienste, die an sieben Sonntagen stattfanden, war stets ein sehr guter, was am besten daraus hervorgeht, daß an den selben 166,59 Mark eingingen, die ebenfalls für das Rote Kreuz verwendet wurden.

Vom 17. Sonntag nach Trinitatis, dem 4. Oktober an, mußten diese Gottesdienste eingestellt werden, weil von da ab die Nachmittagsgottesdienste mit darauffolgender Christenlehre in Menzweiler begannen das soweit keine Zeit mehr übrig blieb. Auch machte sich der Mangel an Beleuchtungsmitteln geltend. In der Woche wollten die Bewohner selber keinen Gottesdienst, da er nur am Abend hätte stattfinden können, dem Pfarrer aber nicht zugemutet werden sollte spät in der Nacht den Heimweg anzutreten. Auch für das Gebotene waren die Hofbewohner dankbar.

Ein Verlangen nach besonderen Wochengottesdiensten oder Kriegsandachten wurde weder in Oberndorf noch in Menzweiler geäußert. In Oberndorf hätte auch wohl das Simultaneum, infolge der Rücksichtslosigkeit und Unduldsamkeit des katholischen Pfarrers Schwierigkeiten bereitet und die Angehörigen der Filialgemeinde Menzweiler waren zum größten Teil viel zu weit von der Kirche weg, als das sie regelmäßig hätten Anteil nehmen können.
Den besonderen Ereignissen auf dem Kriegsschauplatz wurde jeweils bei der Predigt Erwähnung gegeben. Von der Einhaltung der vorgeschriebenen Texte wurde im 1. Kriegsjahr abgesehen. Dieselben wurden vielmehr nach den Ereignissen und der Stimmung in der Bevölkerung ausgewählt. Die Texte nebst Themen und Liedern waren, abgesehen von den beiden ersten Gottesdiensten folgende:

Es folgt im Original die Aufzählung sämtlicher Gottesdienste während der Kriegsjahre mit Angabe des Datums, der Predigtthemen sowie der gesungenen Lieder. Es wird auf deren Wiedergabe verzichtet. Falls daran Interesse besteht, kann der Betreiber der Website diese Information zur Verfügung stellen.

Der Geburtstag unseres Königs, der 1917 auf einen Sonntag fiel, und der unseres Kaisers, der am darauffolgenden Sonntag gefeiert wurde, gab Veranlassung, die Gemeindeglieder zur Treue gegen beide zu ermahnen.
Über das 400jährige Jubiläum der Reformation ist in der Pfarrbeschreibung eingehend berichtet. Der 4. Gedenkgottesdienst des Kriegsanfanges war gut besucht. Der erste Monat des Jahres 1918 brachte wieder die Geburtstagsfeiern S.M. des Königs und des Kaisers, der Februar die Feier des goldenen Hochzeitfestes unseres Königs, jenes, woran die Gemeinde, obwohl sie auf einen Werktag fiel, lebhaften Anteil nahm. Der Namenstag S.M. des Königs am 25. August wurde durch Gottesdienst gefeiert, der nach des Königs Wunsch ein Dankgottesdienst für die von dem Allmächtigen unseren Waffen gewährte Hilfe und ein Bittgottesdienst um den weiteren Beistand Gottes für unsere im Felde stehenden Truppen war.
Auf den 1. Advent, 1. Dezember 1918, war die Feier zur Erinnerung an die vor 100 Jahren erfolgte Vereinigung der Lutheraner und Reformierten in der Pfalz angeordnet und der Gemeinde schon angekündigt. Im letzten Augenblick mußte sie aber verschoben werden, weil die Gemeinde die ganze Woche hindurch Einquartierung von deutschen Truppen hatte, die auf dem Rückzug sich befanden. Die letzten zogen erst am Samstag, dem 30. November ab, so daß für eine kirchliche Feier und namentlich für Beteiligung am Abendmahl keine Stimmung vorhanden war. Infolge der schlechten Witterung, welche die ganze Woche herrschte, hatten die Frauen mit dem Reinigen der Häuser vollauf zu tun. Auf Anraten des Presbyteriums wurde darum die Feier auf den 3. Dezember verschoben und in Menzweiler auf den vierten. Der Verlauf der Feier ist in der Pfarrbeschreibung geschildert.
Erwähnt sei noch das zur Begrüßung der deutschen Truppen in Oberndorf manche Häuser geflaggt hatten, in Mannweiler waren auch Efeupforten errichtet.
Eine eigentliche Begrüßung der Heeresangehörigen, welche im Felde gestanden, konnte nicht stattfinden, einmal weil dieselben vereinzelt in weit auseinanderliegenden Zeitabschnitten zurückkehrten und dann, weil inzwischen die Besetzung unserer Heimat durch die Verbands-mächte erfolgt war. Wie ganz anders hatte man sich das Ende des Krieges und die Heimkehr unserer heldenmütigen Kämpfer vorgestellt!

II. Art und Weise wie der Gefallenen im Gottesdienst gedacht wurde.

Sobald der Tod eines Soldaten sicher feststand, wurde es der Gemeinde nach der Predigt bekannt gegeben, dem Gefallenen Worte des Dankes und der Anerkennung für ihre Tapferkeit und Opferfreudigkeit gezollt, den Angehörigen die Teilnahme der Gemeinde ausgesprochen und Trost gespendet unter Hinweis auf ein Bibelwort.
Am Totensonntag, dem letzten im Kirchenjahr 1913/14 wurde neben den in der Heimat Gestorbenen ganz besonders der in Indien gefallenen gedacht. Hierzu waren die Gemeinden eingeladen worden und nahmen auch sehr zahlreich an diesem Gottesdiensten teil. Auch sonst wurde keine Gelegenheit versäumt, darauf hinzuweisen, wieviel die Daheimgebliebenen denen zu verdanken haben, die ihr Leben dem Vaterland zum Opfer brachten.

1. Als erster aus der Pfarrei fiel auf dem Feld der Ehre Richard Wasem, Sohn von Jakob Wasem auf dem Morsbacherhof, Gemeinde Cölln, Sodat beim bayerischen Infanterie-Leibregiment in München. Er erlitt bei einem Straßengefecht in Badonviller in Frankreich, Departement Meurthe et Moselle, östlich Luneville den Tod. Über die Art seiner Verwundung und der Bestattung ist nichts näheres bekannt geworden. Die tödliche Wunde empfing er am 12. August 1914. Er war das jüngste von vier Kinder, von denen noch weitere im Felde standen und verwundet wurden. Da er von mir konfirmiert worden war, ging mir sein Tod besonders nahe. Auch der 4. Bruder mußte später einrücken.

2. Nicht weit davon, auch östlich Luneville, bei Frambois fand der Gefreite der Reserve des 12. Feldartillerieregiments, Fritz Schlarb von Oberndorf, Sohn von Peter Schlarb, am 1. September 1914 den Tod. Er war neben drei Schwestern der einzige Sohn der Familie. Es war keine leichte Aufgabe, den Vater von dem Tod des Sohnes zu verständigen und über den Verlust zu trösten. Über seinen Tod und seine Bestattung liefen folgende Nachrichten ein. Auf eine Anfrage bei seinem Batteriechef antwortete dieser mit den Zeilen:
“ Bei Warneton (Belgien) 19. November 1914

Sehr geehrter Herr Pfarrer
Zunächst bitte ich zu entschuldigen, daß diese Zeilen mit Blei geschrieben sind. Ich habe hier keine Tinte zur Verfügung im Feld. Der Tod unseres lieben Schlarb, der am 1. September tatsächlich erfolgt ist, wurde durch einen Kameraden, den Unteroffizier Mohr der 4. Batterie, 12. Feldartillerieregiment, wie mir berichtet wurde, den Angehörigen mitgeteilt. Es ist leicht möglich, daß dieser Brief der Post verloren gegangen ist. Schlarb ist beim Zurückreiten durch einen Wald bei Frambois durch eine französische Granate getroffen worden und sofort verschieden. Wir haben seinen Heimgang herzlich bedauert. Er war ein tüchtiger, braver und allzeit dienstbereiter Mann. Er ist mir und allen Kameraden recht nah gegangen. Sein Grab ist in dem bezeichneten Wald. Amtlich wurde der Tod für Aufnahme in die Verlustliste sofort gemeldet. Mit der Bitte, die Angehörigen von Vorstehendem verständigen zu wollen, grüße ich, mein Beileid versichernd, mit Hochachtung. Ihr ergebener   H. Dietl
Major, Kommandeur II Abt. 12. Artillerieregiment“.

Über den Tod und die Beerdigung des Schlarb teilt mir der oben erwähnte Unteroffizier Mohr Nachstehendes mit: Leider war ich nicht bei Friedrich Schlarb, als er fiel, auch nicht bei seiner Beerdigung. Alles was ich Ihnen und Familie Schlarb schrieb, erfuhr ich von meinen Kameraden, die dem Abteilungsstab zugeteilt sind. Gestern erkundigte ich mich nun noch einmal nach Allem und erfuhr Folgendes: Friedrich Schlarb war mit einem einjährig freiwilligen Gefreiten (Morscher) von meiner Batterie und einem Sergeanten (Basedow) rückwärts vom Abteilungsstab in Deckung mit den Pferden geritten. Plötzlich bekamen sie feindliches Schrapnellfeuer. Schlarb und Basedow ritten weiter rückwärts, während sich Morscher, sein Pferd an einen Baum bindend, hinter einem Erdhaufen deckte. Auf diesem Rückwege wurde Schlarb von einem weiteren Schrapnellschuß tödlich getroffen, während Basedow noch lebend zum Regiment zurückkam. Das war morgens gegen 4 Uhr. Nachmittags schickte unser Major (Dietl) einige Leute mit dem Befehl weg, Schlarb zu beerdigen. Als die Leute hinkamen, hatten ihn die Sanitäter schon beerdigt. Ob ihm die Wertgegenstände u.s.w. entnommen wurden, davon wußten meine Kameraden nichts. Wenn ja, geschah es von den Sanitätern. Diese hätten sie also auch an ihre Vorgesetzten abliefern müssen, welche letztlich sie an seine Angehörigen geschickt hätten. Wäre ich bei seiner Beerdigung zugegen gewesen, dann hätte ich ihm seine Wertgegenstände abgenommen. Es war dies auch meine Absicht, als ich schon bald seinen Tod erfuhr. Leider war er schon beerdigt, ich konnte nur an seinem schön geschmückten Grabe stehen. Auf dem Grabe steckte ein einfaches Holzkreuz, darauf sein Helm und auf dem Grab lag sein Bandelier. Neben ihm war das Grab eines Reservemannes namens Dietz. Das war im Wald bei Bois de la Pane zwischen Frambois und Mayon.

3.Als drittes Opfer fiel am 29. September 1914 Jakob Wenger von Cölln, Sohn des Landwirts Peter Wenger. Er war geboren am 13. Dezember 1893 und diente bei der 6. Kompanie des 22. bayerischen Infanterieregiments in Zweibrücken. In Nordfrankreich, wo er den Tod fand, liegt er auch begraben. Näheres ist nicht bekannt geworden.

4. Der erste Weihnachtsfeiertag brachte für eine weitere Familie von Oberndorf Trauer mit sich. An diesem Tage fiel (bei Ypern) der Soldat im 22. bayerischen Infanterieregiment Valentin Nickel. Derselbe stammte zwar nicht aus der hiesigen Gemeinde, sondern aus Dörnbach bei Rockenhausen, war aber mit der Tochter der Familie Linn von hier kurz vor seinem 2. Ausmarsch ins Feld kriegsmäßig getraut worden. Er hatte für seine Tapferkeit das Eiserne Kreuz erhalten, war dann verwundet zurückgekehrt. Nach seiner Wiederherstellung kehrte er sofort ins Feld zurück, wo er alsbald den Heldentod fand. Außer seiner Frau trauern zwei Kinder um ihn. Über die Art seines Todes ist nichts näheres bekannt. Er fiel bei St. Eloi.

5. Am 28. April 1915 mußte der am 8. August 1893 geborene Wolf Schlarpp vom Schmalfelderhof, Sohn des Landwirts Philipp Schlarpp, sein Leben dem Vaterland zum Opfer hingeben. Da er in Münster am Stein in Stellung, wurde er zuerst zum 70. preußischen Infanterieregiment nach Saarbrücken eingezogen, dann aber wieder entlassen, weil es in Münster, wo viele Verwundete lagen, an Bäckern fehlte. Mit Beginn des Jahres 1915 rückte er zum 22. bayerischen Reserveinfanterieregiment ein und kämpfte mit diesem in den Vogesen. Ein Kopfschuß brachte ihm das rasche, schmerzlose Ende. Seinen Großeltern und Geschwistern bereitete der Tod dieses sehr ordentlichen jungen Mannes große Trauer.

6. In der Woche vor dem 2. Weihnachtsfeste, das unser Volk während des Krieges feierte, traf die erschütternde Nachricht ein, daß der protestantische Lehrer und Organist von Oberndorf, Friedrich Ebersold, in Nordfrankreich in der Nacht vom 20/21 Dezember 1915 gefallen sei. Diese Nachricht war seinem gerade auf Urlaub in der Heimat weilenden Oberleutnant und Kollegen, Wilhelm Wenz von Mannweiler telegrafisch übermittelt worden, um sie der Frau, mit der Ebersold ein Jahr zuvor in Zweibrücken kriegsmäßig getraut worden war, mitzuteilen. Letztere stammt aus Oberndorf und ist die Tochter des Wirtes Finkenauer. Die ganze Gemeinde nahm an dem Tode des trefflichen Mannes und tüchtigen Lehrers den herzlichsten Anteil. Gleich beim Gottesdienst am 1. Weihnachtstage wurde vom Berichterstatter dieser Teilnahme, wenn auch nur mit wenigen Worten, Ausdruck verliehen, wobei kein Auge tränenleer blieb. Da bekannt war, daß der Gefallene heimgeholt werden sollte, wurden weitere Ausführungen auf den Tag seiner Beisetzung aufgespart.
Sehr traurig waren die näheren Umstände, unter denen sein Tod erfolgte. Er hatte schon den Urlaub in der Tasche, um Weihnachten im Kreise seiner Angehörigen verbringen zu können. Seinem Pflichteifer gemäß besichtigte er im letzten Augenblicke Schanzarbeiten. Auf dem Rückweg zu seiner Stellung begriffen, traf ihn aus großer Entfernung eine verirrte Kugel in den Bauch. Sofort bewußtlos wurde er zurückgebracht und verschied bald. War es eine Ahnung? In einem Briefe, lange zuvor geschrieben, hatte er von einer verirrten Kugel geredet. Durch eine solche fand er den Tod. In jeglicher Weise haben die anderen Offiziere der 1. Kompanie des 8. Reserveinfanterieregiments der Witwe ihr Beileid ausgesprochen. In wenigen Tagen wäre Ebersold, der bis dahin Vizefeldwebel und Offiziersstellvertreter war, zum Leutnant befördert worden. Gewählt war er schon. Nicht blos im Kreise der Offiziere, sondern auch bei der Mannschaft war er wegen seiner Pflichttreue geachtet und wegen seiner Leutseligkeit beliebt. Ein halbes Jahr, nachdem sein jüngerer Bruder auf dem östlichen Kriegsschauplatz als Soldat des 22. bayerischen Infanterieregiments gefallen, ist er ihm in den Heldentod nachgefolgt. Seine vorläufige Beisetzung erfolgte unter militärischen Ehren auf dem deutschen Militärfriedhof zu Marchelopot. Eine Heimbeförderung ist nicht erfolgt.

7. Nachdem er den Feldzug von Anfang an mitgemacht, fiel am 14. März 1916 Karl Gustav Gödel aus Mannweiler, geboren am 5. April 1893, Sohn von Jakob Gödel und dessen Ehefrau Katharina geb. Bock. Der Auszug aus der Kriegsstammrolle teilt über denselben das Folgende mit. Am 23. Oktober 1913 rückte derselbe als Rekrut bei der 3. Kompanie des 23. bayerischen Infanterieregiments in Kaiserslautern ein. Seine aktive Dienstzeit dauerte 9 Monate und 9 Tage. Vom 8. – 18. August 1914 nahm er an den Grenzschutzgefechten in Lothringen teil, ferner bei dem Gefecht Liedersingen am 14. August 1914, an der Schlacht in Lothringen am 20 – 22. August und  vom 22. August bis 11. September 1914 an der Schlacht vor Nancy und Epinal. An Typhus erkrankt, lag er vom 18. September bis 11. November im Festungslazarett zu Metz. Zu Anfang des Jahres 1915 kehrte er wieder zu seinem Regiment zurück. Vor seinem Ausmarsch schrieb er an seine Mutter: „Heute gehts endlich fort. Wohin das wissen wir selbst nicht. Wahrscheinlich nach Belgien. Ich sollte als nicht felddienstfähig zuhause bleiben und Rekruten ausbilden, habe mich aber freiwillig gemeldet und bin froh, daß ich mit darf. Mehr wie totschießen können sie mich nicht. Angst habe ich keine, denn Unkraut vergeht nicht. Sei mir nicht bös, daß ich freiwillig mitgehe und nicht in sicherem Schutz zuhause bleibe. Ich könnte es nicht übers Herz bringen, zuhause zu bleiben, wenn alle Kameraden fortgehen. Leb wohl, auf Wiedersehen! Euer Karl“.
Aus diesen Zeilen sieht man, welch ein Geist in unseren Soldaten lebte. Zu einem Wiedersehen kam es noch einmal, indem er von Flandern aus einen kurzen Urlaub in der Heimat erhielt gegen Ende des Jahres 1915.
Seine Führung war sehr gut und straffrei. Nachdem er am 27. Januar 1915 zur Kompanie zurück gekehrt war, wurde er am 28. Februar zum Gefreiten befördert und kam, wie er geahnt hatte, nach Belgien bzw. Flandern. Daselbst macht er die Stellungskämpfe vom 27. Januar bis 13. Februar 1915 mit, die Gefechte bei St. Eloi vom 14. – 17. Februar, die Stellungskämpfe vom 18. Februar bis 13. März und vom 14. – 18. März das Gefecht am Bahnhügel südlich St. Eloi. Am 18. März verwundet, verbrachte er die Zeit vom 18. März bis 8. April 1915 zu seiner Heilung im Feldlazarett 5 des 2. bayerischen Armeekorps. Dann beteiligte er sich vom 8. April bis zum 20. Juni wieder an den Stellungskämpfen in Flandern und vom 21. Juni bis 21. Juli an der Schlacht bei La Bassee und Arras. Vom 22. Juli bis 14. Oktober fanden Stellungskämpfe in Flandern statt und vom 18. Oktober bis 14 März Stellungskämpfe in französisch Flandern statt. Seit 2. August 1915 war er Unteroffizier. Am 14. März 1916 abends 8 Uhr ist er bei Anchy infolge Handgranatenverletzung an Kopf und Oberschenkel gefallen. Mit 4 anderen Kameraden zusammen, darunter einer aus Alsenz mit namen Dohm, wurde er auf dem Ehrenfriedhof zu Meurchin am 17. März beerdigt. Sein Grab hat die Nummer 392. Sein Vater wollte die Leiche nachhause holen lassen, da sie aber in einem Soldatengrab lag, konnte es während des Krieges nicht gestattet werden. Im November 1916 erfolgte dennoch die Überführung und am 26. November die Beisetzung auf dem von der Gemeinde bestimmten Ehrenplatz auf dem Friedhof zu Menzweiler.
Die Beteiligung an der Beisetzung des Soldaten Gödel war eine sehr große. Von allen Seiten waren die Teilnehmer, hauptsächlich Frauen, herbeigeströmt, Männer waren ja wenige noch zuhause. Das 23. bayerische Infanterieregiment in Kaiserslautern hatte 10 Mann unter dem Befehl eines Vizefeldwebels geschickt. Sechs Mann trugen den Sarg vom Leichenwagen zum Friedhof, während einer das Grabkreuz, das aus dem Felde mitgesandt war, vorantrug. Ferner waren die Verwundeten aus den Lazaretten Rockenhausen und Obermoschel zugegen, die am Grabe ihres Kameraden je einen Kranz niederlegten. Am Trauerhause sang die Schuljugend das Lied Nr. 288 des Gesangbuches „Warum soll ich mich grämen?“ Auf dem Friedhof zunächst das Soldatenlied „Morgenrot“ und nach der Einsegnung das Lied „Es ist bestimmt in Gottes Rat“. Der Gesangverein Mannweiler beteiligte sich mit gesenkter Fahne und der Turnverein legte einen Kranz nieder. Der Predigt lag das   Wort Offb. 2.10 zu Grunde: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Der großen Beteiligung und der annehmbaren Witterung wegen fand die Predigt auf dem Friedhof statt.

9. Am 5. Oktober traf bei seinen Eltern die Nachricht ein, daß der Infanterist August Ofer, Soldat beim 8. bayerischen Reserveinfanterieregiment, 2. Kompanie, am 27. September 1916 halb 3 Uhr füh an den Folgen eines schweren Bauchschusses verstorben und auf dem Friedhof bei der katholischen Kirche in Borsa (Ungarn) beerdigt worden sei. Die tödliche Verwundung hat er bei einem Gefecht in den Karpaten erhalten und wurde am 20. September in das Feldlazarett Nr. 11 des 1. Armeekorps, 1. Infanteriedivision eingeliefert. Dieser Verlust traf die hochbetagten Eltern um so härter, als sie ein Jahr zuvor den nächstälteren Sohn durch einen Unfall bei der Arbeit verloren hat.

10. Infolge einer Krankheit, die er sich im Felde zugezogen hatte, starb am 20. Januar 1917 in der elterlichen Wohnung zu Mannweiler der Soldat Otto Mohr und wurde auf dem Ehrenfriedhof der Gemeinde Menzweiler beigesetzt. Vorher hatte er sich in einem Lazarett zu München befunden, von wo er auf seinen Wunsch in die Heimat entlassen worden war.

11. Bei den Kämpfen um Riga fand am 10. September 1917 Karl Frölich von Mannweiler im Alter von 23 Jahren den Tod vor dem Feinde. Er gehörte dem 22. bayerischen Infanterieregiment an und hatte die Kämpfe in Galizien mitgemacht. An Cholera erkrankt lag er zuerst in Medica-Galizien im Lazarett und kam dann zum Ersatzbatallion nach Zweibrücken. Nach seiner Wiederherstellung stand er als Schütze bei einer bayerischen Maschinengewehrkompanie.

12. Nicht lange danach, am 27. Oktober 1917, wurde auf dem Ehrenfriedhof in Menzweiler ein weiteres Opfer des Krieges beigesetzt, nämlich der Kanonier im 8. preußischen Reserve-Fußartillerieregiment, 1. Batterie, Hermann Franz Rasch, Sohn des Vollziehungsbeamten in Kreuznach Friedrich Rasch. An Darmkatarh erkrankt lag er im Lazarett Heiligkreuzschule zu Koburg, allwo er starb. In Menzweiler wurde er beerdigt, weil sein Vater von Mannweiler und seine Mutter, eine geborene Dautermann, von Cölln stammt. Er stand im 20. Lebensjahr.

13. Nach langem, schweren Leiden starb am 6. Januar 1918 im Alter von 42 Jahren der Landwirt Otto Neu und wurde auf dem Ehrenfriedhof Menzweiler beigesetzt. Zum Landsturm – Ersatzbatallion Zweibrücken, 4. Kompanie gehörig, lag er bei der Armeegruppe Stranz in den Vogesen. An Nierenentzündung erkrankt, kam er ins Lazarett nach Freiburg im Breisgau und dann auf sein Ansuchen hin nach Obermoschel und dann nach Kaiserslautern. Da sein Leiden sich als unheilbar erwies, wurde er entlassen. Er stammte von Schönborn.

14. In einem Lazarett zu Frankfurt am Main starb Theodor Spuhler von Oberndorf. In Frankfurt fand er seine letzte Ruhestätte. Vor dem Krieg hatte er sich viel in der Fremde aufgehalten um sein Brot zu sichern und wurde dort zum Militär eingezogen. Er war geboren am 28. November 1877 zu Oberndorf als Sohn des Musikanten Theodor Spuhler. Er war Soldat im 1. Landwehr – Infanterieregiment Nr. 87, 15. Kompanie. Er starb am 4. Mai 1916.

15. Am 22. April 1918 erlitt durch einen Granatschuß bei dem großen Angriff der Deutschen in Nordfrankreich den Heldentod August Zepp, geboren am 18. Oktober 1898 als Sohn von Jakob Zepp aus Alsenz, in Oberndorf wohnhaft. Er stand bei dem bayerischen Fuß-Artillerie-Batallion Nr. 19, 3. Batterie. Bei dem Gottesdienst am Sonntag, dem 12. Mai 1918 wurde seiner gedacht. In einem Brief an seinen Vater schreibt Oberleutnant und Batterieführer Mayr: „Mit tiefem Schmerz erfülle ich die traurige Pflicht, Ihnen den Heldentod Ihres lieben Sohnes August mitzuteilen. In treuer Pflichterfüllung bis zum Tod diente er seinem Vaterlande und fiel auf dem Feld der Ehre durch schweren Granatschuß am 22. April 1918. Obwohl noch nicht 20 Jahre alt, war er doch schon ein ganzer Mann und hielt sich mit größter Tapferkeit. Es war ihm keine Arbeit zu groß, die er nicht mit größter Ausdauer, Fleiß und Bravour meisterte. Ich habe ihn zum bayerischen Militärverdienstkreuz eingereicht wegen seines hervorragenden schneidigen Benehmens am 21. März 1918, als die große Durchbruchsschlacht begann. Leider sollte er es nicht mehr erleben. Es geht mir persönlioch sehr nahe, weil ich den lieben, fleißigen, tapferen Jungen sehr gern hatte. Und jeder seiner Kameraden hatte ihn gerne wegen seines offenen, aufrichtigen Charakters, seines frischen Wesens und seiner Aufgewecktheit. Ich freute mich so oft an seinen munteren Antworten. Und gerade solche Kameraden reißt das Schicksal uns von der Seite. Ich will Ihnen keine Trostworte schreiben, denn für solche Verluste ist das einzige Heilmittel die Zeit. Ich habe es selbst empfunden, als ich vor einem halben Jahr meinen Vater verlor. Im Namen meiner ganzen Batterie spreche ich Ihnen mein tiefstes Beileid aus“.

16. Im Alter von 28 Jahren erlitt der Obergefreite im bayerischen Fußartillerieregiment Nr. 2 Ludwig Anhäuser aus Cölln infolge Granatschusses am 1. April 1918, dem 2. Ostertag, den Heldentod und wurde am 3. April in Beaucourt in Santerre beerdigt. Bei dem Gottesdienst am 1. Pfingsttage in der Kirche zu Menzweiler wurde seiner gedacht. In einem Brief des Unterveterinärs Nickl an seine Eltern heißt es: „In Ihren Zeilen, die mich veranlassen, diese zu erwiedern, sehe ich das tiefe Leiden seiner treuen Eltern- und Geschwisterseelen um den teuren Sohn. Mir gereicht es zur besonderen Genugtuung, Ihnen Auskunft zu geben, als ich Ihren Sohn als tüchtigen Mann verehrte und mir sein Tod auch sehr nahe ging. Ihnen mein tiefstes Mitleiden in Ihrem herben Schmerz. Ihr Sohn wurde im Dorf Mezieres am 1. April schwer verwundet durch ein Artilleriegeschoß an der rechten Hüfte und im Bauch. Er wurde in das Lazarett der Sanitätskompanie 209 in Beaucourt eingeliefert, wo er am 2.4.1918 verstarb. In der Batterie galt er kurze Zeit als vermißt, wie denn überhaupt in den damaligen schweren Tagen so manches anders als in schöner Ordnung ging. Ihres verstorbenen Sohnes Grab liegt in Beaucourt en Santerre auf dem Friedhof Schloßwiese – oberste Grabreihe, 11. Grab, wo er mit 16 anderen treuen Söhnen ruht. Ihr Sohn war ein schneidiger, treuer, pflichtbewußter Mann, der sich in der Batterie allseits großer Wertschätzung erfreute. Er stand unmittelbar vor seiner Beförderung zum Unteroffizier. Persönlich schätzte ich Ihren treuen Toten sehr hoch ein und mir ging sein Tod sehr nahe und lange Tage ging ich trüben Sinnes über seinen Verlust einher. Was er Ihnen gewesen, kann ich Ihnen nachfühlen, da ich selbst ein banges Mutter- und Schwesternherz zu Hause habe – vielleicht Ihre Stütze im Alter, Ihr Hoffen und Ihre Freude. Tragen Sie Ihr bitteres Leiden mit dem Gedanken, das so hart im Leben klingt: „Gott hat es anders gewollt“.

17. Am 1. Pfingsttage mußte zugleich auch eines anderen Gefallenen gedacht werden, nämlich des Vizefeldwebels im 2. bayerischen Pionierbatallion, 2. Feldkompanie, Karl Schneider, 27 Jahre alt, aus Mannweiler. Auch er war Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Klasse und des bayerischen Militärverdienstkreuzes. Er hatte den Feldzug von Anfang an mitgemacht, nach dem er unmittelbar vorher zwei Jahrte lang Soldat gewesen. Eine Granate führte seinen Tod herbei. Seine Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Romesin bei Armentieres in Flandern.
Sein Leutnant und Kompanieführer Reber schreibt über ihn in einem Brief an die Eltern:“Ein trauriges Geschick hat Ihren Sohn Karl, einen der Besten seiner Kompanie, aus unserer Mitte gerissen. Mit seinem Zug Pionieren in Bereitstellung liegend, wurde er kurz vor Beginn eines angesetzten Sturmes von einer Granate am 25.4.1918 vormittags 7 Uhr getroffen. Ein Granatsplitter durchschlug ihm das rechte Bein, ein zweiter Splitter ging ihm in die Brust, der den sofortigen Tod zur Folge hatte. Nachdem Ihr Sohn in zweijährigem harten Dienste in der Kaserne durch Fleiß und Tüchtigkeit zum Unteroffizier sich emporarbeitete und seit Kriegsbeginn das Los der Kompanie teilte, hat er manches Bravourstück entschlossen durchgeführt und dadurch den Kameraden ein Beispiel treuester Pflichterfüllung gegeben. Zwei Auszeichnungen und die Beförderung zum Vizefeldwebel wegen Tapferkeit vor dem Feind sind neben der allgemeinen Hochachtung durch die Kompanie das Zeugnis für seinen Mut. Spät vormittags 11 Uhr wurde er mit noch einem Kameraden unter militärischen Ehren auf dem von den Engländern angelegten Friedhof in Romain rechts der Straße Armentieres – Barlleul zur letzten Ruhe gebettet. Ein schlichtes Kreuz ziert seine Ruhestätte. In ihm verliert die Kompanie einen treuen und tüchtigen Zugführer und Kameraden, von dessen Mut wir noch viel erwarten durften. Meine und der Kompanie aufrichtige Teilnahme an dem schweren Verlust Ihres lieben Sohnes möge Ihne und Ihren Angehörigen den Schmerz lindern“.

18. Am 25. Juli 1918 wurde in der Gegend von Reims Philipp Friedrich Dautermann, geboren am 25. September 1893 zu Cölln, beerdigt. Er war im Jahr 1913 beim bayerischen Infanterieleibregiment eingetreten und stand bei der 11. Kompanie. Den Feldzug machte er anfänglich bei seinem Regiment mit, wurde dann zum Alpenjägerkorps versetzt und nahm an den Kämpfen in den Alpen und in Serbien teil. 1916 verwundet kam er nach Wiesbaden ins Lazarett. Viele und schwere Kämpfe waren es, an denen er beteiligt war und daß er seinen Mann gestellt, geht daraus hervor, daß er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem bayerischen Militärverdienstkreuz 3. Klasse ausgezeichnet war. Ein braver, ruhiger Mensch ist mit ihm dahingegangen. An seine Eltern schrieb der Feldgeistliche, der ihn bestattete, folgenden Brief: „Ich möchte Sie nicht erschrecken, wenn ich Ihnen von Ihrem Sohn Fritz berichte, daß ich ihn soeben mit noch drei tapferen Kameraden mit allen kirchlichen und militärischen Ehren beerdigt habe, Gott tröstet Sie in herbem Leid! Ich trauere mit Ihnen, aber ich bete auch mit Ihne für den lieben Sohn um ewiges Licht, ewigen Frieden, ewige Ruhe! Er hatte eine schwere Gasvergiftung, er hatte eine sehr gute Pflege, er hatte auch einen hervorragenden Stabsarzt, allein die Lunge war schon allzusehr angegriffen und so hatte dann seine letzte Stunde geschlagen für diese Welt. Gott mit Ihnen!
Unter herzlichen Grüßen verbleibe ich, Ihr ergebenster Feldgeistlicher Ambrosius Weber

Im Westen, den 25.Juli 1918, bay. Feldlazarett 27, D.F.P. 790

 

 

 

Kriegschronik Oberndorf – Teil VII

Beteiligung der Gemeinde an der Kriegshilfe.

a) Spenden an Geld und Naturalien

1914: Was während des Krieges an Geld und Naturalien von den Angehörigen der Pfarrei gespendet wurde, kann nur insoweit mitgeteilt werden, als es zur Kenntnis des Berichterstatters kam.
In Oberndorf gingen bei der ersten Sammlung für das Rote Kreuz 198 Mark ein. Darunter befindet sich der Kassenbestand des Gesangvereins mit 68 Mark. Dabei ist zu bemerken, dass die Gaben, mit Ausnahme von 9,50 Mark, alle von den Protestanten gegeben wurden. Später nahmen die Katholiken unter sich besondere Sammlungen vor und lieferten 45 Mark ab. Die Gemeinde spendete 90 Mark. Besonders hervorgehoben zu werden verdient, daß die Schulkinder beider Konfessionen unter sich eine Sammlung vornahmen, welche die stattliche Summe von 40 Mark ergab. Summa: 253 Mark.
Im laufe des Jahres 1914 gingen hauptsächlich zur Beschaffung von Wolle ein 58 Mark. Das Almosen, welches nach einem Beschluß ebenfalls für Kriegszwecke verwendet wurde, ertrug bis Ende des Jahres 68 Mark 66. Zusammen mit obiger Summe 379 Mark 66 Pfennig.
Die von der Kirchenbehörde angeordnete Kirchensammlung für Ostpreussen und Elsass-Lothringen ertrug 50 Mark. Für Weihnachtsgaben wurden gespendet an Geld 29,50 Mark. Summa: 450,16 Mark.

In Mannweiler gingen im Jahr 1914 ein bei der ersten Sammlung 110 Mark, bei den Schulkindern aus Mannweiler und Cölln 35,45 Mark, von der Bahnwache deren Lohn mit 40 Mark, für Ostpreussen und Elsass-Lothringen 167,70 Mark. Dazu hatte Mannweiler noch 50 Mark gesammelt. Die Weihnachtssammlung ertrug 25 Mark, das Almosen bis zum Ende des Jahres 165,05 Mark. Summa: 593,20 Mark

Aus der Gemeinde Cölln sind zu verzeichnen der Ertrag einer Sammlung mit 85 Mark. Die Spenden für Ostpreussen befinden sich unter den bei Mannweiler angegebenen, ebenso das Almosen.
Auf dem Schmalfelderhof mit Bremrich wurden von der dortigen landwirtschaftlichen Genossenschaft 500 Mark bewilligt und das Almosen bei den vielen dort abgehaltenen Kriegsgottesdiensten betrug 166 Mark 55. Summa: 666,55 Mark.

Summe aller Beträge im Jahr 1914: 1994 Mark 91 Pfennig. Auf Vollständigkeit können und wollen die vorstehenden Zahlen keinen Anspruch erheben, da, wie gesagt, nur die Beträge berücksichtigt wurden, welche zur Kenntnis des Berichterstatters gelangten.

Ganz besonders aber verdient hervorgehoben zu werden, was von den Gemeindegliedern nicht blos während des Jahres 1914, sondern während des ganzen Krieges an Naturalien gespendet wurde. Dies im Einzelnen aufzuführen ist unmöglich, da die Gaben an verschiedenen Sammelstellen und Lazarette geschickt wurden. Hervorzuhebenden Anteil daran hatten die Bewohner der Höfe, namentlich des Schmalfelder- und Bremricherhofes. Ganze Wagenladungen gingen wiederholt ab.
Im Einzelnen sei folgendes erwähnt. Es gingen ab aus Oberndorf, Schmalfeld, Bremrich und Morsbach 17 Sack Kleider nach Ostpreussen. Aus Oberndorf allein zwei Sendungen Lebensmittel an das Lazarett der Diakonissenanstalt in Speyer, je eine an das Lazarett im Kotten und dem Maxschulhaus in Kaiserslautern, eine Sendung Wollsachen, Konfekt, Obst, Tabak, Zigarren, Zigaretten, Tee, Kakao, Zucker an die Sammelstelle für Weihnachten in Speyer, ein Packet Wollsachen an das 5. Reserveinfanterieregiment mit Tabak u.s.w., eins an das 18. bayerische Infanterieregiment und drei an das 8. bayerische Reserveinfanterieregiment, alle zur Verteilung an bedürftige Soldaten. Ebenso war es auch in den andren Teilen der Pfarrei.

An Wäsche wurde in das erwähnte Lazarett in Speyer geliefert: 105 leinene Hemden, 19 Betttücher, 8 Kopfkissen, 42 Handtücher, 1 Bettbezug, 2 Kopfkissen, Rote-Kreuz-Binden. Mannweiler stellte zur Verfügung: 186 Hemden, 34 Betttücher, 12 Kopfdecken, 20 Kopfkissen, 43 Arm-Schlingen, 56 Handtücher, 3 Schürzen, 18 Rote-Kreuz-Binden, 12 gefüllte Kissen, 50 Paar Socken, 50 Paar Strümpfe, 1 Wasserkissen, 100 Fußlappen, 15 Leibbinden, Pulswärmer, 6 wollene Hemden, 6 Paar Unterhosen; hierin sind auch die Leistungen von Cölln inbegriffen. An alten Wollsachen wurden in der Reichswollwoche 15 Sack aus Oberndorf abgeliefert, die 2,5 Zentner wogen. Daraus wurden Decken für die Soldaten gefertigt. Auch in Mannweiler hatte diese Sammlung ein erfreuliches Ergebnis.

Mitarbeit der Frauen und Jungfrauen

a). bei der Versorgung der Truppen mit Kleidern und Genußmitteln
Wenn auch bei Ausbruch des Krieges der Frauenverein vom Roten Kreuz in der Pfarrei nur vierzehn Mitglieder zählte, so fanden sich doch sofort nach der Mobilmachung sehr viele bereit, sich in den Dienst desselben zu stellen. Die in den Gemeinden gesammelten Wäschestücke wurden nach den Vorschriften des Roten Kreuzes zurecht gemacht. Im Schulhaus zu Mannweiler und im Pfarrhaus zu Oberndorf fanden sich hierzu freiwillige Helferinnen ein. Was dabei hergestellt wurde, ist oben schon erwähnt.
Mit Beginn des Herbstes versammelten sich in Oberndorf Frauen, Mädchen und auch Kinder wöchentlich drei Mal im Schulsaal um allerlei Wollsachen, Strümpfe, Kniewärmer, Leibbinden, Ohrschützer, Kopfhauben und Pulswärmer zu stricken. Die hierzu nötige Wolle wurde teils von der politischen Gemeinde bezahlt, teils durch freiwillige Beiträge aus der protestantischen Gemeinde und durch protestantische Almosen. Im Winter wurden die Strickabende im Pfarrhaus fortgesetzt. Ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient der Fleiß der älteren Schulmädchen. Unermüdlich rührten sie die Hände, strickten selbst während des Schulunterrichtes, wenn sie gerade nicht beschäftigt waren. Die nachstehenden Zahlen geben ein Bild von dem, was geleistet wurde; es wurden gestrickt: 155 Paar Socken, 31 Paar Kniewärmer, 27 Paar Pulswärmer, 8 Leibbinden, 37 Ohrenschützer, 16 Kopfhauben. Was von den Schulkindern während des Handarbeitsunterrichtes gestrickt wurde, ist hierbei nicht mitgezählt. Auch hierfür hat die Gemeinde die Wolle gestellt. Katholischerseits wurde fast nur die Wolle verstrickt, die von der politischen Gemeinde geliefert wurde. Aus eigenen Mitteln wurde nur sehr wenig aufgebracht. Dagegen wurden die gestrickten Wollsachen nur an katholische (!) Soldaten  abgegeben. Auch die im Handarbeitsunterricht hergestellten Sachen beanspruchte der katholische Pfarrer zur Hälfte, obwohl die protestantischen Kinder 2/3 ausmachten. Doch wurde ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht und seitens der Gemeinde alles an das Rote Kreuz abgeliefert. Auch in den anderen zur Pfarrei gehörigen Gemeinden wurde, und zwar meistens in den einzelnen Häusern, gestrickt, in Mannweiler auch aus den Stoffresten der Reichswollwoche eine Anzahl Teppiche hergestellt.
Wie weit die Frauen und Jungfrauen bei der Versorgung der Truppen mit Genußmitteln beteiligt waren, geht aus der oben angeführten Zusammenstellung der abgesendeten Gaben hervor.
Neben diesen allgemeinen Spenden an die Soldaten wurde im besonderen außerordentlich viel geleistet. In Mannweiler  erhielt jeder im Feld stehende Ortsangehörige von der Gemeinde ein Weihnachtsgeschenk. Von den einzelnen Gemeindegliedern wurden überall fortwährend Feldpostpakete mit allerlei Inhalt an die einheimischen Soldaten, sowie an Verwandte und Bekannte abgeschickt. Es war ein edler Wetteifer, den Soldaten den Aufenthalt in Feindesland so erträglich wie möglich zu machen. Auch arme Soldaten, deren Namen von Ortsangehörigen mitgeteilt waren, wurden mit Allerlei bedacht. An Dankbarkeit für all das Geleistete hat es nicht gefehlt. Hierfür nur einige Beispiele:
Der Regierungspräsident in Gumbinnen dankte der Gemeinde herzlichst für die freiwillige Unterstützung, die man den von den Kriegsereignissen hart betroffenen Ostpreussen durch die in Aussicht gestellten Liebesgaben (gemeint sind die 17 Säcke Kleider) zukommen lassen will.
Die Diakonissenanstalt Speyer und die Lazarette im Max- und Kottenschulhaus zu Kaiserslautern für die übersandten Liebesgaben an Lebensmitteln.
Der Landesausschuß vom Roten Kreuz in Speyer – Weihnachtsausschuß – bestätigte mit Dank den Empfang der Weihnachtsliebesgaben aus der protestantischen Gemeinde Oberndorf.
Soldaten schrieben: „Muß mich als Unbekannter vielmals bedanken für die Liebesgaben, die Sie an die 2. Kompanie geschickt haben“. „Habe zu meinem größten Erstaunen die zwei Pakete erhalten, wofür ich Ihnen und der wohllöblichen Gemeinde Oberndorf zu größtem Dank verpflichtet bin. Werde mir diese Wohltaten auch fernerhin zum größten Andenken bewahren“. Ein Österreicher: „Ich kann Ihnen und Gott nicht genug danken, da ich die Wäsche sehr notwendig brauchte. Ich bin mit Gottes hilfe bis jetzt glücklich davongekommen und hoffe, daß es auch so weiter geht“. „Solche Sachen kann man bei solch einem Wetter sehr gut brauchen, ich werde Sie und die Gemeinde stehts in meinem Andenken behalten“. „Möge es Euch Gott vergelten, was Ihr an den Vaterlandsverteidigern alles tut“! „Wir sahen, daß auch Sie an der Verteidigung des Vaterlandes mithelfen. Es soll unser Bestreben sein, auch fernerhin unserer Pflicht getreu nachzukommen und hoffen bald den Zweck unseres Ziels erreicht zu haben“. „Herzlichen Dank für die Liebesgaben. Werde sie meines Lebtages nicht vergessen (ist bald darauf gefallen)“. „Meine Kameraden und ich sagen Ihnen hiermit unseren besten Dank. Auch vielen Dank der evangelischen Pfarrgemeinde Oberndorf, deren Mitglied ich auch früher gewesen bin (aus Mannweiler, diente auf Seiner Majestät Schiff Prinzregent Luitpold). So Gott will, werde nun auch das stolze Albion bezwungen, das uns so unehrlich in den Krieg zog. Siegen oder Sterben ist unsere Losung! Wenn eines Tages der Ruf zu einer großen Seeschlacht schallt, dann wollen auch wir zeigen, daß wir einem weit überlegenen Gegner gewachsen sind und wir alle von deutschem Mut beseelt sind“.
Solche Dankbarkeit wirkt außerordentlich wohltuend.

b). Bei der Pflege der Verwundeten und Kranken.

Zu dieser Art an Liebestätigkeit war keine Gelegenheit gegeben, da die Pfarrgemeinde zu weit von den Lazaretten entfernt ist. Doch trat die zweitälteste Tochter des Berichterstatters, nach dem sie in Rockenhausen einen Lehrgang für Kranken- und Verwundetenpflege mitgemacht hatte, anfangs Oktober 1914 in das Lazarett der Diakonissenanstalt in Kreuznach als Pflegerin ein. An Typhus erkrankt, mußte sie diese Tätigkeit unterbrechen, um sie nach ihrer Wiederherstellung im Februar 1915 wieder aufzunehmen. Sie blieb dann noch bis Anfang August im Dienst, wobei sie eine Anzahl Austauschgefangener, die aus französischer Gefangenschaftgekommen waren, zu versorgen hatte. Es waren fast lauter Leute, die einen Arm oder ein Bein verloren hatten. Die dankbaren Briefe, welche sie an ihre Schwester Gertrud schrieben, nach dem sie entlassen waren, beweisen, daß die Pflegerin es verstanden hat, sich nützlich zu machen. Das wurde ihr auch von der Vorsteherin der Anstalt in einem Zeugnis bestätigt. Da für die Folge ihre Hilfe nicht mehr so dringend nötig war, trat sie im August 1915 zurück und suchte sich wieder eine Stelle als Kindergärtnerin. Zwei ihrer Pfleglinge besuchten sie später in Oberndorf, der eine ein Austauschgefangener, der aus dem Heim als Invalide entlassen war, und der andere ein Unteroffizier des Gardegrenadierregiments Elisabeth, der noch in der selben Woche, da sein Besuch dahier stattfand, nachdreimaliger Verwundung zum vierten Mal ins Feld kam und vom ersten Gefecht an, seit 11. Oktober vermißt wurde. Er war Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter und erster Klasse. Auch der Erstere hatte das Eiserne Kreuz 2. Klasse als Auszeichnung erhalten.

Auch im Jahr 1915 erlahmte die Liebestätigkeit nicht. Ganz besonders wurden die Lazarette der Diakonissenanstalt in Speyer und in Kaiserslautern weiterhin sehr reichlich mit Lebensmitteln aller Art bedacht. Es bedurfte nur des Wunsches von irgend einer Seite und es war bald eine Sendung beisammen, die mit herzlichem Dank quittiert wurde. Das Almosen, das noch fernerhin für Kriegszwecke verwendet wurde, ertrug im 1. Vierteljahr 31,85 Mark, in Menzweiler 89,60 Mark. Das Oberndorfer Almosen wurde hauptsächlich zum Ankaufen von Wolle verwendet und 25 Mark dem Roten Halbmond zugewiesen. Das in Menzweiler erhobene wurde ganz dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond zugewießen. Es erhielt das erstere im Mai 1915 400 Mark, 200 bei der Sammelstelle Rockenhausen und 200 in Speyer eingezahlt, letzteres 40 Mark. Für den Roten Halbmond wurden außerdem in Oberndorf durch den Adjunkten 74,50 Mark gesammelt. Dem Hindenburgfond konnten durch den Verkauf von 40 Bildern dieses gefeierten Heerführers 60 Mark zugeführt werden.
An altem Metall wurden in Oberndorf und Mannweiler ziemliche Mengen gesammelt. Den Lazaretten in der Nähe, besonders in Kreuznach, wurde von vielen Seiten Blumensträße geschickt, wofür die Verwundeten und Kranken sehr dankbar waren, besonders die Austauschgefangenen in Kreuznach, die sieben Monate in französischer Gefangenschaft waren und ein Bein, einen Arm oder ein Auge verloren hatten.
Die im Februar vorgenommene Sammlung von Lebensmitteln für die Lazarette hatte einen guten Erfolg, ebenso die im Juni vorgenommene Sammlung von alten Metallsachen und Webzeug. Von letzterem konnten 10 Sack abgeliefert werden. Auf die Bitte der Abnahmestelle II in Landau wurden Liebesgaben und 25 Mark in Baar gespendet, ferner wurden der gleichen Stelle von der Kirchenkasse Mannweiler 80 und von Oberndorf 20 Mark überwiesen.
Das Dankopfer am 1. August, dem Jahrestag des Kriegsbeginns, hatte ein sehr schönes Ergebnis. Es gingen ein in Oberndorf 112 Mark, aus der protestantischen Kirchenkasse 15 Mark 80, in Mannweiler 158 Mark, aus der Kirchenkasse Menzweiler 25 Mark, in Cölln mit Weidelbach 46,50 Mark, zu Schmalfeld 163,70 Mark, zu Bremrich 20 Mark und Morsbach 9 Mark, zusammen 550 Mark, die dem Bezirksamt übermittelt wurden.
Im 2. Vierteljahr ertrug das Almosen in Oberndorf 25,60 Mark und in Menzweiler 100,84 Mark.
Im 3. Vierteljahr belief sich das Almosen in Oberndorf auf 24,95 Mark und in Menzweiler auf 51,50 Mark.
Zur Anfertigung von Munition mußten im September sämtliche kupfernen und messingnen Kessel und Geschirre gegen Entschädigung an den Staat abgeliefert werden. Es wurden bezahlt für das Kilogramm Kupfer 4 Mark, Messing 1,80 Mark. Auch der Kessel in der Küche des Pfarrhauses wurde herausgenommen und abgeliefert.
Die im Oktober vorgenommene Sammlung für die deutschen Kriegsgefangenen in fremden Ländern ergab in Oberndorf 99,10 Mark, in Mannweiler 140,80 Mark, in Cölln 50 Mark mit den Höfen. Für das bulgarische Rote Kreuz wurden von der Kirchenkasse Oberndorf 10 Mark und aus Mannweiler 20 Mark gespendet.
Zur Weihnachtsspende für die im Felde stehenden wurden beigesteuert in Oberndorf 100 Mark, in Mannweiler 150 Mark, in Cölln und von den Höfen Schmalfeld und Bremrich wurde gemeinsam mit der Gemeinde Bayerfeld-Steckweiler beigesteuert.
Im 4. Vierteljahr ergab das Almosen in Oberndorf 23,50 Mark, in Menzweiler 56,59 Mark. Sohin im Ganzen Oberndorf 105,90 Mark, Menzweiler 292,53 Mark, zusammen 398,43 Mark.
Für das Lazarett Garny bei Metz wurden in Oberndorf 4 große Kisten mit Bettzeug, Leibwäsche, Obst und Eingemachtes gesammelt,womit einem großen Bedürfnis abgeholfen wurde, da es im ganzen Lazarett fast an allem fehlte. Zur Herstellung der erwähnten Gegenstände wurden von den Bewohnern von Oberndorf und des Schmalfelderhofes und Bremricherhofes eine große Zahl weißer Baumwollstrümpfe sowie Leinensachen geschenkt, die im Pfarrhaus entsprechend verarbeitet wurden, wobei eine Anzahl Frauen und Mädchen fleißig mithalfen.
Zum Schluss des Jahres machte die Gemeinde Oberndorf aus ihrer Kasse den einheimischen Soldaten noch Geschenke.
1915 im Ganzen bar abgeliefert: 1922 Mark 41 Pfennig.

Aus Liebestätigkeit: 1916

Das Almosen ertrug im 1. Vierteljahr in Oberndorf  20,25 Mark
in Menzweiler 49,58 Mark
2. Vierteljahr in Oberndorf  38,51 Mark
in Menzweiler 35,25 Mark
3.Vierteljahr  in Oberndorf  13,95 Mark
in Menzweiler 36,89 Mark
4.Vierteljahr in Oberndorf   21,25 Mark
in Menzweiler 58,45 Mark
Summe: 274,87 Mark
Für die bayerische Kriegsfürsorge in München wurden gespendet von der Kirchenkasse Oberndorf 20 Mark und Menzweiler 20 Mark aus Almosen = 40 Mark. Am 2. Kriegsopfertag gingen ein in Oberndorf 118, 20 Mark, in Mannweiler 194,50 Mark, in Cölln 84,20 Mark und in Schmalfeld 292 Mark, in der Summe 598,90 Mark.
Die Kirchensammlung für die evangelischen Gemeinden in Polen ertrug in Oberndorf 7,40 Mark, in Menzweiler 10,60 Mark. Aus den übrigen Almosen wurde von jeder Gemeinde 5 Mark zugelegt. Gesamtbetrag: 18 Mark.
Der pfälzischen Kriegsfürsorge wurden aus Oberndorf 25 Mark und aus Menzweiler 50 Mark aus dem Almosen zugewendet, im Ganzen 75 Mark. Auf die 5. Kriegsanleihe wurden, hauptsächlich von Kindern aus ihren Sparbüchsen, 745 Mark gezeichnet, in Mannweiler, wo sich auch Erwachsene beteiligten, 1520 Mark. Der Nationalstiftung zu Gunsten der Hinterbliebenen der im Krieg Gefallenen konnte an Kirchenalmosen aus Oberndorf 18 Mark und aus Menzweiler 22 Mark, im Ganzen 40 Mark zugeführt werden.
Außer den kirchlichen Sammlungen für Kriegszwecke wurden auch 1916 solche für andere Zwecke vorgenommen, welche wie in früheren Jahren ausfielen.
Im Herbst wurde eine Sammlung von Lebensmitteln in Oberndorf vorgenommen, die an die Lazarette in Kaiserslautern und Speyer abging. An Bargeld wurden 1916 abgeliefert 751,90 Mark.

Die Liebestätigkeit 1917

Das Almosen ertrug im 1. Vierteljahr in Oberndorf   18,46 Mark
in Menzweiler  40,47 Mark
im 2. Vierteljahr in Oberndorf   17,25 Mark
in Menzweiler  43,21 Mark
im 3. Vierteljahr in Oberndorf   15,60 Mark
in Menzweiler    69,63 Mark
im 4. Vierteljahr in Oberndorf   13,90 Mark
in Menzweiler    41,06 Mark
Summe: 264,64 Mark
Für die bayerische Kriegsfürsorge in München wurden dazu gespendet im Januar von Oberndorf 20 Mark, von Menzweiler 50 Mark, Summe = 70 Mark.
Für die pfälzische Kriegsfürsorge in Speyer im Januar von Oberndorf 20 Mark, von Menzweiler 50 Mark, Summe = 70 Mark.
Am Opfertag 1917, dem 5. August, wurden an das Bezirksamt Rockenhausen eingeschickt von der Kirchenkasse Oberndorf 28 Mark und von Menzweiler 64,50 Mark, in Summe 92,50 Mark.
U-Bootspende 108 Mark.
Dazu wurde gesammelt in Oberndorf bei den Protestanten 91,60 Mark, bei den Katholiken 37 Mark, in Mannweiler 134,50 Mark, Cölln 66,10 Mark, Schmalfelderhof 330 Mark, Bremricherhof 49 Mark, im Ganzen 849,70 Mark.
Zu der Kirchensammlung am Reformationsjubiläum für die durch den Krieg geschädigten Schutzgebiete wurde in Oberndorf ein Zuschuß von 20 Mark, in Mannweiler ein solcher von 25 Markbewilligt. Danach betrug die Sammlung in Oberndorf 28 Mark, in Menzweiler 52 Mark, in Summe 80 Mark.
Die Kirchensammlung zu gunsten der Nationalstiftung am 2. Dezember 1917 ergab in Oberndorf 4,20 Mark, dazu 10 Mark aus dem Almosen, in Menzweiler 11,10 Mark, dazu 25 Mark aus dem Almosen, Summe 50,30 Mark.
Im Jahr 1917 wurden somit im Ganzen abgeliefert 1320,50 Mark.

Die Liebestätigkeit 1918

Almosenerträgnis: 1. Vierteljahr in Oberndorf   46,95 Mark
in Menzweiler   54,65 Mark
2. Vierteljahr in Oberndorf  32,34 Mark
in Menzweiler   33,98 Mark
3. Vierteljahr in Oberndorf   29,80 Mark
in Menzweiler   28,88 Mark
4. Vierteljahr in Oberndorf   29,66 Mark
in Menzweiler   60,54 Mark
Summe: 316,80 Mark
Die Soldatenheim – Sammlung wurde aus der Kirchenkasse Oberndorf mit 30 Mark und aus Menzweiler mit 50 Mark vermehrt. Das Ergebnis der Sammlung in den Gemeinden ist nicht bekannt geworden. Schmalfeld gab 170 Mark, Summe = 250 Mark.
An Kriegsanleihe wurden im April in Oberndorf von den Kindern 1767 Mark und in Mannweiler 2582 Mark gezeichnet, Summe = 4349 Mark. Zur Ludendorfspende wurden beigesteuert in Oberndorf aus der Kirchenkasse 20 Mark, von den Schulkindern 50 Mark und aus der Gemeinde 250 Mark = 320 Mark. In Mannweiler von den Schulkindern 79,90 Mark, aus der Gemeinde 352 Mark = 431,90 Mark, in Cölln 46,20 Mark, Summe = 799,50 Mark.
Die Kirchensammlung für Jugendpflege, welche beim Unionsjubiläum erhoben wurde, ergab in Oberndorf 7 Mark, dazu aus den Almosen 10 Mark = 17 Mark, in Menzweiler 16,60 Mark, dazu 20 Mark aus dem Almosen = 36,60 Mark, zusammen 59,60 Mark. Im Laufe des Jahres wurden somit abgeliefert 1101,10 Mark. Von den Almosen in Oberndorf wurden 100 Mark verzinslich angelegt, um damit eine Gedenktafel für die Gefallenen in der Kirche anbringen zu können.
Den Rest des Almosens in Menzweiler verwendete das Presbyterium in der Weiße, daß es 112 Mark der Glockenrücklage und 58 Mark der Orgelrücklage zuteilte.
Die Reste fielen in beiden Gemeinden der Kirchenkasse zu und es hat damit die Verwendung des Almosens zu Kriegswohlfahrtszwecken aufgehört. Im Ganzen wurden dafür verausgabt in Oberndorf 374 Mark, in Menzweiler 1095 Mark, in der Summe 1469 Mark.
Während des Krieges wurden an Barmitteln, soweit diese ermittelt werden konnten, gespendet:
1914: 1794,91 Mark
1915: 1922,41 Mark
1916:   751,90 Mark
1917: 1920,50 Mark
1918: 1101,10 Mark
In der Summe : 6891,62 Mark
Rechnet man dazu die Gaben an Lebensmitteln, Kleidung, Wäsche u.s.w., so dürfte sich eine Summe von 10 000 Mark ergeben.

Kriegshumor:

Daß bei so vielen lebenslustigen, siegeszuversichtlichen jungen Leuten beim Ausmarsch auch der Humor zur Geltung kam, kann nicht Wunder nehmen. Auf den Eisenbahnwagen fanden sich allerlei Inschriften, von denen einige mitgeteilt seien:

„Jeder Stoß ein Franzos; jeder Schuss ein Russ“.
„Platz da – Eilzug nach Paris. Neue Wichse für Frankreich“.
„In 14 Tagen Tangounterricht in Paris“ (Tango ist ein neuer Tanz).
„Immer feste drauf. Parole: Auf Ihn! Haut Ihn! In Eile – Frankreich kriegt Keile! Die Serben sind alle Verbrecher, ihr Land ist ein finsteres Loch, die Russen sind auch nicht besser, aber Keile kriegen sie doch“.
„Wir fürchten keinen Serben, keinen Pollack, keinen Russen, keinen Kosak, keinen Briten, keinen Franzos, wir sind die tapferen Bayern und hauen fest drauf los“.
„Nix wie enuff!“
„Gegen Frankreich zieht das deutsche Heer, für Russland langt die Feuerwehr!“
„Lieb Vaterland magst ruhig sein, in 14 Tag ist Frankreich dein“.

 

Beißender Spott  wurde in der Heimat den Kommunalverbänden gewidmet. Der Volksmund bezeichnete sie nicht anders denn als „Kriminalverband“. Seiner Tätigkeit wurde in Kaiserslautern folgender Vers gesungen:
„Es braust ein Ruf wie Donnerhall;
In Lautre sin die Grumbeere all.
Die Butter, Eier un de Speck,
Die fresse jo die Reiche weg
Die Arme un de Mittelstand
Die hot de Kommunalverband.
Auch der Tod so vieler junger Menschenleben regte das Volk zum Dichten an. Besonders Gutes ist allerdings nicht herausgekommen. Immer aber geben sie ein Zeugnis von der Stimmung, die im Volke herrschte, weshalb einige Verse hierhergestellt seien.
„Auf fremder Erde schwer und müde sank sein Haupt zur ewigen Ruh. Fürs Vaterland gabst du dein junges Leben, schlaf wohl nun, wackrer Streiter, du. Warst noch jung, starbst viel zu früh, wer dich gekannt, vergisst dich nie.
Schwer bist du von uns geschieden, als du zogst in Feindesland. Ruhe sanft in süssem Frieden, du starbst als Held fürs Vaterland.
Im Grabe Ruh, im Leben Schmerz, schlummere sanft du treues Herz.
Geliebt und unvergessen bleibt mir mein treu geliebter Mann.
Den Schmerz kann nur ermessen, wer es erfahren schon.
Zu früh schlug diese Stunde, die ihn aus unserer Mitte nahm.
Doch tröstend kommt aus unserem Munde: Was Gott tut, das ist wohlgetan.“

Im Felde schrieb ein Soldat an seine Angehörigen:
Wenn ihr schaut in stillen Nächten
Tränenschwer zum Himmelszelt,
Während ich mit Feindesmächten
Ringe auf dem Kriegesfeld.
Ihr Lieben, ach dann tröstet euch,
Denn ich kämpfe auch für euch.
Soll ich nimmer wiederkehren
In das Elternhaus zurück,
Soll ich sterben hier zur Ehre
Für des Königs Waffenglück,
Ihr Lieben, ach dann betet für mich,
Daß in Frieden ruhe ich.

 

 

70 Jahre Nordpfälzer Herbstfest ?

Das „Wochenblatt“, Amtsblatt der Verbandsgemeinden Alsenz-Obermoschel und Rockenhausen titelt in der Ausgabe vom 22. August 2019 auf Seite 1  „Bilder aus den vergangenen 70 Jahren gesucht“, der Countdown läuft – 70 Jahre Nordpfälzer Herbstfest.

Damit erweckt das Wochenblatt den Eindruck, dass das Nordpfälzer Herbstfest im Jahre 1949 erstmalig gefeiert worden sei, also seine Etablierung in die Zeit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland falle.

Nach hier vorliegenden Informationen ist dem nicht so.

Die Geburtsstunde des Nordpfälzer Herbstfestes schlug am 22./23. August 1936. Erfinder und Initiator war der damalige NSDAP – Kreisleiter des Landkreises Rockenhausen und Stadtbürgermeister von Rockenhausen  Karl-Josef Graf aus Hettenleidelheim.

Wegen der Absatzschwierigkeiten beim Wein rief der damalige „Reichsnährstand“ ab 1934 die „Patenweinaktion“ ins Leben. Ca. 250 deutsche Städte übernahmen eine bestimmte Quantität Wein und schenkten ihn zu einem Einheitspreis von 1,40 Mark als Patenwein aus. So bestand zum Beispiel zwischen Oberndorf/Alsenz und dem oberschlesischen Großstrehlitz ein entsprechendes Arrangement. Zudem wurde am 19. Oktober 1935 die „Deutsche Weinstraße“ von Bockenheim nach Schweigen eröffnet. In diesem Zusammenhang ist auch die Veranstaltung des ersten „Nordpfälzer Weinwerbefestes“, wie es damals noch hieß, zu sehen. Graf wollte mit seiner Initiative Werbung für den in Schwierigkeiten geratenen Nordpfälzer Weinbau betreiben.
Die „Pfälzische Tageszeitung“ vom 12.08.1936 schrieb dazu in der Vorschau: „Die gesamte weinbautreibende Nordpfalz (wird) demnächst mit einer großangelegten Werbung vor die Öffentlichkeit treten. Daß diese Werbung für unsere einheimischen Erzeugnisse nottut, darüber kann wohl kein Zweifel bestehen. Man hat es bisher viel zu wenig verstanden, unseren hochqualifizierten Naturprodukten auf dem Gebiet des Weinbaus den gebührenden Namen zu verschaffen. Der Nordpfälzer Wein ist seither in der Kategorie der Rhein- oder Naheweine untergegangen; und das soll nun anders werden. Wir stehen vor einer neuen, voraussichtlich guten Weinernte; da muß der alte Wein dem neuen Platz machen. Die Absatzschwierigkeiten sollen durch eine geeignete Werbung überwunden werden, und man ist allgemein der Überzeugung, daß dies durch das angesetzte Weinwerbefest gelingen wird. Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß das  Nordpfälzer Weinwerbefest unserer einheimischen Weinbauwirtschaft den heißersehnten wirtschaftlichen Auftrieb geben wird. Und wenn beachtliche Erfolge erzielt werden – was zu erwarten ist – dann ist es naheliegend, das Nordpfälzer Weinwerbefest zu einer dauernden Einrichtung zu erheben.“

Entsprechend wurde das Vorhaben in die Tat umgesetzt. In der städtischen Turnhalle von Rockenhausen waren Weinstände der verschiedenen Weinbaugemeinden aufgebaut. Eröffnet wurde das Fest mit einem gemütlichen Unterhaltungsabend. Der eigentliche Höhepunkt war jedoch der Umzug am folgenden Tag, dem 23.08.1936.
Das erste „Nordpfälzer Weinwerbefest“ wurde jedenfalls zu einem tollen Erfolg. Schon ein Jahr später (1937) kündigte der damalige Gauleiter Bürckel seinen Besuch an und wurde laut Bericht der „Pfälzischen Tageszeitung“ vom 31.08.1937 „allseitig stürmisch aufs herzlichste begrüßt“.

Mit Hilfe solcher Aktionen gelang es, die Bestände in den Weinkellern weitgehend abzubauen. Der Pro-Kopf-Weinverbrauch steigerte sich in den Jahren 1935 bis 1939 im damaligen Dritten Reich von 4,6 Litern auf 6,6 Liter.

Soweit zu den historischen Hintergründen des Rockenhausener Herbstfestes.

Es wäre zu wünschen gewesen, der Autor des eingangs erwähnten Wochenblattartikels hätte die Fakten zum Rockenhausener  Herbstfest gründlicher recherchiert, um seiner Verantwortung als Journalist gerecht zu werden.