Kriegschronik von Oberndorf Teil IX

Mitteilungen aus Briefen der Kämpfer I.

Wachtmeister im 5. bayerischen Feldartillerieregiment, Sebastian Friedrich aus München, Schwiegersohn des Schreiners Wolfänger aus Oberndorf stellte folgenden Bericht zur Verfügung:

Nach dem am 2. August die offizielle Kriegserklärung erfolgt war, begann überall in den Kasernen eine fieberhafte Tätigkeit. Die Mannschaften wurden vollständig eingekleidet, die Pferde, Geschütze und Fahrzeuge wurden hergerichtet und kriegsmäßig beladen. Am 7. August war die Batterie marschbereit und am 8. August 2 Uhr erfolgte der Abmarsch aus der Kaserne, nach dem vorher von Weib und Kind Abschied genommen war. In der Nacht erfolgte das Verladen der Geschütze und Pferde und um 5 Uhr morgens der Abmarsch aus Landau. Die Mannschaften wurden am Bahnhof vom Roten Kreuz bewirtet, die Wagen, mit Kränzen geschmückt, machten einen festlichen Eindruck. Überall herrschte große Begeisterung. Sehnte sich doch jeder Soldat, baldmöglichst an den Gegner zu kommen.
Um 5 Uhr nachmittags kamen wir mit 6 Fliegern in Falkenberg an. Hier herrschte allgemeine Begeisterung, als man von dem Siege der Kavalleriedivision bei Lagarde hörte, Gesang des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“! Marsch nach Bischdorf. Hier Aufenthalt bis Montag, 9. August früh. An diesem Tag wurde ein Mann erschossen, der auf Soldaten schoß. Vom 2. Batallion des 17. Infanterieregiments wurde Amelecourt eingeäschert, weil von der Bevölkerung 7 Mann verwundet worden waren, darunter einer tödlich. Am 10. August früh 2 Uhr Abmarsch nach Gerbecourt, hier wurde die Abteilung dem 6. Infanterieregiment zur Verfügung gestellt. Mann und Pferd hatten viel unter Durst zu leiden. Die 3. Division hatte den Abschnitt Delme – Chateau Salines zu sicher. Ich mußte nach Hamport fahren, um Lebensmittel zu fassen. Die Ortschaften waren meißt aus Furcht vor Beschießung verlassen. Die Bewohner sprachen meist französisch. Meine an der Berlitz-School erworbenen Kenntnisse im Französischen konnte ich sehr gut verwenden.
Am 17. August Aufenthalt im Quartier. Hier wurde der Tagesbefehl der 3. bayerischen Infanteriedivisionbekannt gegeben, der also lautete:
Divisionstagesbefehl
„Soldaten der 3. Division! Kameraden, jetzt gehts los. Wir stehen vor dem Feinde, der ruchlos unser Vaterland bedroht. Lang genug und mit Aufbietung aller Kräfte haben Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften gearbeitet. Vertrauensvoll können wir den kommenden Ereignissen entgegensehen mit Zuversicht und Gottvertrauen. Wer uns angreift, der soll mit dem Bajonett im Leibe dafür büßen. Für Deutschlands Größe und unseres eigenen Vaterlandes Ruhe setzen wir den letzten Blutstropfen ein, das vertraue ich“,
von Breitkopf, Generalleutnant und Kommandeur der 3. bay. Infanteriedivision.

Am 19. August Quartierwechsel nach Varey. Hier wurde die Batterie zum Schutz der 6. Infanteriebrigade detachiert. Am 18. August früh 4 Uhr Abmarsch der Bagage nach Hubedingen. Die Kolonne fast 4 km lang. Gegen Mittag setzte die erste heftige Kanonade bei Chateau – Salines ein. Der Gegner hatte starke Erdwerke errichtet und die Erstürmung derselben hätte uns viel Blut gekostet, deshalb wurde von Seiten der Oberleitung der Rückmarsch befohlen. Wirkt auch der Rückzug niederdrückend auf manchen Mann, so mußte er doch befohlen werden aus strategischen Gründen, wollte man doch die Franzosen aus ihren Maulwurfslöchern herauslocken und ihnen eine Falle stellen. Das war der erste große Sieg für die Franzosen, wie man in französischen Zeitungen lesen konnte, aber ohne Schuß. Starke Infanteriemassen folgten uns. Bei Mörchingen nahm die Division Stellung und konnte getrost der Annäherung des Feindes harren. Um 3 Uhr nachmittags am 18. August wurde kehrt gemacht nach Varey. Um 5 Uhr setzte heftiger Regen ein. Nachts 11 Uhr kamen wir vollständig durchnässt dort an. Ich schlief auf meinem Futterwagen und fror wie ein Sperber. Doch lange sollte mein Schlaf nicht dauern, denn um 12 Uhr 30 wurde ich wieder durch unsere Batterie-Dienstwache, Einjähriger Naumann, geweckt. Ich mußte noch meinen Wagen abladen, um füttern zu können. Um 2 Uhr Nachts Abmarsch der Bagage (Lebensmittel und Futterwagen) nach Helliner-Diefenbach (62 km). Hier traf ich wieder die ersten Einwohner die deutsch sprachen. Ein echtes deutsches Dorf. Erleichtert konnte man wieder aufatmen, wußte man doch, daß die Einwohner nicht feindlich gesinnt waren, wie die von den welschen Ortschaften. In Hampont wurde aus einem Haus, das noch im Bau begriffen war, auf zwei deutsche Soldaten geschossen, worauf es sofort angezündet wurde. Ein anderes wurde niedergelegt. Hier nahm S.M. König Ludwig III. von Bayern den Vorbeimarsch seiner siegreichen Truppen am 19. September entgegen. Es machte auf die Truppen einen tiefen Eindruck den großen König, die Mütze auf dem Haupt, den Marschallstab in der Rechten, zu sehen. Um 10 Uhr 30 kamen wir in Helliner an, wo auf der Straße abgesessen wurde. Unterkunft fanden wir in Finkbach. Um halb 8 abends waren wir marschbereit und gingen in strömendem Regen nach Wintringen. Dahin wurden die Lebensmittel verbracht und dann nach Diefenbach zurückgeliefert. Hier teilte ich das Quartier mit 1 Unteroffizier und 2 Mann. In Rohrbach hatten wir Festungstag. Da durch eine abgeworfene Fliegermeldung der Anmarsch mehrerer Divisionen aus Nancy gemeldet wurde, wurde erhöhte Marschbereitschaft angeordnet. Um 6 Uhr Abends gings auf Mörchingen, wo wir um 10 Uhr in Kasernen ankamen. Auf der Straße Berg – Soontücken wurden die Lebensmittel ergänzt, dann der Rückmarsch auf Ersdorf angetreten, wo wir um 1 Uhr ankamen. Bis 6 Uhr konnten wir schlafen. Dann mußten wir uns wieder marschbereit machen. 18. August. 5 Uhr nachmittags Abfahrt zur Feuerstellung, in der wir um 1 Uhr nachts anlangten. Die Batterie stand 2 km nördlich Mörchingen. Um 1 Uhr 30 nachts eröffneten die Franzosen ein heftiges Feuer. Salve folgte auf Salve, die Maschinengewehre traten in Tätigkeit. Bei der Batterie erfuhr ich, daß Unteroffizier Friedrich durch einen Schuß ins Becken verwundet worden war. Dieser Tag war für die Batterie ein sehr heißer, den ganzen Tag war sie heftigem Artilleriefeuer ausgesetzt, das aber infolge des schlechten Schießens der Franzosen nur wenig Schaden zufügte. Auf der Rückfahrt nach Pertring sahen wir die feindlichen Stellungen südlich Mörchingen. Einen schauerlich schönen Anblick boten die zwei brennenden Dörfer in der Nähe von Mörchingen. Turmhohe Feuersäulen stiegen zum Himmel. Auf der Straße trafen wir viele Flüchtlinge aus Mörchingen, welche den Ort verließen, weil nachmittags eine französische Granate einschlug und 1 Frau und 2 Kinder tötete. In Parting bezogen wir Unterkunft. Schon früh morgens begann eine heftige Kanonade. Um 5 Uhr 30 angekommen legte ich mich schlafen. Kaum war ich 5 Minuten gelegen, da weckte mich meine Hausfrau mit der Nachricht, es würden französische Gefangene durch den Ort geführt. Nichts wie in die Hosen, um sie zu sehen, aber leider Gottes es waren verwundete Deutsche. Leute vom 17. und 18 Infanterie- und 5. Reserveregiment.
19. August. Den ganzen Tag und die Nacht gefahren. Weder Mann noch Pferd fanden Ruhe und fast nichts zu essen.
20. August. Erste siegreiche Schlacht der Bayern auf der ganzen Linie, fluchtartiger Rückzug des Feindes gegen Chateau-Salines. Viele Opfer hat es die braven Bayern gekostet, um so größer der Ruhm und die Ehre. Besonders hatten die Jäger, das 18. und das 5. Reserveregiment gelitten. Das 18. Regiment schmolz auf 2 Batallione zusammen. Von mancher Kompanie kehrten nur 80 – 90 Mann unverwundet zurück. Noch größer waren die Verluste des Gegners. Haufenweise lagen die Franzosen in den Schützengräben. In einem zählte man annähernd 700 Mann. Sobald die Kolonnen aus dem Wäldchen vorbrachen, wurden sie von unseren Maschinengewehren und Kanonen niedergemäht. Besonders hatten die 1. und 2. Batterie des 5. bayerischen Feldartillerieregiments große Erfolge beim Beschießen der feindlichen Infanterie. Immer wieder drangen neue feindliche Kräfte vor, aber auch sie verfielen dem Schicksal ihrer Kameraden. Mit ihren roten Hosen boten sie unseren Schützen ein gutes Ziel. Gegen Nachmittag war die feindliche Macht gebrochen und nun gab es kein halten mehr. Der Rückzug artete zu wilder Flucht aus. Jetzt trat die gesamte Artillerie und das Maschinengewehr in Tätigkeit und brachte den Fliehenden schreckliche Verluste bei. Das ganze Schlachtfeld war ein großer Friedhof. Tausende von Toten bedeckten das Feld, ebenso auch Verwundete. Ein Bild des Jammers und des Elends. Schwerverwundete baten, man möchte sie doch durch eine Kugel von ihrem Leid erlösen. Hier konnte man die Schrecken des Krieges in ihrer ganzen Fürchterlichkeit kennen lernen. Hier lag ein Hauptmann, den Säbel in der Rechten, den Revolver in der Linken, gefallen als er seine Kompanie zum Sturm vorführte. Dort zerschossene Fahrzeuge und tote Pferde, alles durcheinander. Die Verfolgung wurde sofort aufgenommen.
22. August. Die zweite Schlacht fand 1 km südlich von Mairi statt. Es kostete wieder viele Opfer, aber der Sieg war unser. Hier traten auch die französischen Schiffsgeschütze in Tätigkeit, welche große Verheerungen anrichteten. Schrecklich verstümmelte Leichen fand ich, war nicht zu beschreiben. Luneville gefallen. Allgemeine Begeisterung. Mußte später aber wieder geräumt werden. Quartier in Athionville. Erstes Bett nach 10 Tagen. Luneville mit ca. 10 000 Einwohnern ist sehr eintönig gebaut, macht einen wenig guten Eindruck, Garnisonsstadt. Schönes Schloß mit Kasernen, in deren Mitte das Denkmal eines französischen Generals stand. Athionville war über die Hälfte abgebrannt. Die Läden und Wohnungen von den Franzosen geplündert und fast alles verwüstet. Unsere Leute taten sich gütlich an französischem Wein. Schön war der Anblick, als die ersten gefangenen Franzosen an uns vorüberzogen. Um so trauriger der der Verwundeten, die auf Wagen vorbeigefahren wurden.
23. August. Am Nachmittag fand die Beerdigung der bei Mairi Gefallenen statt. Zuerst sprach der katholische Feldgeistliche Dr. Fooh, dann der protestantische Pfarrer Kleinmann. Beide hielten herzergreifende Ansprachen. Kein Auge der anwesenden Krieger, ob Offizier oder Mann, blieb ohne Tränen.
24. August. Gefecht bei Remenoville. Hier Ruhmestag der Batterie. Schrecklich die Verluste, doch größer der Ruhm und die Ehre. Leutnant Regula, Vizefeldwebel der Reserve Schulze, 6 Unteroffiziere und 20 Mann teils schwer, teils leicht verwundet. 2 Gefreite mußten als nicht transportfähig zurückgelassen werden und fielen in französische Gefangenschaft, wo sie leider später starben. Hier fiel auch Fähnrich Breith aus Zweibrücken, Kanonier Keller und Dr. Janson. Mögen sie selig ruhen in fremder Erde.
25. August. Gefecht bei Saboville. 28. und 29. August Fortsetzung des selben. Auch hier hatte die Batterie größere Verluste. Starkes Granatfeuer den ganzen Tag. Wir hatten ein schönes Bett gebaut für Oberleutnant Müller und mich. Als am Nachmittag ein starkes Schießen begann, mußten wir unsere Befestigung schnellstens verlassen, um tiefer im Wald Schutz zu suchen.
1. September. Fortsetzung der Gefechte bei Framboise. Kanonier Eberle hatte einen Wagen und Küchengeschirr aufgetrieben, wodurch wir in den Besitz einer fast vollständigen Küchenausrüstung kamen, Stühle fehlten uns.
2. September. Fortsetzung des Gefechts. Heftiger Regen setzte ein. Kein Mann durfte sich dem Gegner zeigen, denn sofort folgte ein Hagel von Geschoßen. Während unseres hiesigen Aufenthalts mußten wir unser Kochwasser aus einer Pfütze holen, aus der kein Vieh gesoffen hätte, so gemein stank es. Die Folgen blieben aber auch nicht aus. Viele litten an Durchfall mit Blut vermischt, was furchtbare Schmerzen verursachte. Während des Löhnungsapells am 4. September begann ein sehr heftiges Schießen, daß ich mein Geld wieder einpacken mußte. Ungefähr 20 m vor uns schlugen schwere Geschoße ein. Wir suchten im Wald Deckung. Aber auch hier sollte unser Aufenthalt nicht lange währen, denn die Franzosen streuten über den ganzen Wald Granaten. Ich suchte Schutz hinter einem Baum, da schlug etwa 4 Schritt rechts von mir eine Granate ein. Die Leute riefen „unser Wachtmeister ist getroffen, andere: er ist tot!“ Gott sei Dank war es ein Blindgänger und so blieb ich durch Gottes Vorsehung unverletzt. Wie freuten sich alle, als sie mich unverwundet, nur etwas benommen antrafen.
8. September. Fortsetzung des Gefechts. Ein Fahrer wurde mit einstündigem Krummschließen bestraft, weil er 5 Stunden im Wald geschlafen hatte. Kaum eine halbe Stunde am Rad angebunden, begann eine heftige Kanonade, so daß ich ihm die Stricke zerschneiden mußte, denn keine 100 m vor uns und neben uns schlugen Granaten ein. Dank der schlechten Munition der Franzosen hatten wir keine Verluste. Unter 15 Schuß zählten wir 12 Blindgänger. In Framboise entdeckten wir am 7. September zwei unterirdische Telefonleitungen, mittelst derer die Bewohner sämtliche Stellungen und Bewegungen unserer Truppen dem Feinde gemeldet hatten. Nun war es klar, warum jede Truppe, die sich zeigte sofort unter Feuer genommen wurde. Die Verräter wurden erschossen. Hierauf bedienten sich die Bewohner einer anderen List. Sie ließen Hunde mit Blechbüchsen am Halsband an den Gegner abgehen. Doch auch das wurde bald entdeckt und sämtlichen Hunden der Garaus gemacht. Die Nacht vom 8 – 9 September war kalt, uns fror elend, da der Boden naß und nur wenig Stroh vorhanden war. Hier holte ich mir Rheumatismus. Am 9. September machten die Franzosen einen Ausfall aus Toul, wurden aber mit blutigen Kämpfen zurückgeschlagen. Sie hatten furchtbare Verluste. Vergebens versuchten sie jeden Tag aus Nancy zwischen Framboise und Mayon durchzubrechen. Im Walde hatten wir uns aus Wellen eine Hütte gemacht, die sich gut zum Schlafen eignete. Auch am folgenden Tag dauerte der Kampf noch an. Der ganze Boden war von feindlichen Geschoßen durchwühlt. Ich maß ein Loch einer schweren Granate, dasselbe hatte eine Tiefe von 6 m und eine Breite von 4 m. Ein Reiter mit Pferd hätte bequem darin Platz gefunden. Die Fußartillerie erhielt einen Volltreffer, der das Geschütz wie einen Gummiball zurückwarf. Am 11. September mittags erfuhren wir, daß die Batterie aus dem Feuer zurückgezogen wird. Jeder von uns strahlte vor Freude, sollten wir doch endlich einmal nach 5 Wochen wieder zur Ruhe kommen, nachdem wir schwere Gefechte und Schlachten mitgemacht. Um 8 Uhr abends fuhr ich mit den Protzen vor in die Stellung. Um den Gegner zu täuschen, wurde seit 7 Uhr abends ein starkes Infanterie- und Artilleriefeuer unterhalten. Es regnete in Strömen. Die Batterie trat den Rückmarsch an. Durch den vielen Regen war der Boden vollständig aufgeweicht und stellenweise ganz sumpfig. Ein schweres Gewitter entlud sich über uns. Es war so finster, daß man nicht die Hand vor dem Gesicht sah. Nur die zuckenden Blitze erhellten auf kurze Zeit unseren Weg. Dazu das Rollen des Donners mit 1000fachem Echo im Walde. Als wir kaum 1000 m gefahren waren, hielt die Batterie. Nach Verlauf von 20 Minuten ritt ich vor, um nach dem Grund zu sehen. Doch was sah ich hier? Unser Küchenwagen war bis zur Hälfte eingesunken. Da er nicht mehr fortzubringen war, war rasches Handeln am Platze. Ich ließ ihn in den Graben werfen, um die Straße frei zu bekommen. Kaum war die Batterie 600 m weitergefahren, da brachen die ersten Geschütze ein und blieben stecken. Da auch die Infanterie zurückgezogen wurde, waren wir ganz mutterseelenallein im Walde und auf uns selbst angewiesen. Ein Infanteriehauptmann und ein Artillerieoffizier gaben die Batterie verloren, da der Gegner jeden Augenblick nachdrängen konnte. Sie meldeten es meinem an der Spitze ziehenden Chef, daß die Batterie im Walde halte und als verloren gelte. Aber so schnell und leicht sollte es den Franzosen nicht gemacht werden, uns gefangen zu nehmen. Jeder hätte sein Leben so teuer als nur möglich verkauft, dessen war ich mir sicher. Mit dem Revolver in der Hand drohte ich jeden niederzuschießen, der sein Geschütz verlasse. Keiner machte eine Mine dazu, die Leute arbeiteten wie die Löwen, hing doch ihr Leben davon ab, die Batterie so schnell als möglich herauszubekommen. Als mein Chef zurückkam und die Batterie in dieser mißlichen Lage sah, war der gute, ruhige Mann wie erschlagen, war es doch keine Kleinigkeit für ihn die Batterie verloren zu geben, nachdem sie sich all die Tage her so vorzüglich bewährt hatte. Ich machte mich daran, jedes einzelne Geschütz mit 10 Pferden heraus zu bekommen, was mir endlich auch nach langer Mühe und vieler Arbeit auch gelang. Doch nicht lange sollte meine Freude währen. Glaubte ich ein Geschütz auf der einen Seite heraus zu haben, so brach es auf der anderen wieder ein. Einen Munitionswagen, der zu tief im Dreck stack, mußte ich liegen lassen. Endlich waren wir auf einem etwas besseren Fahrweg angelangt, als von links her ein Zug der Maschinengewehrkompanie kam, der auch stecken blieb und mir somit den Weg versperrte. Ich mußte nun auch diesem Vorspann leisten. Endlich gelang es mir doch, die Batterie heraus zu bringen. Die Mannschaften arbeiteten aus Leibeskräften; noch nie hatte ich sie so arbeiten gesehen. Sie standen bis zu den Knien im Dreck und machten die Räder frei. Nachts um 2 Uhr konnten wir die Notbrücke überschreiten, nachdem sämtliche feste Brücken zum Sprengen fertig gemacht waren, um das Nachdrängen des Gegners aufzuhalten. Ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich die Batterie in Sicherheit hatte. Wäre es mir nicht gelungen, so hätte ich für mein Leben keinen Pfennig mehr gegeben. Mein Chef bedankte sich herzlich und gab mir 20 Mark und sagte mir, daß er mich für meine Leistung bei der nächsten Gelegenheit zur Auszeichnung vorschlagen werde. Ich bekam dann auch das Eiserne Kreuz II. Klasse. Die Offiziere gratuliertern mir zur vollbrachten Tat und der Herr Hauptmann war sichtlich gerührt, als er mir seine Anerkennung aussprach. Wir marschierten die Nacht hindurch und den folgenden Tag bis 12 Uhr nachts. Bei strömendem Regen kamen wir am 12. September in St. Medard bei Dieuze an, schliefen vollständig durchnässt auf einem Heuboden. Hatten wir uns alle auf ein gutes Glas Bier und ein Bett gefreut, so fiel dieses ins Wasser. Als wir durch Dieuze fuhren und sahen, wie den Soldaten das Bier schmeckte, lief uns das Wasser im Munde zusammen. Hier wurden zum ersten mal von den Schwestern des Roten Kreuzes Liebesgaben verteilt: Kaffee, Tee, Milch, Brot und vieles mehr. Ich bekam einige Stückchen Zucker für mein Pferd. Von einem auf der Straße stehenden Briefträger erhielt ich einige Bonbons. Hier erfuhren wir nachts 10 Uhr, daß wir noch 8 km ins Quartier hätten.
Am 13. September 5 Uhr morgens wecken, 6 Uhr marschbereit, bei strömendem Regen Aufbruch nach Fremery. Endlich nach 4 Wochen zum ersten mal wieder ein Bett, das ich mit meinem Freund, dem Wachmeister Schuster, ein Mann von 51 Jahren, teilte. So hatten wir wenigstens wieder einmal Gelegenheit, unsere müden Glieder ausruhen zu lassen. Wir kauften uns Wein und einen Hahn, den wir zu dritt verzehrten. Hier bekamen wir Ersatz an Mannschaften und Pferden aus Landau, ebenso viele Gaben von unseren Lieben zu Hause, welche die Ersatzleute mitgebracht hatten. Jeder Mann bekam Zigarren, Zigaretten, Tabak und freute sich, so reichlich beschenkt worden zu sein. Überall fröhliche Gesichter. Hier hätten wir so 20 Tage Ruhe sollen genießen dürfen. Aber leider sollte es nicht so lange dauern. Wir kamen uns so recht als ein Wandervolk vor.
Am 15. September Marsch nach Grigy. Hier Unterkunft und Kanzlei in der Küche einer Frau, deren Mann im Feld stand. Ich schlief mit einem Unteroffizier auf dem Fußboden. Wir hatten hier sehr schlechtes Wetter und blieben hier bis zum 18. September.

 

 

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